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Für junge Leser
Jane Austen war eine Schriftstellerin. Sie lebte vor mehr als 200 Jahren auf dem Land in England. Sie wuchs mit vielen Brüdern und ihrer Schwester Cassandra auf. Cassandra blieb ihr Leben lang ihre beste Freundin. Ihr Vater war Pfarrer und unterrichtete Jungen zu Hause. Deshalb gab es in der Familie viele Bücher und lebhafte Gespräche.
Schon als Mädchen schrieb Jane lustige Geschichten für ihre Familie. Später schrieb sie sechs Romane. Darin müssen junge Frauen entscheiden, wem sie vertrauen und wen sie heiraten möchten. Damals war es für Frauen schwer, eigenes Geld zu verdienen oder an einer Universität zu studieren.
In ihren Büchern gibt es kaum Kämpfe oder Drachen. Die Menschen reden beim Essen, beim Tanzen und auf Spaziergängen miteinander. An ihren Gesprächen zeigt Jane Austen, wie sie wirklich sind. Manche sind freundlich, manche albern und manche eingebildet. Oft merken die Heldinnen, dass ihr erster Eindruck falsch war.
Zu ihren Lebzeiten stand ihr Name nicht auf ihren Büchern. Auf dem ersten stand nur: „Von einer Dame“. Nur wenige Menschen wussten, wer die Autorin war. Jane Austen starb mit 41 Jahren.
Heute werden ihre Romane in vielen Sprachen gelesen. Es gibt auch Filme und Fernsehserien nach ihren Geschichten. Seit 2017 ist ihr Bild auf der britischen Zehn-Pfund-Note zu sehen.
Auf einen Blick
- Lebensdaten
- 16. Dezember 1775, Steventon, Hampshire – 18. Juli 1817, Winchester
- Land
- Großbritannien (ab 1801 Vereinigtes Königreich Großbritannien und Irland)
- Literarische Gattung
- Gesellschafts- und Liebesromane; komische und ironische realistische Literatur
- Zu Lebzeiten veröffentlichte Romane
- Verstand und Gefühl (1811), Stolz und Vorurteil (1813), Mansfield Park (1814), Emma (Dezember 1815, datiert auf 1816)
- Nach ihrem Tod veröffentlicht
- Die Abtei von Northanger und Überredung (Dezember 1817, datiert auf 1818); später auch unvollendete Werke und Jugendwerke
- Wichtige Wohnorte
- Steventon (bis 1801), Bath (1801–1806), Southampton (1806–1809), Chawton (1809–1817)
- Bekannt für
- Ironie, pointierte Dialoge, erlebte Rede und die genaue Darstellung von Geld, gesellschaftlichem Rang und den Möglichkeiten von Frauen
- Grabstätte
- Kathedrale von Winchester
Einfach
Wer war Jane Austen?
Jane Austen war eine englische Schriftstellerin. Ihre sechs vollendeten Romane gehören zu den meistgeschätzten und beliebtesten Werken der englischen Literatur. Sie schrieb über einen überschaubaren Kreis von Familien des Landadels und von Geistlichen im Süden Englands. Diesen Kreis beobachtete sie so genau und mit so viel Witz, dass Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt sich in ihren Figuren wiedererkennen.
Sie lebte von 1775 bis 1817. In diese Zeit fielen die Französische Revolution und die langen Kriege zwischen Großbritannien und Frankreich. Zwei ihrer Brüder dienten während dieser Kriege als Offiziere in der Royal Navy. Große politische Ereignisse werden in ihren Romanen selten direkt erwähnt. Doch Geld, Krieg, Erbrecht und die Einschränkungen für Frauen prägen das Leben ihrer Figuren.
Austen veröffentlichte ihre Romane anonym. Auf ihrem ersten Buch stand „Von einer Dame“, auf späteren etwa „Von der Verfasserin von Verstand und Gefühl“. Erst nach ihrem Tod machte ihr Bruder Henry ihren Namen öffentlich.
