Beginnen Sie oben mit einer einfachen Einführung. Weiter unten finden Sie mehr Details und Forschungsergebnisse.
- Einfach
- Mittel
- Fortgeschritten
Für junge Leser
Vergil wurde vor mehr als zweitausend Jahren auf einem Bauernhof bei Mantua in Norditalien geboren. Er war ein ruhiger, schüchterner Junge und liebte Bücher. Später wurde er Dichter. Man erzählt, dass er sich im nächsten Haus versteckte, wenn Bewunderer ihn auf der Straße erkannten.
Er lebte in einer beängstigenden Zeit. In Rom gab es Bürgerkriege. Das sind Kriege zwischen Menschen aus demselben Land. Soldaten nahmen Familien sogar ihre Bauernhöfe weg, damit ehemalige Soldaten sie bekamen. Schließlich gewann ein Mann namens Octavian die Kriege. Er wurde als Augustus der erste römische Kaiser. Vergil hoffte auf Frieden, vergaß aber nicht, wie sehr die Kriege den Menschen geschadet hatten.
Vergil schrieb drei große Werke. Das erste enthält kurze Gedichte über Hirten, die auf dem Land singen. Das zweite ist ein langes Gedicht über die Landwirtschaft: über das Pflügen, den Weinanbau, die Pflege von Kühen und die Haltung von Bienen. Das dritte ist sein berühmtestes Werk, die Aeneis.
Die Aeneis erzählt von Aeneas, einem Prinzen, der aus der Stadt Troja flieht, als die Griechen sie niederbrennen. Er trägt seinen alten Vater auf dem Rücken und führt seinen kleinen Sohn an der Hand. Nach vielen Abenteuern auf dem Meer und einer traurigen Liebesgeschichte mit Königin Dido von Karthago reist er in die Unterwelt. Dann erreicht er Italien und kämpft dort in einem Krieg. Die Römer glaubten, dass seine Nachkommen Rom gründeten.
Vergil arbeitete elf Jahre an der Aeneis. Er starb, bevor er sie fertig überarbeiten konnte. Er wollte, dass man sie verbrennt, doch der Kaiser verbot es. Zum Glück! Zweitausend Jahre lang lernten Kinder in Europa Latein, indem sie die Aeneis lasen. Auch Dichter von Dante bis heute bewundern sie.
Auf einen Blick
- Lebenszeit
- 15. Oktober 70 v. Chr. – 21. September 19 v. Chr.
- Geburtsort
- Andes, ein Dorf bei Mantua im cisalpinischen Gallien (Norditalien)
- Sterbeort
- Brundisium (Brindisi), auf der Rückreise aus Griechenland; beigesetzt bei Neapel
- Sprache
- Latein; alle seine Hauptwerke sind im daktylischen Hexameter verfasst
- Hauptwerke
- Eklogen (ca. 42–38 v. Chr.), Georgica (ca. 37–29 v. Chr.), Aeneis (29–19 v. Chr.; bei seinem Tod unvollendet)
- Förderer
- Gaius Maecenas und Kaiser Augustus
- Name
- Publius Vergilius Maro; im Englischen „Vergil“ oder „Virgil“ geschrieben
- Bedeutung
- Der bedeutendste Dichter der lateinischen Literatur und seit Dante und Milton ein Vorbild für europäische Epen
Einfach
Wer war Vergil?
Publius Vergilius Maro, im Deutschen Vergil genannt, war ein römischer Dichter aus der späten Republik und den ersten Jahren des Römischen Kaiserreichs. Drei seiner Werke sind vollständig erhalten: die Eklogen, zehn kurze Gedichte über Hirten; die Georgica, ein Lehrgedicht über die Landwirtschaft in vier Büchern; und die Aeneis, ein Epos in zwölf Büchern über den trojanischen Helden Aeneas, dessen Reise zur Entstehung des römischen Volkes führt.
Schon zu Lebzeiten galt Vergil als Roms größter Dichter. Seine Werke wurden fast sofort in Schulen unterrichtet, als Graffiti auf die Wände Pompejis geschrieben und sorgfältiger abgeschrieben als die Werke jedes anderen lateinischen Dichters. Für spätere Europäer war er einfach „der Dichter“, dessen Werke jeder gebildete Mensch kannte.
