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Für junge Leser
Ist dir schon einmal aufgefallen, wie deine Gedanken hin und her springen? Du gehst vielleicht zur Schule, siehst eine rote Tür und erinnerst dich plötzlich an eine Geburtstagsfeier vor vielen Jahren. Virginia Woolf wollte Geschichten schreiben, die so funktionieren wie unsere Gedanken: Sie springen von der Gegenwart zu Erinnerungen und wieder zurück.
Virginia wurde 1882 in London geboren. In ihrer großen Familie gab es viele Bücher. Ihr Vater war ein bekannter Schriftsteller. Ihre Brüder durften gute Schulen und eine Universität besuchen. Virginia und ihre Schwester lernten dagegen vor allem zu Hause. Virginia las sehr viel in der großen Bibliothek ihres Vaters und beschloss, Schriftstellerin zu werden.
Ihr Roman Mrs Dalloway spielt an einem einzigen Tag in London. Eine Frau kauft Blumen für eine Feier. Während sie durch die Stadt geht, erfahren wir, was sie und andere Menschen denken. Ein weiterer Roman, Zum Leuchtturm, erzählt von einer Familie im Urlaub am Meer. Sie plant einen Ausflug zu einem Leuchtturm. Die Geschichte zeigt auch, wie die Zeit alles verändert.
Virginia und ihr Mann Leonard kauften eine kleine Druckpresse und stellten sie in ihrem Esszimmer auf. Sie druckten Bücher von Hand. Aus ihrem kleinen Projekt wurde ein richtiger Verlag: die Hogarth Press.
Sie schrieb auch einen berühmten Essay mit dem Titel Ein Zimmer für sich allein. Darin stellte sie sich vor, Shakespeare hätte eine Schwester gehabt, die genauso begabt war wie er. Doch sie hätte weder zur Schule gehen noch schreiben dürfen. Virginia sagte: Eine Frau braucht eigenes Geld und ein eigenes Zimmer mit einer Tür, die sie schließen kann, um zu schreiben.
Virginia war oft über längere Zeit psychisch schwer krank. Im Jahr 1941, während des Zweiten Weltkriegs, nahm sie sich das Leben. Heute werden ihre Bücher auf der ganzen Welt gelesen.
Auf einen Blick
- Lebensdaten
- 25. Januar 1882 (London) – 28. März 1941 (bei Rodmell, Sussex)
- Familie
- Tochter des Kritikers Leslie Stephen und von Julia Prinsep Stephen; Schwester der Malerin Vanessa Bell; seit 1912 mit Leonard Woolf verheiratet
- Umfeld
- Eine zentrale Persönlichkeit der Bloomsbury Group, eines Kreises von Schriftstellern, Künstlern und Denkern in London
- Romane
- Die Fahrt hinaus (1915), Nacht und Tag (1919), Jacobs Zimmer (1922), Mrs Dalloway (1925), Zum Leuchtturm (1927), Orlando (1928), Die Wellen (1931), Die Jahre (1937), Zwischen den Akten (1941)
- Essays
- The Common Reader (1925), Ein Zimmer für sich allein (1929), Drei Guineen (1938) sowie Hunderte von Rezensionen und Essays
- Verlag
- Gründete 1917 mit Leonard Woolf die Hogarth Press
- Erzähltechniken
- Innerer Monolog und erlebte Rede, oft als Bewusstseinsstrom bezeichnet; Experimente mit Zeit und mehreren Blickwinkeln
- Bedeutung
- Eine führende Autorin der literarischen Moderne und eine Wegbereiterin der feministischen Literaturkritik
Einfach
Wer war Virginia Woolf?
Virginia Woolf war eine englische Romanautorin, Essayistin, Kritikerin und Verlegerin. Sie zählt zu den wichtigsten Schriftstellerinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Zusammen mit Autoren wie James Joyce, Marcel Proust und T. S. Eliot wird sie der literarischen Moderne zugerechnet. Deren Vertreter waren überzeugt, dass herkömmliche Erzählweisen das moderne Leben nicht mehr angemessen darstellen konnten.
