Beginnen Sie oben mit einer einfachen Einführung. Weiter unten finden Sie mehr Details und Forschungsergebnisse.
- Einfach
- Mittel
- Fortgeschritten
Für junge Leser
Vor etwa 1.500 Jahren, lange vor Autos und Zügen, lag eine der größten Städte der Welt im Hochland von Mexiko. Sie hatte breite, gerade Straßen, riesige Pyramiden und bunt bemalte Wände. Ungefähr hunderttausend Menschen lebten dort. Heute nennen wir die Stadt Teotihuacan.
Das größte Bauwerk ist die Sonnenpyramide. Sie ist ungefähr so hoch wie ein Haus mit zwanzig Stockwerken. Ihre Grundfläche ist breiter als zwei Fußballfelder. Die Menschen trugen Erde und Steine Korb für Korb herbei. Sie hatten keine Eisenwerkzeuge, keine Wagen und keine großen Zugtiere wie Pferde oder Ochsen.
Die meisten Menschen wohnten in großen Wohnanlagen aus Stein. Viele Räume lagen um offene Höfe herum. Dort lebten mehrere Familien zusammen. Auch Menschen aus fernen Gegenden zogen in die Stadt. In einem Viertel wohnten Familien aus Oaxaca im Süden Mexikos. Sie bewahrten ihre eigenen Bräuche über viele Jahrhunderte.
Niemand weiß, wie die Menschen ihre Stadt selbst nannten oder welche Sprache sie genau sprachen. Sie malten Zeichen und Bilder, aber wir können sie nicht wie ein Buch lesen. Viel später gaben die Azteken der Stadt den Namen Teotihuacan. Er bedeutet ungefähr „Ort, an dem die Götter erschaffen wurden“. Die Azteken erzählten, dass dort Sonne und Mond entstanden.
Vor etwa 1.450 Jahren brannten viele große Gebäude ab. Danach lebten immer weniger Menschen in der Stadt. Warum das geschah, versuchen Archäologinnen und Archäologen noch herauszufinden.
Auf einen Blick
- Zeitraum
- ca. 100 v. Chr. bis ca. 550 n. Chr. als Großstadt; danach blieb der Ort in kleinerem Umfang besiedelt
- Lage
- Tal von Teotihuacan im Nordosten des Beckens von Mexiko, etwa 40 km nordöstlich von Mexiko-Stadt
- Größe
- Auf dem Höhepunkt etwa 20 km² und vielleicht 100.000 oder mehr Einwohner
- Wichtigste Bauwerke
- Straße der Toten, Sonnenpyramide, Mondpyramide und die Ciudadela mit dem Tempel der Gefiederten Schlange
- Wohngebäude
- Etwa 2.000 Wohnanlagen für mehrere Familien
- Wirtschaft
- Landwirtschaft, Handwerk und Fernhandel, besonders mit Obsidian
- Unbekannt
- Der ursprüngliche Name der Stadt, ihre Sprache oder Sprachen und ihr politisches System
- Welterbestatus
- UNESCO-Welterbestätte „Vorspanische Stadt Teotihuacan“ (1987)
Einfach
Was war Teotihuacan?
Teotihuacan war in der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends n. Chr. die größte Stadt Amerikas und eine der größten Städte der damaligen Welt. Sie lag in einem Seitental des Beckens von Mexiko, im zentralen Hochland auf etwa 2.300 m Höhe. Auf ihrem Höhepunkt, ungefähr zwischen 200 und 550 n. Chr., bedeckte sie rund 20 km² und hatte möglicherweise 100.000 oder mehr Einwohner. Die Schätzungen gehen auseinander; manche Forschende nennen bis zu 125.000 oder sogar 200.000 Menschen.
Die Stadt war sorgfältig geplant. Eine breite Straße, die heute Straße der Toten heißt, durchzieht sie über mehrere Kilometer. An ihr liegen Plattformen, Tempel und Plätze. An ihrem Nordende steht die Mondpyramide, östlich von ihr die Sonnenpyramide. Weiter südlich liegt die Ciudadela („Zitadelle“), eine riesige umschlossene Anlage mit dem Tempel der Gefiederten Schlange.
Um dieses religiöse Zentrum herum lagen Tausende Wohnanlagen, Handwerksstätten und Stadtviertel. In manchen Vierteln lebten Menschen, die aus fernen Regionen zugezogen waren. Der Einfluss Teotihuacans zeigt sich in Baustilen, Keramik und Bildmotiven bis in die Maya-Region Guatemalas und Honduras, mehr als 1.000 km entfernt.
