Literatur

Homer

Ὅμηρος (Hómēros)

um 750–650 v. Chr. · Ionien

In einem Satz

Homer ist der Name, den die alten Griechen dem Dichter der Ilias und der Odyssee gaben. Diese beiden großen Epen erzählen vom Trojanischen Krieg und von der langen Heimreise eines Helden. Wer Homer war und ob ein einzelner Mensch beide Werke schuf, ist jedoch nicht sicher bekannt.

Homer
Bild: NikonZ7II · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

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Für junge Leser

Stell dir eine Zeit vor, in der es noch keine Bücher gab. Geschichten wurden nicht gelesen, sondern gesungen. Im antiken Griechenland zogen Sänger von Ort zu Ort. Bei Festen sangen sie lange Geschichten über Helden, Götter und Kämpfe. Sie kannten alles auswendig und sangen manchmal stundenlang oder sogar tagelang.

Der berühmteste dieser Sänger hieß Homer. Die Griechen erzählten, er sei blind gewesen und habe an der Ostküste der Ägäis gelebt, wo heute die Türkei liegt. Er soll zwei sehr lange Gedichte geschaffen haben: die Ilias und die Odyssee. Jedes füllt ein dickes Buch.

Die Ilias erzählt vom Trojanischen Krieg. Die Griechen greifen die Stadt Troja schon seit zehn Jahren an. Ihr stärkster Kämpfer, Achill, wird so wütend auf seinen Anführer, dass er nicht mehr kämpfen will. Dadurch geschehen schlimme Dinge. Die Geschichte handelt von Wut, Freundschaft, Trauer und der Frage, was einen Helden ausmacht.

Die Odyssee erzählt, was nach dem Krieg passiert. Der kluge Held Odysseus will zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos nach Hause segeln. Dafür braucht er aber zehn Jahre! Er trifft einen einäugigen Riesen, eine Zauberin, die Männer in Schweine verwandelt, und singende Wesen namens Sirenen. Zu Hause wollen währenddessen unverschämte Männer sein Haus an sich reißen.

Bis heute gibt es ein Rätsel: Wir wissen nicht genau, wer Homer war. Manche Fachleute glauben, ein großer Dichter habe beide Gedichte geschaffen. Andere meinen, sie seien aus den Liedern vieler Sänger entstanden. Die Geschichten gehören zu den ältesten Europas. Fast 3.000 Jahre später lesen Menschen auf der ganzen Welt sie noch immer.

Auf einen Blick

Lebensdaten
Unbekannt; die Gedichte erhielten ihre heutige Gestalt wahrscheinlich im späten 8. oder im 7. Jahrhundert v. Chr.
Herkunft
Der Überlieferung nach Ionien an der Ägäisküste Kleinasiens; Smyrna und Chios erhoben in der Antike die stärksten Ansprüche
Sprache
Homerisches Griechisch, eine künstliche Literatursprache, die überwiegend ionische, daneben äolische und ältere Formen enthält
Dichtungsform
Epische Dichtung in daktylischen Hexametern, ursprünglich für den mündlichen Vortrag geschaffen
Werke
Ilias (15.693 Verse) und Odyssee (etwa 12.100 Verse), später jeweils in 24 Gesänge eingeteilt
Früher ebenfalls zugeschriebene Werke
Die Homerischen Hymnen, die komische Batrachomyomachia (Froschmäusekrieg) und weitere Werke, die heute als spätere Dichtungen anderer Autoren gelten
Zentrale Streitfrage
Die „Homerische Frage“: Wer schuf die Gedichte, wie und wann entstanden sie, und stammen beide von demselben Dichter?
Bedeutung
Grundlegende Werke der griechischen Literatur und Bildung sowie Vorbilder der epischen Dichtung weltweit

Einfach

Wer war Homer?

Für die alten Griechen war Homer schlicht „der Dichter“. Sie schrieben ihm die Ilias und die Odyssee zu, die beiden ältesten und am höchsten geschätzten Werke der griechischen Literatur. Seine Gedichte galten als Grundlage der Bildung, als Quelle gemeinsamer Geschichten über Götter und Helden und als Vorbild für Sprache und moralische Vorstellungen.

