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Für junge Leser
Vor langer Zeit erzählte der griechische Dichter Homer die Geschichte von Odysseus. Die Römer nannten ihn Ulysses. Er brauchte zehn Jahre, um nach einem Krieg nach Hause zu segeln. Unterwegs kämpfte er gegen Ungeheuer und entkam Hexen. Seine Frau Penelope wartete auf ihn.
Vor etwa hundert Jahren hatte der irische Schriftsteller James Joyce eine ungewöhnliche Idee: Was wäre, wenn ein gewöhnlicher Mann ein ebenso großes Abenteuer erlebt, aber alles an einem ganz normalen Tag in seiner Stadt geschieht? Also schrieb er ein sehr langes Buch über Leopold Bloom. Bloom geht am 16. Juni 1904 durch Dublin in Irland. Er macht Frühstück, besucht eine Beerdigung, arbeitet, isst zu Mittag, geht in eine Kneipe und kommt spät in der Nacht nach Hause.
Es geschieht nichts Magisches. Aber Joyce zeigt uns, was in den Köpfen der Figuren vor sich geht: Erinnerungen, Sorgen, Witze und Gedanken, die nicht zu Ende gedacht sind. Alles vermischt sich, so wie echte Gedanken. Das nennt man „Bewusstseinsstrom“, weil die Gedanken wie ein Bach fließen.
Joyce probierte auch verschiedene Arten zu schreiben aus. Ein Kapitel sieht mit seinen Überschriften wie eine Zeitung aus. Ein anderes klingt wie Musik. Eines ist wie ein Theaterstück geschrieben, und ein weiteres besteht aus vielen Fragen und Antworten. Im letzten Kapitel liegt Blooms Frau Molly im Bett und denkt nach. Dabei gibt es fast keine Satzzeichen.
Als das Buch erschien, fanden einige Länder es zu anstößig und verboten es. Heute halten viele Menschen es für einen der größten Romane überhaupt. Jedes Jahr am 16. Juni feiern Menschen auf der ganzen Welt den „Bloomsday“. Sie verkleiden sich und gehen Blooms Weg durch Dublin nach.
Auf einen Blick
- Autor
- James Joyce (1882–1941), irischer Romanautor und Dichter
- Entstehung
- 1914–1921, in Triest, Zürich und Paris
- Vorabdruck
- Teilweise in The Little Review (New York), März 1918 bis Dezember 1920, sowie in The Egoist (London)
- Erstveröffentlichung
- 2. Februar 1922, Paris, durch Sylvia Beachs Buchhandlung Shakespeare and Company (gedruckt in Dijon)
- Schauplatz und Zeit
- Dublin, Donnerstag, 16. Juni 1904, von etwa 8 Uhr morgens bis nach 2 Uhr nachts
- Aufbau
- 18 Episoden in drei Teilen, von denen jede lose einer Episode aus Homers Odyssee entspricht
- Umfang
- Etwa 265.000 Wörter; 732 Seiten in der Erstausgabe
- Rechtsgeschichte
- 1921 in den Vereinigten Staaten strafrechtlich verfolgt; 1933 von Richter John M. Woolsey als nicht obszön eingestuft; 1936 erstmals in Großbritannien veröffentlicht
Einfach
Was ist Ulysses?
Ulysses ist ein Roman von James Joyce und eines der zentralen Werke der literarischen Moderne. Er beschreibt einen einzigen Tag, den 16. Juni 1904, im Leben dreier Menschen aus Dublin: Leopold Bloom, eines Anzeigenakquisiteurs; seiner Frau Molly Bloom, einer Konzertsängerin; und Stephen Dedalus, eines jungen angehenden Schriftstellers, der bereits die Hauptfigur in Joyce’ früherem Roman Ein Porträt des Künstlers als junger Mann (1916) war.
Der Titel ist die lateinische Namensform von Odysseus, dem Helden aus Homers Odyssee. Jede der achtzehn Episoden des Romans entspricht lose einer Episode der Odyssee: Bloom ist ein moderner Odysseus, der durch die Stadt wandert, Stephen ein Telemachos auf der Suche nach einem Vater und Molly eine Penelope, die allerdings, anders als Homers Penelope, untreu ist.