Woolfs Romane rücken die Handlung – die Folge dramatischer Ereignisse, die viele Geschichten antreibt – in den Hintergrund. Stattdessen richten sie den Blick auf das Innenleben ihrer Figuren: darauf, was diese von Augenblick zu Augenblick bemerken, erinnern, fürchten und hoffen. Ein ganzer Roman kann an einem einzigen Tag spielen oder auf wenigen Hundert Seiten Jahrhunderte umfassen. Woolf wollte mit ihren Geschichten zeigen, wie sich Zeit im Bewusstsein eines Menschen tatsächlich anfühlt.
Sie schrieb auch scharfsinnige und humorvolle Essays. Ihre Texte über das Lesen, über andere Schriftsteller und vor allem über Frauen und das Schreiben werden bis heute viel gelesen. Ein Zimmer für sich allein beruht auf Vorträgen, die sie 1928 vor Studentinnen in Cambridge hielt. Das Werk wurde zu einem der grundlegenden Texte der feministischen Literaturkritik.
Einfach
Kindheit in einer Familie voller Bücher und Verluste
Adeline Virginia Stephen wurde am 25. Januar 1882 in der Hyde Park Gate 22 im Londoner Stadtteil South Kensington geboren. Ihr Vater, Sir Leslie Stephen, war ein bekannter Kritiker, Bergsteiger und Herausgeber des Dictionary of National Biography. Ihre Mutter Julia war für ihre Schönheit bekannt gewesen und hatte präraffaelitischen Malern Modell gestanden. Beide Eltern waren zuvor schon verheiratet gewesen. Virginia wuchs deshalb in einer großen Familie mit acht Kindern auf. Dazu gehörten ihre Geschwister Vanessa, Thoby und Adrian sowie ihre Halbgeschwister George, Gerald und Stella Duckworth.
Bis 1894 verbrachte die Familie jeden Sommer im Talland House in St Ives in Cornwall. Von dort blickte man auf das Meer und den Leuchtturm von Godrevy. Woolf bezeichnete diese Sommer später als die glücklichsten Erinnerungen ihrer Kindheit. Sie wurden zum Vorbild für Zum Leuchtturm.
Ihre frühen Jahre waren auch von Verlusten geprägt. Ihre Mutter starb 1895, als Virginia dreizehn Jahre alt war. Danach erlitt sie ihre erste schwere psychische Krise. Ihre Halbschwester Stella, die den Haushalt übernommen hatte, starb zwei Jahre später. Woolf schrieb später, dass sie und Vanessa von ihren Halbbrüdern Gerald und George Duckworth sexuell missbraucht worden seien. Viele Biografen bringen diese Erfahrungen mit ihrem späteren Leiden in Verbindung.
Anders als ihre Brüder, die in Cambridge studierten, erhielt Virginia keine durchgehende formale Schulbildung. Sie besuchte einige Kurse in Griechisch, Latein, Deutsch und Geschichte am Ladies’ Department des King’s College London, bildete sich aber vor allem selbst in der Bibliothek ihres Vaters weiter. Die unterschiedliche Bildung von Söhnen und Töchtern wurde später zu einem zentralen Thema ihrer Essays.
Einfach
Bloomsbury, Ehe und die Hogarth Press
Nach Leslie Stephens Tod 1904 zogen die vier Stephen-Geschwister in die Gordon Square 46 in Bloomsbury, damals eine wenig angesehene Gegend Londons. Dort lud Thoby seine Freunde aus Cambridge zu Gesprächen am Donnerstagabend ein. Aus diesem lockeren Kreis entstand die Bloomsbury Group. Zu ihr gehörten der Ökonom John Maynard Keynes, der Biograf Lytton Strachey, der Kunstkritiker Roger Fry, der Maler Duncan Grant, der Romanautor E. M. Forster und schließlich auch Leonard Woolf. Die Gruppe war bekannt für offene Gespräche über Kunst, Sexualität und Politik und für ihre Abkehr von viktorianischen Konventionen.