Über Homers Leben ist jedoch fast nichts bekannt. Die antiken „Lebensbeschreibungen Homers“ entstanden erst Jahrhunderte nach den Gedichten und widersprechen einander. Mehrere Städte beanspruchten, sein Geburtsort zu sein, darunter Smyrna (das heutige İzmir), Chios, Kolophon, Kyme, Argos und Athen. Den meisten Berichten zufolge war er blind und starb auf der kleinen Insel Ios. Auf Chios behauptete eine Familie oder Vereinigung von Vortragskünstlern, die Homeriden („Söhne Homers“), von ihm abzustammen.

Die heutige Forschung betrachtet diese Lebensgeschichten als Legenden. Manche bezweifeln, dass ein historischer Homer überhaupt existierte. Andere meinen, ein herausragender Dichter oder vielleicht zwei Dichter hätten die überlieferten Gedichte aus einer langen Tradition geformt. Der Name „Homer“ lässt sich am besten als die Bezeichnung verstehen, mit der die Griechen den Ursprung ihrer bedeutendsten Epen verbanden.

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Einfach

Die Ilias: der Zorn des Achill

Die Ilias spielt im zehnten Jahr der griechischen Belagerung Trojas. Ein anderer Name der Stadt, Ilion, gab dem Gedicht seinen Titel. Es erzählt nicht den gesamten Krieg, sondern konzentriert sich auf wenige Wochen und ein Thema, das schon sein erstes Wort nennt: mēnis, „Zorn“. Die Anfangszeile lässt sich so übersetzen: „Singe, Göttin, den Zorn des Achill, des Sohnes des Peleus.“

Die Handlung beginnt damit, dass Agamemnon, der Anführer des griechischen Heeres, dem größten griechischen Kämpfer Achill die gefangene Briseis wegnimmt. Tief gekränkt zieht Achill sich aus dem Kampf zurück. Er bittet seine Mutter, die Meeresgöttin Thetis, Zeus dazu zu bewegen, die Trojaner siegen zu lassen, bis die Griechen erkennen, wie sehr sie ihn brauchen. Die Trojaner unter der Führung Hektors, des Sohnes von König Priamos, drängen die Griechen bis zu ihren Schiffen zurück.

Achills engster Freund Patroklos legt Achills Rüstung an und zieht in die Schlacht, wo Hektor ihn tötet. Außer sich vor Trauer kehrt Achill in den Kampf zurück, tötet Hektor und schleift dessen Leichnam hinter seinem Streitwagen her. Im letzten Gesang geht der alte König Priamos nachts heimlich zu Achills Zelt und bittet um den Leichnam seines Sohnes. Die beiden Feinde weinen gemeinsam über ihre Verluste, und Achill gibt den Leichnam zurück. Das Gedicht endet nicht mit dem Fall Trojas, sondern mit Hektors Bestattung.

Die Ilias schildert viele Kämpfe, verherrlicht den Krieg aber keineswegs einfach. Sie zeigt mit großem Mitgefühl das Leid beider Seiten: Hektors Abschied von seiner Frau Andromache und seinem kleinen Sohn, den Schmerz der Eltern und die Gewissheit, dass Troja fallen und seine Frauen versklavt werden.

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Einfach

Die Odyssee: der lange Weg nach Hause

Die Odyssee begleitet Odysseus, den für seine List bekannten König der Insel Ithaka. Er soll sich auch das Trojanische Pferd ausgedacht haben. Das Gedicht beginnt mit der Aufforderung: „Erzähle mir, Muse, von dem vielgewandten Mann.“ Zehn Jahre nach dem Fall Trojas ist Odysseus noch immer nicht zu Hause. Seine Frau Penelope wird von Freiern bedrängt, die in seinem Palast schmausen und sie zur erneuten Heirat drängen. Sein Sohn Telemachos bricht auf, um Nachrichten über seinen Vater zu suchen.