Berühmt ist Ulysses weniger wegen seiner einfachen Handlung als wegen seiner Schreibweise. Joyce zeigt das Innenleben seiner Figuren durch innere Monologe, lässt den Stil von Episode zu Episode wechseln und füllt das Buch mit Wortspielen, Parodien, Anspielungen und genauen Einzelheiten des Dubliner Lebens. Es ist komisch, spricht offen über Körper und Sexualität und ist stellenweise sehr schwierig.
Das Buch erschien am 2. Februar 1922, Joyce’ vierzigstem Geburtstag, in Paris. In mehreren Ländern wurde es wegen Obszönität verboten oder beschlagnahmt, bevor es zum Klassiker wurde. Viele Kritiker haben es als den wichtigsten englischsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Andere halten es für überschätzt oder unlesbar; auch diese Auseinandersetzung gehört zu seiner Geschichte.
Einfach
Ein Tag in Dublin: die Handlung
Der Roman beginnt um 8 Uhr morgens in einem Martello-Turm, einem kleinen runden Fort an der Küste von Sandycove. Dort wohnt Stephen Dedalus mit dem heiteren, spöttischen Medizinstudenten Buck Mulligan und einem englischen Besucher namens Haines. Stephen trauert um seine kürzlich verstorbene Mutter und fühlt sich ihretwegen schuldig. Er unterrichtet Geschichte an einer Jungenschule, holt seinen Lohn ab und geht allein und in Gedanken versunken am Strand von Sandymount entlang.
Dann kehrt die Handlung zu 8 Uhr morgens zurück, nun in die Eccles Street 7. Dort bereitet Leopold Bloom das Frühstück zu, darunter eine Schweineniere, und bringt Molly Tee ans Bett. Ein Brief ihres Konzertmanagers Blazes Boylan ist eingetroffen. Bloom weiß, dass Boylan sie am Nachmittag besuchen und die beiden eine Affäre beginnen werden. Bloom ist jüdischer Abstammung und wird im katholisch geprägten Dublin oft als Außenseiter behandelt. Er und Molly trauern noch immer um ihren Sohn Rudy, der elf Jahre zuvor als Säugling starb.
Bloom besucht die Beerdigung eines Bekannten, Paddy Dignam, geht in eine Zeitungsredaktion, isst zu Mittag, recherchiert in der Nationalbibliothek für eine Anzeige und trinkt in einer Hotelbar und einer Kneipe. In der Kneipe greift ihn ein aggressiver Nationalist an, der „der Bürger“ genannt wird. In der Abenddämmerung ruht Bloom sich am Strand aus. Den ganzen Tag vermeidet er es, nach Hause zu gehen, solange Boylan dort ist.
Spät in der Nacht folgt Bloom dem betrunkenen Stephen ins Dubliner Rotlichtviertel, hilft ihm nach einem Streit mit Soldaten und nimmt ihn mit nach Hause, wo sie Kakao trinken. Stephen geht wieder, und Bloom legt sich ins Bett. Die letzte Episode besteht aus Mollys langem nächtlichem Monolog. Er endet mit ihrer Erinnerung daran, wie sie Blooms Heiratsantrag annahm: „ja ich sagte ja ich will Ja.“
Einfach
Warum die Odyssee?
Joyce liebte die Figur des Odysseus seit seiner Kindheit, als er Charles Lambs Nacherzählung für Kinder las. Später sagte er, Odysseus sei die vielseitigste Figur der Literatur: Sohn, Vater, Ehemann, Liebhaber, Freund und Soldat. Joyce wollte zeigen, dass ein gewöhnlicher Mensch der Moderne mit seiner Freundlichkeit, seinen peinlichen Momenten und seinem Mut im Kleinen ein ebenso reichhaltiger Romanheld sein kann wie ein Held aus einem Epos.
Die Parallelen sind spielerisch und manchmal ironisch. Homers einäugiger Riese, der Kyklop, wird zu einem einseitig denkenden, vorurteilsvollen Trinker in einer Kneipe. Aus den Sirenen, die Seeleute mit ihrem Gesang anlocken, werden zwei Bardamen in einer Hotelbar. Die Zauberin Kirke, die Männer in Schweine verwandelt, wird zur Betreiberin eines Bordells. An die Stelle von Odysseus’ blutiger Rache an den Freiern seiner Frau tritt Blooms ruhige Annahme dessen, was geschehen ist.