1906 starb Thoby nach einer Familienreise nach Griechenland an Typhus. Auch dieser Verlust prägte Woolfs literarisches Werk. 1910 beteiligte sie sich am Dreadnought-Streich: Freunde verkleideten sich und gaben sich mit dunkler Schminke als abessinischer Prinz und dessen Gefolge aus. So brachten sie die Royal Navy dazu, ihnen ein Kriegsschiff zu zeigen. Der Streich löste einen Skandal aus. Heute wird auch der Einsatz rassistischer Verkleidung daran kritisch betrachtet.
1912 heiratete Virginia Leonard Woolf, einen Schriftsteller und politischen Denker, der in Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, als Kolonialbeamter gearbeitet hatte. Er war Jude und stammte aus einer weniger wohlhabenden Familie als sie. Ihre Partnerschaft war nicht frei von Spannungen, unterstützte aber ihr Schreiben ihr Leben lang.
1917 kauften die Woolfs eine kleine Handdruckpresse und stellten sie im Esszimmer ihres Hauses Hogarth House in Richmond auf. Ihre erste Veröffentlichung, Two Stories, enthielt von jedem der beiden eine Erzählung, darunter Virginias „Das Mal an der Wand“. Später veröffentlichte die Hogarth Press T. S. Eliots Das wüste Land (1923), Übersetzungen russischer Schriftsteller, englische Übersetzungen von Sigmund Freud und alle späteren Bücher Virginia Woolfs. Mit einem eigenen Verlag konnte sie experimentieren, ohne sich danach richten zu müssen, was ein fremder Lektor akzeptieren würde.
Mittel
Die Romane
Woolfs erste beiden Romane, Die Fahrt hinaus (1915) und Nacht und Tag (1919), sind in ihrer Form noch vergleichsweise traditionell. Mit den Erzählungen aus Monday or Tuesday (1921) und dem Roman Jacobs Zimmer (1922) begann sie, ihre eigene Methode zu entwickeln. Der Roman erzählt das Leben eines jungen Mannes, der im Ersten Weltkrieg getötet wird, anhand von Bruchstücken aus der Sicht anderer Menschen.
Mrs Dalloway (1925) spielt an einem einzigen Tag im Juni 1923 in London. Clarissa Dalloway, die Frau eines konservativen Politikers, bereitet eine Abendgesellschaft vor. Ihre Gedanken wandern zwischen der Gegenwart und ihrer Jugend hin und her. Sie erinnert sich auch an ihre Gefühle für ihre frühere Freundin Sally Seton und an Peter Walsh, den Mann, den sie nicht geheiratet hat. Parallel dazu verläuft die Geschichte von Septimus Warren Smith, einem Kriegsveteranen mit einem Kriegstrauma. Seine Ärzte lassen ihn im Stich, und er nimmt sich das Leben. Die beiden Figuren begegnen einander nie, doch die Nachricht von seinem Tod erreicht Clarissas Gesellschaft. Der Schlag von Big Ben markiert die Stunden. Woolfs Arbeitstitel lautete „The Hours“.
Zum Leuchtturm (1927) besteht aus drei Teilen. In „Das Fenster“ verbringen die Familie Ramsay und ihre Gäste einen Tag in ihrem Sommerhaus auf den Hebriden. Der junge James möchte zum Leuchtturm fahren, doch sein Vater sagt schlechtes Wetter voraus. Der kurze Mittelteil „Die Zeit vergeht“ umfasst zehn Jahre. Das leere Haus verfällt; in knappen Sätzen in Klammern wird vom Tod Mrs Ramsays und zweier ihrer Kinder berichtet. In „Der Leuchtturm“ kehren die Überlebenden zurück. Der Ausflug findet endlich statt, und die Malerin Lily Briscoe vollendet ihr Bild. In das Buch flossen Woolfs Erinnerungen an ihre Eltern ein.
Orlando (1928), eine spielerische „Biografie“, begleitet einen Adligen, der von der elisabethanischen Zeit bis 1928 mehr als dreihundert Jahre lebt und eines Tages als Frau erwacht. Angeregt wurde das Buch durch Woolfs enge, romantische Freundschaft mit der Schriftstellerin Vita Sackville-West. Die Wellen (1931), ihr experimentellster Roman, besteht aus den Monologen von sechs Freunden, die von ihrer Kindheit bis ins mittlere Lebensalter reichen. Dazwischen stehen poetische Passagen, die an einem einzigen Tag den Lauf der Sonne über dem Meer beschreiben. Ihr letzter Roman, Zwischen den Akten, spielt am Tag eines dörflichen Festspiels kurz vor Kriegsbeginn. Er wurde 1941 nach ihrem Tod veröffentlicht.