Das Gedicht ist kunstvoll aufgebaut. Zuerst begegnen wir Odysseus auf der Insel der Nymphe Kalypso, die ihn sieben Jahre lang bei sich behalten hat. Endlich freigelassen, erleidet er Schiffbruch und gelangt zu den Phaiaken. Dort erzählt er von seinen Abenteuern: vom Kyklopen Polyphem, von der Zaubergöttin Kirke, von einer Reise ins Totenreich, von den Sirenen, den Ungeheuern Skylla und Charybdis und vom Verlust all seiner Gefährten, nachdem diese die heiligen Rinder des Sonnengottes gegessen haben.

Die Phaiaken bringen ihn nach Ithaka zurück. Als Bettler verkleidet prüft er die Treue der Menschen in seinem Haus. Sein alter Hund Argos und seine Amme Eurykleia erkennen ihn wieder. Gemeinsam mit Telemachos und treuen Dienern tötet er die Freier. Penelope ist ebenso klug wie ihr Mann: Mit dem Geheimnis ihres Ehebetts prüft sie ihn, bevor sie ihn als den wirklich heimgekehrten Odysseus anerkennt.

Während die Ilias von Krieg und Schicksal erzählt, handelt die Odyssee vom Überleben, von Gastfreundschaft, Verkleidung und Heimkehr. Sie ist zudem ein Vorbild für unzählige Abenteuergeschichten.

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Mittel

Wie die Gedichte entstanden: mündliche Dichtung

Beide Epen sind in daktylischen Hexametern verfasst. Dieser Vers besteht aus sechs Versfüßen und beruht auf Mustern langer und kurzer Silben. Die Gedichte enthalten viele wiederkehrende Wendungen, etwa die „rosenfingrige Morgenröte“, den „schnellfüßigen Achill“ und das „weindunkle Meer“. Jahrhundertelang gaben diese Wiederholungen den Lesern Rätsel auf.

Der amerikanische Gelehrte Milman Parry erklärte sie 1928 in seiner Pariser Doktorarbeit. Er zeigte, dass die schmückenden Beiwörter und Wendungen ein genaues System bilden: Für jeden Helden oder Gegenstand gibt es in einem bestimmten grammatischen Fall gewöhnlich eine feste Wendung, die an eine bestimmte Stelle des Verses passt. Ein solches System konnte nicht die Erfindung eines einzelnen Dichters sein. Es war über Generationen von Sängern entwickelt worden, die ihre Verse beim Vortrag schufen.

Um diese Idee zu prüfen, zeichneten Parry und sein Mitarbeiter Albert Lord in den 1930er-Jahren mündlich dichtende Sänger in Jugoslawien auf. Diese Sänger begleiteten sich mit einem einsaitigen Instrument namens Gusle. Mithilfe fester Wendungen und typischer Szenen konnten sie beim Vortrag lange Lieder schaffen. Einer von ihnen, Avdo Međedović, trug ein Lied mit mehr als 12.000 Versen vor. Lord erläuterte die Theorie später in The Singer of Tales (1960).

Die Theorie der mündlichen Dichtung mit festen Formeln veränderte die Homerforschung grundlegend. Sie zeigte, dass Ilias und Odyssee aus einer Tradition von Sängern (aoidoi) hervorgingen, wie sie in der Odyssee selbst mit Phemios und Demodokos auftreten. Zugleich entstand eine neue Frage: Wenn die Tradition mündlich war, wie und wann wurden gerade diese Gedichte aufgeschrieben?

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Mittel

Die Welt hinter den Gedichten

Die Gedichte schildern eine Heldenzeit mächtiger Könige, reicher Paläste und bronzener Waffen. Darin lebt teilweise die Erinnerung an die mykenische Kultur der späten Bronzezeit (etwa 1600–1100 v. Chr.) fort. Ihre Paläste in Mykene, Pylos und anderen Orten gingen um 1200 v. Chr. unter. Manche Einzelheiten sind tatsächlich alt, etwa der in der Ilias beschriebene Helm aus Eberzähnen, den Archäologen auch in mykenischen Gräbern gefunden haben. Der Schiffskatalog nennt zudem Orte, die eine frühe geografische Vorstellung widerspiegeln könnten.

