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Für junge Leser
Vor langer, langer Zeit erzählten die Menschen in Indien von einem freundlichen und mutigen Prinzen namens Rama. Sein Vater war der König der Stadt Ayodhya. Alle dachten, Rama würde der nächste König werden. Doch eine Frau des Königs erinnerte ihn an ein altes Versprechen. Deshalb musste Rama vierzehn Jahre im Wald leben.
Rama beklagte sich nicht. Er ging mit seiner Frau Sita und seinem treuen Bruder Lakshmana in den Wald. Dort lebten sie einfach, zwischen Bäumen und Flüssen und in der Nähe weiser Einsiedler.
Eines Tages täuschte sie der Dämonenkönig Ravana. Er hatte zehn Köpfe. Ravana schickte einen Zauberhirsch aus Gold, um Rama und Lakshmana fortzulocken. Dann entführte er Sita in einem fliegenden Wagen in sein Inselreich Lanka.
Rama suchte überall nach Sita. Er freundete sich mit einem Volk von Affen und Bären an. Der tapferste Affe, Hanuman, sprang mit einem riesigen Satz über das Meer. Er fand Sita in Ravanas Garten und sagte ihr, dass Rama kommen würde. Dann bauten die Affen eine Brücke aus Steinen über das Meer. Ramas Heer kämpfte in einer großen Schlacht. Rama besiegte Ravana und befreite Sita.
Die Geschichte heißt Ramayana. Das bedeutet „Ramas Weg“. Sie wurde zuerst als langes Gedicht in Sanskrit aufgeschrieben, einer alten Sprache Indiens. Seither erzählen Menschen sie auf viele Arten: in anderen Sprachen, als Tanz, Puppenspiel, Bildgeschichte und im Fernsehen. Jedes Jahr im Herbst feiern viele Menschen in Indien das Fest Dussehra. Dabei verbrennen sie große Figuren von Ravana und feiern den Sieg des Guten über das Böse.
Auf einen Blick
- Art des Werks
- Sanskrit-Epos (itihāsa, „so war es“); traditionell ādikāvya, „erstes Gedicht“, genannt
- Traditioneller Verfasser
- Der Weise Valmiki (Vālmīki)
- Entstehungszeit
- Über mehrere Jahrhunderte entstanden; der Kern wird häufig ungefähr zwischen dem 7. oder 5. und dem 4. Jahrhundert v. Chr. angesetzt, spätere Schichten reichen bis etwa ins 3. Jahrhundert n. Chr. (Datierungen umstritten)
- Umfang
- Etwa 24.000 Verse (Ślokas) in ungefähr 500 Gesängen (Sargas)
- Aufbau
- Sieben Bücher (Kāṇḍas): Bāla, Ayodhyā, Araṇya, Kiṣkindhā, Sundara, Yuddha, Uttara
- Schauplätze
- Ayodhya und das Königreich Kosala in der Gangesebene, die Wälder Mittel- und Südindiens sowie Lanka
- Hauptfiguren
- Rama, Sita, Lakshmana, Bharata, Dasharatha, Kaikeyi, Hanuman, Sugriva, Ravana
- Verbreitung
- In fast allen Sprachen Südasiens und in ganz Südostasien (Thailand, Kambodscha, Laos, Myanmar, Malaysia, Indonesien) nacherzählt
Einfach
Was ist das Ramayana?
Das Ramayana („Ramas Weg“ oder „Ramas Reise“) ist eines der beiden großen Sanskrit-Epen des alten Indien; das andere ist das Mahabharata. Es erzählt vom Leben Ramas, des Prinzen von Ayodhya. Er wird in den Wald verbannt, seine Frau Sita wird vom Dämonenkönig Ravana entführt, und Rama befreit sie in einem großen Krieg auf der Insel Lanka.
In der indischen Tradition heißt das Werk ādikāvya, „erstes Gedicht“, und sein Verfasser, der Weise Valmiki, ādikavi, „erster Dichter“. Das bedeutet nicht, dass es der älteste Text in Sanskrit wäre; die Veden sind viel älter. Vielmehr galt das Ramayana als erstes Werk der kāvya, einer bewusst kunstvoll gestalteten Dichtung im Unterschied zu Hymnen oder Ritualtexten.
Die Valmiki zugeschriebene Fassung umfasst etwa 24.000 Verse, überwiegend im zweizeiligen Śloka-Versmaß. Sie ist in sieben Bücher gegliedert, die Kāṇḍas heißen. Die meisten heutigen Forschenden nehmen an, dass das Gedicht über mehrere Jahrhunderte aus mündlichen Erzählungen zu einem schriftlichen Text heranwuchs und dass das erste und das letzte Buch später hinzukamen als die fünf mittleren.
