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Für junge Leser
Hast du schon einmal versucht zu erklären, warum du jemanden lieb hast, und gemerkt, dass dir die Worte fehlen? Ein junger Mann namens Ludwig Wittgenstein dachte viel über solche Fragen nach. Er wollte wissen: Was können Worte ausdrücken, und was können sie nicht ausdrücken?
Seine Gedanken schrieb er in einem sehr kurzen Buch mit einem langen lateinischen Namen auf: Tractatus Logico-Philosophicus. Es hat keine gewöhnlichen Kapitel. Stattdessen besteht es aus nummerierten Sätzen. Sie sind ein bisschen wie Bausteine: Auf Satz 1 folgt Satz 1.1, darauf Satz 1.11 und so weiter.
Der erste Satz lautet: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Das heißt: Zur Welt gehören Tatsachen, zum Beispiel „Die Katze sitzt auf der Matte“. Wittgenstein meinte, ein Satz könne wie ein Bild oder ein Modell einer Tatsache sein. Mit einem Spielzeugauto und einem Spielzeuglastwagen kann man zeigen, wie ein echter Unfall passiert ist. Ähnlich können Worte in einem Satz zeigen, wie Dinge in der Welt angeordnet sind.
Manches lässt sich aber nicht so abbilden: was gut oder schön ist oder welchen Sinn das Leben hat. Wittgenstein meinte, darüber könnten wir keine gewöhnlichen Sätze bilden, die Tatsachen beschreiben. Der letzte Satz seines Buches lautet: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ Damit wollte er nicht sagen, dass diese Dinge unwichtig sind. Viele Leser meinen, dass sie für ihn besonders wichtig waren.
Wittgenstein schrieb einen großen Teil des Buches in Notizhefte, während er Soldat im Ersten Weltkrieg war. Später änderte er seine Meinung zu vielen Gedanken darin und schrieb ein ganz anderes Buch. Doch der Tractatus gibt Philosophen bis heute Rätsel auf und bringt sie auf neue Ideen.
Auf einen Blick
- Autor
- Ludwig Wittgenstein (1889–1951), in Österreich geborener Philosoph, später Professor in Cambridge
- Entstehungszeit
- Etwa 1913–1918, auf Grundlage von Aufzeichnungen aus Cambridge und Norwegen sowie von Notizheften aus dem Militärdienst im Ersten Weltkrieg; das Vorwort ist mit „Wien, 1918“ datiert
- Erstveröffentlichung
- 1921 auf Deutsch als „Logisch-philosophische Abhandlung“ in der von Wilhelm Ostwald herausgegebenen Zeitschrift Annalen der Naturphilosophie (Leipzig)
- Englische Ausgabe
- 1922 in London bei Kegan Paul: deutscher und englischer Text auf gegenüberliegenden Seiten, übersetzt von C. K. Ogden unter Mitarbeit von Frank Ramsey, mit einer Einleitung von Bertrand Russell
- Titel
- Lateinischer Titel, von G. E. Moore in Anspielung auf Spinozas Tractatus Theologico-Politicus vorgeschlagen
- Form
- Sieben Hauptsätze mit nummerierten Untersätzen (1, 1.1, 1.11 …); weniger als 80 Seiten
- Hauptthemen
- Bildtheorie der Bedeutung, logische Form, Wahrheitsfunktionen, Sagen und Zeigen, Grenzen der Sprache, Ethik und das Mystische
- Wirkung
- Wiener Kreis und logischer Positivismus, analytische Philosophie der Logik und Sprache; später von Wittgenstein selbst kritisiert
Einfach
Was ist der Tractatus?
Der Tractatus Logico-Philosophicus (meist kurz Tractatus genannt und als TLP zitiert) ist das einzige philosophische Buch, das Ludwig Wittgenstein zu Lebzeiten veröffentlichte. Es ist sehr kurz, in den meisten Ausgaben weniger als achtzig Seiten lang, gehört aber zu den meistdiskutierten Werken der Philosophie des 20. Jahrhunderts.
Das Buch fragt, wie Sprache und Denken mit der Welt zusammenhängen. Wie kann sich ein Satz auf etwas beziehen und wahr oder falsch sein? Wittgensteins Antwort führt ihn zu einem bemerkenswerten Schluss: Es gibt Grenzen dessen, was sich sinnvoll sagen lässt. Viele traditionelle Fragen der Philosophie sowie Fragen der Ethik, Ästhetik und Religion liegen jenseits dieser Grenzen.