Vieles in den Gedichten stammt jedoch aus späteren Zeiten. Die Helden verbrennen ihre Toten, wie es in der frühen Eisenzeit üblich war. Auch die dargestellte Gesellschaft mit ihren Anführern, Versammlungen und dem Austausch von Geschenken ähnelt der griechischen Welt des 10. bis 8. Jahrhunderts v. Chr. Die Gedichte verbinden am ehesten Erinnerungen und Bräuche aus vielen Epochen, die Generationen von Sängern miteinander verwoben.

Im 8. Jahrhundert v. Chr., als die Gedichte wahrscheinlich ihre spätere Gestalt anzunehmen begannen, veränderte sich Griechenland rasch. Die Bevölkerung wuchs, neue Stadtstaaten entstanden, Griechen gründeten Siedlungen im Mittelmeerraum, die großen Heiligtümer in Olympia und Delphi blühten auf, und die Griechen übernahmen das phönizische Alphabet. Damit konnten erstmals auch lange Gedichte schriftlich festgehalten werden.

Gab es einen Trojanischen Krieg? Als Lage des antiken Troja gilt im Allgemeinen der Hügel Hisarlık im Nordwesten der Türkei. Heinrich Schliemann grub dort seit den 1870er-Jahren; später forschten dort Carl Blegen und Manfred Korfmann. Troja war eine bedeutende Stadt, die in der späten Bronzezeit mehrfach zerstört wurde. Hethitische Texte erwähnen einen Ort namens Wilusa, den viele Forschende mit (W)Ilios verbinden. Ob hinter der Sage ein wirklicher Krieg steht, bleibt umstritten.

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Mittel

Ideen und Themen

Ehre und Sterblichkeit. Homerische Helden streben nach kleos, „Ruhm“: Ihr Name soll nach ihrem Tod in Liedern weiterleben. Achill weiß, dass er zwischen einem langen, wenig beachteten und einem kurzen, ruhmreichen Leben wählen muss. Die Ilias fragt, was Ruhm angesichts von Freundschaft, Liebe und dem Leben selbst wert ist. In der Odyssee sagt Achills Schatten, er wäre lieber ein armer Tagelöhner auf Erden als König über alle Toten.

Götter und Menschen. Die olympischen Götter ergreifen Partei, streiten und greifen ein, bisweilen auf komische Weise. Dennoch bleiben das Schicksal und die Grenzen des menschlichen Lebens ernste Themen. Die Gedichte zeigen eine Welt, in der Menschen für ihre Entscheidungen verantwortlich sind, auch wenn die Götter auf ihr Handeln einwirken.

Gastfreundschaft (xenia). Die Odyssee ist von den Regeln der Gastfreundschaft geprägt: Wie sollen Gastgeber Fremde aufnehmen, und wie sollen Gäste sich verhalten? Der Kyklop, der seine Gäste frisst, und die Freier, die Odysseus’ Haus missbrauchen, verstoßen besonders schwer gegen diese Regeln. Beide werden bestraft.

Klugheit und Identität. Odysseus überlebt durch List, Verkleidung und die Kunst des Erzählens. Die Odyssee ist voller Lügen und Prüfungen. Sie fragt, woran ein Mensch erkannt werden kann: an einer Narbe, einem Bogen oder dem Geheimnis eines Bettes. Weil Odysseus in vier Gesängen seine eigenen Abenteuer erzählt, spielt das Gedicht auch in heutigen Untersuchungen des Erzählens eine wichtige Rolle.

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Mittel

Vom Gesang zum Buch: Wie der Text überliefert wurde

Einer antiken Überlieferung zufolge ließ der athenische Herrscher Peisistratos (gestorben 528/527 v. Chr.) die homerischen Gedichte sammeln und ordnen. Beim Fest der Panathenäen in Athen wurden sie vollständig vorgetragen. Ob diese „peisistratische Redaktion“ tatsächlich stattfand, ist umstritten. Athen spielte aber erkennbar eine wichtige Rolle in der frühen schriftlichen Überlieferung der Gedichte.

In hellenistischer Zeit verglichen Gelehrte der Bibliothek von Alexandria Handschriften miteinander, kennzeichneten Verse, die sie für verdächtig hielten, und erarbeiteten einen maßgeblichen Text. Zu ihnen gehörten Zenodot von Ephesos, Aristophanes von Byzanz und vor allem Aristarch von Samothrake. Ihnen wird gewöhnlich auch die Einteilung beider Gedichte in jeweils 24 Gesänge zugeschrieben, die mit den Buchstaben des griechischen Alphabets bezeichnet wurden.