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Gedanken und Zeit erzählen: Woolfs Schreibweise
Woolf erläuterte ihre Vorstellungen vom Roman in Essays wie „Modern Fiction“ (1919, überarbeitet 1925) und „Mr Bennett and Mrs Brown“ (1924). Sie kritisierte ältere Romanautoren wie Arnold Bennett dafür, Häuser, Einkommen und Kleidung sehr genau zu beschreiben, dabei aber das Innenleben ihrer Figuren zu verfehlen. Sie forderte Schriftsteller auf, die Eindrücke festzuhalten, die auf das Bewusstsein einströmen – „ein unaufhörlicher Schauer unzähliger Atome“ –, und zwar in der Reihenfolge, in der sie auftreten. Im zweiten Essay behauptete sie zugespitzt, „um den Dezember 1910 herum“ habe sich der menschliche Charakter verändert.
Ihre Technik wird oft als Bewusstseinsstrom bezeichnet. Kritiker beschreiben sie jedoch meist genauer als erlebte Rede: Die Erzählstimme bleibt in der dritten Person, übernimmt aber Wortwahl, Rhythmus und Gefühle der jeweiligen Figur. Sie wechselt von einem Bewusstsein zum nächsten, manchmal mitten im Absatz. In Mrs Dalloway wird ein vorbeifahrendes Auto oder ein Flugzeug, das Buchstaben an den Himmel schreibt, zur Verbindung zwischen den Gedanken verschiedener Menschen.
Woolf faszinierte der Unterschied zwischen der Zeit, die Uhren anzeigen, und der Zeit, wie Menschen sie erleben. In ihrem Tagebuch beschrieb sie eine Entdeckung beim Schreiben von Mrs Dalloway als „Tunnelverfahren“: Hinter ihren Figuren legte sie Höhlen der Erinnerung frei. In ihrem Erinnerungstext „A Sketch of the Past“ beschrieb sie „Augenblicke des Seins“, seltene Momente intensiver Wahrnehmung, die sich vom Einerlei gewöhnlicher Tage abheben. Viele ihrer Romane sind um solche Momente herum aufgebaut.
Sie achtete zudem genau auf Rhythmus und Klang. Besonders Die Wellen wird manchmal als „Schauspielgedicht“ bezeichnet. Woolf selbst sagte, sie schreibe nach einem Rhythmus und nicht nach einer Handlung.
Mittel
Ein Zimmer für sich allein und Drei Guineen
Im Oktober 1928 hielt Woolf am Newnham College und am Girton College, den beiden Frauen-Colleges in Cambridge, Vorträge über „Frauen und Literatur“. Sie erweiterte diese zu Ein Zimmer für sich allein (1929). Das zentrale Argument betrifft die materiellen Lebensbedingungen: „Eine Frau muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, wenn sie Romane schreiben will.“ Begabung braucht ihrer Ansicht nach freie Zeit, Bildung, Privatsphäre und Selbstvertrauen. All dies war Frauen jahrhundertelang verwehrt worden.
Um ihren Gedanken anschaulich zu machen, erfindet Woolf Judith Shakespeare, eine Schwester Williams, die ebenso begabt ist wie er. Judith darf nicht zur Schule gehen, läuft nach London fort, um Schauspielerin zu werden, wird verspottet und ausgenutzt und nimmt sich schließlich das Leben. Ihr Talent bleibt ungenutzt. Woolf betrachtet Schriftstellerinnen wie Aphra Behn, Jane Austen, die Brontë-Schwestern und George Eliot und fragt, wie ihre Lebensbedingungen ihr Werk geprägt haben. Sie vertritt außerdem die Vorstellung, dass die größten schriftstellerischen Begabungen „androgyn“ seien und männliche wie weibliche Eigenschaften vereinten.