Im Vorwort schreibt Wittgenstein, der ganze Sinn des Buches lasse sich so zusammenfassen: Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Er behauptet außerdem kühn, die philosophischen Probleme im Wesentlichen gelöst zu haben. Dann fügt er hinzu, dass dies zeige, wie wenig mit ihrer Lösung erreicht sei.
Der lateinische Titel bedeutet „Logisch-philosophische Abhandlung“. Der Philosoph G. E. Moore aus Cambridge schlug ihn für die englische Ausgabe vor, in Anlehnung an den Titel von Spinozas Tractatus Theologico-Politicus. Der ursprüngliche deutsche Titel lautete schlicht Logisch-philosophische Abhandlung.
Einfach
Ein Buch aus nummerierten Sätzen
Der Tractatus besteht aus kurzen, nummerierten Bemerkungen. Es gibt sieben Hauptsätze mit den Nummern 1 bis 7. Auf jeden außer dem letzten folgen Erläuterungen mit Dezimalnummern: 2.1 erläutert 2, 2.12 erläutert 2.1 und so weiter. Eine Fußnote erklärt, dass die Nummern die logische Bedeutung jeder Bemerkung und das Gewicht zeigen, das ihr zukommt.
Die sieben Hauptsätze bilden das Gerüst des Buches. Vereinfacht lauten sie: 1. Die Welt ist alles, was der Fall ist. 2. Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten. 3. Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke. 4. Der Gedanke ist der sinnvolle Satz. 5. Der Satz ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze. 6. Eine Formel gibt die allgemeine Form des Satzes an. 7. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
Der Stil ist knapp und rätselhaft, eher wie eine Sammlung von Sinnsprüchen als eine ausführliche Begründung. Als Bertrand Russell Wittgenstein aufforderte, Argumente für seine Behauptungen zu geben, soll Wittgenstein geantwortet haben, Argumente würden die Schönheit des Buches verderben. Deshalb müssen Leser die Gedankengänge selbst erschließen. Das ist ein Grund dafür, dass die Deutungen so weit auseinandergehen.
Grob gesagt führt das Buch von der Welt (Sätze 1–2) über die Frage, wie Gedanken und Sätze die Welt abbilden (3–4), zur Logik (5–6) und schließlich zu den Grenzen der Sprache: zum Ich, zur Ethik, zum Mystischen und zum Schweigen (Ende von 6 und Satz 7).
Mittel
Die Welt, Tatsachen und die Bildtheorie
Der Tractatus beginnt mit einer Darstellung dessen, was die Welt ist. Die Welt ist keine Ansammlung von Dingen, sondern von Tatsachen. Tatsachen bestehen aus einfacheren „Sachverhalten“, also Verbindungen einfacher Gegenstände. Die Gegenstände sind das Feste und Unveränderliche. Ihre möglichen Verbindungen bilden den „logischen Raum“, ihre tatsächlichen Verbindungen die Welt. Wittgenstein nennt keine Beispiele für einfache Gegenstände, was zu einem der Rätsel des Buches geworden ist.
Darauf aufbauend entwickelt er die sogenannte Bildtheorie der Bedeutung. Ein Satz ist ein Bild eines möglichen Sachverhalts. Seine Bestandteile (Namen) stehen für Gegenstände. Die Anordnung der Namen im Satz stellt dar, wie die Gegenstände in Wirklichkeit angeordnet sein könnten. Sind sie so angeordnet, ist der Satz wahr; andernfalls ist er falsch. Wittgenstein soll durch einen Bericht über einen Pariser Gerichtsfall angeregt worden sein, bei dem ein Unfall mit Modellen nachgestellt wurde.
Damit ein Bild überhaupt die Wirklichkeit darstellen kann, muss es etwas mit ihr gemeinsam haben: seine logische Form. Diese gemeinsame Form lässt sich jedoch selbst nicht abbilden. Ein Satz kann nicht aus sich heraustreten und beschreiben, wie er etwas darstellt; die logische Form „zeigt sich“ im Satz. Diese Unterscheidung zwischen dem, was sich sagen lässt, und dem, was sich nur zeigen kann, zieht sich durch das ganze Buch.