Einfach
Kindheit und Jugend in Steventon
Jane Austen wurde am 16. Dezember 1775 im Pfarrhaus von Steventon geboren, einem Dorf in Hampshire. Sie war das siebte von acht Kindern des Pfarrers George Austen und seiner Frau Cassandra, geborene Leigh. Ihr Vater war der örtliche Geistliche und nahm außerdem Jungen als Schüler auf. So war das Haus voller Menschen und Bücher.
Jane und ihre ältere Schwester Cassandra besuchten für kurze Zeit auswärtige Schulen, darunter ein Internat in Reading. Den größten Teil ihrer Bildung erhielt Jane jedoch durch die Bibliothek ihres Vaters und das Familienleben. Die Austens lasen gern gemeinsam Romane vor und führten in der Scheune Theaterstücke auf.
Etwa ab ihrem elften oder zwölften Lebensjahr schrieb Jane komische Geschichten, kleine Theaterstücke und Parodien auf beliebte Romane ihrer Zeit. Später schrieb sie diese Texte in drei Hefte ab, die heute als ihre Jugendwerke bekannt sind. Die frühen Stücke sind übermütig, absurd und sehr lustig. Schon darin machte sie sich über die Klischees gefühlvoller Romane lustig.
Einfach
Die sechs Romane im Überblick
Verstand und Gefühl (1811) erzählt von zwei Schwestern, der besonnenen Elinor und der leidenschaftlichen Marianne, nachdem ihre Familie ihr Zuhause verloren hat. Stolz und Vorurteil (1813) zeigt, wie die lebhafte Elizabeth Bennet und der stolze Mr. Darcy einander falsch einschätzen und allmählich besser kennenlernen. Der berühmte erste Satz handelt von einem ledigen Mann mit großem Vermögen, der angeblich eine Frau braucht.
Mansfield Park (1814) erzählt von Fanny Price, einem armen und stillen Mädchen, das bei reichen Verwandten aufwächst. Sie bleibt ihren Grundsätzen treu, auch wenn andere das nicht tun. Emma (1815) handelt von einer klugen, selbstbewussten jungen Frau, die gern das Leben anderer Menschen lenkt und dabei eine Reihe komischer Fehler macht.
Die Abtei von Northanger erschien nach Austens Tod. Der Roman macht sich freundlich über die Mode der unheimlichen Schauerromane lustig: Seine Heldin wittert überall Geheimnisse. Auch Überredung wurde erst nach Austens Tod veröffentlicht. Darin erhält Anne Elliot eine zweite Chance mit dem Mann, auf den sie Jahre zuvor auf Zureden anderer verzichtet hatte.
Jeder Roman endet mit einer Heirat. Im Kern erzählen die Geschichten aber vom Lernen: davon, Menschen gerecht zu beurteilen, Schmeicheleien zu durchschauen und die eigenen Gefühle zu verstehen.
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Schreiben, Warten und Veröffentlichen
Austen schrieb in ihren Zwanzigern in Steventon frühe Fassungen von drei Romanen. „Elinor und Marianne“ (später Verstand und Gefühl) entstand vor 1796. „Erste Eindrücke“ (später Stolz und Vorurteil) schrieb sie 1796–1797. Ihr Vater bot das Manuskript dem Londoner Verleger Thomas Cadell an, der es ungelesen ablehnte. „Susan“ (später Die Abtei von Northanger) wurde 1803 für zehn Pfund an den Verleger Crosby verkauft. Er druckte es jedoch nie; 1816 kaufte die Familie Austen die Rechte zurück.