Trotz ihrer Größe und Bedeutung ist vieles an Teotihuacan ungewiss. Ihre Bewohner hinterließen keine langen Texte, die wir lesen können. Wir wissen weder, wie sie ihre Stadt nannten, noch, welche Sprache oder Sprachen sie sprachen oder wie genau sie regiert wurden. Den heute gebräuchlichen Namen gaben ihr Jahrhunderte später die Nahuatl sprechenden Azteken.
Einfach
Wie man die Stadt „liest“: ein Raster, ausgerichtet an Bergen und Himmel
Teotihuacan wurde nach einem Raster angelegt, das um etwa 15,5 Grad östlich von der Nordrichtung abweicht. Fast jedes Gebäude, jede Straße und jede Mauer folgt dieser Ausrichtung. Die Erbauer leiteten sogar den San-Juan-Fluss dort um, wo er die Stadt durchquert, damit auch er dem Raster folgte. Forschende vermuten, dass die Ausrichtung mit wichtigen Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangsdaten des mesoamerikanischen Kalenders oder mit der Stellung bestimmter Sterne zusammenhängt. Der genaue Grund ist umstritten.
Die Straße der Toten bildet die wichtigste Nord-Süd-Achse. Vom südlichen Ende aus gesehen scheint die Mondpyramide am fernen Ende die Form des dahinterliegenden Berges Cerro Gordo aufzugreifen. So entsteht eine sichtbare Verbindung zwischen dem Bauwerk und der heiligen Landschaft. Die Straße ist nicht eben: Sie steigt nach Norden an und wird durch Quermauern in eine Folge tiefer liegender Plätze unterteilt.
Viele Gebäude zeigen ein charakteristisches Bauprofil namens Talud-Tablero: Auf einen schrägen Sockel, den Talud, folgt eine senkrechte rechteckige Fläche mit vorspringendem Rahmen, der Tablero. Diese Form wiederholt sich an zahlreichen Plattformen und prägt das Stadtbild. Ihr Auftreten an weit entfernten Fundorten gehört zu den deutlichsten Zeichen für den Einfluss Teotihuacans.
Die Stadt war farbenprächtig. Ihre Wände waren mit Kalkputz bedeckt und mit Wandmalereien in Rot, Grün, Blau und Gelb geschmückt. Zu sehen waren Gottheiten, Priester in Federgewändern, Tiere wie Jaguare und Kojoten sowie Pflanzen und Wasser. Wer die Straße entlangging, erlebte Farben, hohe Bauten und bedeutungsvolle Bilder – nicht den grauen Stein, den Besucher heute sehen.
Einfach
Die großen Pyramiden und der Tempel der Gefiederten Schlange
Die Sonnenpyramide ist das größte Bauwerk der Stadt und eine der größten Pyramiden Amerikas. Ihre Grundfläche misst auf jeder Seite ungefähr 220 bis 230 m; heute ist sie etwa 65 m hoch. Sie wurde überwiegend im ersten und zweiten Jahrhundert n. Chr. aus Erde, Schutt und Lehmziegeln errichtet, mit Stein verkleidet und ursprünglich verputzt und bemalt. 1971 entdeckte man unter ihr einen Tunnel, der vom Fuß der Treppe zu Kammern unter der Mitte der Pyramide führt. Der Tunnel könnte eine heilige, möglicherweise teilweise künstlich geschaffene Höhle gewesen sein. Das legt nahe, dass die Pyramide über einem Ort entstand, der bereits als heilig galt.
Die Mondpyramide am Nordende der Straße ist mit etwa 43 m niedriger. Zwischen ungefähr 100 und 400 n. Chr. wurde sie jedoch in mindestens sieben Bauphasen errichtet, wobei jeder Neubau den vorherigen umschloss. Bei Ausgrabungen unter der Leitung von Saburo Sugiyama und Rubén Cabrera zwischen 1998 und 2004 fand man im Inneren Bestattungen zur Weihe des Bauwerks. Dazu gehörten geopferte Menschen und Tiere wie Pumas, Wölfe, Adler und Klapperschlangen sowie reiche Opfergaben aus Obsidian und Grünstein.