Das Ramayana ist zugleich Erzählung, moralische Orientierung und für viele Hindus ein heiliger Text. Rama wird als Avatar (irdische Gestalt) des Gottes Vishnu verehrt, und Hanuman gehört zu den beliebtesten Gottheiten Indiens. Auch Buddhisten und Jainas erzählen die Geschichte. Viele Menschen in Südostasien kennen sie vor allem als Nationalepos und Theatertradition.
Einfach
Die Handlung, Buch für Buch
Buch 1, Bāla Kāṇḍa (Kindheit): König Dasharatha von Ayodhya hat keine Söhne und bringt deshalb ein großes Opfer dar. Seine drei Königinnen gebären vier Söhne: Kausalya den Rama, Kaikeyi den Bharata und Sumitra die Zwillinge Lakshmana und Shatrughna. Als junger Mann begleitet Rama den Weisen Vishvamitra, um dessen Rituale vor Dämonen zu schützen. Am Hof König Janakas von Videha biegt und zerbricht Rama den mächtigen Bogen des Gottes Shiva, den sonst niemand heben konnte. So gewinnt er Janakas Tochter Sita zur Frau, die als Baby in einer Ackerfurche gefunden worden war.
Buch 2, Ayodhyā Kāṇḍa (Ayodhya): Dasharatha beschließt, Rama zum Thronfolger zu krönen. Doch Königin Kaikeyi erinnert den König, angestiftet von ihrer Dienerin Manthara, an zwei Wünsche, die er ihr einst zugesagt hatte. Sie fordert, dass ihr Sohn Bharata gekrönt und Rama für vierzehn Jahre in den Wald verbannt wird. Der König fühlt sich an sein Wort gebunden, stimmt zu und stirbt bald darauf vor Kummer. Rama zieht ruhig mit Sita und Lakshmana fort. Bharata weigert sich, den Thron für sich zu beanspruchen. Er stellt Ramas Sandalen darauf und regiert bis zu dessen Rückkehr nur als sein Stellvertreter.
Buch 3, Araṇya Kāṇḍa (Wald): Im Wald versucht die Dämonin Shurpanakha, Rama und Lakshmana zu verführen. Lakshmana verstümmelt sie. Ihr Bruder Ravana, der zehnköpfige König von Lanka, will Rache. Sein Gefolgsmann Maricha verwandelt sich in einen goldenen Hirsch. Während Rama ihn verfolgt und Lakshmana Rama nachgeht, entführt Ravana Sita. Der alte Geier Jatayu kämpft gegen Ravana und wird tödlich verwundet. Er lebt jedoch lange genug, um Rama zu berichten, was geschehen ist.
Buch 4, Kiṣkindhā Kāṇḍa (Kishkindha): Rama verbündet sich mit Sugriva, einem verbannten Affenprinzen (Vānara). Er hilft ihm, seinen Bruder Vali zu besiegen und den Thron von Kishkindha zurückzugewinnen. Dafür schickt Sugriva Suchtrupps in alle Richtungen. Buch 5, Sundara Kāṇḍa (das „schöne“ Buch), handelt vor allem von Hanuman: Er springt über das Meer, findet Sita in Ravanas Hain aus Ashoka-Bäumen und gibt ihr Ramas Ring. Bevor er zurückkehrt, setzt er Lanka mit seinem brennenden Schwanz in Brand.
Buch 6, Yuddha Kāṇḍa (Krieg): Das Affenheer baut einen Damm über das Meer nach Lanka. Nach vielen Kämpfen gegen Ravanas Krieger, darunter sein Sohn Indrajit und sein riesenhafter Bruder Kumbhakarna, tötet Rama Ravana. Ravanas Bruder Vibhishana, der sich Rama angeschlossen hatte, wird König von Lanka. Zunächst weigert sich Rama, Sita wieder aufzunehmen. Sie beweist ihre Reinheit, indem sie ins Feuer tritt, aus dem der Feuergott sie unversehrt zurückbringt. Beide kehren nach Ayodhya zurück, und Rama wird gekrönt. Buch 7, Uttara Kāṇḍa (das letzte Buch), führt die Geschichte fort: Rama verbannt die schwangere Sita, weil seine Untertanen über ihre Zeit in Ravanas Haus reden. In Valmikis Einsiedelei bringt sie die Zwillinge Lava und Kusha zur Welt. Jahre später tragen die Jungen das Ramayana an Ramas Hof vor. Sita wird zurückgerufen. Statt sich einer weiteren Prüfung zu unterziehen, bittet sie die Erde, ihre Mutter, sie wieder aufzunehmen. Der Boden öffnet sich und nimmt sie auf.