1801 trat ihr Vater in den Ruhestand und zog mit der Familie nach Bath. Die folgenden Jahre waren unruhig. Im Dezember 1802 nahm Jane den Heiratsantrag des wohlhabenden Familienfreundes Harris Bigg-Wither an, zog ihre Zusage aber am nächsten Morgen zurück. Ihr Vater starb im Januar 1805. Danach waren seine Witwe und seine Töchter finanziell von den Söhnen abhängig. Sie zogen zunächst nach Southampton und im Juli 1809 in ein Haus in Chawton in Hampshire. Es wurde ihnen von Janes Bruder Edward zur Verfügung gestellt, den reiche Verwandte adoptiert hatten und dem das Gut Chawton gehörte.
In Chawton fand Austen beständigere Lebensverhältnisse und schrieb regelmäßig. Verstand und Gefühl erschien im Oktober 1811 bei Thomas Egerton auf Kommissionsbasis: Die Autorin trug das finanzielle Risiko. Das Buch brachte ihr einen Gewinn von etwa 140 Pfund. Die Rechte an Stolz und Vorurteil verkaufte sie für 110 Pfund an Egerton; der Roman erschien im Januar 1813. Mansfield Park folgte im Mai 1814 und Emma im Dezember 1815 bei John Murray. Auf Anregung des Bibliothekars des Prinzregenten widmete Austen Emma dem Prinzregenten, der ihre Romane schätzte.
Anfang 1816 wurde Austen krank. Im Sommer schloss sie Überredung ab. Anfang 1817 begann sie einen neuen Roman, der später Sanditon genannt wurde, brach die Arbeit aber nach etwa zwölf Kapiteln ab. Im Mai 1817 zog sie nach Winchester, um in der Nähe ihres Arztes zu sein. Dort starb sie am 18. Juli 1817. Sie wurde in der Kathedrale von Winchester bestattet. Die ursprüngliche Grabinschrift würdigte ihren Charakter, erwähnte ihre Bücher jedoch nicht.
Mittel
Geld, gesellschaftlicher Rang und das Leben von Frauen in Austens England
Austens gesellschaftliche Welt ist die englische Gentry: Grundbesitzer, Geistliche, Marineoffiziere und Angehörige anderer Berufe samt ihren Familien. Innerhalb dieser Welt wurden Rang und Einkommen genau beachtet. Figuren werden oft mit ihrem Jahreseinkommen vorgestellt, etwa Mr. Darcy mit seinen berühmten „zehntausend im Jahr“. Die damaligen Leser wussten, welchen Lebensstil sich ein Haushalt mit solchen Summen leisten konnte.
Das Erbrecht war von großer Bedeutung. Landgüter waren oft durch besondere Erbregelungen gebunden und gingen an den nächsten männlichen Erben. Töchter konnten dadurch fast leer ausgehen. Vor diesem Problem stehen die Bennet-Schwestern in Stolz und Vorurteil und die Dashwood-Schwestern in Verstand und Gefühl. Frauen aus angesehenen Familien konnten ihren Lebensunterhalt kaum selbst verdienen, außer etwa als Gouvernante. Eine Heirat war deshalb oft der einzige Weg zu finanzieller Sicherheit. Austen behandelt diese Tatsache zugleich komisch und ernst.
Austen selbst blieb unverheiratet und war finanziell von ihrer Familie abhängig. Mit dem Schreiben verdiente sie im Laufe ihres Lebens einige Hundert Pfund. Dieses bescheidene, aber tatsächliche Einkommen verschaffte ihr ein kleines Maß an Unabhängigkeit.
Die weitere Welt ist in ihren Romanen auf weniger auffällige Weise präsent. Die Marine, in der ihre Brüder Francis und Charles dienten – beide wurden später Admirale –, spielt in Überredung eine wichtige Rolle. In Mansfield Park beruht das Vermögen der Familie teilweise auf einem Gut auf der Karibikinsel Antigua. Zu jener Zeit wäre ein solches Gut von versklavten Menschen bewirtschaftet worden. Fanny Price fragt ihren Onkel nach dem Sklavenhandel und erhält keine Antwort.