Vergils Dichtung ist berühmt für ihren schönen Klang, ihre Fähigkeit, mit wenigen Worten viel auszudrücken, und vor allem für ihr Mitgefühl mit leidenden Menschen. Ein Vers aus der Aeneis, sunt lacrimae rerum, „auch die Dinge haben Tränen“, ist zu einem Sinnbild für die Trauer geworden, die sich durch die Geschichte zieht.
Einfach
Leben: von Mantua nach Neapel
Vergil wurde am 15. Oktober 70 v. Chr. in Andes geboren, einem Dorf bei Mantua in der Poebene. Diese Gegend hieß cisalpinisches Gallien („Gallien diesseits der Alpen“) und erhielt erst 49 v. Chr., als Vergil noch jung war, vollständig das römische Bürgerrecht. Seine Familie besaß offenbar einen Bauernhof. Antike Lebensbeschreibungen berichten, sein Vater sei Töpfer oder Lohnarbeiter gewesen. Er habe Magia Polla, die Tochter seines Arbeitgebers, geheiratet und sei durch Bienenzucht und den Kauf von Wald zu Wohlstand gekommen. Solche Einzelheiten könnten jedoch später erfunden worden sein.
Vergil erhielt seine Ausbildung in Cremona und Mailand und später in Rom. Dort studierte er Rhetorik, die Kunst des öffentlichen Redens, die junge Männer auf eine Laufbahn in Recht und Politik vorbereitete. Laut seinem Biografen sprach er nur einmal vor Gericht und war dabei so langsam und unbeholfen, dass er es aufgab. Stattdessen wandte er sich der Philosophie zu, schloss sich bei Neapel dem Kreis des epikureischen Lehrers Siro an und begann zu dichten.
Eine antike Lebensbeschreibung schildert ihn als groß und dunkelhaarig, mit ländlichem Aussehen, oft kränklich und so bescheiden, dass die Menschen in Neapel ihm den Beinamen Parthenias, „die Jungfrau“, gaben. Er heiratete nie. Den größten Teil seines Erwachsenenlebens verbrachte er in Kampanien, in der Gegend um Neapel, und nicht in Rom.
Im Jahr 19 v. Chr., als die Aeneis fast fertig war, reiste Vergil nach Griechenland. Dort wollte er drei Jahre lang an ihr arbeiten. In Athen traf er Augustus, der ihn zur Rückkehr nach Italien überredete. Unterwegs erkrankte Vergil in Megara an Fieber. Er starb am 21. September 19 v. Chr. im Alter von 50 Jahren in Brundisium. Seine sterblichen Überreste wurden nach Neapel gebracht. Dort wird noch heute ein Grab als seines gezeigt, doch ob es wirklich sein Grab ist, bleibt ungewiss.
Einfach
Aufwachsen in einer Zeit der Bürgerkriege
Vergils Leben fiel in die letzten gewaltsamen Jahrzehnte der Römischen Republik. Als er ein junger Mann war, überschritt Julius Caesar den Rubikon (49 v. Chr.) und kämpfte gegen Pompeius. Im Jahr 44 v. Chr. wurde Caesar ermordet. Sein Erbe Octavian verbündete sich daraufhin mit Marcus Antonius und Lepidus. Gemeinsam besiegten sie Caesars Mörder 42 v. Chr. bei Philippi. Schließlich kämpfte Octavian gegen Antonius und Kleopatra und besiegte sie 31 v. Chr. bei Actium. Im Jahr 27 v. Chr. verlieh ihm der Senat den Namen Augustus. Für die römische Welt begann eine lange Zeit der Alleinherrschaft, die als „Wiederherstellung“ der Republik dargestellt wurde.
Diese Kriege trafen gewöhnliche Familien unmittelbar. Nach der Schlacht bei Philippi wurde in vielen Teilen Italiens Land eingezogen und entlassenen Soldaten gegeben, auch in der Gegend um Mantua und Cremona. Antike Biografen berichten, dass Vergils eigener Bauernhof eingezogen und ihm dank einflussreicher Freunde zurückgegeben wurde. Heutige Forschende betrachten diese Geschichte vorsichtig, weil sie aus seinen Gedichten abgeleitet worden sein könnte.
Um 38 v. Chr. schloss sich Vergil dem Kreis des Gaius Maecenas an, eines engen Beraters Octavians und bedeutenden Förderers der Literatur. Dort kannte er den Dichter Horaz, den Vergil und sein Freund Varius bei Maecenas einführten. Horaz nannte Vergil „die Hälfte meiner Seele“. Durch Maecenas kam Vergil auch Octavian selbst nahe. Diese Nähe prägte seine Laufbahn und beeinflusst bis heute die Diskussion über seine Dichtung.