Einfach
Valmiki und die Geburt der Dichtung
Über den historischen Valmiki ist fast nichts bekannt. Im Epos selbst tritt er als Figur auf: als Weiser, dessen Einsiedelei Sita und ihren Söhnen Zuflucht bietet und der Lava und Kusha das Gedicht lehrt. Spätere Legenden, die im frühen Text nicht vorkommen, erzählen, er sei einst ein Räuber gewesen. Weise hätten ihn zu einem heiligen Leben geführt, und er habe so lange meditiert, dass ein Ameisenhügel (valmīka) um ihn herum gewachsen sei. Damit wird sein Name erklärt.
Das Bāla Kāṇḍa erzählt eine berühmte Geschichte über den Ursprung des Gedichts. Valmiki sah, wie ein Jäger einen von zwei sich paarenden Kranichen (krauñca) erschoss. Der Schrei des überlebenden Vogels bewegte ihn zu einem Fluch. Zu seiner Überraschung standen seine Worte in einem regelmäßigen Versmaß. Daraufhin forderte der Gott Brahma ihn auf, in diesem neuen Versmaß, dem Śloka, Ramas Geschichte zu erzählen. In dieser Legende entsteht Dichtung (śloka) aus Kummer (śoka) – ein Wortspiel, das spätere Sanskrit-Gelehrte schätzten.
Heutige Forschende verstehen Valmiki eher als Namen einer Überlieferung denn als einzelnen Verfasser, dessen Lebenszeit sich bestimmen ließe. Wahrscheinlich nahm das Gedicht durch Generationen von Sängern und Erzählern Gestalt an, die es mündlich vortrugen, bevor ein vergleichsweise fester Text niedergeschrieben wurde. Viele Nacherzählungen in anderen Sprachen nennen weiterhin Valmiki als ursprünglichen Erzähler, auch wenn sie die Handlung stark verändern.
Mittel
Dharma, Königtum und die ideale Familie
Ein zentraler Begriff des Ramayana ist Dharma: Pflicht, rechtes Handeln und die Ordnung, die Gesellschaft und Kosmos zusammenhält. Rama erscheint als idealer Mensch (in der späteren Tradition maryādā puruṣottama). Er hält das Versprechen seines Vaters, obwohl es ihn ein Königreich kostet. Bharatas Verzicht auf den Thron, Lakshmanas Hingabe und Sitas Treue zeigen Dharma in weiteren Beziehungen: zwischen Brüdern, zwischen Ehefrau und Ehemann sowie zwischen Untertanen und König.
Das Gedicht denkt auch über das Königtum nach. Ayodhya unter Rama wird zum Vorbild eines vollkommenen Reiches, und „Rāma-rājya“ (Ramas Herrschaft) bezeichnete später ein goldenes Zeitalter der Gerechtigkeit und des Wohlstands. In der Neuzeit verwendete Mahatma Gandhi Ram Rajya als Namen für seine Vorstellung eines gerechten, selbst regierten Indien. Die Bücher über die Verbannung schildern dagegen die Gefahren der Hofpolitik: Ein einziges verletztes Versprechen bringt das Königshaus beinahe zu Fall.
Das Epos bietet für seine moralischen Probleme keine einfachen Lösungen. Seit zweitausend Jahren diskutieren Leserinnen und Leser darüber, dass Rama Vali aus einem Versteck heraus tötet, dass Shurpanakha verstümmelt wird, über Sitas Feuerprobe und vor allem über ihre Verbannung im Uttara Kāṇḍa. Der Sanskrit-Dramatiker Bhavabhuti (8. Jahrhundert) schrieb das Stück Uttararāmacarita, in dem er das Ende umgestaltete und Rama und Sita wieder zusammenführte. Das zeigt, dass schon Autoren der klassischen Zeit das ursprüngliche Ende als verstörend empfanden.
Hingabe (Bhakti) ist ein weiteres wichtiges Thema, besonders in späteren Fassungen. Hanuman verkörpert die selbstlose Hingabe an Rama. In vielen regionalen Ramayanas soll das Hören der Geschichte vor allem die Liebe zu Rama als Gott vertiefen. Ravana wiederum ist nicht bloß ein Ungeheuer: Er ist ein gelehrter König und Verehrer Shivas, den Begierde und Hochmut zu Fall bringen. Einige spätere Traditionen sehen in ihm sogar eine Figur, die durch ihren Tod von Ramas Hand Erlösung erlangt.