Die Episodentitel wie „Telemachos“, „Kalypso“, „Hades“ und „Penelope“ stehen nicht im Buch. Joyce verwendete sie in seinen Briefen und in Übersichten, sogenannten Schemata, die er Freunden gab; die Leser übernahmen sie. Manche Kritiker halten den Bezug zu Homer für wesentlich. Andere sehen darin ein Gerüst, das Joyce zum Schreiben brauchte, das Leser aber außer Acht lassen können.
Mittel
Achtzehn Episoden, achtzehn Stile
Der Roman ist in drei Teile gegliedert: drei Episoden über Stephen, die „Telemachie“, zwölf über Blooms Wanderungen und drei über die Heimkehr. In der ersten Hälfte verbindet die Erzählweise meist einen Erzähler in der dritten Person mit den inneren Monologen der Figuren. Von der Mitte an werden die Stile immer experimenteller, als übernähme das Buch selbst die Führung von den Figuren.
„Äolus“, angesiedelt in einer Zeitungsredaktion, wird von Zeitungsüberschriften unterbrochen. „Sirenen“ ahmt Musik nach: Die Episode beginnt mit einer Folge musikalischer Motive und wiederholt sie wie eine Fuge. „Kyklop“ wechselt zwischen einem schwatzhaften Kneipenerzähler und übertriebenen Parodien auf die Sprache von Recht, Epos und Journalismus. „Nausikaa“ beginnt im gefühlvollen Stil billiger Liebesgeschichten aus Zeitschriften und spiegelt damit die Gedanken der jungen Gerty MacDowell, bevor die Darstellung zu Blooms Gedanken wechselt.
„Die Rinder des Sonnengottes“, angesiedelt in einer Geburtsklinik, ahmt die Entwicklung der englischen Prosa nach: von angelsächsischen und lateinisch geprägten Stilen über Malory, die Bibel, die Romanautoren des 18. Jahrhunderts und Dickens bis zur modernen Umgangssprache. Das spiegelt das Wachstum eines Kindes im Mutterleib. „Kirke“ ist als Theaterstück voller Halluzinationen geschrieben. „Ithaka“ besteht aus einer Folge sachlich gehaltener Fragen und Antworten, ähnlich einem Katechismus. „Penelope“ umfasst acht gewaltige Sätze fast ohne Satzzeichen.
Diese Vielfalt ist ein Grund dafür, dass das Buch zugleich bewundert und als schwierig empfunden wird. Jeder Stil macht etwas anderes sichtbar: wie Zeitungen oder Werbung die Sprache prägen, wie Klischees Wünsche formen und wie Literatur das Leben über Jahrhunderte dargestellt hat. Der Roman wird damit auch zu einem Buch über die Möglichkeiten und Grenzen des Schreibens selbst.
Mittel
Bewusstseinsstrom und Innenleben
Ulysses gilt oft als Musterbeispiel eines Romans im „Bewusstseinsstrom“. Der aus der Psychologie William James’ übernommene Begriff bezeichnet eine Schreibweise, die versucht, dem Fluss von Gedanken, Wahrnehmungen und Erinnerungen zu folgen. Joyce erfand die Technik nicht; er verwies auf den Einfluss des französischen Schriftstellers Édouard Dujardin, und Autoren wie Dorothy Richardson experimentierten zur selben Zeit damit. Er entwickelte sie jedoch weiter als alle vor ihm.
Stephens Monologe sind dicht mit Wissen, Zitaten und philosophischen Fragen gefüllt. Blooms Denken ist praktisch, neugierig und sprunghaft: Er denkt über Wissenschaft und Werbung nach, bemerkt Katzen und Gerüche, erinnert sich an seinen verstorbenen Vater und Sohn und kehrt in Gedanken immer wieder zu Molly und Boylan zurück. Mollys Monolog ist sinnlich, widersprüchlich und liebevoll. Die Leser lernen jede Figur von innen kennen, wie es herkömmliche Romane selten ermöglichten.