Die Bildtheorie erklärt, warum ein Satz auch dann einen Sinn haben kann, wenn er falsch ist, und warum wir einen noch nie gehörten Satz verstehen können: Wir verstehen seine Bestandteile und ihre Verbindung. Für die Logik von Frege und Russell waren dies echte Probleme, für die der Tractatus eine neue Lösung anbot.
Mittel
Logik: Wahrheitsfunktionen, Tautologien und die „logischen Konstanten“
Wittgenstein vertrat die Auffassung, dass alle sinnvollen Sätze aus Elementarsätzen durch wahrheitsfunktionale Verknüpfungen aufgebaut sind: „nicht“, „und“, „oder“, „wenn … dann“. Ob ein zusammengesetzter Satz wahr ist, hängt allein davon ab, ob seine elementaren Teile wahr oder falsch sind. Der Tractatus trug dazu bei, Wahrheitstafeln als Methode zur Darstellung solcher Zusammenhänge bekannt zu machen. Der amerikanische Logiker Emil Post entwickelte diese Methode etwa zur selben Zeit unabhängig davon.
Seinen „Grundgedanken“ nannte Wittgenstein die Einsicht, dass die „logischen Konstanten“ (Wörter wie „nicht“ und „oder“) für keine Gegenstände stehen. Die Logik ist keine Wissenschaft von besonderen logischen Gegenständen oder den allgemeinsten Tatsachen über die Welt. Sie spiegelt die Struktur wider, die jede Sprache haben muss, mit der sich die Welt abbilden lässt.
Die Sätze der Logik sind Tautologien: Sie sind unabhängig von den Tatsachen wahr, etwa „Es regnet oder es regnet nicht“. Widersprüche sind unabhängig von den Tatsachen falsch. Beides „sagt nichts“ über die Welt, so Wittgenstein, zeigt aber ihre logische Struktur. Auch die Mathematik besteht nach seiner Auffassung aus Gleichungen, die etwas zeigen, statt Tatsachen festzustellen. Diese Sicht beeinflusste spätere Vorstellungen stark, nach denen Logik und Mathematik aufgrund ihrer Form oder Bedeutung wahr sind und nicht, weil sie die Wirklichkeit beschreiben.
Satz 6 enthält eine einzige Formel für die allgemeine Form jedes Satzes. Sie beruht auf einer wiederholt auf Elementarsätze angewandten Verneinungsoperation („weder … noch …“). Ob sich mit dieser Formel wirklich die gesamte Logik erzeugen lässt, einschließlich Aussagen über „alle“ und „einige“, ist unter Logikern viel diskutiert worden.
Mittel
Die Grenzen der Sprache: Ich, Ethik und das Mystische
Wenn sinnvolle Sätze Bilder möglicher Tatsachen sind, dann sind viele Sätze, die sinnvoll aussehen, es nicht. Philosophische Aussagen über das Wesen der Welt, über die logische Form oder über Werte bilden keinen möglichen Sachverhalt ab. Wittgenstein folgert daraus, dass Philosophie kein Lehrgebäude, sondern eine Tätigkeit ist: die Klärung von Gedanken. Die meisten philosophischen Probleme entstehen, weil wir die Logik unserer Sprache missverstehen.
In den Sätzen ab 5.6 schreibt er, dass die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten. Das Subjekt, das „Ich“, sei nicht in der Welt, sondern eine Grenze der Welt, so wie das Auge nicht Teil des Gesichtsfeldes ist, das es sieht. Diese Bemerkungen zum Solipsismus gehören zu den meistdiskutierten und rätselhaftesten Stellen des Buches.
In den Sätzen ab 6.4 und 6.5 wendet sich das Buch der Ethik, der Ästhetik, dem Tod und dem Sinn des Lebens zu. Der Sinn der Welt müsse außerhalb der Welt liegen; es könne keine Sätze der Ethik geben; Ethik und Ästhetik seien eins. „Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.“ Selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet wären, wären die Lebensprobleme, so Wittgenstein, noch gar nicht berührt.
