Literatur

Popol Vuh

Popol Wuj (K'iche')

um 1554–1558 · Region der K’iche’ (Guatemala)

In einem Satz

Das Popol Vuh ist das heilige Buch der K'iche'-Maya in Guatemala. Es erzählt von der Erschaffung der Welt und der Menschen, den Abenteuern der Heldenzwillinge und der Geschichte der Vorfahren der K'iche'.

Popol Vuh
Bild: Francisco Ximénez · Public domain · Wikimedia Commons

Beginnen Sie oben mit einer einfachen Einführung. Weiter unten finden Sie mehr Details und Forschungsergebnisse.

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Für junge Leser

Vor langer Zeit lebten in den grünen Bergen des heutigen Guatemala die K'iche'-Maya. Sie erzählten Geschichten darüber, woher die Welt kommt, und schrieben sie auf. Heute nennen wir ihr besonderes Buch Popol Vuh. Das kann „Buch der Gemeinschaft“ oder „Buch des Rates“ bedeuten. Für viele K'iche' ist es noch heute wichtig.

Am Anfang gab es laut dem Buch nur ein stilles Meer und einen leeren Himmel. Die Schöpfer besprachen sich. Dann entstanden die Erde, Berge, Bäume und Tiere. Nun wollten die Schöpfer Menschen, die sprechen und ihnen danken konnten. Zuerst formten sie Menschen aus Schlamm. Doch diese zerfielen. Menschen aus Holz hatten kein Herz und vergaßen ihre Schöpfer. Schließlich machten die Schöpfer Menschen aus gelbem und weißem Mais. Mit ihnen waren sie zufrieden.

Ein spannender Teil handelt von den mutigen Zwillingsbrüdern Hunahpu und Xbalanque. Sie spielen gern ein Ballspiel. Dabei stoßen sie einen schweren Gummiball mit der Hüfte. Die Herren der Unterwelt Xibalba laden sie zum Spielen ein. Sie wollen die Zwillinge hereinlegen und besiegen. Die Brüder müssen Nächte in Häusern voller Messer, Jaguare, Feuer und Fledermäuse verbringen.

Doch die Zwillinge sind schlau. Mit Tricks, Hilfe von Tieren und Zaubervorführungen überlisten sie die Herren. Am Ende gewinnen sie und steigen als Sonne und Mond an den Himmel.

Der letzte Teil des Buches erzählt von den ersten Familien der K'iche', ihrer langen Reise und den Königen ihrer Städte. Nachdem im 16. Jahrhundert spanische Soldaten gekommen waren, schrieben K'iche' die Geschichten mit Buchstaben auf. So gingen sie nicht verloren. Deshalb können wir das Buch noch heute lesen.

Auf einen Blick

Volk und Tradition
K'iche'-Maya im Hochland Guatemalas; für viele K'iche' bis heute ein heiliger Text
Niederschrift
Etwa 1554–1558 in lateinischer Schrift (Schätzung anhand der Herrschergenealogien im Text); beruht auf viel älteren Überlieferungen
Ort
Vermutlich Santa Cruz del Quiché, nahe der früheren K'iche'-Hauptstadt Q'umarkaj (Utatlán)
Sprache
Klassisches K'iche' der Kolonialzeit, eine Maya-Sprache
Verfasser
Namentlich unbekannte Adlige der K'iche', vermutlich aus führenden Familien; ihre Identität ist umstritten
Älteste erhaltene Abschrift
Abschrift mit spanischer Übersetzung des Dominikanermönchs Francisco Ximénez, etwa 1701–1703, Chichicastenango; heute in der Newberry Library in Chicago
Inhalt
Erschaffung der Welt und der Menschen, Erzählungen von den Heldenzwillingen sowie Wanderung und Geschichte der K'iche'-Familien bis in die 1550er-Jahre
Anerkennung
2012 zum immateriellen Kulturerbe Guatemalas erklärt

Einfach

Was ist das Popol Vuh?

Das Popol Vuh (in heutiger K'iche'-Schreibung: Popol Wuj) ist die wichtigste erhaltene Erzählung der K'iche'-Maya, eines Maya-Volkes im Hochland des heutigen Guatemala. Es verbindet einen heiligen Bericht über die Erschaffung der Welt und der Menschheit mit Mythen über göttliche Zwillinge und der Geschichte der herrschenden K'iche'-Familien von ihren sagenhaften Ursprüngen bis zur spanischen Eroberung.