Der Tempel der Gefiederten Schlange in der Ciudadela wurde um 200 n. Chr. errichtet. Seine Fassaden tragen abwechselnd plastisch gestaltete Köpfe einer gefiederten Schlange und einen weiteren Kopftyp, der unterschiedlich als Kopfschmuck, Kriegsschlange oder Regengott gedeutet wird. Dahinter liegen Reliefs mit Schlangenkörpern und Muscheln. Ausgrabungen in den 1980er-Jahren zeigten, dass während des Baus mehr als 200 Menschen geopfert worden waren. Viele waren junge Männer, die mit Waffen und Schmuck bestattet wurden.
Die Bezeichnungen „Sonne“ und „Mond“ stammen von den Azteken und nicht von den Erbauern. Welchen Gottheiten die Pyramiden tatsächlich geweiht waren, ist ungewiss. Manche Forschende verbinden die Sonnenpyramide mit Wasser und dem Sturmgott, die Mondpyramide mit einer weiblichen Gottheit oder mit dem Berg dahinter.
Mittel
Alltag: Wohnanlagen und Viertel von Zugewanderten
Die meisten Bewohner Teotihuacans lebten in ummauerten Wohnanlagen. Etwa 2.000 davon sind bekannt. Eine typische Anlage umfasste viele Räume um offene Innenhöfe, Abflüsse, Altäre und manchmal bemalte Wände. Dort wohnten Dutzende Menschen, die vermutlich durch Verwandtschaft, ihren Beruf oder beides verbunden waren. Einige Anlagen wie Tetitla, Tepantitla und Atetelco sind für ihre Wandmalereien bekannt; andere waren bescheiden. Bestattungen unter den Fußböden hielten die Verstorbenen in der Nähe der Lebenden.
Die Wohnanlagen zeigen eine für das damalige Amerika ungewöhnliche städtische Lebensweise: Viele Menschen lebten auf engem Raum, übten spezialisierte Handwerke aus und waren auf Märkte sowie die Landwirtschaft im umliegenden Tal angewiesen. In Werkstätten entstanden Obsidianwerkzeuge, Keramik, Figuren und Schmuck. Obsidian aus Lagerstätten wie Otumba und grüner Obsidian aus der Gegend von Pachuca waren wichtige Rohstoffe. Wie stark der Staat ihre Verarbeitung und ihren Handel kontrollierte, ist allerdings umstritten.
Teotihuacan war eine Stadt mit Menschen unterschiedlicher Herkunft. Im westlichen Viertel Tlailotlacan lebten über Jahrhunderte Menschen aus der Region Oaxaca. Sie nutzten Gräber und Keramik im zapotekischen Stil. Im sogenannten Händlerviertel im Osten weisen runde Lehmziegelgebäude und importierte Keramik auf Verbindungen zur Golfküste und zum Maya-Tiefland hin. Isotopenuntersuchungen an menschlichen Knochen zeigen, dass ein großer Teil der in manchen Wohnanlagen Bestatteten anderswo aufgewachsen war.
Wandmalereien wie jene in Tepantitla, die lange als „Tlalocan“ oder Paradies des Regengottes bekannt war, zeigen viele kleine Figuren, die zwischen blühenden Bäumen und Bächen spielen, schwimmen und singen. Solche Bilder geben einen seltenen Einblick in Vorstellungen der Bewohner Teotihuacans von Fruchtbarkeit, Wasser und dem Leben nach dem Tod. Ihre genaue Bedeutung ist jedoch umstritten.
Mittel
Aufstieg, Blütezeit und Niedergang
In den letzten Jahrhunderten v. Chr. gab es im Becken von Mexiko mehrere konkurrierende Zentren, darunter Cuicuilco im Süden. Teotihuacan wuchs ab etwa 100 v. Chr. rasch. Quellen zur Bewässerung, fruchtbare Böden und nahe gelegene Obsidianvorkommen begünstigten seine Entwicklung. Vulkanausbrüche im Süden des Beckens könnten Menschen dazu bewogen haben, nach Norden zu ziehen. Dazu zählt der Ausbruch des Vulkans Xitle, dessen Lava Teile Cuicuilcos bedeckte. Über den Zeitpunkt dieser Ausbrüche wird allerdings diskutiert.
Archäologinnen und Archäologen unterteilen die Geschichte der Stadt anhand der Keramik in Phasen, die nach Orten der Umgebung benannt sind: ungefähr Patlachique (ca. 100–1 v. Chr.), Tzacualli (ca. 1–150 n. Chr.), Miccaotli (ca. 150–200), Tlamimilolpa (ca. 200–350), Xolalpan (ca. 350–550) und Metepec (ca. 550–650). Die Datierungen unterscheiden sich je nach Forschungsarbeit und wurden mithilfe der Radiokarbondatierung überarbeitet. Schon in der Tzacualli-Phase könnten Zehntausende Menschen in der Stadt gelebt haben. Die wichtigsten Pyramiden entstanden in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr.