Joyce verbindet diese Monologe mit genauen Beschreibungen der äußeren Welt. Er rühmte sich, dass Dublin anhand seines Buches wiederaufgebaut werden könnte, falls die Stadt zerstört würde. Er überprüfte Entfernungen, Geschäftsnamen und Straßenbahnstrecken, indem er Verwandten schrieb, und benutzte Thoms Dubliner Adressbuch von 1904. So entstand ein Buch, das zugleich tief ins Innere der Figuren blickt und die greifbare Welt genau festhält.
Mittel
Joyce, Exil und Dublin unter britischer Herrschaft
James Joyce wurde 1882 in Dublin geboren und an Schulen des Jesuitenordens ausgebildet. 1904 verließ er Irland mit Nora Barnacle, einer jungen Frau aus Galway, und verbrachte den Rest seines Lebens auf dem europäischen Kontinent. Der 16. Juni 1904 gilt traditionell als Tag ihres ersten gemeinsamen Ausflugs; möglicherweise wählte Joyce deshalb dieses Datum für den Roman.
1904 gehörte Irland zum Vereinigten Königreich und stand unter britischer Herrschaft; auch die katholische Kirche hatte großen Einfluss. Zugleich förderte die irische Erneuerungsbewegung die irische Sprache und Kultur. Stephen fühlt sich von allen dreien eingeengt: vom Britischen Empire, das Haines verkörpert; von der Kirche, für deren Glauben seine verstorbene Mutter steht; und vom irischen Nationalismus. „Die Geschichte“, sagt er, „ist ein Albtraum, aus dem ich zu erwachen versuche.“
Der Roman kritisiert einen engstirnigen Nationalismus, besonders einprägsam in „Kyklop“, wo der Bürger Bloom als Juden und Fremden angreift. Bloom erwidert, das Gegenteil von Hass sei Liebe, und wird dafür verspottet. Zugleich ist das Buch zutiefst irisch und voller irischer Redeweisen, Lieder, Politik und Geschichte, einschließlich der Erinnerung an den gestürzten Politiker Charles Stewart Parnell.
Ulysses erschien 1922, in dem Jahr, in dem nach dem Unabhängigkeitskrieg der Irische Freistaat gegründet wurde. Manche Kritiker lesen den Roman als Antwort auf den Kolonialismus und auf die Frage, wie eine moderne irische Identität aussehen könnte. Joyce selbst kehrte nie zurück, um in Irland zu leben. Er starb im Januar 1941 in Zürich.
Mittel
Entstehung und Veröffentlichung
Die Idee zu Ulysses entstand um 1906 als geplante Kurzgeschichte für Joyce’ Sammlung Dubliner über einen Dubliner namens Mr. Hunter; die Geschichte wurde jedoch nie geschrieben. 1914 begann Joyce in Triest ernsthaft mit der Arbeit am Roman. Die Stadt gehörte damals zu Österreich-Ungarn, und er arbeitete dort als Englischlehrer. Als Italien in den Ersten Weltkrieg eintrat, zog er 1915 ins neutrale Zürich und 1920 nach Paris. Ende 1921 stellte er das Buch fertig, während er an einer schmerzhaften Augenkrankheit litt.
Mit Unterstützung des Dichters Ezra Pound erschienen von März 1918 bis Dezember 1920 Episoden in The Little Review, einer amerikanischen Zeitschrift, die Margaret Anderson und Jane Heap herausgaben. Die englische Förderin Harriet Shaw Weaver veröffentlichte einige Episoden in ihrer Zeitschrift The Egoist und unterstützte Joyce viele Jahre lang finanziell.
Kein großer Verlag wollte das Risiko eingehen, das vollständige Buch herauszubringen. Sylvia Beach, eine Amerikanerin, die in Paris die Buchhandlung Shakespeare and Company betrieb, bot an, es selbst zu veröffentlichen. Der Drucker Maurice Darantière in Dijon setzte den Text. Joyce fügte auf den Korrekturfahnen immer wieder Material hinzu und erweiterte manche Episoden erheblich. Die Erstausgabe mit 1.000 nummerierten Exemplaren erschien am 2. Februar 1922. Sie enthielt viele Druckfehler, zum Teil weil die französischen Setzer kein Englisch lesen konnten.