Der Name wird meist mit „Buch des Rates“, „Buch der Gemeinschaft“ oder „Buch des Volkes“ übersetzt. Popol bezeichnet eine Matte und im übertragenen Sinn einen Rat oder eine Versammlung, denn Anführer saßen auf geflochtenen Matten. Vuh oder wuj bedeutet „Buch“ oder „Papier“. Die Verfasser erklären, sie schrieben den Text neu, weil ein früheres Buch, das ursprüngliche „Popol Vuh“, nicht mehr zu sehen sei. Das deutet darauf hin, dass es einst ein Buch aus der Zeit vor der Eroberung gab, vielleicht einen bemalten Faltkodex, sowie eine lange mündliche Erzähltradition.

Der erhaltene Text wurde in der Kolonialzeit, höchstwahrscheinlich in den 1550er-Jahren, von nicht namentlich genannten K'iche'-Adligen in ihrer Sprache mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Er wird oft mit grundlegenden Werken wie der Hebräischen Bibel oder den griechischen Epen verglichen. Am besten lässt er sich jedoch aus seinem eigenen Zusammenhang heraus verstehen: als mesoamerikanische, also aus dem Kulturraum Mexikos und Mittelamerikas stammende Darstellung der Weltordnung und Geschichte und als lebendiger heiliger Text für viele K'iche' von heute.

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Einfach

Die Geschichte, Teil 1: Die Erschaffung der Welt und der ersten Menschen

Das Popol Vuh beginnt in vollkommener Stille: Nur das Meer liegt ruhig unter dem leeren Himmel. Die Schöpfergottheiten, darunter Tepew und Q'ukumatz (oft als „Herrscher“ und „Gefiederte Schlange“ übersetzt), sowie Herz des Himmels, auch Juraqan genannt, beraten und denken gemeinsam. Durch ihr Wort steigt die Erde aus dem Wasser auf. Berge und Täler entstehen, dann Wälder und Tiere.

Die Götter wünschen sich Wesen, die sprechen, die Tage zählen und ihre Schöpfer ehren. Die Tiere können nicht richtig sprechen; deshalb sollen sie im Wald leben und anderen als Nahrung dienen. Danach formen die Götter einen Menschen aus Schlamm. Er zerfällt jedoch, löst sich auf und kann nicht denken. Nach einer Beratung mit den alten Wahrsagern Xpiyacoc und Xmucane schnitzen sie Menschen aus Holz. Diese vermehren sich und sprechen, haben aber weder Herz und Blut noch eine Erinnerung an ihre Schöpfer. Die Götter schicken eine Flut. Sogar die Werkzeuge, Töpfe, Mahlsteine und Hunde der Menschen erheben sich gegen sie, weil sie grausam waren. Die Überlebenden sind laut dem Text die Affen des Waldes.

Erst viel später, nachdem die Abenteuer der Heldenzwillinge die Welt darauf vorbereitet haben, gelingt die Erschaffung der Menschen. Aus gelbem und weißem Mais von einem Ort namens Paxil und Cayala, den Xmucane mahlt, formen die Götter die ersten vier Männer: Balam Quitze, Balam Acab, Mahucutah und Iqui Balam. Danach erschaffen sie deren Frauen. Diese Menschen aus Mais sprechen und danken. Anfangs können sie alles sehen, Nahes und Fernes. Weil die Götter fürchten, die Menschen könnten ihnen gleich werden, trüben sie deren Sicht „wie Atem auf einem Spiegel“. Die Vorstellung, dass Menschen aus Mais bestehen, ist bis heute ein wichtiger Teil der Identität der Maya.

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Einfach

Die Geschichte, Teil 2: Die Heldenzwillinge und die Herren von Xibalba

Vor dem Anbruch der heutigen Welt besiegen die Zwillinge Hunahpu und Xbalanque zunächst ein prahlerisches Vogelwesen namens Sieben Ara (Vucub Caquix), das vorgibt, Sonne und Mond zu sein. Danach besiegen sie seine überheblichen Söhne Zipacna und Cabracan. Diese Episoden erzählen, wie falsche Mächte vor dem wirklichen Sonnenaufgang beseitigt werden.