Um das vierte Jahrhundert wurde der Tempel der Gefiederten Schlange teilweise von einer neuen Plattform, der Adosada, verdeckt; seine Skulpturen wurden beschädigt. Viele Forschende deuten dies als Zeichen eines politischen Wandels: Vielleicht wandte man sich von einer mit der Gefiederten Schlange verbundenen Herrschaft ab und einer stärker gemeinschaftlichen Regierung zu. In den folgenden Jahrhunderten erreichte die Stadt ihre größte Ausdehnung und ihren stärksten Einfluss.
Irgendwann im sechsten Jahrhundert, nach vielen Schätzungen um 550 n. Chr., brannten zahlreiche Gebäude an der Straße der Toten und in der Ciudadela. Skulpturen wurden zerschlagen. Die Brände betrafen vor allem Gebäude der Elite und religiöse Bauten. Das spricht für einen inneren Aufstand, doch äußerer Druck lässt sich nicht ausschließen. Skelette aus dieser Zeit zeigen Anzeichen von Mangelernährung. Manche Forschende verbinden die Krise mit Dürre oder mit den weltweiten Klimastörungen der 530er-Jahre. Die Bevölkerung ging stark zurück, doch Teile des Ortes blieben noch jahrhundertelang bewohnt.
Mittel
Teotihuacan und die übrige mesoamerikanische Welt
Der Einfluss Teotihuacans reichte weit über das Becken von Mexiko hinaus. An Fundorten in ganz Mesoamerika treten Bauten im Talud-Tablero-Stil, Keramik nach dem Vorbild Teotihuacans wie zylindrische Dreifußgefäße und Bilder von Kriegern mit Abzeichen des Sturmgottes auf. Solche Funde reichen von Kaminaljuyu im Hochland Guatemalas bis Monte Albán in Oaxaca.
Die eindrucksvollsten Hinweise liefern Inschriften der Maya. Texte aus Tikal in Guatemala berichten, dass im Januar 378 n. Chr. eine Person namens Sihyaj K’ahk’ eintraf. Am selben Tag starb der König von Tikal, Chak Tok Ich’aak. Bald darauf bestieg ein neuer König den Thron, der Sohn einer als „Speerschleuder-Eule“ bekannten Person. Der Epigraphiker David Stuart und andere vertreten die Ansicht, dass diese „Ankunft von Fremden“ einen Eingriff aus Teotihuacan bezeichnet. „Speerschleuder-Eule“ könnte sogar ein Herrscher Teotihuacans gewesen sein. 426 gründete K’inich Yax K’uk’ Mo’, der Verbindungen zu Teotihuacan hatte, in Copán in Honduras eine neue Dynastie.
Ob diese Ereignisse eine Eroberung, ein Bündnis oder das Werk einer Gruppe aus Teotihuacan statt des gesamten Staates waren, ist umstritten. Die Archäologin Linda Manzanilla vermutet beispielsweise, dass eine aus der Stadt vertriebene Gruppe mit Verbindungen zur Gefiederten Schlange hinter dem Eingriff in Tikal stand.
Der Einfluss wirkte auch in die andere Richtung. In Teotihuacan wurden Malereien und Gegenstände im Maya-Stil gefunden, und Menschen aus anderen Regionen lebten in seinen Vierteln. Teotihuacan war somit ein Knotenpunkt in einem Netz aus Austausch, Diplomatie und Konflikten.
Mittel
Die Erinnerung der Azteken: „Wo die Götter erschaffen wurden“
Als die Mexica (Azteken) im 14. und 15. Jahrhundert mächtig wurden, lag Teotihuacan schon seit etwa 800 Jahren größtenteils in Ruinen. Die Azteken betrachteten den Ort mit Ehrfurcht. Sie gaben ihm den Nahuatl-Namen Teōtīhuacān, der meist als „Ort, an dem die Götter erschaffen wurden“ oder „Ort, an dem man zum Gott wird“ übersetzt wird. Auch die Hauptstraße und die Pyramiden erhielten von ihnen ihre Namen.