Schließlich erklärt Wittgenstein seine eigenen Sätze für unsinnig: Wer ihn versteht, erkennt das, nachdem er sie wie Stufen benutzt hat, um über sie hinauszusteigen. Nach dem Hinaufsteigen muss er die Leiter wegwerfen. Erst dann sieht er die Welt richtig. Darauf folgt Satz 7 und das Schweigen. In einem Brief von 1919 an den möglichen Verleger Ludwig von Ficker erläuterte Wittgenstein, der Sinn des Buches sei ethisch. Es bestehe aus zwei Teilen: dem geschriebenen und allem, was er nicht geschrieben habe. Der zweite sei der wichtige.
Mittel
Veröffentlichung und Übersetzung des Buches
Einen Verleger zu finden, war schwierig. Mehrere Verlage lehnten das Buch ab. Im Dezember 1919 traf Wittgenstein Russell in Den Haag, um es Satz für Satz mit ihm durchzugehen. Russell erklärte sich bereit, eine Einleitung zu schreiben, die bei der Veröffentlichung helfen sollte. Als Wittgenstein die Einleitung las, fand er, Russell habe sein Werk missverstanden. Er zog seine Unterstützung für eine Veröffentlichung mit dieser Einleitung zurück und überließ Russell die Angelegenheit.
Der deutsche Text erschien schließlich 1921 im 14. Band der Annalen der Naturphilosophie, einer vom Chemiker Wilhelm Ostwald herausgegebenen Zeitschrift, zusammen mit Russells Einleitung auf Deutsch. Der Druck enthielt viele Fehler, und Wittgenstein war damit unzufrieden.
1922 erschien das Buch in London bei Kegan Paul in einer von C. K. Ogden herausgegebenen Reihe. Der deutsche und der englische Text standen auf gegenüberliegenden Seiten; Russells Einleitung war ebenfalls enthalten. Die Übersetzung wurde größtenteils vom jungen Cambridger Mathematiker Frank Ramsey angefertigt. Wittgenstein prüfte sie und schickte ausführliche Korrekturen zurück. Eine zweite englische Übersetzung von David Pears und Brian McGuinness erschien 1961 und wird heute oft bevorzugt. Seit 2020 sind mehrere weitere Übersetzungen erschienen.
Eine frühere Manuskriptfassung des Buches wurde 1965 in Wien vom Philosophen Georg Henrik von Wright entdeckt und 1971 als Prototractatus veröffentlicht. Wittgensteins Notizhefte aus dem Krieg erschienen 1961 als Notebooks 1914–1916. Anhand dieser Dokumente können Forschende verfolgen, wie sich die Gedanken und das Nummerierungssystem des Buches entwickelten.
Mittel
Wittgensteins weiterer Weg und die Wirkung des Buches
In der Überzeugung, mit der Philosophie abgeschlossen zu haben, verschenkte Wittgenstein seinen Anteil am Familienvermögen. Von 1920 bis 1926 arbeitete er als Volksschullehrer in Dörfern Niederösterreichs. Danach war er als Gärtner in einem Kloster tätig und half, für seine Schwester Margarete ein modernes Haus in Wien zu entwerfen.
Unterdessen fand der Tractatus begeisterte Leser. In Wien studierte eine Gruppe von Philosophen und Wissenschaftlern um Moritz Schlick, später als Wiener Kreis bekannt, das Buch Mitte der 1920er-Jahre Satz für Satz. Sie sahen darin eine Stütze für ihren logischen Empirismus: Sinnvolle Aussagen seien entweder Tautologien der Logik oder Behauptungen, die sich durch Erfahrung überprüfen lassen; Metaphysik sei sinnlos. Wittgenstein traf Schlick, Friedrich Waismann und Rudolf Carnap, war aber anderer Meinung über die Bedeutung dessen, was sich nicht sagen lässt. Manchmal las er ihnen Gedichte von Rabindranath Tagore vor, statt über Philosophie zu sprechen.
1929 kehrte Wittgenstein nach Cambridge zurück. Er reichte den Tractatus als Doktorarbeit ein; Russell und Moore prüften ihn. In den folgenden Jahren entwickelte er eine neue Philosophie, in der Sprache als eine Vielfalt von Tätigkeiten oder „Sprachspielen“ verstanden wird. Daraus entstanden die Philosophischen Untersuchungen, die nach seinem Tod 1951 veröffentlicht wurden. In ihrem Vorwort schrieb er, er habe schwere Irrtümer in seinem ersten Buch erkennen müssen.