Dann blickt die Geschichte eine Generation zurück. Der Vater und der Onkel der Zwillinge, Eins Hunahpu und Sieben Hunahpu, waren hervorragende Ballspieler. Ihre lauten Spiele störten die Herren von Xibalba, der Unterwelt. Die Herren, angeführt von Eins Tod und Sieben Tod, riefen sie zu sich hinab, täuschten sie und töteten sie. Der Kopf von Eins Hunahpu wurde in einen Kalebassenbaum gehängt. Als eine junge Frau aus Xibalba namens Xquic (Frau Blut) den Baum sehen wollte, spuckte der Schädel in ihre Hand. Daraufhin wurde sie schwanger. Sie floh aus der Unterwelt und ging zum Haus von Xmucane, der Großmutter der Zwillinge. Nachdem sie Prüfungen bestanden hatte, die ihre Herkunft bewiesen, brachte sie Hunahpu und Xbalanque zur Welt.

Als die Zwillinge herangewachsen sind, finden sie die Ausrüstung ihres Vaters für das Ballspiel. Auch sie werden nach Xibalba gerufen. Dort bestehen sie eine Reihe tödlicher Prüfungen: das Haus der Dunkelheit, das Haus der Messer, das Haus der Kälte, das Haus der Jaguare, das Haus des Feuers und das Haus der Fledermäuse. Im letzten Haus schlägt eine Fledermaus Hunahpu den Kopf ab; Xbalanque ersetzt ihn durch einen Kürbis, um die Herren zu täuschen. Die Zwillinge wissen, dass die Herren sie töten wollen, und planen deshalb ihren eigenen Tod: Sie springen in einen Ofen. Ihre zermahlenen Knochen werden in einen Fluss geworfen. Dann kehren sie als arme umherziehende Gaukler zurück. Zu ihren Wundern gehört, dass sie einander opfern und wieder zum Leben erwecken. Die faszinierten Herren wollen ebenfalls geopfert werden. Die Zwillinge töten sie, erwecken sie aber nicht wieder zum Leben. So brechen sie die Macht Xibalbas.

Anschließend versuchen die Zwillinge, ihren Vater wiederherzustellen. Er bleibt am Ballspielplatz geehrt. Dann steigen sie als Sonne und Mond an den Himmel. Der Sieg von Klugheit, Treue und Selbstaufopferung über den Tod ist eines der großen Themen mesoamerikanischer Erzählungen.

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Mittel

Die Geschichte, Teil 3: Wanderung, Sonnenaufgang und die Könige der K'iche'

Der letzte Teil geht vom Mythos zur Geschichte über. Die ersten Menschen aus Mais und ihre Nachkommen vermehren sich in der Dunkelheit des Ostens und ziehen an einen Ort namens Tulan Zuyva. Dort erhalten sie ihre Schutzgötter, darunter Tohil, einen Gott, der mit dem Feuer verbunden ist. Nach dem Verlassen von Tulan sprechen die Familien verschiedene Sprachen. So erklärt der Text die Vielfalt der Völker des Hochlands.

Sie wandern umher, fasten und warten in den Bergen bis zum ersten Sonnenaufgang. Mit ihm beginnt die Welt, wie die Menschen sie kennen. Danach erzählt der Text, wie sich die Familien der K'iche' niederließen, gegen ihre Nachbarn kämpften, befestigte Städte bauten und schließlich Q'umarkaj, ihre große Hauptstadt, gründeten. Er beschreibt bedeutende Herrscher, besonders den mächtigen K'iq'ab, unter dem sich das Königreich der K'iche' ausdehnte. Außerdem nennt er die Titel und Häuser der herrschenden Familien.

Das Buch endet mit den Stammbäumen der Familien Kaweq, Nijaib und Ajaw K'iche'. Sie reichen Generation für Generation bis zu den Herrschern, die Mitte des 16. Jahrhunderts unter spanischer Herrschaft lebten. Auch die spanische Eroberung wird erwähnt. Dieser historische Teil diente dazu, Herrschaftsansprüche zu begründen: Er zeigte, welche Familien Macht besaßen und warum. Das war bei Streitigkeiten über Land und gesellschaftlichen Rang in der Kolonialzeit sehr wichtig.