In einer aztekischen Schöpfungserzählung, die nach der spanischen Eroberung unter anderem der Mönch Bernardino de Sahagún aufzeichnete, versammelten sich die Götter in der Dunkelheit von Teotihuacan, um eine neue Sonne zu erschaffen. Der bescheidene Gott Nanahuatzin sprang in ein großes Feuer und stieg als Sonne auf. Der stolze Tecciztecatl folgte ihm und wurde zum Mond. Dieser Mythos machte die Ruinenstadt zum Geburtsort des gegenwärtigen Weltzeitalters.
Die Azteken pilgerten nach Teotihuacan und nahmen alte Gegenstände von dort mit. Masken aus Teotihuacan und andere Objekte wurden Jahrhunderte nach ihrer Herstellung als Opfergaben im Templo Mayor, dem großen Tempel von Tenochtitlan, niedergelegt. Dies ist ein frühes Beispiel dafür, dass eine Gesellschaft die Überreste einer älteren Kultur als ihr Erbe betrachtete.
Für viele Menschen im heutigen Mexiko ist Teotihuacan ein nationales Symbol und weiterhin ein bedeutender Ort. Jedes Jahr versammeln sich um die Frühlings-Tagundnachtgleiche große Menschenmengen an der Sonnenpyramide. Neben dem Tourismus finden Zeremonien indigener Gruppen und der New-Age-Bewegung statt. Dabei stellt sich die Frage, wie sich Zugang, Glaubensvorstellungen und Denkmalschutz miteinander vereinbaren lassen.
Mittel
Wiederentdeckung, Ausgrabung und Rekonstruktion
Die Ruinen gerieten nie völlig in Vergessenheit. Spanische Chronisten beschrieben sie, und der Gelehrte Carlos de Sigüenza y Góngora führte dort in den 1670er-Jahren eine frühe Erkundungsgrabung durch. Im 19. Jahrhundert kartierten Reisende und frühe Archäologen die Stätte und sammelten Fundstücke.
Die ersten umfangreichen Ausgrabungen und Rekonstruktionen leitete Leopoldo Batres zwischen 1905 und 1910. Sie sollten die Sonnenpyramide auf die Hundertjahrfeier der mexikanischen Unabhängigkeit vorbereiten. Batres entfernte große Mengen an Aufschüttung und Verkleidung, stellenweise mehrere Meter, weil er glaubte, so die ursprüngliche Struktur freizulegen. Heute wird seine Arbeit stark kritisiert, weil sie Befunde zerstörte und die Form der Pyramide veränderte.
Manuel Gamios Projekt von 1917 bis 1922 war ein Meilenstein der mexikanischen Anthropologie: Es untersuchte gemeinsam die Archäologie und Geschichte des Tals sowie die dort lebende Bevölkerung und führte Ausgrabungen in der Ciudadela durch. Von 1962 bis 1964 leitete Jorge Acosta eine umfassende Restaurierung der Straße der Toten. In den 1960er-Jahren erfasste René Millons Teotihuacan Mapping Project die gesamte Stadt. Es dokumentierte oberirdische Überreste an Tausenden Stellen und veränderte grundlegend das Wissen über Größe und Aufbau der Stadt.
Spätere Projekte konzentrierten sich auf einzelne Bauwerke und Viertel: das Projekt zum Tempel der Gefiederten Schlange von 1980 bis 1982, die Ausgrabungen der Mondpyramide von 1998 bis 2004 und, ab 2003, Sergio Gómez Chávez’ Erforschung eines etwa 100 m langen Tunnels unter dem Tempel der Gefiederten Schlange. Der Tunnel wurde vor rund 1.800 Jahren verschlossen. Er enthielt Zehntausende Gegenstände, darunter Figuren aus Grünstein, Pyritspiegel und Muscheln sowie Spuren von flüssigem Quecksilber. Möglicherweise sollte dies eine Unterwelt darstellen.
Fortgeschritten
Forschungsdebatten: Regierung, Religion und Sprache
Regierung. Anders als in Maya-Städten wurden in Teotihuacan keine eindeutigen Königsporträts, namentlich bekannten Könige oder Königsgräber gefunden. Manche Forschende, darunter Saburo Sugiyama, sehen in den Opferbestattungen und Bildern des Tempels der Gefiederten Schlange Hinweise auf mächtige Herrscher, zumindest in den frühen Jahrhunderten vielleicht sogar auf ein kriegerisch geprägtes Königtum. Andere, darunter George Cowgill und Linda Manzanilla, betonen gemeinschaftliche Formen der Herrschaft, etwa einen Rat aus Vertretern verschiedener Viertel oder Abstammungsgruppen, besonders nach dem vierten Jahrhundert. Viele Forschende halten heute einen Wandel von stärker auf einzelne Personen bezogener Herrschaft zu gemeinschaftlicheren Regierungsformen für möglich.