Drei Guineen (1938) entstand vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkriegs und der Ausbreitung des Faschismus in Europa. Das Buch ist düsterer und radikaler. Als Antwort auf einen Brief mit der Frage, wie sich Krieg verhindern lasse, verbindet Woolf den Militarismus mit patriarchalen Strukturen in Bildung, Berufswelt und Familie. Sie argumentiert, Frauen sollten eine „Gesellschaft der Außenseiterinnen“ bilden, statt den Institutionen beizutreten, die Kriege ermöglichen. Das Buch war selbst unter ihren Freunden umstritten.
Woolf schrieb außerdem Hunderte von Essays und Rezensionen. Viele wurden in The Common Reader (1925) und einem zweiten Band (1932) gesammelt. Sie schrieb über wenig bekannte Lebensgeschichten, vergessene Frauen und die Freude am Lesen und prägte den modernen literarischen Essay mit.
Mittel
Krankheit, Krieg und Tod
Woolf durchlebte wiederholt Phasen schwerer psychischer Erkrankung. Zusammenbrüche erlebte sie nach dem Tod ihrer Mutter 1895, nach dem Tod ihres Vaters 1904 und im Jahr 1913, als sie einen Suizidversuch unternahm. Diese Phasen gingen mit tiefer Depression und starker Unruhe einher; zeitweise hörte sie Stimmen. Behandelt wurde sie mit den damals üblichen Methoden, vor allem mit verordneter Ruhe. Ärzte und Biografen haben später verschiedene Diagnosen vorgeschlagen, am häufigsten eine bipolare Störung. Eine Diagnose lange nach dem Tod bleibt jedoch unsicher.
Ihre Erkrankung hinderte sie nicht am Arbeiten. Sie schrieb darüber im Essay „Über das Kranksein“ (1926) und in der Figur Septimus Smith. Die Behandlung dieser Figur durch Ärzte in Mrs Dalloway ist eine deutliche Kritik an der Medizin ihrer Zeit. Zugleich war Woolf außerordentlich produktiv: Sie führte jahrzehntelang Tagebuch und schrieb Tausende von Briefen.
Der Zweite Weltkrieg brachte neue Ängste. Die Londoner Häuser der Woolfs wurden bei Bombenangriffen 1940 beschädigt. Leonard war Jude, und beide waren als Gegner des Faschismus bekannt. Sie vereinbarten, sich im Fall einer deutschen Invasion Großbritanniens das Leben zu nehmen. Anfang 1941, nach der Fertigstellung von Zwischen den Akten, spürte Woolf eine weitere psychische Krise herannahen. Am 28. März 1941 schrieb sie Abschiedsbriefe an Leonard und Vanessa, füllte ihre Manteltaschen mit Steinen und ertränkte sich im Fluss Ouse nahe ihrem Haus Monk’s House in Rodmell, Sussex. Ihre Asche wurde im Garten des Hauses beigesetzt.
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Wirkung und Vermächtnis
In den Jahrzehnten nach ihrem Tod ließ Woolfs Ansehen zunächst etwas nach. Manche Kritiker sahen in ihr eine empfindsame Ästhetin aus der Oberschicht. Seit den 1970er-Jahren rückten die Frauenbewegung und die feministische Literaturkritik sie jedoch ins Zentrum ihrer Arbeit. Ein Zimmer für sich allein regte ganze Forschungsgebiete an, die vergessene Schriftstellerinnen wiederentdeckten. Die Formulierung vom eigenen Zimmer wurde zu einem Leitspruch.
Die Veröffentlichung ihrer Tagebücher in fünf Bänden, herausgegeben von Anne Olivier Bell (1977–84), und ihrer Briefe in sechs Bänden, herausgegeben von Nigel Nicolson und Joanne Trautmann, zeigte sie als brillante, humorvolle und politisch engagierte Autorin. Sie gab einer umfangreichen Forschung neue Impulse. Ihre Romane werden heute weltweit untersucht und sind in Dutzende Sprachen übersetzt.