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Ihr Stil: Ironie, Dialoge und erlebte Rede
Austen ist für ihre Ironie bekannt: Sie formuliert etwas so, dass die Lesenden zugleich etwas anderes erkennen. Ihre Erzählerstimme scheint einer Figur manchmal höflich zuzustimmen, während sie unauffällig zeigt, wie töricht deren Ansicht ist. Das macht die Romane komisch, aber auch moralisch scharfsinnig, denn die Lesenden sind ständig eingeladen, selbst zu urteilen.
Auch Dialoge beherrschte sie meisterhaft. Figuren verraten durch ihre Art zu sprechen viel über sich: Miss Bates durch ihr unaufhörliches Geplauder in Emma, Mr. Collins durch seine aufgeblasenen Reden in Stolz und Vorurteil und Elizabeth und Darcy durch ihre schlagfertigen Wortwechsel. Viele Szenen lesen sich fast wie Theaterstücke. Das ist ein Grund, warum sich ihre Romane gut für Bühne und Film eignen.
Für die Geschichte des Romans ist besonders wichtig, dass Austen die erlebte Rede weiterentwickelte. Dabei geht die Erzählerstimme in die Gedanken einer Figur über, ohne ausdrücklich „sie dachte“ zu sagen. So sehen wir die Welt durch die Augen der Figur und nehmen zugleich die Wertung der Erzählerin wahr. Austen konnte damit zeigen, wie jemand ein falsches Urteil bildet und es später berichtigt, wie Emma Woodhouse. Spätere Schriftstellerinnen und Schriftsteller von George Eliot bis Virginia Woolf griffen diese Technik auf.
Austen beschrieb ihre Kunst bescheiden. In einem Brief verglich sie ihre Arbeit mit einem kleinen Stück Elfenbein, fünf Zentimeter breit, das sie mit einem sehr feinen Pinsel bearbeite. Ob dieses Bild echte Bescheidenheit, ironische Selbstverteidigung oder eine genaue Beschreibung ihrer Arbeit im kleinen Maßstab ausdrückt, wird seit Langem diskutiert.
Mittel
Von „einer Dame“ zum Weltruhm
Austens Romane erhielten zu ihren Lebzeiten gute Besprechungen, doch weithin berühmt war sie nicht. 1816 lobte Walter Scott Emma in der Zeitschrift Quarterly Review. Er bewunderte Austens Fähigkeit, das gewöhnliche Leben wirklichkeitsgetreu darzustellen. Nach ihrem Tod nannte ihr Bruder Henry in einer biografischen Notiz, die zusammen mit Die Abtei von Northanger und Überredung gedruckt wurde, erstmals öffentlich ihren Namen.
Ihr Ansehen wuchs langsam. 1833 gab der Verleger Richard Bentley ihre Romane neu heraus; seither sind sie durchgehend lieferbar. Manche Schriftstellerinnen und Schriftsteller der viktorianischen Zeit waren wenig beeindruckt: Charlotte Brontë fand Austens Werke zu kühl und zurückhaltend. Ein Wendepunkt für ihre Bekanntheit war A Memoir of Jane Austen, eine Erinnerungsschrift ihres Neffen James Edward Austen-Leigh. Sie erschien 1869 mit der Jahreszahl 1870 und stellte Austen als sanfte, häusliche „liebe Tante Jane“ dar. Ergebenen Bewunderern gab man später den Namen „Janeites“.
Im 20. Jahrhundert wurde Austen zu einer wichtigen Autorin der universitären Anglistik und der Populärkultur. Verfilmungen und Fernsehfassungen, besonders seit den 1990er-Jahren, machten ihre Geschichten einem neuen Publikum bekannt. Moderne Bearbeitungen verlegten sie unter anderem an Schulen in Los Angeles sowie in indische und pakistanische Familien. Ihre Romane wurden in viele Sprachen übersetzt, darunter Koreanisch, Japanisch und Chinesisch. Stolz und Vorurteil zählt dort zu den meistgelesenen englischen Romanen.