Noch 1922 veröffentlichte Weavers Egoist Press eine Ausgabe, die von denselben Druckplatten gedruckt wurde. Weitere Ausgaben folgten, darunter 1932 eine Ausgabe der Odyssey Press in Hamburg, die mithilfe von Joyce’ Freund Stuart Gilbert überarbeitet wurde.
Mittel
Obszönitätsverfahren und Zensur
Die offene Darstellung von Sexualität und Körperlichkeit in Ulysses sorgte von Anfang an für Schwierigkeiten. Die amerikanische Post beschlagnahmte und vernichtete Ausgaben von The Little Review mit Episoden des Romans. Nachdem die Zeitschrift 1920 einen Teil von „Nausikaa“ veröffentlicht hatte, in dem Bloom beim Beobachten von Gerty MacDowell sexuell erregt wird, erstattete die New York Society for the Suppression of Vice Anzeige. 1921 wurden Anderson und Heap wegen der Veröffentlichung obszöner Inhalte verurteilt und zu Geldstrafen verpflichtet; der Vorabdruck wurde eingestellt.
Nach Erscheinen des Buches beschlagnahmten und verbrannten Post- und Zollbehörden Exemplare, die in die Vereinigten Staaten und nach Großbritannien geschickt wurden. Das Buch musste eingeschmuggelt werden. Unter Schriftstellern und Studierenden verbreitete sich sein Ruf als verbotenes Buch.
1932 sorgten der Verlag Random House und der Anwalt Morris Ernst bewusst dafür, dass ein Exemplar beschlagnahmt wurde, um das Verbot vor Gericht anfechten zu können. Am 6. Dezember 1933 entschied Richter John M. Woolsey im Verfahren United States v. One Book Called Ulysses, dass das Buch nicht obszön sei: Es müsse als Ganzes und nach seiner Wirkung auf einen durchschnittlichen Leser beurteilt werden. Er hielt seine Absicht für ernsthaft und nicht für pornografisch. Die Entscheidung wurde 1934 in der Berufung bestätigt, und Random House veröffentlichte noch im selben Jahr die erste autorisierte amerikanische Ausgabe.
In Großbritannien veröffentlichte The Bodley Head das Buch 1936, als eine Strafverfolgung nicht mehr als wahrscheinlich galt. Woolseys Entscheidung wurde zu einem wichtigen Präzedenzfall in der Geschichte der Meinungsfreiheit und beeinflusste die spätere amerikanische Rechtsprechung zu Literatur und Obszönität.
Mittel
Aufnahme, Einfluss und Bloomsday
Die ersten Reaktionen gingen weit auseinander. T. S. Eliot schrieb 1923, das Buch sei der wichtigste Ausdruck, den die Gegenwart gefunden habe; Joyce’ Verwendung des Mythos sei eine Methode, der modernen Geschichte eine Form zu geben. Ezra Pound lobte es begeistert. Virginia Woolf, deren eigener Roman Mrs Dalloway (1925) ebenfalls einen einzigen Tag in einer Stadt schildert, war zwiespältig: Sie erkannte den Wagemut des Buches, nannte es aber 1923 in einem Essay eine „denkwürdige Katastrophe“. Der englische Romanautor Arnold Bennett bewunderte Teile davon, beklagte jedoch seine Langatmigkeit. Andere Rezensenten verurteilten es als obszön oder als literarische Anarchie.
In den folgenden Jahrzehnten wurde Ulysses zu einem zentralen Text der Moderne und zu einem Vorbild für Romanautoren vieler Sprachen. Schriftsteller wie William Faulkner und Samuel Beckett, der in Paris als Joyce’ Assistent arbeitete, sowie viele spätere experimentelle Autoren griffen seine Techniken auf. Der Roman wurde fester Bestandteil universitärer Lehrveranstaltungen und mit einer umfangreichen Forschung zu seinen Anspielungen zu einem der meistuntersuchten Romane der Welt.