Mittel
Historischer und geografischer Hintergrund
Die Welt des Ramayana ist die Welt der Königreiche in der mittleren Gangesebene, etwa Kosala mit der Hauptstadt Ayodhya und Videha mit der Hauptstadt Mithila. Beide erscheinen in späten vedischen und frühen buddhistischen Texten. Die südlichen Wälder, in denen laut Gedicht Einsiedler, Dämonen (Rākṣasas), Affen und Bären leben, spiegeln wider, wie Menschen im Norden sich die weniger vertrauten Gebiete Mittel- und Südindiens vorstellten.
Viele Historikerinnen und Historiker sehen in der Geschichte Anklänge an die Ausbreitung sesshafter, brahmanisch geprägter Gesellschaften in Waldgebiete während des ersten Jahrtausends v. Chr. Andere warnen davor, das Epos als verschlüsselte Geschichte tatsächlicher Wanderungen oder Konflikte zu lesen. Die Affen und Dämonen sind literarische und religiöse Gestalten; ihre Gleichsetzung mit bestimmten Bevölkerungsgruppen wurde mitunter zur Rechtfertigung von Vorurteilen genutzt.
Für die Ereignisse der Erzählung gibt es keine archäologischen Belege, und Forschende sind sich nicht einig, ob hinter Rama ein historischer König steht. Selbst die Lage Lankas ist umstritten: Die meisten Traditionen setzen es mit Sri Lanka gleich, doch einige Forschende meinen, die Geografie des frühen Textes deute auf einen Ort in Mittelindien. Das heutige Ayodhya im Bundesstaat Uttar Pradesh wird seit vielen Jahrhunderten mit Ramas Stadt gleichgesetzt. Häufig wird angenommen, dass die ältere Stadt Saketa am selben Ort oder in dessen Nähe lag.
Mittel
Viele Ramayanas in Indien
Valmikis Gedicht ist nicht das einzige Ramayana. Das Mahabharata enthält mit dem Rāmopākhyāna eine eigene kurze Fassung. Buddhisten überlieferten das Dasharatha-Jātaka, in dem Rama ein früheres Leben des Buddha ist und Ravana niemanden entführt. Jainas erzählten die Geschichte in Werken wie Vimalasuris prakritsprachigem Paumacariya. Dort ist Rama ein jainistischer Held, und Lakshmana tötet Ravana, nicht Rama.
Seit dem Mittelalter erzählten bedeutende Dichter die Geschichte in regionalen Sprachen neu. Kambans tamilisches Irāmāvatāram, häufig ins 12. Jahrhundert datiert, gilt als Meisterwerk der tamilischen Literatur. Krittivas verfasste eine bengalische und Ezhuthachan eine malayalamsprachige Fassung. Tulsidas schrieb das awadhisprachige Rāmcaritmānas, mit dem er nach Angaben des Gedichts selbst 1574 begann. Es wurde zum meistrezitierten Ramayana Nordindiens. Seine öffentliche Aufführung als Ramlila, ein über viele Abende gespieltes Drama, ist von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt.
Diese Fassungen unterscheiden sich in wichtigen Punkten. Bei Tulsidas wird zum Beispiel die wirkliche Sita vor der Entführung im Feuer verborgen; Ravana nimmt nur eine Schein-Sita mit, sodass er die Göttin niemals berührt. Volkslieder und Lieder von Frauen erzählen die Geschichte häufig aus Sitas Sicht. Der Gelehrte A. K. Ramanujan vertrat in seinem bekannten Essay „Three Hundred Rāmāyaṇas“ die Auffassung, dass es keine einzige ursprüngliche Geschichte, sondern eine große Familie von Erzählungen gebe. Der Essay löste eine Kontroverse aus, als er 2011 aus einem Lehrplan der Universität Delhi gestrichen wurde.
Mittel
Das Ramayana in Südostasien
Im ersten Jahrtausend n. Chr. gelangte das Ramayana mit Händlern, Priestern und der höfischen Kultur nach Südostasien. Auf Java gehört das altjavanische Kakawin Rāmāyaṇa, meist ins 9. Jahrhundert datiert, zu den frühesten Werken der javanischen Literatur. Szenen der Geschichte sind in die hinduistische Tempelanlage von Prambanan aus dem 9. Jahrhundert gemeißelt. Reliefs aus dem 12. Jahrhundert am Angkor Wat in Kambodscha zeigen die Schlacht um Lanka.
Jede Region machte die Geschichte zu ihrer eigenen. In Kambodscha gibt es das Reamker, in Laos das Phra Lak Phra Lam, in Myanmar das Yama Zatdaw und in Malaysia das Hikayat Seri Rama, das in einer muslimischen Gesellschaft neu erzählt wurde. In Thailand wurde das Ramakien, dessen bekannteste Fassung Ende des 18. Jahrhunderts unter König Rama I. entstand, zum Nationalepos. Szenen daraus sind an den Wänden des Tempels des Smaragd-Buddha in Bangkok zu sehen. Die Könige der Chakri-Dynastie werden im Englischen als Rama I, Rama II und so weiter bezeichnet.