Mittel
Austens Stellung in der Geschichte des Romans
Als Austen zu schreiben begann, war der Roman in England noch eine junge literarische Form und genoss nicht überall Ansehen. Leserinnen und Leser liebten die langen Briefromane von Samuel Richardson, die komischen Gesellschaftsbilder von Henry Fielding, die Gesellschaftskomödien von Frances Burney und Maria Edgeworth sowie die spannenden Schauerromane von Ann Radcliffe. Viele Moralisten warnten, Romane seien Zeitverschwendung, besonders für junge Frauen. In einer berühmten Passage von Die Abtei von Northanger verteidigt Austens Erzählerin den Roman als eine Kunstform, in der sich die höchsten Fähigkeiten des Geistes zeigen.
Austen lernte von all diesen Autorinnen und Autoren, beschränkte ihren Schauplatz aber stärker. Sie verzichtete weitgehend auf die dramatischen Übertreibungen, Zufälle und langen Abschweifungen, die in der Literatur ihrer Zeit üblich waren, und konzentrierte sich auf wenige Familien in einem Dorf. Ihrer Nichte Anna, die selbst Romane schreiben wollte, empfahl sie einmal genau diesen Stoff: drei oder vier Familien in einem Dorf. Innerhalb dieses kleinen Rahmens erreichte sie einen neuen Realismus. Alltägliche Ereignisse wie ein Picknick, ein Ball oder ein Streit beim Kartenspiel erhalten bei ihr großes moralisches und gefühlsmäßiges Gewicht.
Ihr Einfluss auf spätere Romane ist kaum zu überschätzen. Literaturhistoriker sehen in ihr oft eine Schlüsselfigur beim Übergang vom ereignisbetonten Roman des 18. Jahrhunderts zum Roman des 19. Jahrhunderts, der sich stärker mit dem Innenleben seiner Figuren beschäftigt. Diese Entwicklung führt weiter zu George Eliot, Henry James und Virginia Woolf. Woolf lobte Austen in Ein Zimmer für sich allein (1929) als eine Frau, die ohne Bitterkeit oder Angst in ihrer eigenen Sprache und nach eigenen Maßstäben schrieb – obwohl sie in einem gemeinsam genutzten Wohnzimmer arbeitete, in dem sie jederzeit unterbrochen werden konnte.
Das Haus in Chawton, in dem sie ihre späteren Romane schrieb und überarbeitete, ist heute das Museum Jane Austen’s House. Der kleine Tisch, an dem sie geschrieben haben soll, ist eines seiner bekanntesten Ausstellungsstücke. Das Pfarrhaus von Steventon, ihr Geburtshaus, wurde im 19. Jahrhundert abgerissen.
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Quellenlage: Briefe, Manuskripte und die Schwierigkeiten der Biografie
Vieles, was wir über Austen wissen, stammt aus ihren Briefen. Die Überlieferung ist jedoch stark lückenhaft. Ihre Schwester Cassandra vernichtete nach Janes Tod die meisten Briefe und schnitt aus anderen Stellen heraus. Von möglicherweise dreitausend Briefen sind etwa 160 erhalten. Aus manchen Zeiträumen, darunter einem großen Teil der Jahre 1801–1804, gibt es gar keine Briefe mehr. Als wissenschaftliche Standardausgabe gilt die von Deirdre Le Faye herausgegebene Ausgabe der Briefe bei Oxford University Press. Biografen müssen Austens Innenleben daher aus Bruchstücken, Erinnerungen der Familie und den Romanen erschließen. Sie sind sich uneinig, wie weit sich die Romane autobiografisch lesen lassen.