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Mittel

Historischer Hintergrund: das Königreich der K'iche' und die spanische Eroberung

Die Geschichte der Maya-Zivilisation reicht mehr als zweitausend Jahre zurück. Die großen Städte des Tieflands aus der klassischen Periode (etwa 250–900 n. Chr.), darunter Tikal und Palenque, verwendeten eine ausgefeilte Hieroglyphenschrift. Das Königreich der K'iche' im Hochland entstand wesentlich später, in der postklassischen Periode. Im 15. Jahrhundert beherrschte es von Q'umarkaj aus große Teile des guatemaltekischen Hochlands, bevor sich rivalisierende Völker, darunter die Kaqchikel, von ihm lösten.

1524 drang der spanische Eroberer Pedro de Alvarado mit spanischen Soldaten und zahlreichen verbündeten indigenen Kriegern aus Zentralmexiko ins Hochland vor. Nach Schlachten nahe dem heutigen Quetzaltenango wurden die Könige der K'iche' gefangen genommen und verbrannt; Q'umarkaj wurde zerstört. In der Nähe gründeten die Spanier anschließend die Stadt Santa Cruz del Quiché. Seuchen, Zwangsarbeit und Missionskampagnen folgten. Viele indigene Bücher wurden als vermeintlich götzendienerisch vernichtet.

Unter diesen Umständen begannen K'iche'-Adlige, von denen einige bei Missionaren die lateinische Schrift gelernt hatten, Dokumente in ihrer eigenen Sprache zu verfassen. Mehrere verwandte K'iche'-Texte aus derselben Zeit sind erhalten, etwa der Titel von Totonicapán (1554), der Fassungen einiger derselben historischen Überlieferungen enthält. Das Schreiben des Popol Vuh bewahrte Wissen und bekräftigte die eigene Geschichte: Die Verfasser vermerken, dass sie „innerhalb des Christentums“ schreiben, halten aber die alten Götter, Riten und die Geschichte ihrer Herrscher sorgfältig fest.

Weltweit waren die 1550er-Jahre eine Zeit zunehmender globaler Verflechtung. Spanien festigte sein amerikanisches Kolonialreich, Silber aus Potosí begann über den Atlantik und den Pazifik zu fließen, und indigene Verfasser in ganz Mesoamerika, darunter Nahua in Mexiko, hielten ihre Geschichte in Alphabetschriften fest.

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Mittel

Zentrale Gedanken und Themen

Schöpfung durch Wort und Gespräch. Die Welt entsteht durch das gemeinsame Beraten, Denken und Sprechen der Götter. Die Schöpfung ist ein gemeinsamer Prozess mit mehreren Versuchen und Irrtümern, keine einmalige Handlung. Die Menschen sind dazu da, zu sprechen, sich zu erinnern und die Götter durch Lob und Opfergaben zu nähren.

Mais und Menschheit. Die Menschen werden buchstäblich aus Maisteig geformt. Das drückt die enge Verbindung zwischen den Völkern Mesoamerikas und der Nutzpflanze aus, die sie vor Jahrtausenden domestizierten. Zugleich verbindet es den menschlichen Lebenslauf mit Aussaat, Wachstum, Ernte und Wiedergeburt. Der Tod und die Rückkehr des Vaters der Zwillinge sowie der Tod und die Wiederkehr der Zwillinge selbst erinnern an den Kreislauf der Maispflanze.

Gegensätze, Gleichgewicht und Kalender. Paare erscheinen überall: Himmel und Erde, Großmutter und Großvater, zwei Generationen von Zwillingen sowie Tag und Nacht. Viele Namen enthalten Zahlen und Tagesnamen aus dem rituellen Kalender mit 260 Tagen, zum Beispiel Hun („eins“) und Vucub („sieben“). Der Text spiegelt auch die Arbeit der Tageshüter (ajq'ij) wider, der K'iche'-Ritualkundigen, die den Kalender bis heute führen.

List gegen Hochmut. Die Helden überwinden stärkere Gegner durch Klugheit, Verkleidung und Wissen statt durch rohe Gewalt. Prahlerische oder grausame Gestalten, von Sieben Ara bis zu den Herren von Xibalba, scheitern an ihrem Stolz. Das Ballspiel, ein tatsächlich ausgeübter mesoamerikanischer Ritualsport mit einem festen Gummiball, wird zum Schauplatz des Kampfes zwischen Leben und Tod.