Mittel
Die Eklogen: Hirten, Gesang und Politik
Die Eklogen (auch Bukolika genannt) sind zehn Gedichte, die um 39–38 v. Chr. veröffentlicht wurden. Sie bilden Vergils erstes großes Werk. Als Vorbild dienten die Idyllen des griechischen Dichters Theokrit (3. Jahrhundert v. Chr.), der über sizilische Hirten schrieb, die im Gesang miteinander wetteifern. Auch Vergils Hirten singen von Liebe und Verlust, doch die Ereignisse ihrer Zeit stören ihre Welt.
Die erste Ekloge beginnt mit zwei Hirten. Meliboeus wurde von seinem Land vertrieben und muss ins Exil gehen. Tityrus durfte seinen Hof dank eines „jungen Mannes“ in Rom behalten, in dem man gewöhnlich Octavian sieht. Das Gedicht stellt das friedliche Landleben der Gewalt der Landenteignungen gegenüber. Viele Leserinnen und Leser haben darin Vergils eigene Erfahrung wiedererkannt.
Die vierte Ekloge ist an den Konsul Asinius Pollio gerichtet und stammt aus dem Jahr 40 v. Chr. Sie kündigt die Geburt eines Kindes an, unter dem ein goldenes Zeitalter zurückkehren werde. Forschende diskutieren, wer gemeint war: ein Kind Pollios, ein Kind von Antonius und Octavia oder niemand Bestimmtes. Spätere Christen, darunter Kaiser Konstantin, lasen das Gedicht als Prophezeiung der Geburt Christi. Das trug dazu bei, dass Vergil im christlichen Mittelalter anerkannt und sogar verehrt wurde.
In diesen Gedichten schuf Vergil die Vorstellung von Arkadien, einer erfundenen Hirtenlandschaft, die in der europäischen Kunst und Literatur zu einem dauerhaften Bild verlorener Unschuld wurde. Das letzte Gedicht endet mit den berühmten Worten omnia vincit Amor, „die Liebe besiegt alles“.
Mittel
Die Georgica: Dichtung über die Arbeit
Die Georgica entstand im Laufe von etwa sieben Jahren, wurde um 29 v. Chr. vollendet und ist Maecenas gewidmet. Sie ist ein Lehrgedicht in vier Büchern: Buch 1 behandelt Feldfrüchte und Wetter, Buch 2 Bäume und Reben, Buch 3 Rinder, Pferde und andere Nutztiere und Buch 4 Bienen. Zu ihren Vorbildern gehören Werke und Tage des griechischen Dichters Hesiod und das philosophische Gedicht Über die Natur der Dinge des römischen Dichters Lukrez.
Obwohl die Georgica viele praktische Einzelheiten enthält, ist sie kein Handbuch für die Landwirtschaft. Sie denkt über menschliche Arbeit, die Natur und die Zerbrechlichkeit jeder Ordnung nach. Vergil schreibt, dass „unermüdliche Arbeit alles überwand“ (labor omnia vicit improbus). Doch Stürme, Seuchen und Kriege bedrohen immer wieder das, was Bauern geschaffen haben. Am Ende von Buch 1 beschreibt er das vom Bürgerkrieg zerrissene Italien, wo „die gebogenen Sicheln zu Schwertern geschmiedet werden“.
Buch 4 enthält eine von Vergils schönsten Geschichten: Der Imker Aristaios verliert seine Bienen und erfährt, dass er den Tod Eurydikes verursacht hat, der Frau des Sängers Orpheus. Orpheus steigt in die Unterwelt hinab, um sie zurückzuholen. Doch er blickt zu früh zurück und verliert sie für immer. Eine antike Lebensbeschreibung berichtet, dass Vergil die fertige Georgica Octavian 29 v. Chr. an vier Tagen vorlas. Wenn seine Stimme müde wurde, übernahm Maecenas.