Ihr Einfluss reicht über verschiedene Medien und Kulturen hinweg. Michael Cunninghams Roman Die Stunden (1998) verknüpft Woolfs Leben mit dem Leben zweier Frauen, die Mrs Dalloway lesen oder ähnliche Erfahrungen machen. Er gewann den Pulitzer-Preis und wurde verfilmt. Orlando wurde für Film und Bühne bearbeitet. Edward Albees Theaterstück Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (1962) machte ihren Namen weithin bekannt, obwohl das Stück nicht von ihr handelt. Schriftsteller aus vielen Ländern nennen sie als Vorbild für das Schreiben über Bewusstsein, Geschlecht und Zeit.
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Kritische Debatten
Feminismus und Androgynie. Feministische Literaturkritikerinnen beurteilen Woolf unterschiedlich. Elaine Showalter kritisierte in A Literature of Their Own (1977) das Ideal eines androgynen Geistes in Ein Zimmer für sich allein. Sie sah darin ein Ausweichen vor der Wut und den Erfahrungen von Frauen. Toril Moi entgegnete in Sexual/Textual Politics (1985), Woolfs wechselnder, ironischer Stil untergrabe selbst feste Identitäten. Sie las Woolf im Zusammenhang mit französischen poststrukturalistischen Theorien. Diese Auseinandersetzung prägte die feministische Literaturkritik insgesamt.
Klasse und Privilegien. Kritiker weisen seit Langem darauf hin, dass Woolf aus einer privilegierten Stellung heraus schrieb und ihre Darstellungen von Dienstboten und Menschen aus der Arbeiterklasse herablassend wirken können. Andere halten dagegen, dass ihre Essays die materiellen Voraussetzungen des Schreibens ausdrücklich benennen und Werke wie Drei Guineen die Institutionen ihrer eigenen Klasse kritisieren.
Vorurteile und Kolonialreich. Ihre Briefe und Tagebücher enthalten antisemitische und rassistische Äußerungen, obwohl sie mit einem jüdischen Mann verheiratet war. Zudem beteiligte sie sich am Dreadnought-Streich. Die postkoloniale Literaturkritik untersucht, wie das Britische Empire in ihren Romanen erscheint: von Die Fahrt hinaus, das in Südamerika spielt, bis zu Figuren mit Verbindungen zum Kolonialreich in Mrs Dalloway. In der Forschung ist umstritten, in welchem Maß ihre Romane solche Haltungen wiedergeben oder verspotten.
Krankheit und Kunst. Eine weitere Debatte betrifft das Verhältnis zwischen Woolfs psychischer Erkrankung und ihrem Schreiben. Frühere Biografien stellten ihr Leben mitunter als tragische Krankengeschichte dar. Spätere Autoren, darunter Hermione Lee, betonen ihre Stärke, Disziplin und ihren Humor. Sie warnen davor, die Romane als Krankheitssymptome zu lesen. Auch die Disability Studies und die Geschichte der Psychiatrie haben ihre Behandlung neu untersucht.
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Quellen und Biografien
Woolf gehört zu den am besten dokumentierten Schriftstellerinnen ihres Jahrhunderts. Neben ihren veröffentlichten Werken sind ihre Tagebücher von 1915 bis 1941, frühere Aufzeichnungen, rund viertausend Briefe und Erinnerungstexte wie „A Sketch of the Past“ erhalten. Letzterer erschien 1976 in Moments of Being. Hinzu kommen hand- und maschinenschriftliche Manuskripte in Bibliotheken, darunter die British Library, die Berg Collection der New York Public Library und die University of Sussex.
Die erste umfassende Biografie schrieb ihr Neffe Quentin Bell (1972). Er konnte Familienunterlagen und Erinnerungen nutzen, schrieb aber zugleich als Angehöriger der Familie und des Bloomsbury-Kreises. Hermione Lees Virginia Woolf (1996) gilt weithin als maßgebliche moderne Biografie. Lee setzt sich kritisch mit den Tagebüchern auseinander und betont, wie viele unterschiedliche Bilder von Woolf Leser und Biografen entworfen haben.