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Mittel

Wie der Text erhalten blieb: von der mündlichen Überlieferung zur Newberry Library

Das ursprüngliche, in den 1550er-Jahren mit Buchstaben geschriebene Manuskript ist verloren. Der Text blieb erhalten, weil der Dominikanermönch Francisco Ximénez, Pfarrer von Santo Tomás Chichicastenango, um 1701–1703 von Mitgliedern der Gemeinde ein K'iche'-Manuskript gezeigt bekam. Er schrieb es in K'iche' ab und stellte ihm in parallelen Spalten eine spanische Übersetzung gegenüber. Ximénez interessierte sich für die Sprache und betrachtete den Text zugleich aus missionarischer Sicht. Seiner sorgfältigen Abschrift verdanken wir jedoch, dass der Text überhaupt erhalten ist.

Nach Ximénez' Tod blieben seine Manuskripte bei den Dominikanern und gelangten 1829–1830 an die Universität San Carlos in Guatemala-Stadt. Dort entdeckte sie der österreichische Reisende Carl Scherzer 1854. Er veröffentlichte Ximénez' spanische Übersetzung 1857 in Wien. 1855 erwarb der französische Priester und Altertumsforscher Charles Étienne Brasseur de Bourbourg das Manuskript und brachte es nach Frankreich. 1861 veröffentlichte er den K'iche'-Text mit einer französischen Übersetzung. Damit machte er den Namen „Popol Vuh“ einem größeren Publikum bekannt und teilte den Text in vier Bücher ein.

Nach Brasseurs Tod wurde das Manuskript verkauft. Schließlich gelangte es in die Sammlung des amerikanischen Sammlers Edward E. Ayer, der es der Newberry Library in Chicago schenkte. Dort geriet es weitgehend in Vergessenheit, bis es der guatemaltekische Gelehrte Adrián Recinos 1941 ausfindig machte. Seine spanische Übersetzung von 1947 wurde zu einem Standardwerk. Die Newberry Library hat inzwischen digitale Bilder zugänglich gemacht. Viele Menschen in Guatemala und führende Vertreter der K'iche' haben darüber gesprochen, wo das Manuskript letztlich aufbewahrt werden sollte.

Zu den wichtigen neueren Übersetzungen gehören Munro Edmonsons Versübersetzung (1971), die englische Übersetzung von Dennis Tedlock (1985, überarbeitet 1996), die in Zusammenarbeit mit dem K'iche'-Tageshüter Andrés Xiloj entstand, die Ausgabe des K'iche'-Gelehrten Luis Enrique Sam Colop (Popol Wuj, 1999, und eine spanische Übersetzung von 2008) sowie Allen J. Christensons wörtliche und poetische Übersetzungen (ab 2003). Der Text wurde auch in heutiges K'iche' und viele weitere Sprachen übersetzt.

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Mittel

Nachwirkung und lebendige Tradition

Für viele K'iche' und andere Maya ist das Popol Vuh kein Relikt, sondern Teil eines lebendigen spirituellen und kulturellen Erbes. Tageshüter, Lehrkräfte und Aktivisten beziehen sich bei Zeremonien, in der Bildung und in der Bewegung für die Rechte indigener Völker und die Wiederbelebung ihrer Sprachen darauf. Diese Bewegung wuchs nach dem Bürgerkrieg in Guatemala (1960–1996) und den Friedensabkommen von 1996. Aus Respekt sollten Leser bedenken, dass die Götter, Orte und Riten des Buches für heute lebende Gemeinschaften heilig sind.

In Guatemala ist das Buch ein nationales Symbol. Der Nobelpreisträger Miguel Ángel Asturias, der in Paris Maya-Texte studierte, ließ sich für seinen Roman Hombres de maíz („Menschen aus Mais“, 1949) stark davon anregen. 2012 erklärte das guatemaltekische Kulturministerium das Popol Vuh zum immateriellen Kulturerbe des Landes. Seine Bilder und Figuren, von den Menschen aus Mais bis zu den Heldenzwillingen, erscheinen in Wandbildern, Theaterstücken, Musik, Kinderbüchern und Filmen.

Für die Forschung veränderte das Popol Vuh das Verständnis der alten Maya-Kunst. Seit den 1970er-Jahren erkannten Forscher wie Michael D. Coe, dass Darstellungen auf bemalten Maya-Keramikgefäßen aus der klassischen Periode Fassungen derselben Helden und Herren der Unterwelt zeigen. Diese Gefäße entstanden etwa 700 Jahre vor der Niederschrift des Popol Vuh. Die Entdeckung der Wandmalereien von San Bartolo in Guatemala, die um das erste Jahrhundert v. Chr. entstanden und eine Erzählung über einen Maisgott zeigen, belegt noch ältere verwandte mythologische Themen.