Hunderte Papyrusfragmente mit Versen Homers, überwiegend aus dem römischen Ägypten, zeigen, dass seine Gedichte zu den am häufigsten abgeschriebenen Texten der griechischen Welt gehörten. Die wichtigste mittelalterliche Handschrift der Ilias ist der Venetus A. Sie wurde im 10. Jahrhundert geschrieben und befindet sich heute in Venedig. Ihre Ränder bewahren Anmerkungen (Scholien) der alexandrinischen Gelehrten. Der französische Gelehrte Jean-Baptiste-Gaspard d’Ansse de Villoison veröffentlichte sie 1788.

Im westlichen Europa gingen die Griechischkenntnisse während des Mittelalters zurück, während Homer in Byzanz weiterhin gelesen wurde. Im 14. Jahrhundert förderten Petrarca und Boccaccio eine lateinische Übersetzung. 1488 veröffentlichte Demetrios Chalkokondyles in Florenz die erste gedruckte Ausgabe (editio princeps).

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Mittel

Wirkung und Nachleben

Im antiken Griechenland bildete Homer eine Grundlage der Bildung. Kinder lernten anhand seiner Verse lesen. Seine Geschichten lieferten einen gemeinsamen Hintergrund für Tragödien, Vasenmalerei und Philosophie. Herodot sagte, Homer und Hesiod hätten den Griechen ihre Vorstellungen von den Göttern vermittelt. Philosophen setzten sich kritisch mit Homer auseinander: Xenophanes tadelte die Dichter dafür, Götter als Diebe und Betrüger darzustellen. Platons Sokrates wollte die Dichtung in seinem idealen Staat verbannen oder zensieren. Aristoteles dagegen behandelte Homer in seiner Poetik als Vorbild für eine einheitliche Handlung.

Die Römer übernahmen Homer als Klassiker. Das erste bekannte lateinische Werk der Dichtung war eine Übersetzung der Odyssee durch Livius Andronicus im 3. Jahrhundert v. Chr. Vergils Aeneis gestaltet bewusst beide Gedichte neu: Ihre erste Hälfte erinnert mit ihren Irrfahrten an die Odyssee, die zweite mit ihrem Krieg an die Ilias.

In neuerer Zeit wurde Homer in die meisten Sprachen der Welt übersetzt. Schriftsteller griffen immer wieder auf seine Werke zurück: James Joyces Ulysses (1922) erzählt die Odyssee als einen einzigen Tag in Dublin neu. Der karibische Dichter Derek Walcott verlegt in Omeros (1990) homerische Themen nach St. Lucia. Neuere Übersetzungen und Romane lassen auch die Frauen der Gedichte stärker zu Wort kommen, etwa Penelope und die versklavten Trojanerinnen.

Außerhalb Europas wird Homer häufig mit anderen großen Epen verglichen: mit dem Gilgamesch-Epos, dem Mahabharata, dem Ramayana und dem Schāhnāme. Ihnen sind Merkmale wie eine lange mündliche Überlieferung, Vorstellungen von Heldentum und das Verhältnis zwischen Göttern und Sterblichen gemeinsam. Der Vergleich zeigt sowohl allgemeine Merkmale der epischen Dichtung als auch die Besonderheiten der griechischen Gedichte.

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Fortgeschritten

Die Homerische Frage

Die „Homerische Frage“ umfasst die Probleme, wer die Gedichte schuf und wie und wann sie entstanden. Schon in der Antike vertraten einige Gelehrte, die chorizontes („Trennenden“), die Ansicht, Ilias und Odyssee stammten von verschiedenen Dichtern. Die neuzeitliche Debatte begann mit Friedrich August Wolfs Prolegomena ad Homerum (1795). Wolf argumentierte, die Gedichte seien aus kürzeren, ursprünglich mündlich überlieferten Liedern zusammengesetzt worden; die Niederschrift sei erst spät erfolgt.