In weiten Teilen Südostasiens lebt das Ramayana vor allem in Aufführungen weiter: im Schattenspiel (wayang kulit in Indonesien und Malaysia, nang yai in Thailand), im Maskentanz (khon) sowie in höfischen Tänzen und Tempeltänzen. Hanuman ist hier oft ein verspielterer und verliebterer Held als im Sanskrit-Epos. Auch Figuren und Scherze aus der jeweiligen Region kommen hinzu. Diese Traditionen zeigen, dass das Epos zum gemeinsamen Erbe Asiens gehört.
Mittel
Das Ramayana in der Gegenwart
Das Ramayana ist weiterhin im Alltag präsent. Das Fest Dussehra (Vijayadashami) feiert Ramas Sieg über Ravana, oft indem riesige Figuren verbrannt werden. Diwali, das Lichterfest, wird in Nordindien mit Ramas Rückkehr nach Ayodhya verbunden. Comics für Kinder, Filme und Zeichentrickserien erzählen die Geschichte neu. Der Ausdruck „Lakshman rekha“ (Lakshmanas Linie, eine Grenze, die man nicht überschreiten soll) gehört in Indien zum alltäglichen Hindi und Englisch.
1987–88 zeigte der indische Staatssender Doordarshan eine Fernsehserie über das Ramayana unter der Regie von Ramanand Sagar. Sie erreichte ein riesiges Publikum; Berichten zufolge waren die Straßen während der Ausstrahlung wie leer gefegt. Forschende haben die Auffassung vertreten, dass die Serie dazu beitrug, ein einheitlicheres nationales Bild von Rama zu schaffen.
Das Epos ist auch Teil der modernen Politik geworden. Die Behauptung, die Moschee Babri Masjid in Ayodhya habe auf Ramas Geburtsort gestanden, wurde zum Mittelpunkt eines langen Streits. 1992 wurde die Moschee von Aktivisten zerstört; darauf folgten tödliche Unruhen. 2019 sprach Indiens Oberster Gerichtshof das Gelände für einen Tempel zu und wies für eine Moschee ein anderes Grundstück zu. Im Januar 2024 wurde ein Rama-Tempel eingeweiht. Viele Hindus sehen darin die Erfüllung einer religiösen Hoffnung. Viele Muslime sowie säkulare Kritikerinnen und Kritiker sehen in den Ereignissen eine Verletzung der vielfältigen indischen Gesellschaft. Beide Sichtweisen gehören zur modernen Geschichte des Ramayana.
Auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben das Epos kritisch neu erzählt. Dalit- und dravidische Bewegungen des 20. Jahrhunderts stellten beispielsweise die Darstellung südlicher Bevölkerungsgruppen als Dämonen infrage. Feministische Autorinnen erzählten die Geschichte aus der Sicht von Sita, Shurpanakha oder Urmila, Lakshmanas Frau, die in Ayodhya zurückbleibt.
Fortgeschritten
Datierung und Entstehung des Textes
Die wissenschaftlichen Schätzungen zur Entstehungszeit des Ramayana gehen weit auseinander. Robert P. Goldman, Hauptherausgeber der Princeton-Übersetzung, hat einen mündlich überlieferten Kern ungefähr im 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. angesetzt. Er verweist darauf, dass das Epos eine politische Welt kleiner Königreiche am Ganges zeigt und weder den Aufstieg Magadhas noch Pataliputra erwähnt. John Brockington unterscheidet anhand von Sprache und Stil mehrere Entwicklungsstufen: Der Hauptteil des Gedichts habe etwa ab dem 5. bis 4. Jahrhundert v. Chr. Gestalt angenommen, spätere Ergänzungen seien noch in den ersten Jahrhunderten n. Chr. hinzugekommen. Eine häufige Zusammenfassung lautet: Der Kern bestand etwa im 4. Jahrhundert v. Chr., der vollständige Text etwa im 3. Jahrhundert n. Chr.
Seit Hermann Jacobis Arbeiten in den 1890er-Jahren vertreten die meisten Forschenden die Ansicht, dass die Bücher 2–6 den ältesten Kern bilden und die Bücher 1 und 7 später entstanden. Dafür sprechen unter anderem Unterschiede in Sprache und Stil. Hinzu kommt, dass Rama vor allem im ersten und letzten Buch als Verkörperung Vishnus erscheint, während er im Kern hauptsächlich ein heldenhafter menschlicher Prinz ist. Auch stimmen manche Zusammenfassungen und Inhaltsverzeichnisse nicht mit dem vollständigen Text überein. Einige Forschende betonen allerdings, dass das gesamte Epos unabhängig von seiner Entstehungsgeschichte als sinnvolle literarische Einheit gelesen werden sollte.