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Fortgeschritten

Wissenschaftliche Debatten und offene Fragen

Datierung und Verfasserschaft. Die Datierung auf etwa 1554–1558 beruht auf Hinweisen im Text: Die letzte in den Stammbäumen genannte Herrschergeneration lässt sich K'iche'-Herrschern zuordnen, die in spanischen Kolonialakten der 1550er-Jahre belegt sind. Die Verfasser bezeichnen sich lediglich als Angehörige des K'iche'-Adels. Einige Forschende haben bestimmte Personen vorgeschlagen, etwa Diego Reynoso, einen Unterzeichner des Titels von Totonicapán, oder Adlige mit Familientiteln wie „Großer Verwalter“ der Kaweq. Für keinen Kandidaten gibt es jedoch einen Beweis.

Vorspanischer Kern oder Synthese der Kolonialzeit? Die Verfasser schrieben unter spanischer Herrschaft. In der Forschung wird diskutiert, wie stark christliche Vorstellungen den Text prägten. Manche Episoden, etwa Xquics wundersame Empfängnis oder die Flut, wurden mit biblischen Erzählungen verglichen. Die meisten Fachleute betonen heute die tiefen mesoamerikanischen Wurzeln der zentralen Erzählungen. Dafür sprechen Bilder aus der klassischen Periode und Parallelen in anderen Quellen des Hochlands. Zugleich erkennen sie an, dass die Verfasser ihren Text bewusst für die Welt der Kolonialzeit gestalteten. In der neueren Forschung gilt das Popol Vuh daher eher als eigenständige indigene Antwort auf die Kolonialisierung denn als unverändert überlieferter Text aus der Zeit vor der Eroberung oder als Erfindung unter missionarischem Einfluss.

Das „ursprüngliche Buch“. Was war das frühere Popol Vuh, das die Verfasser erwähnen? Vielleicht handelte es sich um ein bemaltes Faltbuch, das Fachkundige als Grundlage für mündliche Vorträge nutzten, ähnlich den erhaltenen Maya-Kodizes und mittelmexikanischen Kodizes der postklassischen Zeit. Aus dem Hochland der K'iche' ist jedoch kein solches Buch erhalten. Unbekannt ist, wie eng der mit Buchstaben geschriebene Text einem solchen Buch folgt und wie viel auf mündlich vorgetragenen Erzählungen beruht.

Verbindung zu den Maya der klassischen Periode. Weitgehend anerkannt ist die grundsätzliche Zuordnung der Heldenzwillinge zu Gestalten auf klassischen Vasen, die in Inschriften der klassischen Maya häufig Hun Ajaw und Yax Balam genannt werden. Auch ihr Vater wird mit dem klassischen Maisgott in Verbindung gebracht. Besonders Karl Taube und andere Forschende haben dazu beigetragen. Wissenschaftler warnen jedoch davor, den Hochlandtext des 16. Jahrhunderts als unmittelbaren Schlüssel zu allen Bildern des klassischen Tieflands zu lesen: Zwischen beiden liegen Jahrhunderte sowie unterschiedliche Regionen und Sprachen.

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Fortgeschritten

Primärquellen, Übersetzung und methodische Hinweise

Es gibt einen maßgeblichen erhaltenen Textzeugen: Ximénez' Abschrift (Newberry Library, Ayer MS 1515) mit dem K'iche'-Text und seiner spanischen Übersetzung. Ximénez verfasste außerdem eine zweite spanische Fassung, die in seiner Geschichte der Dominikanerprovinz enthalten ist. Forschende vergleichen diese Texte mit verwandten Dokumenten der K'iche' und Kaqchikel, darunter dem Titel von Totonicapán und den Annalen der Kaqchikel, mit Landtiteln aus der Kolonialzeit sowie mit archäologischen Funden aus Q'umarkaj und anderen Orten des Hochlands.