Die „Analytiker“ des 19. Jahrhunderts versuchten, die Gedichte in Schichten verschiedener Verfasser zu zerlegen. Sie verwiesen etwa auf Widersprüche, wenn eine Figur in einem Gesang getötet wird und später wieder erscheint. Die „Unitarier“ entgegneten, solche Versehen seien in einem langen Werk natürlich und die Gedichte zeigten jeweils einen einheitlichen Aufbau. Die Debatte blieb ungelöst.

Parry und Lord veränderten die Grundlagen der Debatte: Die Gedichte sind aus einer traditionellen mündlichen Dichtung hervorgegangen. Daraus ergaben sich neue Fragen. Albert Lord und spätere Forscher wie Richard Janko vermuteten, ein großer Sänger habe die Gedichte einem Schreiber diktiert und so um das 8. Jahrhundert einen festen Text geschaffen. Gregory Nagy schlug ein „evolutionäres Modell“ vor: Demnach verfestigten sich die Gedichte allmählich durch jahrhundertelange Aufführungen, ohne einen einzigen Zeitpunkt ihrer Entstehung. Andere, darunter Martin West, betonten die Rolle eines schreibkundigen Dichters im 7. Jahrhundert.

Die meisten Forschenden nehmen heute an, dass die Gedichte aus einer langen mündlichen Tradition erwuchsen und jedes von ihnen einen bemerkenswert einheitlichen Aufbau besitzt. Viele halten die Odyssee für etwas jünger als die Ilias. Ob „Homer“ ein einzelner Mensch war, ob es zwei Dichter gab oder ob der Name für eine Tradition steht, bleibt offen.

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Fortgeschritten

Datierung und Belege

Die antiken Angaben zu Homers Lebenszeit gingen weit auseinander. Herodot setzte Homer etwa 400 Jahre vor seiner eigenen Zeit an, also ungefähr in die Mitte des 9. Jahrhunderts v. Chr. Andere hielten Homer für einen Zeitgenossen des Trojanischen Krieges. Die heutige Datierung stützt sich auf Hinweise aus den Gedichten selbst und auf äußere Belege.

Sprachliche Hinweise: Das homerische Griechisch verbindet Formen verschiedener Epochen und Dialekte. Statistische Untersuchungen dazu, wie schnell bestimmte ältere Formen durch neuere ersetzt wurden, legen eine Abfolge von Ilias, Odyssee und dann Hesiod nahe. Richard Janko datierte die Ilias auf dieser Grundlage ins 8. Jahrhundert. Kritiker weisen darauf hin, dass eine künstliche Dichtersprache alte Formen bewusst bewahren kann. Solche Methoden liefern daher eher eine relative Reihenfolge als genaue Jahreszahlen.

Archäologische und historische Hinweise: Gegenstände und Bräuche, die in den Gedichten erwähnt werden, darunter Rüstungen, Tempel und Kultbilder, wurden für Datierungen ins 8. oder 7. Jahrhundert herangezogen. Martin West setzte die Ilias in die Mitte des 7. Jahrhunderts. Ein beschrifteter Tonbecher aus Pithekoussai in Italien („Nestors Becher“, spätes 8. Jahrhundert v. Chr.) scherzt über „Nestors Becher“. Manche Forschende sehen darin eine Anspielung auf einen berühmten Becher in der Ilias; das ist jedoch umstritten. Darstellungen aus dem trojanischen Sagenkreis werden in der Vasenmalerei im 7. Jahrhundert v. Chr. häufig.

Textbelege: Zitate bei Autoren des 5. und 4. Jahrhunderts, frühe Papyri mit zusätzlichen, stark abweichenden Versen und die alexandrinischen Scholien zeigen, dass der Text vor der hellenistischen Zeit noch nicht ganz feststand. Das stützt Modelle einer allmählichen Festlegung. Wahrscheinlich erreichten die Gedichte zwischen etwa 750 und 650 v. Chr. eine Gestalt, die ihrer heutigen ähnelt. Danach wurden sie noch weiter verändert.

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Fortgeschritten

Wie verlässlich sind die antiken Lebensbeschreibungen?