Die Manuskripte zeigen, wie sich ihre Romane während der Arbeit veränderten. Frühe Entwürfe von Mrs Dalloway lassen beispielsweise erkennen, dass ursprünglich Clarissa selbst sterben oder sich das Leben nehmen sollte. Diese Rolle erhielt später Septimus. Wissenschaftliche Ausgaben dokumentieren solche Varianten heute. Wie bei allen Schriftstellern, die viele private Aufzeichnungen hinterlassen haben, müssen Biografen behutsam vorgehen: Auch das Tagebuch ist ein literarisches Werk, geprägt von Stimmungen und vom Bewusstsein, dass es später gelesen werden könnte.
Kernideen
- Bewusstseinsstrom
- Eine Schreibweise, die den Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen einer Figur folgt, während sie entstehen.
- Erlebte Rede
- Eine Erzählweise in der dritten Person, die Wörter und Gefühle einer Figur aufgreift und zwischen verschiedenen Bewusstseinen wechselt.
- Augenblicke des Seins
- Woolfs Bezeichnung für seltene Momente intensiver Wahrnehmung, die sich vom gewöhnlichen Leben abheben.
- Ein Zimmer für sich allein
- Woolfs Argument, dass Schriftstellerinnen neben Begabung auch Geld, Privatsphäre und Bildung brauchen.
- Judith Shakespeare
- Shakespeares von Woolf erfundene Schwester. Sie zeigt, wie Begabung ungenutzt blieb, wenn Frauen keine Möglichkeiten erhielten.
- Androgyner Geist
- Die Vorstellung, dass die größten Schriftsteller männliche und weibliche Sichtweisen verbinden. Spätere Feministinnen diskutierten diese Idee kritisch.
- Erlebte Zeit
- Woolfs Romane stellen die gemessene Zeit dem Zeitempfinden gegenüber: Ein Tag kann sich ausdehnen, während Jahre knapp erzählt werden.
Einträge
- 1882 — Wird am 25. Januar als Adeline Virginia Stephen in London geboren.
- 1895 — Ihre Mutter Julia Stephen stirbt; Virginia erleidet ihre erste psychische Krise.
- 1904 — Ihr Vater stirbt; die Stephen-Geschwister ziehen an den Gordon Square in Bloomsbury.
- 1906 — Ihr Bruder Thoby stirbt an Typhus.
- 1912 — Heiratet Leonard Woolf.
- 1915 — Veröffentlicht ihren ersten Roman, Die Fahrt hinaus.
- 1917 — Gründet mit Leonard die Hogarth Press; Two Stories ist deren erste Veröffentlichung.
- 1925 — Veröffentlicht Mrs Dalloway und The Common Reader.
- 1927 — Veröffentlicht Zum Leuchtturm.
- 1928 — Veröffentlicht Orlando und hält in Cambridge Vorträge, aus denen Ein Zimmer für sich allein (1929) entsteht.
- 1931 — Veröffentlicht Die Wellen.
- 1938 — Veröffentlicht Drei Guineen.
- 1941 — Nimmt sich am 28. März im Fluss Ouse das Leben; Zwischen den Akten erscheint nach ihrem Tod.
Glossar
- Moderne
- Eine Bewegung in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts, die mit Formen experimentierte, um moderne Erfahrungen auszudrücken.
- Bloomsbury Group
- Ein lockerer Kreis englischer Schriftsteller, Künstler und Intellektueller um die Stephen-Geschwister im Londoner Stadtteil Bloomsbury.
- Innerer Monolog
- Die Wiedergabe der Gedanken einer Figur, während sie entstehen, als könnten wir sie mithören.
- Kriegszittern
- Eine während und nach dem Ersten Weltkrieg verwendete Bezeichnung für seelische Verletzungen von Soldaten.
- Essay
- Ein kürzerer Sachtext, in dem ein Autor seine Gedanken zu einem Thema entwickelt.
- Feministische Literaturkritik
- Die Untersuchung von Literatur mit Blick auf Geschlecht, das Schreiben von Frauen und die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern.
- Handdruckpresse
- Eine kleine Druckpresse, die von Hand bedient wird; die Woolfs setzten die Drucklettern und druckten ihre ersten Bücher selbst.