Religion. Die Bildwelt Teotihuacans umfasst einen mit dem späteren Tlaloc verwandten Sturmgott, die Gefiederte Schlange, die mit dem späteren Quetzalcoatl verwandt ist, und eine weibliche Gottheit. Die Kunsthistorikerin Esther Pasztory prägte für diese Figur den Begriff „Große Göttin“ und sah sie als zentral für die Religion Teotihuacans an. Andere Forschende, etwa Karl Taube, nennen sie „Spinnenfrau“ oder bezweifeln, dass alle betreffenden Bilder dieselbe Gottheit zeigen. Spätere aztekische Gottheiten auf Teotihuacan zu übertragen, ist methodisch problematisch, denn zwischen beiden Kulturen liegen mehrere Jahrhunderte.
Sprache und Schrift. In Teotihuacan wurde ein Zeichensystem verwendet, das auf Wandmalereien und Keramik zu sehen ist. Ein bemalter Innenhof in La Ventilla enthält Dutzende schriftzeichenähnliche Zeichen. Ob es sich um eine voll entwickelte Schrift handelte, ist umstritten. Als mögliche Sprachen der Stadt werden frühe Formen des Nahuatl (einer uto-aztekischen Sprache), Totonakisch, Otomí und weitere Sprachen diskutiert. 2025 erschien ein Vorschlag für eine teilweise Entzifferung, die auf eine frühe uto-aztekische Sprache hindeuten soll. Allgemein anerkannt ist er bislang nicht.
Niedergang. Welchen Anteil innere Konflikte, Umweltbelastungen, Krankheiten und äußerer Druck an der Krise des sechsten Jahrhunderts hatten, bleibt umstritten. Radiokarbondatierungen und Untersuchungen der Schichtenfolge helfen weiterhin, den Zeitpunkt der Brände genauer zu bestimmen.
Fortgeschritten
Befunde, Forschungsmethoden und Denkmalschutz
Da aus Teotihuacan selbst keine lesbaren historischen Texte vorliegen, stammt fast alles, was wir wissen, aus der Archäologie. Wichtige Methoden sind systematische Geländebegehungen wie beim Mapping Project, Ausgrabungen nach Schichtenfolge, die zeitliche Einordnung von Keramik, Radiokarbondatierungen, die Untersuchung von Wandmalereien und Figuren sowie die Erforschung menschlicher Überreste mithilfe von Knochenkunde, Isotopenanalysen und alter DNA. Maya-Inschriften, die mit Teotihuacan verbundene Personen erwähnen, liefern seltene schriftliche Zeugnisse von außerhalb.
Untersuchungen der Strontium- und Sauerstoffisotope in Zähnen und Knochen zeigen, wo Menschen aufwuchsen, und machen das Ausmaß der Zuwanderung in die Stadt sichtbar. Untersuchungen der Opfer an der Sonnen? Nein: an der Pyramide der Gefiederten Schlange und der Mondpyramide zeigen, dass viele von außerhalb stammten oder in die Stadt gezogen waren. Möglicherweise waren einige von ihnen Gefangene. Diese Befunde sind wichtig für die Debatte über Krieg und staatliche Macht.
Verfahren zur Fernerkundung, darunter Lidar und Bodenradar, sowie Roboter zur Erkundung des Tunnels unter dem Tempel der Gefiederten Schlange haben neue Daten geliefert, ohne dass großflächig gegraben werden musste. Zugleich erschweren ältere Rekonstruktionen die Deutung, besonders Batres’ Arbeiten an der Sonnenpyramide: Forschende müssen antike Bauteile von Restaurierungen des 20. Jahrhunderts unterscheiden.
Die Stätte wurde 1987 in die Welterbeliste aufgenommen. Sie steht durch das Wachstum des Großraums Mexiko-Stadt, unerlaubte Bauarbeiten und starken Tourismus unter Druck. 2004 löste der Bau eines Supermarkts in der geschützten Zone nahe der Stätte landesweite Kontroversen aus. Die Bedürfnisse der Menschen vor Ort und der Besucher mit dem Schutz der noch im Boden liegenden Überreste in Einklang zu bringen, bleibt eine Aufgabe für Mexikos Nationales Institut für Anthropologie und Geschichte (INAH).