1954, zum fünfzigsten Jahrestag des Tages, an dem der Roman spielt, unternahm eine Gruppe irischer Schriftsteller, darunter Flann O’Brien und Patrick Kavanagh, eine Pilgerfahrt entlang von Teilen des Weges aus dem Buch. Seitdem ist der 16. Juni der Bloomsday. Er wird in Dublin und weltweit mit Lesungen, Aufführungen, Kleidung aus der edwardianischen Zeit und Nieren zum Frühstück gefeiert. Der Roman wurde auch für Bühne, Film und Radio bearbeitet, darunter 1982 als vollständige szenische Lesung im irischen Rundfunk.
Joyce’ letztes Buch, Finnegans Wake (1939), ging in seinen sprachlichen Experimenten noch weiter. Ulysses steht zwischen seinen früheren, stärker realistischen Werken und diesem radikalen letzten Buch.
Fortgeschritten
Textprobleme und der Streit um die Ausgaben
Der Text von Ulysses ist ungewöhnlich schwer auf eine verbindliche Fassung festzulegen. Joyce schrieb Entwürfe in Notizbüchern, fertigte eine Reinschrift an, die heute als Rosenbach-Manuskript in Philadelphia liegt, ließ verschiedene Schreibkräfte Typoskripte erstellen und überarbeitete mehrere Sätze von Druckfahnen umfassend. In jeder Phase schlichen sich Fehler ein, und wegen seiner schlechten Augen konnte er nicht alle entdecken. Spätere Ausgaben korrigierten manche Fehler und führten andere ein; die erste amerikanische Ausgabe von 1934 wurde nach einer nicht autorisierten Fassung gesetzt.
1984 veröffentlichte der deutsche Literaturwissenschaftler Hans Walter Gabler Ulysses: A Critical and Synoptic Edition. Er rekonstruierte den Text mithilfe von Computern aus Manuskripten und Druckfahnen und beanspruchte, etwa 5.000 Fehler korrigiert zu haben. Zunächst wurde die Ausgabe als endgültige Fassung begrüßt. 1988 griff der amerikanische Wissenschaftler John Kidd sie in The New York Review of Books als „Skandal um Ulysses“ an. Er argumentierte, sie enthalte neue Fehler und beruhe auf uneinheitlichen editorischen Grundsätzen. Gabler und seine Unterstützer wiesen viele dieser Vorwürfe zurück.
Der Streit hatte praktische Folgen. Random House und The Bodley Head kehrten bei manchen Ausgaben zu ihren älteren Textfassungen zurück, und eine geplante Ausgabe von Kidd erschien nie. Heute werden mehrere Fassungen verwendet. Wissenschaftler zitieren häufig Episoden- und Zeilennummern aus Gablers Ausgabe, ziehen aber auch andere heran. Die Debatte warf allgemeine Fragen danach auf, was ein „richtiger“ Text ist, wenn ein Autor ständig überarbeitet hat und der Entstehungsprozess Teil des Werkes war.
Die Entdeckung und Zugänglichkeit weiterer Entwürfe, darunter Notizbücher, die die Nationalbibliothek Irlands Anfang der 2000er-Jahre erwarb, liefern weiterhin Material für die genetische Textkritik. Sie untersucht, wie das Buch von der Notiz bis zur Druckfahne entstand.
Fortgeschritten
Debatten in der Literaturwissenschaft
Die homerische Methode. Eliot sah in den Parallelen zur Odyssee eine „mythische Methode“, die dem modernen Chaos eine Ordnung gab; Pound nannte sie ein Gerüst. Stuart Gilberts mit Joyce’ Unterstützung verfasstes Buch James Joyce’s Ulysses (1930) veröffentlichte ein ausführliches Schema, das jeder Episode eine Stunde, ein Körperorgan, eine Kunst, eine Farbe, ein Symbol und eine Technik zuordnet. Spätere Kritiker stritten darüber, wie ernst diese Schemata zu nehmen seien. Joyce selbst soll Samuel Beckett gesagt haben, er habe das Buch womöglich „übermäßig systematisiert“.
Humanismus und Form. Eine Deutungstradition, vertreten durch Richard Ellmanns bedeutende Biografie James Joyce (1959, überarbeitet 1982), liest Ulysses als menschliche Würdigung des gewöhnlichen Lebens, in deren Mitte Blooms Anständigkeit steht. Andere betonen, beeinflusst vom Strukturalismus und Poststrukturalismus, das Spiel mit der Sprache und den Verzicht auf einen einzigen maßgeblichen Stil. Sie lesen den Roman als ein Buch über das Schreiben selbst.