Auch die Erinnerungen ihrer Familie sind problematisch. Henry Austens biografische Notiz und die Erinnerungsschrift von James Edward Austen-Leigh sollten zum Teil das Bild einer ehrbaren, frommen Frau vermitteln. Ihr scharfer Witz und ihr beruflicher Ehrgeiz treten darin in den Hintergrund. Moderne Biografien wie Claire Tomalins Jane Austen: A Life (1997) versuchen, hinter diese Familienbilder zu blicken. Selbst die einzigen als echt anerkannten Porträts, Skizzen von Cassandra, sind selten. Das bekannteste befindet sich in der National Portrait Gallery in London; für spätere Druckgrafiken wurden Austens Züge darin weicher dargestellt.
Von den Romanen sind nur wenige Manuskripte erhalten. Zu den sechs veröffentlichten Romanen existieren lediglich zwei verworfene Kapitel von Überredung als handschriftliches Material. Von ihrer Hand stammen vor allem die Jugendwerke, Lady Susan, die unvollendeten Romane The Watsons und Sanditon sowie einige weitere Texte. Sie sind heute in der digitalen Ausgabe Jane Austen’s Fiction Manuscripts zusammengeführt, die Kathryn Sutherland herausgegeben hat und die von der Universität Oxford und King’s College London bereitgestellt wird. Die Arbeitsfassungen mit ihren Streichungen und ihrer unregelmäßigen Zeichensetzung stellen die alte Vorstellung infrage, Austen habe mühelos druckreife Texte geschrieben. Sie werfen auch die Frage auf, wie stark Drucker und Lektoren die veröffentlichten Texte beeinflussten.
Sogar ihre Todesursache ist ungewiss. Seit den 1960er-Jahren wird am häufigsten die Addison-Krankheit vermutet, bei der die Nebennieren nicht mehr ausreichend arbeiten. Andere haben ein Hodgkin-Lymphom oder weitere Erkrankungen vorgeschlagen. Die Belege, vor allem Austens eigene Beschreibungen ihrer Beschwerden in späten Briefen, reichen für eine sichere Diagnose nicht aus.
Fortgeschritten
Debatten: konservativ, feministisch oder keines von beidem?
Über Austens politische Haltung wird seit Langem gestritten. Marilyn Butler ordnete sie in Jane Austen and the War of Ideas (1975) der konservativen, gegen die Französische Revolution gerichteten Bewegung zu. Ihrer Ansicht nach verteidigen die Romane die überlieferte Gesellschaftsordnung und Selbstdisziplin gegen radikalen Individualismus. Claudia L. Johnson widersprach in Jane Austen: Women, Politics, and the Novel (1988): Austen nutze die Formen des konservativen Romans, um das Versagen väterlicher Autorität und das Unrecht gegenüber Frauen offenzulegen. Damit stehe sie Autorinnen wie Mary Wollstonecraft näher, als man zuvor angenommen hatte.
Die feministische Literaturwissenschaft fragt allgemeiner, ob Austens Geschichten über Heirat das Gesellschaftssystem hinnehmen oder hinterfragen, das die Ehe zum wichtigsten Lebensweg für Frauen machte. Manche sehen in den Schlüssen eine komische Lösung, die persönliches Wachstum belohnt. Andere erkennen darin ein ironisches Bewusstsein dafür, dass glückliche Enden seltene Glücksfälle sind. Die Romane lassen beide Deutungen zu. Auch deshalb bleiben sie Gegenstand lebhafter Debatten.
Die postkoloniale Literaturwissenschaft stellte eine weitere Frage. Edward Said argumentierte in Culture and Imperialism (1993), Mansfield Park setze den kolonialen Reichtum aus Antigua, der das englische Landhaus finanziere, als selbstverständlich voraus. Auch das Schweigen des Romans über die Sklaverei sei bedeutsam. Andere halten dagegen, dass Austen das Thema mit Fannys unbeantworteter Frage bewusst aufbringe. Einem ihrer Briefe zufolge bewunderte Austen zudem den Gegner der Sklaverei Thomas Clarkson. Durch diese Auseinandersetzung wurde Mansfield Park zu einem der meistdiskutierten Romane in Debatten über Literatur und Kolonialismus.