Der Tractatus prägte die analytische Philosophie auf vielfältige Weise: durch den logischen Positivismus, die Auffassung der Logik als Tautologie, sein Bild vom Verhältnis zwischen Sprache und Wirklichkeit und die Vorstellung von Philosophie als Klärung. Er beeinflusste auch Künstler, Komponisten und Schriftsteller, die sein abschließendes Schweigen faszinierte.
Fortgeschritten
Wie liest man ein Buch, das sich selbst für Unsinn erklärt?
Das zentrale Deutungsproblem liegt am Ende des Buches. Wenn seine eigenen Sätze Unsinn sind, wie können sie dann etwas lehren? Traditionelle oder „metaphysische“ Lesarten, die mit G. E. M. Anscombes An Introduction to Wittgenstein’s Tractatus (1959) und später mit P. M. S. Hacker verbunden sind, gehen davon aus, dass das Buch echte Einsichten über Logik, Welt und Werte vermitteln will, die sich nicht sagen, aber zeigen lassen. Nach dieser Auffassung enthält der Tractatus unaussprechliche Wahrheiten, und sein Unsinn ist aufschlussreicher Unsinn.
Seit den späten 1980er-Jahren vertritt die besonders von Cora Diamond und James Conant entwickelte „entschiedene“ Lesart, auch „New Wittgenstein“ genannt, eine andere Position: Unsinn sei schlicht Unsinn, und es gebe keine unaussprechlichen Wahrheiten. Das Ziel des Buches sei therapeutisch. Es verleite die Leser zunächst zu der Täuschung, seine metaphysischen Sätze zu verstehen, und zeige ihnen dann, dass sie diese nicht verstehen. So befreie es sie von der Versuchung, auf diese Weise zu philosophieren. Der Rahmen aus Vorwort und Schluss gebe vor, wie der Hauptteil zu lesen sei.
Kritiker der entschiedenen Lesart wenden ein, sie übergehe Wittgensteins eigene Aussagen in Briefen und Gesprächen, nach denen er etwas Wichtiges vermitteln wollte. Außerdem lasse sie die ausführlichen logischen Lehren des Buches zwecklos erscheinen. Viele Forschende vertreten heute Zwischenpositionen. Die Debatte betrifft auch das Verhältnis zwischen dem „frühen“ und dem „späten“ Wittgenstein: Anhänger der entschiedenen Lesart sehen mehr Kontinuität, Anhänger der traditionellen Lesart einen stärkeren Bruch.
Weitere Debatten betreffen die Art der einfachen Gegenstände: Sind es Sinnesdaten, Punkte im Raum oder etwas anderes, oder hat Wittgenstein diese Frage absichtlich offengelassen? Diskutiert werden auch das Verhältnis des Tractatus zu Frege und Russell, der Einfluss Schopenhauers und Tolstois religiöser Schriften auf seine ethischen Bemerkungen sowie die Frage, wie stark das Buch zur Wiener Kultur gehört, einschließlich Karl Kraus’ Sprachkritik und Adolf Loos’ Architektur.
Fortgeschritten
Text, Übersetzung und Quellenlage
Die Forschung zum Tractatus stützt sich auf verschiedene Quellen: die „Notes on Logic“ von 1913 und die Aufzeichnungen, die Wittgenstein Moore 1914 in Norwegen diktierte; die erhaltenen Notizhefte aus dem Krieg (drei von mehreren sind bekannt); das Manuskript des Prototractatus; Typoskripte und korrigierte Druckfassungen; sowie Wittgensteins Briefe an Russell, Ogden, Ficker und den Architekten Paul Engelmann, mit dem er seit den Kriegsjahren befreundet war. Die Untersuchung des Prototractatus hat gezeigt, dass das System der Dezimalnummern schrittweise entstand. Einige Forschende meinen, man solle das Buch wie einen Baum lesen, indem man den Erläuterungen jeder Nummer folgt, statt Seite für Seite vorzugehen.
Auch die Übersetzung ist eine Frage der Deutung. Die Wahl englischer Wörter für Schlüsselbegriffe wie Sachverhalt (bei Ogden „atomic fact“, bei Pears und McGuinness „state of affairs“), Bild („picture“), Sinn („sense“) und unsinnig („nonsensical“) ist mit philosophischen Festlegungen verbunden. Die Fassung von Ogden und Ramsey ist wörtlicher und manchmal holprig; die Fassung von Pears und McGuinness liest sich flüssiger, ist nach Ansicht mancher Kritiker aber weniger texttreu. Wittgensteins eigene Korrekturen an der Ogden-Übersetzung sind eine wichtige Quelle für seine Absichten.