Die Datierung wird dadurch erschwert, dass der Text erst mündlich und später in Handschriften auf vergänglichem Material überliefert wurde. Die erhaltenen Handschriften sind viel jünger als das Werk; die ältesten sind ungefähr tausend Jahre alt und stammen aus Nepal. Auch das Verhältnis zwischen Valmikis Epos, dem Rāmopākhyāna des Mahabharata und dem buddhistischen Dasharatha-Jātaka ist umstritten. Forschende sind sich uneinig, welcher Text älteres Erzählgut bewahrt.
Fortgeschritten
Handschriften, Textfassungen und die kritische Ausgabe
Die Handschriften des Valmiki-Ramayana gehören zu zwei großen Textfamilien oder Rezensionen: einer nördlichen und einer südlichen. Die nördliche wird oft weiter in eine nordwestliche und eine nordöstliche Fassung unterteilt. Die Handschriften erzählen weitgehend dieselbe Geschichte, unterscheiden sich aber bei etwa einem Drittel ihrer Verse sowie in der Wortwahl, der Reihenfolge und dem Vorhandensein vieler Episoden. Einige bekannte Abschnitte populärer Fassungen stehen nur in bestimmten Überlieferungszweigen.
Zwischen etwa 1960 und 1975 veröffentlichte das Oriental Institute der Maharaja Sayajirao University of Baroda eine kritische Ausgabe. Dafür verglich es zahlreiche Handschriften aus ganz Indien, um die älteste rekonstruierbare Textgestalt zu ermitteln. Abschnitte, die nur in einem Teil der Überlieferung vorkommen, wurden in Fußnoten und Anhänge verschoben. Die von Robert P. Goldman und Sally J. Sutherland Goldman geleitete Übersetzung der Princeton University Press, die in den 2010er-Jahren abgeschlossen wurde, beruht auf dieser Ausgabe und enthält ausführliche Anmerkungen zu abweichenden Lesarten und Kommentaren.
Die kritische Ausgabe war sehr einflussreich, wurde aber auch kritisiert. Einige Forschende meinen, die Vorstellung einer einzigen gemeinsamen Urfassung passe nicht zu einem mündlichen Epos, das stets in unterschiedlichen Aufführungen existierte. Die Ausgabe könne daher den irreführenden Eindruck eines „Originaltexts“ erwecken. Andere verteidigen sie als das beste verfügbare Hilfsmittel, um die Entwicklung der Überlieferung zu erkennen. Traditionelle Sanskrit-Kommentare, etwa von Govindaraja und weiteren Gelehrten des Mittelalters, zeigen, wie gebildete Leser in Indien schwierige Stellen deuteten, häufig im Licht einer von Hingabe geprägten Theologie.
Fortgeschritten
Deutungsdebatten: Geschlecht, Kaste und Macht
Der Umgang mit Sita ist die am stärksten diskutierte Frage der heutigen Ramayana-Forschung. Manche lesen sie als Vorbild ehelicher Hingabe und Stärke. Andere sehen in der Feuerprobe und der Verbannung Zeichen patriarchaler Kontrolle über Frauen. Forschende haben außerdem betont, dass Sitas abschließende Weigerung, sich erneut zu beweisen, und ihre Rückkehr zur Erde auch innerhalb des Textes als Ausdruck von Würde und Protest verstanden werden können.
Das Uttara Kāṇḍa enthält die Episode von Shambuka, einem Shudra (einem Angehörigen der niedrigsten der vier traditionellen Varṇas). Rama tötet ihn, weil er Askese übt, die in der Erzählung höheren Kasten vorbehalten ist. Kastekritische Denker wie B. R. Ambedkar und E. V. Ramasamy (Periyar) haben diese Episode verurteilt. Verteidiger der Tradition weisen dagegen darauf hin, dass sie zu einer späteren Textschicht gehört, oder deuten sie sinnbildlich. Die Debatte zeigt, wie die Autorität des Epos seinen schwierigen Passagen politische Bedeutung verleiht.