Kernideen
- Geplante Stadt
- Ein Raster, das um etwa 15,5° von Norden nach Osten abweicht, bestimmte den Verlauf von Straßen, Gebäuden und sogar des Flusses.
- Heilige Landschaft
- Pyramiden greifen die Formen von Bergen auf und stehen über Höhlen und Quellen. So verbinden sie die Stadt mit der natürlichen und der übernatürlichen Welt.
- Wohnanlagen
- In diesen Gebäuden für mehrere Familien lebte der größte Teil der Bevölkerung. Diese Form des Stadtlebens war ungewöhnlich.
- Stadt mit Menschen unterschiedlicher Herkunft
- Zugewanderte aus Oaxaca, von der Golfküste und aus der Maya-Region lebten in eigenen Vierteln.
- Einfluss über große Entfernungen
- Baustile und Menschen aus Teotihuacan wirkten auf die Politik der Maya ein, besonders bekannt ist Tikal im Jahr 378 n. Chr.
- Gemeinschaftliche Regierung?
- Das Fehlen von Königsporträts könnte auf einen Rat oder eine gemeinschaftliche Herrschaft hinweisen, zumindest in späteren Jahrhunderten. Die Frage ist umstritten.
- Weiterleben in der Erinnerung
- Die Azteken deuteten die Ruinen als den Ort, an dem Sonne und Mond erschaffen wurden.
Einträge
- um 100 v. Chr. — Teotihuacan beginnt, im Nordosten des Beckens von Mexiko rasch zu einer Stadt heranzuwachsen.
- um 100 n. Chr. — Die Sonnenpyramide ist weitgehend errichtet; der Bau der ersten Stufen der Mondpyramide beginnt.
- um 200 n. Chr. — Der Tempel der Gefiederten Schlange wird errichtet; zu seiner Weihe werden mehr als 200 Menschen geopfert und bestattet.
- um 350 n. Chr. — Die Adosada-Plattform verdeckt die Vorderseite des Tempels der Gefiederten Schlange. Möglicherweise weist das auf einen politischen Wandel hin.
- 378 n. Chr. — Der mit Teotihuacan verbundene Sihyaj K’ahk’ trifft in Tikal ein; am selben Tag stirbt der König von Tikal.
- 426 n. Chr. — K’inich Yax K’uk’ Mo’, der Verbindungen zu Teotihuacan hat, gründet in Copán eine Dynastie.
- um 550 n. Chr. — Wichtige Gebäude im Stadtzentrum brennen nieder; die Bevölkerung geht stark zurück.
- um 1450 — Die Azteken verehren die Ruinen als den Ort, an dem die Götter Sonne und Mond erschufen.
- 1905 — Leopoldo Batres beginnt mit der Ausgrabung und Rekonstruktion der Sonnenpyramide; die Arbeiten dauern bis 1910.
- 1962 — René Millons Teotihuacan Mapping Project beginnt seine Geländeerfassung; Jorge Acosta beginnt mit der Restaurierung der Straße der Toten.
- 1987 — Die vorspanische Stadt Teotihuacan wird in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.
- 2003 — Sergio Gómez Chávez entdeckt den Tunnel unter dem Tempel der Gefiederten Schlange.
Glossar
- Mesoamerika
- Kulturraum, der Zentral- und Südmexiko sowie Teile Mittelamerikas umfasst. Gemeinsame Merkmale waren etwa der Maisanbau, Ballspiele und religiöse Kalender.
- Becken von Mexiko
- Hoch gelegenes, von Bergen umschlossenes Tal, in dem Teotihuacan und später Tenochtitlan und Mexiko-Stadt entstanden.
- Talud-Tablero
- Bauform, die eine schräge Wand (Talud) mit einer senkrechten, gerahmten Fläche (Tablero) verbindet.
- Wohnanlage
- Ummauertes Wohngebäude mit vielen Räumen und Innenhöfen, in dem mehrere Familien lebten.
- Obsidian
- Natürliches vulkanisches Glas, aus dem sich sehr scharfe Klingen herstellen lassen. Für Teotihuacan war es ein wichtiger Rohstoff.
- Ciudadela
- Spanisch für „Zitadelle“; die große umschlossene Anlage mit dem Tempel der Gefiederten Schlange.
- Gefiederte Schlange
- Mesoamerikanische Gottheit, die Merkmale von Vogel und Schlange vereint. Bei den späteren Azteken war sie als Quetzalcoatl bekannt.