Mittel
Die Aeneis: Handlung und Aufbau
Die Aeneis entstand zwischen 29 v. Chr. und Vergils Tod im Jahr 19 v. Chr. Sie ist ein Epos in zwölf Büchern mit 9.896 Versen im daktylischen Hexameter, dem Versmaß Homers. Sie beginnt mit arma virumque cano, „Waffen und den Mann besinge ich“. Ihre erste Hälfte (Bücher 1–6) erinnert an Homers Odyssee, eine Geschichte von Irrfahrten. Die zweite Hälfte (Bücher 7–12) erinnert an die Ilias, eine Geschichte vom Krieg.
In Buch 1 treibt ein Sturm, den die Göttin Juno aus Hass auf die Trojaner geschickt hat, Aeneas’ Flotte nach Karthago in Nordafrika. Dort empfängt Königin Dido die Flüchtlinge. In den Büchern 2 und 3 erzählt Aeneas ihr vom Untergang Trojas und seinen jahrelangen Irrfahrten. In Buch 4 verlieben sich Dido und Aeneas. Doch der Gott Merkur erinnert Aeneas daran, dass sein Schicksal ihn nach Italien führt. Er verlässt Dido. Die Verlassene nimmt sich das Leben und verflucht seine Nachkommen. So erklärt der Mythos den Ursprung der Kriege zwischen Rom und Karthago.
Buch 6 bildet die Mitte des Gedichts. Von der Sibylle von Cumae geführt, besucht Aeneas die Unterwelt. Dort zeigt ihm der Geist seines Vaters Anchises die Seelen künftiger Römer, von den Königen bis zu Augustus. Anchises sagt ihm, Roms Aufgabe werde es sein, „die Besiegten zu schonen und die Hochmütigen niederzukämpfen“. In den Büchern 7–12 landen die Trojaner in Latium. Ein erbitterter Krieg mit den italischen Völkern unter der Führung des Turnus bricht aus. Aeneas’ junger Verbündeter Pallas wird von Turnus getötet. Das Gedicht endet unvermittelt: Der besiegte Turnus bittet um Gnade. Aeneas zögert, sieht dann den Gürtel, den Turnus dem toten Pallas abgenommen hat, und tötet Turnus voller Zorn.
Das Gedicht blieb unvollendet. Etwa 58 Verse sind unvollständig, und Vergil hatte weitere Überarbeitungen geplant. Laut einer antiken Lebensbeschreibung bat er darum, das Manuskript zu verbrennen. Augustus befahl jedoch seinen literarischen Nachlassverwaltern Lucius Varius Rufus und Plotius Tucca, es zu veröffentlichen, ohne etwas hinzuzufügen.
Mittel
Zentrale Themen: Pflicht, Schicksal, Reich und der Preis der Geschichte
Pietas. Aeneas wird häufiger als mit jedem anderen Beinamen pius, „pflichtbewusst“, genannt. Die römische pietas bezeichnete die Treue zu den Göttern, zur Familie und zum Vaterland. Aeneas trägt seinen Vater Anchises aus dem brennenden Troja und führt zugleich seinen Sohn Ascanius an der Hand. Dieses Bild wurde zu einem Sinnbild des Ideals. Doch pietas verlangt auch Opfer: Aeneas muss Dido und seine eigenen Wünsche zurücklassen, um seinem Schicksal zu folgen.
Schicksal und Götter. Die Aeneis wird vom fatum bestimmt, dem von Jupiter verkündeten Schicksal: Aeneas wird Italien erreichen, und seine Nachkommen werden Rom gründen. Juno kann das nicht verhindern, aber sie kann es verzögern und großes Leid verursachen. Der Vers „So gewaltig war die Mühe, das römische Volk zu gründen“ (tantae molis erat Romanam condere gentem) fasst den Preis dieses Schicksals zusammen.
Reich und Augustus. Das Gedicht verherrlicht Roms Auftrag und Augustus. Er wird als Nachkomme von Aeneas’ Sohn Iulus und als Herrscher dargestellt, der ein goldenes Zeitalter zurückbringen wird. Augustus’ Sieg bei Actium ist in Buch 8 auf Aeneas’ Schild zu sehen. Zugleich zeigt das Gedicht tiefes Mitgefühl für Roms Opfer und Feinde: Dido, Turnus, die jungen Krieger Nisus und Euryalus, die Kriegerin Camilla und die vielen Mütter und Väter, die um ihre Kinder trauern.