Ein weiterer Forschungsansatz, mit dem unter anderem Sheldon Pollock verbunden ist, fragt, wie das Ramayana Vorstellungen vom göttlichen Königtum prägte und wie Herrscher verschiedener Epochen das Bild eines gerechten Königs im Kampf gegen ein dämonisches „Anderes“ nutzten. Anthropologinnen, Anthropologen und Forschende zur Volkskultur betonen dagegen die Vielfalt der Erzählungen und die Art, wie gewöhnliche Darstellende die Geschichte verändern. Beispiele dafür finden sich in den Aufsätzen des von Paula Richman herausgegebenen Bandes Many Rāmāyaṇas (1991). Zusammengenommen verstehen diese Ansätze das Ramayana nicht als unveränderliches Buch, sondern als lebendige Tradition, die jede Gemeinschaft mit ihren eigenen Fragen liest.
Kernideen
- Dharma
- Pflicht und rechtes Handeln: Rama hält das Wort seines Vaters, obwohl es ihn den Thron kostet. Alle wichtigen Figuren müssen entscheiden, was Dharma von ihnen verlangt.
- Ādikāvya
- „Erstes Gedicht“: Das Ramayana gilt als erstes kunstvoll gestaltetes Sanskrit-Gedicht. Die Legende von Valmikis Kranich verbindet Dichtung mit Mitgefühl und Kummer.
- Ideales Königtum (Ram Rajya)
- Ramas Herrschaft wurde zum Vorbild gerechter Regierung, auf das sich spätere Könige und moderne Persönlichkeiten wie Gandhi beriefen.
- Hingabe (Bhakti)
- Besonders in späteren Fassungen hilft die Geschichte, Rama als Gott zu lieben. Hanuman ist das Vorbild eines hingebungsvollen Verehrers.
- Viele Ramayanas
- Es gibt nicht nur ein Ramayana, sondern Hunderte Fassungen in verschiedenen Sprachen, Religionen und Kunstformen Süd- und Südostasiens.
- Entstehungsschichten
- Das Epos wuchs über Jahrhunderte. Die meisten Forschenden sehen die Bücher 2–6 als Kern und die Bücher 1 und 7 als spätere Ergänzungen.
- Umstrittene Moral
- Episoden wie Sitas Feuerprobe und Verbannung, die Tötung Valis und Shambukas Tod lösen seit Jahrhunderten Debatten aus.
Einträge
- um 600 v. Chr. — Ungefähre Zeit der Königreiche am Ganges, etwa Kosala und Videha, die den Hintergrund der Geschichte bilden. Mündliche Erzählungen über Rama könnten damals bereits begonnen haben (Datierungen umstritten).
- um 400 v. Chr. — Man nimmt an, dass der Kern des Valmiki-Ramayana (Bücher 2–6) etwa zu dieser Zeit Gestalt angenommen hatte.
- um 200 n. Chr. — Spätere Schichten, darunter große Teile der Bücher 1 und 7, gelten ungefähr im 2. bis 3. Jahrhundert n. Chr. als abgeschlossen.
- um 700 n. Chr. — Bhavabhuti schreibt das Sanskrit-Drama Uttararāmacarita und gestaltet darin das Ende der Geschichte neu.
- um 850 n. Chr. — In Prambanan auf Java werden Ramayana-Reliefs geschaffen; etwa zu dieser Zeit entsteht das altjavanische Kakawin Rāmāyaṇa.
- um 1150 — Kamban verfasst das tamilische Irāmāvatāram (Datierung umstritten).
- 1574 — Tulsidas beginnt nach Angaben des Gedichts selbst mit dem awadhisprachigen Rāmcaritmānas.
- um 1797 — Das thailändische Ramakien wird unter König Rama I. verfasst.
- um 1960 — Die Veröffentlichung der kritischen Ausgabe des Valmiki-Ramayana in Baroda beginnt (etwa 1975 abgeschlossen).
- 1987 — Die Ausstrahlung von Ramanand Sagars Ramayana-Fernsehserie auf Doordarshan beginnt.
- 1992 — Die Babri Masjid in Ayodhya wird zerstört. Es folgen tödliche Gewalt und ein langer Rechtsstreit.
- 2024 — Nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2019 wird in Ayodhya ein Rama-Tempel eingeweiht.
Glossar
- Epos
- Ein langes erzählendes Gedicht über Helden und bedeutende Ereignisse.
- Sanskrit
- Die klassische Sprache des alten Indien, die für religiöse, literarische und wissenschaftliche Texte verwendet wurde.
- Śloka
- Eine zweizeilige Versform mit 32 Silben, das wichtigste Versmaß des Ramayana und des Mahabharata.
- Kāṇḍa
- Ein Buch oder größerer Teil des Ramayana; es gibt sieben davon.
- Avatar
- Das Erscheinen eines Gottes auf der Erde in einer bestimmten Gestalt; Rama gilt als Avatar Vishnus.