- Sturmgott
- Gottheit des Regens und des Blitzes mit brillenartig umrandeten Augen, verwandt mit dem späteren aztekischen Tlaloc.
- Bestattung zur Bauweihe
- Bestattung geopferter Menschen oder Tiere oder Niederlegung von Gegenständen zur Weihe eines neuen Gebäudes.
- Isotopenanalyse
- Chemische Untersuchung von Knochen und Zähnen, die Hinweise darauf geben kann, wo ein Mensch aufwuchs und was er aß.
- INAH
- Mexikos Nationales Institut für Anthropologie und Geschichte, das die Stätte verwaltet.
Fragen und Antworten
Wer baute Teotihuacan?
Die Menschen, die dort lebten. Wie sie sich selbst nannten, wissen wir nicht. Es waren nicht die Azteken, die erst Jahrhunderte später kamen. Wahrscheinlich sprachen die Bewohner mehrere Sprachen.
Wie groß war die Sonnenpyramide?
Ihre Grundfläche misst auf jeder Seite etwa 220 bis 230 m. Heute ist sie ungefähr 65 m hoch und zählt damit zu den größten Pyramiden Amerikas.
Gab es Könige?
Das wissen wir nicht sicher. Es gibt keine eindeutigen Königsporträts oder Königsgräber. Manche Forschende vermuten für die frühe Zeit mächtige Herrscher, andere gehen besonders für die spätere Zeit von einem regierenden Rat aus.
Gab es Menschenopfer?
Ja. Bei Ausgrabungen am Tempel der Gefiederten Schlange wurden mehr als 200 geopferte Menschen gefunden, in der Mondpyramide weitere. Sie wurden bei der Weihe der Bauwerke bestattet.
Warum ging Teotihuacan unter?
Um 550 n. Chr. brannten viele wichtige Gebäude nieder, vermutlich bei einem inneren Aufstand. Auch Dürre, Nahrungsmangel und andere Belastungen könnten eine Rolle gespielt haben. Die genauen Ursachen sind weiterhin umstritten.
Kann man die Schrift von Teotihuacan lesen?
Nicht zuverlässig. In der Stadt wurden viele Zeichen verwendet. Eine Studie von 2025 schlug eine teilweise Entzifferung vor. Die Forschenden sind sich aber weder über ihre Lesung einig noch darüber, ob sie eine voll entwickelte Schrift bildeten.
Hat Teotihuacan Tikal wirklich erobert?
Maya-Inschriften berichten von der Ankunft Fremder mit Verbindungen zu Teotihuacan im Jahr 378 und von einem Dynastiewechsel. Ob es sich um eine Eroberung, ein Bündnis oder die Tat einer einzelnen Gruppe handelte, ist umstritten.
Quellen und weiterführende Literatur
- Teotihuacan. Wikipedia
- Pre-Hispanic City of Teotihuacan. UNESCO World Heritage Centre
- Pyramid of the Sun. Wikipedia
- Pyramid of the Moon. Wikipedia
- Temple of the Feathered Serpent, Teotihuacan. Wikipedia
- Great Goddess of Teotihuacan. Wikipedia
- George L. Cowgill, Ancient Teotihuacan: Early Urbanism in Central Mexico. Cambridge University Press, 2015
- Esther Pasztory, Teotihuacan: An Experiment in Living. University of Oklahoma Press, 1997
- Saburo Sugiyama, Human Sacrifice, Militarism, and Rulership: Materialization of State Ideology at the Feathered Serpent Pyramid, Teotihuacan. Cambridge University Press, 2005
Verwandte Inhalte
- Olmekische KolossalköpfeMonumentale Basaltköpfe, die Gemeinschaften der Olmeken an Mexikos Golfküste schufen und die wahrscheinlich Herrscher darstellen.
- Chichén ItzáEine bedeutende Maya-Stadt auf der Halbinsel Yucatán, deren Monumente über mehrere Jahrhunderte errichtet und genutzt wurden.
- TenochtitlanHauptstadt der Mexica, die auf einer Insel im Texcoco-See gegründet und 1521 erobert wurde.
- Popol VuhErzählung der K’iche’-Maya über Ursprünge, göttliche Gestalten und die Geschichte ihrer Vorfahren.
- Nazca-LinienGroße Bodenzeichnungen und Linien, die alte Gemeinschaften in der Wüste im Süden Perus schufen.
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