Leid und Mitgefühl. Vergils charakteristischer Ton ist schwermütig. Helden weinen; Siege sind mit Verlusten verbunden; der künftige Ruhm Roms wird mit Menschenleben erkauft. Diese doppelte Sicht, Stolz auf Rom und Trauer über den Preis seines Aufstiegs, lässt das Gedicht auch heute noch eindringlich und für verschiedene Deutungen offen erscheinen.
Mittel
Wirkung: vom römischen Klassenzimmer zur Weltliteratur
Römische Leser betrachteten Vergil sofort als Klassiker. Noch bevor die Aeneis veröffentlicht wurde, verkündete der Dichter Properz, dass „etwas Größeres als die Ilias entsteht“. Schulkinder im ganzen Reich schrieben seine Verse ab. Gelehrte verfassten Kommentare zu seinen Werken, vor allem Servius im späten 4. Jahrhundert. Sein Kommentar bewahrt umfangreiches Wissen aus der Antike. Manche Menschen schlugen Vergils Werke sogar an einer zufälligen Stelle auf, um seine Verse als Orakel zu befragen. Dieser Brauch hieß sortes Vergilianae.
Christliche Schriftsteller hatten ein zwiespältiges Verhältnis zu ihm. Augustinus bekannte, dass er als Junge um Dido weinte, während er seinen eigenen seelischen Zustand nicht beachtete. Durch eine Deutung der vierten Ekloge als Ankündigung Christi erschien Vergil beinahe als heidnischer Prophet. In mittelalterlichen Legenden, besonders im Raum Neapel, wurde er zu einem Zauberer, der Wunderwerke schuf und die Stadt beschützte.
Dante wählte Vergil in der Göttlichen Komödie (frühes 14. Jahrhundert) zu seinem Führer durch Hölle und Fegefeuer und nannte ihn seinen Meister und Autor. Dichter der Renaissance und der frühen Neuzeit, darunter Ariost, Tasso, Camões und Milton, maßen ihre Epen an der Aeneis. John Drydens englische Übersetzung (1697) prägte die englische Dichtung. Im 20. Jahrhundert nannte T. S. Eliot Vergil den Klassiker ganz Europas, und Hermann Broch schrieb den Roman Der Tod des Vergil (1945).
Vergil gehört auch zur Geschichte der Politik. Die Aeneis wurde zum Vorbild für spätere Staaten, die von einem göttlichen Auftrag und einer Bestimmung zur Herrschaft erzählen wollten. Heutige Leserinnen und Leser, von postkolonialen Schriftstellern bis zu Altertumsforschenden, lesen sie oft zugleich als Gründungserzählung eines Reiches und als Kritik an dessen menschlichen Kosten.
Fortgeschritten
Wie zuverlässig sind die antiken Lebensbeschreibungen Vergils?
Fast alles, was wir über Vergils Leben wissen, stammt aus der Vita Donatiana. Der Grammatiker Aelius Donatus stellte diese Lebensbeschreibung im 4. Jahrhundert seinem Kommentar voran. Man nimmt allgemein an, dass sie größtenteils auf dem verlorenen Werk Über Dichter von Sueton (frühes 2. Jahrhundert n. Chr.) beruht. Weitere kurze Lebensbeschreibungen finden sich bei den Kommentaren von Servius und „Probus“; hinzu kommen mittelalterliche Erweiterungen.
Diese Quellen enthalten wertvolle Informationen, aber auch viele Anekdoten. Antike Biografen leiteten Einzelheiten über das Leben eines Dichters oft aus dessen eigenen Werken ab. So betrachteten sie beispielsweise Hirten aus den Eklogen als Abbilder Vergils. Die Geschichte vom eingezogenen und zurückgegebenen Bauernhof, die Berufe seiner Eltern und manche Erzählungen über seine Schüchternheit könnten auf solchen Deutungen beruhen. Heutige Forschende akzeptieren die Grundzüge seines Lebens, die Geburts- und Sterbedaten, seine Ausbildung und Förderung sowie die Umstände der Veröffentlichung der Aeneis. Viele Einzelheiten beurteilen sie jedoch vorsichtig.
Berühmt ist die Grabinschrift, die Vergil laut der Lebensbeschreibung selbst verfasst haben soll: Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc / Parthenope; cecini pascua, rura, duces, „Mantua hat mich geboren, die Kalabrier haben mich hinweggenommen, nun birgt mich Neapel; ich besang Weiden, Äcker und Anführer.“ Sie fasst sein Leben und seine drei Werke auffallend treffend zusammen. Gerade deshalb vermuten manche Forschende, dass jemand anderes sie geschrieben hat.