Auch der biografische Zusammenhang hat die Deutung geprägt. Ray Monks Biografie Ludwig Wittgenstein: The Duty of Genius (1990) betonte, wie eng die ethische und religiöse Krise der Kriegsjahre mit den letzten Seiten des Buches verbunden ist. Einige Philosophen wenden ein, dass die Biografie Fragen des logischen Inhalts nicht entscheiden sollte. Andere erwidern, Wittgenstein selbst habe darauf bestanden, dass der Sinn des Buches ethisch sei.
Ein Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung ist der Tractatus noch immer ungewöhnlich: Er ist zugleich ein anspruchsvolles Werk der Philosophie der Logik und eine Betrachtung über das, was jenseits der Worte liegt. Seine Wirkungsgeschichte, vom Wiener Kreis bis zu den Vertretern der entschiedenen Lesart, zeigt, wie ein kurzer, schwieriger Text gegensätzliche Deutungstraditionen hervorbringen kann.
Kernideen
- Die Welt als Gesamtheit von Tatsachen
- Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge; Tatsachen bestehen aus Verbindungen einfacher Gegenstände.
- Bildtheorie
- Ein sinnvoller Satz ist ein logisches Bild eines möglichen Sachverhalts. Er ist wahr, wenn die Dinge so sind, wie er sie abbildet.
- Sagen und Zeigen
- Die logische Form lässt sich nicht in Sprache aussagen; sie zeigt sich im Aufbau der Sätze.
- Wahrheitsfunktionen
- Zusammengesetzte Sätze werden aus Elementarsätzen gebildet. Ob sie wahr sind, hängt allein davon ab, ob ihre Bestandteile wahr sind.
- Logik als Tautologie
- Die Sätze der Logik sagen nichts über die Welt aus; sie zeigen die Struktur jeder möglichen Sprache.
- Philosophie als Tätigkeit
- Philosophie ist keine Lehre, sondern klärt Gedanken und beseitigt Missverständnisse über Sprache.
- Die Grenzen der Sprache
- Ethik, Ästhetik, der Sinn des Lebens und das Mystische liegen jenseits dessen, was sich sagen lässt, können aber besonders wichtig sein.
- Die Leiter
- Die Sätze des Buches dienen als Stufen einer Leiter, die man nach dem Hinaufsteigen wegwerfen soll.
Einträge
- 1889 — Ludwig Wittgenstein wird am 26. April in Wien geboren.
- 1911 — Er geht nach Cambridge, um bei Bertrand Russell Logik zu studieren.
- 1913 — Er arbeitet allein in Norwegen und diktiert die „Notes on Logic“.
- 1914 — Er meldet sich freiwillig zur österreichisch-ungarischen Armee und beginnt, philosophische Notizhefte im Krieg zu führen.
- 1918 — Er vollendet das Buch während eines Heimaturlaubs und gerät im November in italienische Gefangenschaft.
- 1919 — Er wird aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und trifft Russell in Den Haag, um das Manuskript zu besprechen.
- 1921 — Der deutsche Text erscheint in den Annalen der Naturphilosophie.
- 1922 — Bei Kegan Paul in London erscheint eine zweisprachige deutsch-englische Ausgabe.
- 1929 — Wittgenstein kehrt nach Cambridge zurück und wird mit dem Tractatus promoviert.
- 1951 — Wittgenstein stirbt am 29. April in Cambridge.
- 1953 — Die Philosophischen Untersuchungen erscheinen nach seinem Tod; darin werden Gedanken des Tractatus kritisiert.
- 1961 — Die Übersetzung von Pears und McGuinness sowie die Notizhefte aus dem Krieg, Notebooks 1914–1916, erscheinen.
- 1971 — Der 1965 entdeckte Prototractatus erscheint.
Glossar
- Satz
- Eine sprachliche Aussage über die Welt, die wahr oder falsch ist.
- Sachverhalt
- Eine Verbindung einfacher Gegenstände; die Grundeinheit, aus der Tatsachen bestehen.
- Logische Form
- Die Struktur, die ein Bild mit dem Abgebildeten gemeinsam hat und die Darstellung ermöglicht.