Schließlich haben Stilforscher wie D. A. Miller in Jane Austen, or The Secret of Style (2003) untersucht, wie Austens unpersönliche, genau beherrschte Erzählerstimme wirkt. Sie fragen auch, was es bedeutet, dass eine unverheiratete Frau mit begrenzten Mitteln eine Stimme von solcher Autorität schuf. Solche Studien verbinden ihre Erzähltechniken mit der langen Geschichte des Romans: von Samuel Richardson und Frances Burney, die sie schätzte, bis zum modernen psychologischen Roman.
Kernideen
- Ironie
- Etwas so ausdrücken, dass die Lesenden zugleich etwas anderes erkennen. Austens Erzählerstimmen decken damit Eitelkeit, Standesdünkel und Selbsttäuschung auf.
- Erlebte Rede
- Eine Erzählweise, bei der die Erzählerstimme mit den Gedanken einer Figur verschmilzt. So wird deren Innenleben sichtbar, während eine ironische Distanz erhalten bleibt.
- Erster Eindruck und Urteilsvermögen
- Ihre Heldinnen schätzen andere Menschen zunächst oft falsch ein und müssen lernen, genauer hinzusehen. Das ist ein wichtiges moralisches Muster ihrer Romane.
- Ehe und finanzielle Sicherheit
- Für Frauen aus der Gentry entschied eine Heirat oft über ihre gesamte finanzielle Zukunft. Dadurch steht in Austens Komödien viel auf dem Spiel.
- Gebundener Besitz und Erbrecht
- Rechtliche Regelungen konnten festlegen, dass Landgüter an männliche Erben gingen. Töchter waren dadurch schlecht abgesichert, wie in Stolz und Vorurteil.
- Gesellschaftsroman
- Ein Roman, der die Sitten, Gespräche und gesellschaftlichen Regeln einer Gruppe sowie das Leben Einzelner innerhalb dieser Gruppe untersucht.
- Realismus des Alltags
- Austen fand moralische Konflikte in gewöhnlichen Ereignissen – Besuchen, Tänzen und Gesprächen – statt in Abenteuern oder dramatischen Übertreibungen.
Einträge
- 1775 — Jane Austen wird am 16. Dezember im Pfarrhaus von Steventon in Hampshire geboren.
- um 1787 — Sie beginnt, komische Texte zu schreiben, die sie später in ihre Hefte mit Jugendwerken überträgt.
- 1796 — Sie beginnt „Erste Eindrücke“, die erste Fassung von Stolz und Vorurteil. Der Roman wird 1797 fertiggestellt und von einem Verleger ungelesen abgelehnt.
- 1801 — Nach dem Ruhestand ihres Vaters zieht die Familie nach Bath.
- 1803 — „Susan“ (später Die Abtei von Northanger) wird für zehn Pfund an Crosby verkauft, aber nicht veröffentlicht.
- 1805 — Ihr Vater, Pfarrer George Austen, stirbt.
- 1809 — Sie zieht mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und der Freundin Martha Lloyd in ein Haus in Chawton.
- 1811 — Verstand und Gefühl erscheint mit der Verfasserangabe „Von einer Dame“.
- 1813 — Stolz und Vorurteil erscheint im Januar.
- 1814 — Mansfield Park erscheint im Mai.
- 1815 — Emma erscheint im Dezember mit einer Widmung an den Prinzregenten.
- 1817 — Sie stirbt am 18. Juli in Winchester. Im Dezember erscheinen Die Abtei von Northanger und Überredung mit einer biografischen Notiz ihres Bruders.
Glossar
- Gentry
- Grundbesitzende Familien unterhalb des Adels. Sie lebten von Einkünften aus Landgütern, Geldanlagen oder Berufen, etwa in der Kirche oder Marine.