Fortgeschritten
Forschungsdebatten: Optimismus, Pessimismus und die „zwei Stimmen“
Eine zentrale Frage der heutigen Forschung zur Aeneis betrifft ihre Haltung zu Augustus und zum Römischen Reich. Lange wurde das Gedicht als Feier Roms und der Herrschaft des Augustus gelesen, mit Aeneas als Vorbild eines pflichtbewussten Herrschers. Mitte des 20. Jahrhunderts betonte eine Gruppe amerikanischer Forscher, die manchmal „Harvard School“ genannt wird, dagegen die dunkleren Seiten des Gedichts. Zu ihr gehörten Adam Parry, Wendell Clausen und Michael Putnam. In seinem Aufsatz „The Two Voices of Virgil’s Aeneid“ (1963) vertrat Parry die Ansicht, dass neben der öffentlichen Stimme des Triumphs eine private Stimme der Trauer und des Verlusts zu hören sei.
Der Schluss ist der entscheidende Streitpunkt. Manche Forschende halten Aeneas’ Tötung des Turnus für gerecht und notwendig, als Ausdruck seiner pietas gegenüber dem toten Pallas. Andere sehen darin ein Scheitern an dem von Anchises verkündeten Ideal, „die Besiegten zu schonen“. Ihrer Ansicht nach endet das Gedicht in Zorn statt in Versöhnung. Ähnliche Debatten gelten den Toren des Schlafs am Ende von Buch 6. Aeneas verlässt die Unterwelt durch das elfenbeinerne Tor, das Tor der trügerischen Träume. Manche deuten dieses Detail als Zweifel an der Prophezeiung von Roms Ruhm.
Viele Forschende lehnen heute eine einfache Wahl zwischen „optimistischer“ und „pessimistischer“ Deutung ab. Sie meinen, dass das Gedicht beide Sichtweisen in Spannung hält, dass seine Mehrdeutigkeit die wirkliche Vielschichtigkeit des Lebens unter Augustus widerspiegelt oder dass diese Kategorien selbst erst von heutigen Lesern an das Werk herangetragen werden. Richard F. Thomas hat gezeigt, wie stark die Geschichte der Vergilforschung von der Politik der jeweiligen Zeit geprägt wurde, auch durch Deutungen unter autoritären Regimen des 20. Jahrhunderts.
Weitere Fragen betreffen Vergils Verhältnis zu seinen griechischen Vorbildern (Homer, Apollonios von Rhodos, Theokrit, Hesiod) und seinen lateinischen Vorgängern (Ennius, Lukrez, Catull), das Ausmaß der Unvollendetheit der Aeneis und die Echtheit der Appendix Vergiliana. Diese Sammlung kürzerer Gedichte wurde Vergil schon in der Antike zugeschrieben; die meisten gelten heute nicht als seine Werke.
Fortgeschritten
Der Text: Handschriften und Überlieferung
Vergil ist der am besten überlieferte lateinische Dichter der Antike. Außergewöhnlich ist, dass mehrere Handschriften noch aus der Spätantike selbst stammen (4. bis 6. Jahrhundert n. Chr.). Dazu gehören der Vergilius Vaticanus und der Vergilius Romanus, beide mit gemalten Bildern und heute in der Vatikanischen Bibliothek, außerdem der Mediceus in Florenz, der Palatinus und Fragmente des Vergilius Augusteus. Hinzu kommen Tausende mittelalterliche Handschriften.
Vergils Worte sind außerdem in Zitaten antiker Grammatiker, im Kommentar des Servius, auf Papyri aus Ägypten, in Schulübungen und als Graffiti aus dem 79 n. Chr. zerstörten Pompeji erhalten. Dank dieser voneinander unabhängigen Zeugnisse können Herausgeber den Text der Handschriften mit erheblich älteren Belegen vergleichen.
In der englischsprachigen Forschung war R. A. B. Mynors’ Ausgabe in der Reihe Oxford Classical Texts (1969) über viele Jahrzehnte die maßgebliche kritische Edition. Neuere Ausgaben haben die Auswertung der Belege verfeinert. Weil die Aeneis erst nach Vergils Tod veröffentlicht wurde, prüfen Herausgeber auch, welche Merkmale, etwa die unvollständigen Verse, seiner Absicht entsprechen und welche auf den unfertigen Zustand des Werks zurückgehen. Die antike Lebensbeschreibung betont, dass Varius und Tucca nichts hinzufügten.