- Selbstgespräch
- Eine Rede, in der eine Figur ihre Gedanken laut ausspricht, wie in Die Wellen.
- Festspiel
- Eine Aufführung, oft im Freien, mit Szenen aus der Geschichte, wie das Dorffestspiel in Zwischen den Akten.
Fragen und Antworten
Warum ist Virginia Woolf so berühmt?
Sie veränderte die Art, Romane zu schreiben, indem sie den Gedanken ihrer Figuren von Augenblick zu Augenblick folgte. Außerdem schrieb sie eindringliche Essays darüber, warum Frauen so selten die Möglichkeit hatten, Schriftstellerinnen zu werden.
Was geschieht in Mrs Dalloway?
An einem Tag im Juni 1923 bereitet Clarissa Dalloway in London eine Gesellschaft vor und erinnert sich an ihre Vergangenheit. Gleichzeitig kämpft der Kriegsveteran Septimus Smith mit einem Trauma und stirbt. Ihre Geschichten berühren sich nur, als die Nachricht von seinem Tod die Gesellschaft erreicht.
Was bedeutet „ein Zimmer für sich allein“?
Woolf vertrat die Ansicht, dass Frauen Geld und einen privaten Raum zum Schreiben brauchen. Ohne Unabhängigkeit und Zeit kann selbst ein Genie kein großes Werk schaffen.
Hat Woolf ihre Bücher wirklich selbst gedruckt?
Ja. Ab 1917 setzten sie und Leonard die Drucklettern von Hand und druckten an einer kleinen Presse in ihrem Esszimmer. Ihre Hogarth Press wurde zu einem bedeutenden Verlag.
Ist Woolfs Schreibweise dieselbe wie die von James Joyce?
Beide erforschten das Innenleben ihrer Figuren. Joyce gibt in Ulysses jedoch häufig rohe, bruchstückhafte Gedanken wieder, während Woolf meist eine fließende Erzählstimme in der dritten Person beibehält, die zwischen verschiedenen Bewusstseinen wechselt. Woolf bewunderte und kritisierte Ulysses.
Welche psychische Erkrankung hatte Woolf?
Sie litt wiederholt unter schweren Depressionen und starker Unruhe. Viele Autoren vermuten eine bipolare Störung. Diagnosen, die lange nach dem Tod eines Menschen gestellt werden, bleiben jedoch unsicher.
Worüber sind sich feministische Literaturkritikerinnen bei Woolf uneinig?
Manche, darunter Elaine Showalter, kritisierten Woolfs Ideal der Androgynie, weil es ihrer Ansicht nach der Wut von Frauen ausweiche. Andere, darunter Toril Moi, argumentierten, Woolfs Stil untergrabe feste Geschlechtsidentitäten. Diese Debatte prägte die feministische Literaturkritik.
Quellen und weiterführende Literatur
- Virginia Woolf. Wikipedia
- 버지니아 울프. 위키백과 (Korean Wikipedia)
- Mrs Dalloway. Wikipedia
- To the Lighthouse. Wikipedia
- The Waves. Wikipedia
- A Room of One’s Own. Wikipedia
- Hogarth Press. Wikipedia
- Bloomsbury Group. Wikipedia
- Hermione Lee, Virginia Woolf. Chatto & Windus, 1996
- Quentin Bell, Virginia Woolf: A Biography. Hogarth Press, 1972
Verwandte Inhalte
- Jane AustenEnglische Romanautorin, deren scharfsichtige Darstellungen von Familie, Ehe und gesellschaftlicher Stellung für die Geschichte des Romans weiterhin zentral sind.
- William ShakespeareEnglischer Dramatiker und Dichter, dessen Stücke Komödien, Historien und Tragödien umfassen.
- UlyssesJames Joyces Roman begleitet einen Tag in Dublin durch wechselnde Stile und die Gedankenwelt seiner Figuren.
- Franz KafkaIn Prag geborener deutschsprachiger Schriftsteller, dessen Geschichten Ungewissheit, undurchschaubare Autorität und Menschen zeigen, die ihre Lage zu verstehen versuchen.
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