- Wahrheitsfunktion
- Ein Satz, dessen Wahrheitswert allein von den Wahrheitswerten seiner Teilsätze abhängt.
- Tautologie
- Ein Satz, der unter allen möglichen Umständen wahr ist, etwa „p oder nicht p“.
- Wahrheitstafel
- Eine Tabelle, die für jede mögliche Kombination der Wahrheitswerte seiner Bestandteile den Wahrheitswert eines zusammengesetzten Satzes angibt.
- Logischer Positivismus
- Eine philosophische Richtung des Wiener Kreises, nach der nur logische Wahrheiten und durch Erfahrung überprüfbare Aussagen sinnvoll sind.
- Solipsismus
- Die Auffassung, dass nur die Existenz des eigenen Bewusstseins oder Ichs gewiss ist; der Tractatus behandelt sie in einem besonderen Sinn.
- Entschiedene Lesart
- Eine Deutung, nach der der Tractatus keine unaussprechlichen Wahrheiten enthält, sondern die Leser von metaphysischen Verwirrungen befreien will.
- Analytische Philosophie
- Eine philosophische Tradition, die Logik, Sprache und klare Argumentation besonders betont.
Fragen und Antworten
Warum ist das Buch voller Zahlen?
Jede Bemerkung trägt eine Nummer, die ihre Beziehung zu anderen Bemerkungen zeigt: 2.1 erläutert 2, 2.11 erläutert 2.1 und so weiter. Die Nummern sollen die logische Bedeutung sichtbar machen.
Was bedeutet „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“?
Grob gesagt: Was ich sinnvoll denken und sagen kann, bestimmt die Gestalt der Welt, soweit sie sich beschreiben lässt. Jenseits dieser Grenze lässt sich nichts sagen.
Hielt Wittgenstein die Ethik für unwichtig?
Nein. Er stellte die Ethik gerade deshalb außerhalb dessen, was sich sagen lässt, weil sie ihm zu wichtig erschien, um auf Tatsachenaussagen reduziert zu werden. Er bezeichnete den Sinn des Buches als ethisch.
Warum nennt das Buch seine eigenen Sätze Unsinn?
Weil sie etwas über die logische Form und die Grenzen der Sprache aussagen wollen, das sich nach seiner eigenen Theorie nur zeigen kann. Sie sind wie eine Leiter, die man nach dem Hinaufsteigen wegwirft.
Hat Wittgenstein seine Meinung geändert?
Ja. In seiner späteren Philosophie, besonders in den Philosophischen Untersuchungen, verwarf er die Bildtheorie und die Vorstellung, Sprache habe eine einzige verborgene logische Form. Einige Themen beschäftigten ihn aber weiterhin.
Wurde das Buch wirklich im Schützengraben geschrieben?
Einen großen Teil entwarf Wittgenstein während seines Militärdienstes von 1914 bis 1918 in Notizheften, auch an der Front. Wichtige Gedanken reichen jedoch bis zu seiner Zeit in Cambridge und Norwegen von 1912 bis 1914 zurück.
Wie verstand der Wiener Kreis das Buch?
Als Grundlage für den logischen Empirismus: Sinnvolle Aussagen seien entweder logisch oder durch Erfahrung überprüfbar. Wittgenstein meinte, die Mitglieder des Wiener Kreises übersähen die Bedeutung dessen, was sich nicht sagen lässt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Anat Biletzki and Anat Matar, Ludwig Wittgenstein. Stanford Encyclopedia of Philosophy
- Ian Proops, Wittgenstein’s Logical Atomism. Stanford Encyclopedia of Philosophy
- Duncan J. Richter, Ludwig Wittgenstein (1889–1951). Internet Encyclopedia of Philosophy
- Tractatus Logico-Philosophicus. Wikipedia
- Ludwig Wittgenstein. Wikipedia
- Vienna Circle. Wikipedia
- Ludwig Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus (Ogden translation). Project Gutenberg
- Ray Monk, Ludwig Wittgenstein: The Duty of Genius. Jonathan Cape, 1990
- G. E. M. Anscombe, An Introduction to Wittgenstein’s Tractatus. Hutchinson, 1959
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- AristotelesSchüler Platons und Lehrer Alexanders. Er gründete das Lykeion und schrieb über Logik, Ethik, Politik und die Natur.
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