Die erhaltenen antiken Lebensbeschreibungen Homers, darunter eine fälschlich Herodot zugeschriebene und der Wettkampf zwischen Homer und Hesiod, stammen in ihrer heutigen Form aus römischer Zeit, greifen aber auf älteres Material zurück. Sie erzählen von Homers Geburt, Reisen, Blindheit, Dichtung und Tod. Häufig erfinden sie dabei Ereignisse aus Versen der Gedichte.

Die Blindheit ist ein gutes Beispiel. In der Odyssee liebt die Muse den blinden Sänger Demodokos. Ein Homerischer Hymnos an Apollon endet mit einem „blinden Mann, der auf dem felsigen Chios lebt“. Antike Leser hielten solche Stellen für Selbstporträts Homers. Die heutige Forschung sieht im blinden Sänger eher ein überliefertes Bild des inspirierten Dichters als einen Beleg für Homers Leben.

Auch die konkurrierenden Ansprüche auf Homers Geburtsort sagen mehr über spätere griechische Städte aus als über Homer selbst: Sich als seine Heimat auszugeben, brachte Ansehen. Antike und moderne Autoren haben den Namen „Homer“ als „Geisel“ gedeutet oder mit einem Wort für „blind“ verbunden. Diese Herleitungen sind jedoch unsicher.

Als Quellen sind die Lebensbeschreibungen wertvoll, weil sie zeigen, wie die Griechen sich Dichter vorstellten und wie Homer später aufgenommen wurde. Homers Leben lässt sich aus ihnen jedoch nicht rekonstruieren. Mit Sicherheit lässt sich nur sagen, dass die Griechen Ilias und Odyssee spätestens im 6. Jahrhundert v. Chr. mit einem verehrten Dichter namens Homer verbanden, den sie in Ionien verorteten.

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Kernideen

Epos
Ein langes erzählendes Gedicht über Helden und Götter in einer gehobenen Sprache; Ilias und Odyssee sind die ältesten erhaltenen Beispiele Europas.
Mündliche Dichtung mit festen Formeln
Dichten beim Vortrag mithilfe überlieferter Wendungen und Szenen, wie Parry und Lord es für Homer und südslawische Sänger nachwiesen.
Kleos
Ruhm, der „gehört wird“: Helden gewinnen ihn durch große Taten, und er lebt in Liedern fort.
Xenia
Gastfreundschaft: die als heilig geltenden Pflichten von Gastgebern und Gästen, die weite Teile der Odyssee prägen.
Mēnis (Zorn)
Das erste Wort der Ilias; Achills Zorn und seine Folgen treiben die Handlung voran.
Nostos
Heimkehr, das Thema der Odyssee und anderer griechischer Gedichte über die Rückkehr von Helden aus Troja.
Die Homerische Frage
Die lange wissenschaftliche Debatte über die Verfasser, die Entstehung, die Datierung und die Überlieferung der Gedichte.

Einträge

  1. um 1200 v. Chr. — Die mykenische Palastkultur bricht zusammen; Troja (Hisarlık) wird in der späten Bronzezeit zerstört.
  2. 1184 v. Chr. — Der hellenistische Gelehrte Eratosthenes berechnet dieses Jahr als Zeitpunkt des Falls von Troja.
  3. um 900 v. Chr. — In der frühen Eisenzeit entwickelt sich die griechische Tradition mündlich vorgetragener Epen.
  4. um 750 v. Chr. — Die Griechen übernehmen das Alphabet; Ilias und Odyssee beginnen, ihre spätere Gestalt anzunehmen (bis etwa 650 v. Chr.).
  5. um 720 v. Chr. — „Nestors Becher“ aus Pithekoussai trägt eine Inschrift, die scherzhaft auf Nestors Becher anspielt.
  6. um 550 v. Chr. — Der Überlieferung zufolge werden die Gedichte in Athen unter Peisistratos geordnet und bei den Panathenäen vorgetragen.
  7. um 150 v. Chr. — Aristarch von Samothrake arbeitet in Alexandria an seiner Homer-Ausgabe.
  8. um 950 n. Chr. — Die Ilias-Handschrift Venetus A wird in Byzanz abgeschrieben.
  9. 1488 — Demetrios Chalkokondyles veröffentlicht in Florenz die erste gedruckte Homer-Ausgabe.
  10. 1795 — Friedrich August Wolfs Prolegomena ad Homerum eröffnet die neuzeitliche Homerische Frage.
  11. 1873 — Heinrich Schliemann verkündet die Entdeckung von „Priamos’ Schatz“ in Hisarlık.
  12. 1928 — Milman Parrys Doktorarbeit über das traditionelle schmückende Beiwort bei Homer wird in Paris veröffentlicht.