Molly und die Geschlechterrollen. Molly Blooms Monolog wurde sowohl als Feier weiblichen Begehrens als auch als männliche Fantasie gelesen, die die Frau mit Körper und Natur gleichsetzt. Feministische Kritikerinnen und Kritiker haben darüber debattiert, ob Joyce’ Darstellung Klischees infrage stellt oder wiederholt. Die Episode gehört weiterhin zu den meistdiskutierten der modernen Literatur.
Irland und Empire. Seit den 1980er-Jahren haben Kritiker wie Declan Kiberd Ulysses aus postkolonialer Sicht gelesen: als Buch über eine kolonialisierte Stadt und als Kritik sowohl am britischen Imperialismus als auch an einem ausgrenzenden Nationalismus. In Ulysses and Us (2009) wendet sich Kiberd zudem gegen die Vorstellung, der Roman gehöre allein Fachleuten. Er stellt ihn als Buch voller praktischer Einsichten für den Alltag vor.
Kernideen
- Das Alltägliche als Epos
- Ein einzelner Tag im Leben eines gewöhnlichen Mannes in einer Stadt erhält das Ausmaß und die Bedeutung eines Epos von Homer.
- Parallelen zu Homer
- Jede Episode spiegelt lose eine Episode der Odyssee, oft auf ironische Weise.
- Bewusstseinsstrom
- Der Fluss von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen wird unmittelbar wiedergegeben, oft ohne vollständige Sätze.
- Wechselnde Stile
- Jede Episode hat ihre eigene Technik, von Zeitungsüberschriften über ein Theaterstück bis zum Katechismus.
- Dublin im Detail
- Die Stadt des Jahres 1904 wird mit genauen Straßen, Geschäften und Menschen festgehalten. Das verankert das sprachliche Experiment in der Wirklichkeit.
- Außenseitertum und Exil
- Bloom, ein Dubliner jüdischer Abstammung, und Stephen, ein entfremdeter Künstler, stehen beide außerhalb der vorherrschenden Gesellschaft.
- Zensur und Freiheit
- Die Rechtsstreitigkeiten um das Buch trugen dazu bei, die rechtliche Beurteilung von Literatur im Hinblick auf Obszönität zu verändern.
Einträge
- 1882 — James Joyce wird am 2. Februar in Rathgar, Dublin, geboren.
- 1904 — 16. Juni: der Tag, an dem der Roman spielt; im Oktober verlässt Joyce mit Nora Barnacle Irland.
- 1914 — Joyce beginnt in Triest, Ulysses zu schreiben; Dubliner erscheint.
- 1915 — Während des Ersten Weltkriegs zieht Joyce nach Zürich.
- 1918 — Im März beginnt der Vorabdruck in The Little Review.
- 1920 — Joyce zieht nach Paris; die Veröffentlichung von „Nausikaa“ führt zu einer Anzeige wegen Obszönität.
- 1921 — Die Herausgeberinnen von The Little Review werden verurteilt; der Vorabdruck endet; Joyce stellt das Buch fertig.
- 1922 — 2. Februar: Shakespeare and Company veröffentlicht die Erstausgabe in Paris.
- 1933 — Richter John M. Woolsey entscheidet am 6. Dezember, dass Ulysses nicht obszön ist.
- 1934 — Die Entscheidung wird in der Berufung bestätigt; Random House veröffentlicht die erste autorisierte Ausgabe in den USA.
- 1936 — The Bodley Head veröffentlicht die erste in Großbritannien gedruckte Ausgabe.
- 1941 — Joyce stirbt am 13. Januar in Zürich.
- 1954 — Zum 50. Jahrestag findet in Dublin die erste organisierte Bloomsday-Pilgerfahrt statt.
- 1984 — Hans Walter Gablers kritische Ausgabe erscheint; bald darauf entbrennt ein heftiger Streit um die Textgestaltung.
Glossar
- Moderne
- Eine Bewegung in den Künsten des frühen 20. Jahrhunderts, die mit traditionellen Formen brach, um moderne Erfahrungen auszudrücken.