- Pfarrhaus
- Das Wohnhaus eines Gemeindepfarrers. Austen wurde im Pfarrhaus von Steventon geboren.
- Jugendwerke
- Texte, die jemand als Kind oder Jugendlicher geschrieben hat. Austens Jugendwerke füllen drei Hefte.
- Gebundener Besitz
- Eine rechtliche Regelung, die festlegt, wer ein Landgut erben darf, häufig nur männliche Erben.
- Schauerroman
- Eine früher beliebte Art von Roman mit Burgruinen, Geheimnissen und Schrecken. Austen machte sich in Die Abtei von Northanger darüber lustig.
- Prinzregent
- Der spätere König Georg IV. Er regierte von 1811 bis 1820 anstelle seines erkrankten Vaters Georg III.
- Veröffentlichung auf Kommissionsbasis
- Eine Vereinbarung, bei der die Autorin oder der Autor die Druckkosten und das finanzielle Risiko trug und der Verleger eine Gebühr erhielt.
- Janeite
- Eine besonders begeisterte Verehrerin oder ein besonders begeisterter Verehrer von Jane Austen. Das Wort wurde im späten 19. Jahrhundert gebräuchlich.
Fragen und Antworten
War Jane Austen verheiratet?
Nein. Sie nahm 1802 einen Heiratsantrag an, änderte aber am nächsten Tag ihre Meinung. Den Rest ihres Lebens wohnte sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zusammen.
Warum stand ihr Name nicht auf ihren Büchern?
Damals veröffentlichten viele Frauen und auch andere Schreibende ihre Werke anonym. Das schützte ihre Privatsphäre und ihren Ruf. Ihr Bruder Henry machte ihren Namen nach ihrem Tod bekannt.
Mit welchem Buch von Jane Austen sollte ich anfangen?
Viele beginnen mit Stolz und Vorurteil, weil es witzig, lebhaft und gut verständlich ist. Auch Die Abtei von Northanger ist kurz und verspielt.
War Jane Austen zu Lebzeiten reich oder berühmt?
Nein. Sie verdiente mit ihren Romanen einige Hundert Pfund. Obwohl der Prinzregent und manche Kritiker ihre Bücher schätzten, wussten die meisten Leser nicht, wer sie war.
Woran starb sie?
Das wissen wir nicht sicher. Am häufigsten wird die Addison-Krankheit vermutet. Es wurden aber auch andere Erkrankungen vorgeschlagen, darunter ein Hodgkin-Lymphom.
Wie zuverlässig ist das Familienbild der „lieben Tante Jane“?
Nur teilweise. Die meisten ihrer Briefe wurden vernichtet. Die Erinnerungen der Familie sollten sie als bescheidene, fromme Frau zeigen. Die erhaltenen Briefe und Manuskripte zeigen auch eine scharfsinnige, ehrgeizige Schriftstellerin.
Sagt Mansfield Park wirklich etwas über die Sklaverei aus?
Der Roman erwähnt das Gut der Familie auf Antigua und Fannys Frage zum Sklavenhandel. Forschende sind sich uneinig, ob der Roman die koloniale Herrschaft stillschweigend hinnimmt oder bewusst kritisiert.
Quellen und weiterführende Literatur
- Jane Austen. Wikipedia
- Pride and Prejudice. Wikipedia
- Mansfield Park. Wikipedia
- Kathryn Sutherland (ed.), Jane Austen’s Fiction Manuscripts: A Digital Edition. University of Oxford and King’s College London
- Jane Austen, Pride and Prejudice (full text). Project Gutenberg
- Claire Tomalin, Jane Austen: A Life. Viking, 1997
- Deirdre Le Faye (ed.), Jane Austen’s Letters. Oxford University Press
- Marilyn Butler, Jane Austen and the War of Ideas. Clarendon Press, 1975
- D. A. Miller, Jane Austen, or The Secret of Style. Princeton University Press, 2003
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