Glossar

Daktylischer Hexameter
Das Versmaß des griechischen Epos mit sechs Versfüßen, das auf langen und kurzen Silben beruht.
Epitheton
Ein beschreibendes Wort oder eine Wendung zu einem Namen, etwa „der schnellfüßige Achill“.
Rhapsode
Ein berufsmäßiger Vortragskünstler, der homerische Dichtung vortrug, häufig bei Festen.
Aoidos
Ein Sänger und Dichter, der epische Lieder schuf und sang, wie Demodokos in der Odyssee.
Ionien
Der mittlere Abschnitt der Westküste Kleinasiens mit benachbarten Inseln, besiedelt von Griechen, die den ionischen Dialekt sprachen.
Mykenisch
Zur griechischen Kultur der späten Bronzezeit gehörend, die nach der Stadt Mykene benannt ist.
Scholien
Antike und mittelalterliche Anmerkungen am Rand von Handschriften.
Editio princeps
Die erste gedruckte Ausgabe eines Textes.
Analytiker und Unitarier
Zwei Forschungsrichtungen des 19. und 20. Jahrhunderts: Die einen teilten die Gedichte in Schichten auf, die anderen vertraten ihre Einheit.
Hisarlık
Der Hügel im Nordwesten der Türkei, der im Allgemeinen mit dem antiken Troja gleichgesetzt wird.

Fragen und Antworten

War Homer wirklich blind?

Das wissen wir nicht. Die antiken Geschichten über seine Blindheit beruhten wahrscheinlich auf blinden Sängern in den Gedichten und auf der Vorstellung vom inspirierten Dichter.

Hat Homer die Gedichte selbst aufgeschrieben?

Vielleicht nicht. Manche Forschende meinen, er habe sie diktiert. Andere glauben, der Text sei erst über Generationen von Aufführungen hinweg allmählich festgelegt worden.

Hat der Trojanische Krieg wirklich stattgefunden?

Troja war eine wirkliche Stadt, die in der späten Bronzezeit zerstört wurde. Ob es einen Krieg wie in den Gedichten gab, ist weiterhin umstritten.

Warum wiederholen sich so viele Wendungen?

Es sind überlieferte Formeln, die Sängern halfen, beim Vortrag lange Gedichte zu schaffen. Das wies Milman Parry nach.

Was ist älter, die Ilias oder die Odyssee?

Die meisten Forschenden halten aufgrund von Sprache und Inhalt die Ilias für etwas älter. Beide könnten jedoch in engem zeitlichen Abstand entstanden sein.

Hat derselbe Dichter beide Epen geschaffen?

Darüber gehen die Meinungen auseinander. Manche antiken und heutigen Gelehrten nehmen verschiedene Dichter an; andere sehen hinter beiden Werken denselben großen Dichter.

Wie lassen sich Ilias und Odyssee mit anderen Epen vergleichen?

Wie das Gilgamesch-Epos und die indischen Epen stammen sie aus langen Überlieferungen. Gemeinsam sind ihnen Themen wie Heldentum, Sterblichkeit und die Macht der Götter.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Homer. Wikipedia
  2. Homeric Question. Wikipedia
  3. Iliad. Wikipedia
  4. Odyssey. Wikipedia
  5. Milman Parry. Wikipedia
  6. Oral-formulaic composition. Wikipedia
  7. Venetus A. Wikipedia
  8. Homer, Homer, Iliad (Greek text). Perseus Digital Library, Tufts University
  9. Homer, Homer, Odyssey (Greek text). Perseus Digital Library, Tufts University
  10. Albert B. Lord, The Singer of Tales. Harvard University Press, 1960

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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.

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