Kernideen
- Pietas
- Pflichtbewusste Treue zu Göttern, Familie und Vaterland; die wichtigste Tugend des „frommen Aeneas“ und ein zentraler römischer Wert.
- Fatum (Schicksal)
- Das von Jupiter bestimmte Schicksal, nach dem Aeneas Italien erreichen und seine Nachkommen Rom gründen werden. Die Götter können es verzögern, aber nicht ändern.
- Auftrag zur Herrschaft
- Anchises’ Prophezeiung, dass Rom herrschen, die Besiegten schonen und die Hochmütigen niederkämpfen soll; verbunden mit der neuen Ordnung des Augustus.
- Preis der Geschichte
- Vergils Mitgefühl für Opfer wie Dido, Turnus und gefallene junge Männer zeigt das Leid hinter Roms Ruhm.
- Hirtendichtung (Arkadien)
- Die idealisierte Welt der Hirten in den Eklogen, die zu einem dauerhaften Bild für Frieden und verlorene Unschuld wurde.
- Arbeit und Natur
- Die Georgica stellt die Arbeit auf dem Land als heldenhaft dar, aber auch als ständig durch Wetter, Krankheiten und Krieg bedroht.
- Nachahmung und Wettstreit
- Vergil gestaltete Werke von Homer, Theokrit und Hesiod neu und schuf römische Gegenstücke. Die schöpferische Nachahmung wurde damit zu einem wichtigen literarischen Verfahren.
Einträge
- 70 v. Chr. — Vergil wird am 15. Oktober bei Mantua geboren (70 v. Chr.).
- 49 v. Chr. — Julius Caesar verleiht den Menschen nördlich des Po, auch in Vergils Heimat, das römische Bürgerrecht (49 v. Chr.).
- 44 v. Chr. — Julius Caesar wird ermordet (44 v. Chr.).
- 42 v. Chr. — Schlacht bei Philippi; danach wird in Norditalien Land für ehemalige Soldaten eingezogen (42 v. Chr.).
- um 39 v. Chr. — Die Eklogen werden veröffentlicht; Vergil schließt sich dem Kreis des Maecenas an (ca. 39–38 v. Chr.).
- 31 v. Chr. — Octavian besiegt Antonius und Kleopatra bei Actium (31 v. Chr.).
- 29 v. Chr. — Vergil vollendet die Georgica und liest sie Octavian vor; er beginnt die Aeneis (29 v. Chr.).
- 27 v. Chr. — Octavian erhält den Namen Augustus (27 v. Chr.).
- 19 v. Chr. — Vergil stirbt am 21. September in Brundisium (19 v. Chr.); kurz darauf veröffentlichen Varius und Tucca die Aeneis.
- um 400 n. Chr. — Servius verfasst seinen Kommentar; etwa zur selben Zeit entsteht der bebilderte Vergilius Vaticanus.
- um 1308 — Dante beginnt die Göttliche Komödie, in der Vergil ihn durch Hölle und Fegefeuer führt.
- 1697 — John Dryden veröffentlicht seine englische Übersetzung von Vergils Werken.
Glossar
- Epos
- Ein langes erzählendes Gedicht über Helden, Götter und bedeutende Ereignisse, zum Beispiel Homers Ilias oder Vergils Aeneis.
- Daktylischer Hexameter
- Das Versmaß griechischer und lateinischer Epen mit sechs Versfüßen aus langen und kurzen Silben.
- Ekloge
- Ein kurzes Gedicht, besonders ein Hirtengedicht, in dem Hirten miteinander sprechen oder singen.
- Lehrgedicht
- Ein Gedicht, das Wissen über ein Thema vermittelt, etwa über die Landwirtschaft in der Georgica.
- Mäzen
- Ein wohlhabender oder mächtiger Förderer von Kunst und Literatur; Vergils Förderer waren Maecenas und Augustus.
- Cisalpinisches Gallien
- Die römische Bezeichnung für Norditalien südlich der Alpen, wo Vergil geboren wurde.
- Aeneas
- Ein trojanischer Prinz und Sohn der Göttin Venus, den die Römer als Vorfahren ihres Volkes ansahen.
- Sibylle
- Eine Seherin; die Sibylle von Cumae führt Aeneas in Buch 6 durch die Unterwelt.