Die Übersetzung ist besonders schwierig. Das klassische K'iche' unterscheidet sich von der heutigen Sprache; Ximénez' Schreibweise war nicht vereinheitlicht. Zudem besteht der Text großenteils aus parallelen Verspaaren. Dieser semantische Parallelismus ist ein Merkmal feierlicher mesoamerikanischer Rede: Ein Gedanke wird zweimal mit leicht unterschiedlichen Worten ausgedrückt. Übersetzer müssen entscheiden, ob sie den Text als Prosa oder Dichtung wiedergeben, wie sie Namen übertragen und wie stark sie sich auf Deutungen heutiger K'iche'-Sprecher stützen. Ein Beispiel ist Juraqan, das nach einer verbreiteten, aber umstrittenen Etymologie über karibische Sprachen zum Wort „Hurrikan“ geführt haben soll.

Ein heute weithin anerkannter methodischer Grundsatz ist die Zusammenarbeit mit K'iche'-Sprechern und Ritualkundigen. Tedlock arbeitete etwa mit Andrés Xiloj zusammen, Christenson mit Ältesten in Momostenango und anderen Orten. Ihr Wissen über lebendige Bräuche hat Stellen verständlicher gemacht, die früheren Sprachforschern Rätsel aufgaben. Zugleich betonen Forschende, dass zwischen der Bedeutung des Textes im 16. Jahrhundert und späteren Deutungen unterschieden werden muss. Die Kultur der Maya sollte nicht als unveränderlich betrachtet werden.

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Kernideen

Schöpfung durch das Wort
Die Götter erschaffen die Welt, indem sie gemeinsam sprechen und denken. Sie entsteht durch Gespräche sowie durch Versuche und Irrtümer.
Menschen aus Mais
Die wirklichen Menschen werden aus Maisteig geformt. So sind die Identität der Menschen und der Kreislauf ihrer wichtigsten Nahrungspflanze miteinander verbunden.
Tod und Wiedergeburt
Die Heldenzwillinge sterben und kehren zurück. Das erinnert an das Aussäen und Keimen des Maises sowie an den täglichen Weg der Sonne.
Klugheit besiegt Hochmut
Kluge Helden besiegen prahlerische und grausame Mächte durch List, Geduld und Selbstaufopferung.
Dankbarkeit und Gegenseitigkeit
Die Menschen sollen sich an ihre Schöpfer erinnern und sie ehren. Wer sie vergisst, dem droht die Vernichtung, wie den Menschen aus Holz.
Geschichte als Grundlage von Herrschaftsansprüchen
Die Stammbäume begründen die Ansprüche der K'iche'-Familien und verbinden die Ursprünge der Welt mit der politischen Ordnung.
Schreiben als Bewahrung
Nach der Eroberung wurde der Text mit Buchstaben aufgeschrieben, damit das überlieferte Wissen nicht verloren ging.

Einträge

  1. um 100 v. Chr. — Ungefähre Entstehungszeit der Wandmalereien von San Bartolo in Guatemala. Sie zeigen eine Erzählung über einen Maisgott, die mit späteren Mythen verwandt ist.
  2. um 700 n. Chr. — Bemalte Gefäße der klassischen Maya zeigen die Heldenzwillinge und Herren der Unterwelt (etwa 600–900 n. Chr.).
  3. um 1400 — Die K'iche'-Hauptstadt Q'umarkaj wird gegründet; das Königreich breitet sich im Hochland aus (15. Jahrhundert).
  4. 1524 — Die Truppen Pedro de Alvarados erobern das Reich der K'iche'; die Könige werden hingerichtet und Q'umarkaj wird niedergebrannt.
  5. um 1554 — Namentlich unbekannte K'iche'-Adlige schreiben das Popol Vuh in lateinischer Schrift auf (etwa 1554–1558).
  6. um 1701 — Francisco Ximénez schreibt das Manuskript in Chichicastenango ab und übersetzt es (etwa 1701–1703).
  7. 1857 — Carl Scherzer veröffentlicht Ximénez' spanische Übersetzung in Wien.
  8. 1861 — Brasseur de Bourbourg veröffentlicht den K'iche'-Text mit einer französischen Übersetzung in Paris.
  9. 1941 — Adrián Recinos findet Ximénez' Manuskript in der Newberry Library wieder.
  10. 1947 — Recinos' spanische Übersetzung wird veröffentlicht.
  11. 1985 — Die englische Übersetzung von Dennis Tedlock erscheint.
  12. 2012 — Guatemala erklärt das Popol Vuh zum immateriellen Kulturerbe des Landes.