- Rākṣasa
- Ein Dämon oder Unhold der indischen Mythologie; Ravana ist König der Rākṣasas.
- Vānara
- Das Affenvolk des Epos, zu dem Hanuman und Sugriva gehören.
- Rezension
- Eine Gruppe von Handschriften, die dieselbe Fassung eines Textes überliefern.
- Kritische Ausgabe
- Eine Ausgabe, die viele Handschriften vergleicht, um die älteste rekonstruierbare Textgestalt zu ermitteln.
- Ramlila
- Eine traditionelle Theateraufführung der Rama-Geschichte, besonders in Nordindien zur Zeit von Dussehra.
Fragen und Antworten
Ist das Ramayana eine wahre Geschichte?
Viele Hindus betrachten Rama als historische und göttliche Gestalt. Historikerinnen und Historiker haben keine archäologischen Belege für die Ereignisse gefunden. Die meisten verstehen das Epos als Literatur und heilige Überlieferung, in der ferne Erinnerungen an wirkliche Orte und Gesellschaften enthalten sein könnten.
Wer ist Hanuman?
Hanuman ist ein Affenheld und Sohn des Windgottes. Er findet Sita in Lanka und hilft Rama, den Krieg zu gewinnen. Er wird als Sinnbild von Stärke und Hingabe verehrt.
Wie lang ist das Ramayana?
Das Valmiki-Ramayana umfasst etwa 24.000 Verse und ist damit etwas länger als Ilias und Odyssee zusammen. Viele spätere Fassungen sind kürzer oder länger.
Warum verbannte Rama Sita?
Im letzten Buch verbannt Rama Sita, weil seine Untertanen nach ihrer Zeit in Ravanas Palast an ihrer Reinheit zweifeln. Diese Episode gehört zu einer späteren Textschicht und wird seit Jahrhunderten diskutiert und unterschiedlich nacherzählt.
Welche Teile des Ramayana sind am ältesten?
Die meisten Forschenden nehmen seit Hermann Jacobi an, dass die Bücher 2 bis 6 den ältesten Kern bilden. Buch 1 (Ramas Kindheit) und Buch 7 (die Folgen und Sitas Verbannung) kamen demnach später hinzu.
Gibt es ein einziges „ursprüngliches“ Ramayana?
Valmikis Text ist die älteste erhaltene vollständige Fassung. Er liegt jedoch in mehreren handschriftlichen Rezensionen vor. Buddhisten, Jainas und zahlreiche Dichter regionaler Sprachen erzählten die Geschichte außerdem eigenständig. Forschende wie A. K. Ramanujan haben diese Vielfalt betont.
Warum tragen thailändische Könige den Namen Rama?
Die Chakri-Dynastie verbindet sich eng mit dem Helden des Ramakien, des thailändischen Ramayana. Im frühen 20. Jahrhundert führte König Vajiravudh die Sitte ein, die Könige der Dynastie als Rama I, Rama II und so weiter zu bezeichnen. Dieser Sprachgebrauch setzte sich durch.
Quellen und weiterführende Literatur
- Ramayana. Wikipedia
- Valmiki. Wikipedia
- Ramakien. Wikipedia
- Ramcharitmanas. Wikipedia
- 라마야나. Wikipedia (Korean)
- Robert P. Goldman, Sally J. Sutherland Goldman et al. (trans.), The Rāmāyaṇa of Vālmīki: An Epic of Ancient India (7 vols.). Princeton University Press, 1984–2017
- John Brockington, The Sanskrit Epics. Brill, 1998
- Paula Richman (ed.), Many Rāmāyaṇas: The Diversity of a Narrative Tradition in South Asia. University of California Press, 1991
Verwandte Inhalte
- MahabharataEin umfangreiches Sanskrit-Epos über den Konflikt zweier verwandter Königsfamilien, zu dessen Teilen die „Bhagavad Gita“ gehört.
- RigvedaDie älteste Sammlung vedischer Hymnen in Sanskrit, die jahrhundertelang mündlich überliefert wurde, bevor man sie niederschrieb.
- KalidasaEin Sanskrit-Dichter und Dramatiker, dessen Werke zu den bedeutenden Zeugnissen der klassischen indischen Literatur zählen.
- Angkor WatEine monumentale Tempelanlage, die im Khmer-Reich unter König Suryavarman II. errichtet wurde.
- KabirNordindischer Dichter und religiöser Lehrer, dessen Verse religiöse Grenzen und äußerliche Rituale hinterfragen.
- Siddhartha Gautama (der Buddha)Begründer des Buddhismus, der in der Gangesebene einen Weg zur Befreiung vom Leiden lehrte. Seine Lebensdaten sind umstritten.
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