- Bewusstseinsstrom
- Eine Erzählweise, die den fortlaufenden Fluss der Gedanken und Wahrnehmungen einer Figur darstellt.
- Innerer Monolog
- Die unausgesprochenen Gedanken einer Figur werden unmittelbar wiedergegeben, als könnte man sie mithören.
- Parodie
- Die Nachahmung eines Stils, um eine komische oder kritische Wirkung zu erzielen.
- Schema
- Eine Übersicht, die Joyce Freunden gab und die für jede Episode den homerischen Titel, die Stunde, ein Körperorgan, eine Kunst, ein Symbol und eine Technik aufführt.
- Martello-Turm
- Ein kleines rundes Fort an der Küste; der Roman beginnt in einem solchen Turm in Sandycove.
- Bloomsday
- Der 16. Juni, der Tag, an dem der Roman spielt und den Leser jedes Jahr feiern.
- Gesetze gegen Obszönität
- Gesetze, die als anstößig beurteilte Veröffentlichungen verbieten; auf ihrer Grundlage wurde Ulysses in den Vereinigten Staaten gerichtlich verfolgt.
- Kritische Ausgabe
- Eine Ausgabe, die einen Text anhand von Manuskripten und frühen Drucken rekonstruiert und abweichende Fassungen dokumentiert.
- Katechismus
- Eine Form aus Fragen und Antworten, die im Religionsunterricht verwendet und in der Episode „Ithaka“ nachgeahmt wird.
Fragen und Antworten
Handelt Ulysses wirklich nur von einem einzigen Tag?
Ja. Der Roman umfasst Donnerstag, den 16. Juni 1904, von etwa 8 Uhr morgens bis nach 2 Uhr am folgenden Morgen. Die Erinnerungen reichen jedoch durch das ganze bisherige Leben der Figuren zurück.
Muss ich die Odyssee kennen, um das Buch zu lesen?
Nein. Wer die Handlung der Odyssee in groben Zügen kennt, kann die Witze und Parallelen aber leichter genießen. Die Episodentitel geben Hinweise.
Warum wurde das Buch verboten?
Die Behörden hielten seine offenen Beschreibungen von Sexualität und Körperfunktionen für obszön. Ein Gericht in den USA entschied 1933, dass es als Ganzes betrachtet ein ernst zu nehmendes Kunstwerk sei.
Was ist der Bloomsday?
Ein jährliches Fest am 16. Juni, bei dem Leser in Dublin und auf der ganzen Welt Szenen nachspielen, aus dem Buch vorlesen und Blooms Weg folgen.
Warum ist es so schwer zu lesen?
Der Roman verwendet viele Stile, schwer verständliche Anspielungen und Wortspiele. Außerdem wechselt er oft ohne Kennzeichnung zwischen Erzählung und Gedanken. Viele Leser nutzen Lesehilfen oder lesen ihn gemeinsam mit anderen.
Welche Textfassung von Ulysses ist die richtige?
Es gibt keine allgemein anerkannte einzige Textfassung. Die Ausgabe von 1922 enthält viele Fehler, und Hans Walter Gablers korrigierte Ausgabe von 1984 wurde selbst stark kritisiert. Heute werden mehrere Ausgaben verwendet.
Wer war Sylvia Beach?
Eine amerikanische Buchhändlerin in Paris. Ihre Buchhandlung Shakespeare and Company veröffentlichte Ulysses, als kein anderer Verlag dazu bereit war.
Quellen und weiterführende Literatur
- Ulysses (novel). Wikipedia
- James Joyce. Wikipedia
- United States v. One Book Called Ulysses. Wikipedia
- The Little Review. Wikipedia
- Bloomsday. Wikipedia
- Stream of consciousness. Wikipedia
- James Joyce, Ulysses (full text). Project Gutenberg
- Richard Ellmann, James Joyce (new and revised edition). Oxford University Press, 1982
- Stuart Gilbert, James Joyce’s Ulysses: A Study. Faber and Faber, 1930
- Declan Kiberd, Ulysses and Us: The Art of Everyday Living. Faber and Faber, 2009
Verwandte Inhalte
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- Die Göttliche KomödieItalienisches erzählendes Gedicht von Dante Alighieri über eine Reise durch Hölle, Fegefeuer und Paradies.
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