Glossar

K'iche'
Ein Maya-Volk im Hochland Guatemalas und seine Sprache, die heute zu den meistgesprochenen Maya-Sprachen gehört.
Xibalba
Die Unterwelt im Glauben der K'iche', beherrscht von Herren des Todes und der Krankheit; wörtlich „Ort der Angst“.
Heldenzwillinge
Hunahpu und Xbalanque, göttliche Zwillinge, die die Herren von Xibalba besiegen und zu Sonne und Mond werden.
Mesoamerika
Ein Kulturraum, der große Teile Mexikos und Mittelamerikas umfasst und in dem unter anderem die Kulturen der Olmeken, Maya, Zapoteken und Azteken entstanden.
Mesoamerikanisches Ballspiel
Ein ritueller Sport mit einem schweren Gummiball, der hauptsächlich mit der Hüfte auf lang gestreckten, I-förmigen Spielfeldern gespielt wurde.
Kodex
Hier ein faltbares Buch aus Rindenpapier oder Hirschleder, bemalt mit Bildern und Schriftzeichen; solche Bücher wurden in Mesoamerika vor der spanischen Eroberung verwendet.
Tageshüter (ajq'ij)
Ein Ritualkundiger der K'iche', der den heiligen Kalender mit 260 Tagen führt und Zeremonien sowie Wahrsagungen durchführt.
Q'umarkaj
Die 1524 zerstörte Hauptstadt des K'iche'-Königreichs in der postklassischen Zeit; auch unter dem Nahuatl-Namen Utatlán bekannt.
Parallelismus
Eine dichterische Ausdrucksweise, bei der ein Gedanke in zwei zusammengehörenden Zeilen mit leicht unterschiedlichen Worten wiederholt wird.

Fragen und Antworten

Was bedeutet „Popol Vuh“?

Ungefähr „Buch des Rates“ oder „Buch der Gemeinschaft“. Popol bedeutet Matte und im übertragenen Sinn Rat; vuh (wuj) bedeutet Buch oder Papier.

Wer sind die Heldenzwillinge?

Hunahpu und Xbalanque sind Zwillingsbrüder. Sie besiegen eine falsche Sonne, überlisten die Herren der Unterwelt beim Ballspiel und in mehreren Prüfungen und werden schließlich zu Sonne und Mond.

Ist das Popol Vuh älter als die spanische Eroberung?

Der niedergeschriebene Text stammt aus den 1550er-Jahren, also aus der Zeit nach der Eroberung. Seine Geschichten sind jedoch viel älter. Verwandte Szenen erscheinen in Maya-Kunstwerken, die viele Jahrhunderte früher entstanden.

Wer hat das Popol Vuh geschrieben?

Namentlich unbekannte Adlige der K'iche'. Sie nannten ihre Namen nicht. Forschende haben mögliche Verfasser vorgeschlagen, doch keiner ist sicher nachgewiesen.

Wo befindet sich das ursprüngliche Manuskript?

Das Original aus den 1550er-Jahren ist verloren. Die älteste erhaltene Abschrift fertigte Francisco Ximénez um 1701–1703 an. Sie befindet sich in der Newberry Library in Chicago.

Warum wurden die Menschen in der Geschichte aus Mais gemacht?

Mais war das wichtigste Nahrungsmittel Mesoamerikas. Dass die Menschen aus Mais bestehen, zeigt die enge Verbindung zwischen ihnen, dem Land und den Pflanzen, die sie ernähren.

Ist das Popol Vuh heute noch heilig?

Ja. Viele K'iche' und andere Maya betrachten es als heilig und beziehen es in Zeremonien, Unterricht und die Pflege ihrer Kultur ein. Deshalb sollte man es mit Respekt lesen.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Popol Vuh. Wikipedia
  2. Allen J. Christenson, Popol Vuh: Sacred Book of the Quiché Maya People (translation and commentary; electronic version of the 2003 University of Oklahoma Press edition). Mesoweb Publications, 2007
  3. Maya Hero Twins. Wikipedia
  4. Xibalba. Wikipedia
  5. Qʼumarkaj. Wikipedia
  6. Kʼicheʼ people. Wikipedia
  7. Francisco Ximénez. Wikipedia
  8. Charles Étienne Brasseur de Bourbourg. Wikipedia
  9. Mesoamerican ballgame. Wikipedia
  10. Dennis Tedlock (translator), Popol Vuh: The Definitive Edition of the Mayan Book of the Dawn of Life and the Glories of Gods and Kings. Simon & Schuster, 1985 (revised 1996)

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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.

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