- Kommentar
- Eine wissenschaftliche Erklärung eines Textes, oft Vers für Vers; der Kommentar des Servius zu Vergil ist der wichtigste aus der Antike.
- Appendix Vergiliana
- Eine Sammlung kürzerer Gedichte, die Vergil schon in der Antike zugeschrieben wurden, heute aber größtenteils nicht als seine Werke gelten.
Fragen und Antworten
Heißt es „Virgil“ oder „Vergil“?
Beide Schreibweisen werden verwendet. Sein lateinischer Name lautete Vergilius. In der Spätantike und im Mittelalter verbreitete sich die Schreibweise Virgilius. Daher ist im Englischen „Virgil“ üblich, während manche Forschende „Vergil“ bevorzugen. Im Deutschen ist „Vergil“ gebräuchlich.
Wovon handelt die Aeneis?
Sie erzählt, wie der trojanische Prinz Aeneas aus dem untergehenden Troja entkommt, über das Mittelmeer irrt, Königin Dido von Karthago liebt und verlässt, die Unterwelt besucht und in Italien Krieg führt. Damit bereitet er die spätere Gründung Roms vor.
Wollte Vergil wirklich, dass die Aeneis verbrannt wird?
Eine antike Lebensbeschreibung berichtet das, weil Vergil sein Werk für unvollendet hielt. Augustus setzte sich über seinen Wunsch hinweg. Ob die Geschichte genau so stimmt, lässt sich nicht beweisen. Das Gedicht enthält jedoch unvollständige Verse.
Schrieb Vergil nur Propaganda für Augustus?
Das Gedicht preist Augustus und Rom, zeigt aber auch tiefes Mitgefühl für Roms Opfer und endet verstörend. Forschende diskutieren, wie diese Seiten zusammenpassen. Viele meinen, dass das Gedicht beide Sichtweisen bewusst nebeneinanderstellt.
Warum erscheint Vergil in Dantes Göttlicher Komödie?
Für Dante verkörperte Vergil höchste menschliche Weisheit und Dichtkunst. Außerdem enthält seine Aeneis eine Reise in die Unterwelt. Als Nichtchrist kann er Dante durch Hölle und Fegefeuer führen, aber nicht ins Paradies.
Welche Quellen berichten über Vergils Leben?
Vor allem die Lebensbeschreibung des Aelius Donatus, die sich wahrscheinlich auf Sueton stützt, sowie kürzere Lebensbeschreibungen von Servius und anderen. Sie enthalten verlässliche Angaben und Anekdoten, von denen manche aus den Gedichten abgeleitet wurden.
Warum sind die kurzen Eklogen wichtig?
Sie schufen das literarische Arkadien, verbanden aktuelle Politik mit Hirtendichtung und ließen Vergil durch die vierte Ekloge späteren Christen wie einen Propheten Christi erscheinen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Virgil. Wikipedia
- 베르길리우스. 위키백과
- Aeneid. Wikipedia
- Eclogues. Wikipedia
- Georgics. Wikipedia
- Aelius Donatus. Wikipedia
- Servius the Grammarian. Wikipedia
- Vergil, Aeneid (trans. Theodore C. Williams, 1910). Perseus Digital Library, Tufts University
- R. A. B. Mynors (ed.), P. Vergili Maronis Opera. Oxford University Press (Oxford Classical Texts), 1969
- Richard F. Thomas, Virgil and the Augustan Reception. Cambridge University Press, 2001
Verwandte Inhalte
- HomerDer Dichter, dem die Überlieferung die „Ilias“ und die „Odyssee“, die grundlegenden Epen der griechischen Literatur, zuschreibt. Ob ein einzelner Mensch beide verfasste, ist umstritten.
- Gründung RomsDie überlieferte Gründung Roms wird auf 753 v. Chr. datiert, doch sowohl dieses Datum als auch die Geschichte von Romulus gehören zu einer späteren Legende.
- Ermordung von Iulius CaesarDie Tötung von Iulius Caesar durch eine Gruppe römischer Senatoren am 15. März 44 v. Chr.
- Die Göttliche KomödieItalienisches erzählendes Gedicht von Dante Alighieri über eine Reise durch Hölle, Fegefeuer und Paradies.
- Augustinus von HippoEin christlicher Bischof und Denker, dessen Schriften die westliche Theologie und Philosophie prägten.
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
