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Für junge Leser
Vor etwa 2.500 Jahren eroberte ein persischer König namens Kyros die große Stadt Babylon im heutigen Irak. Bald darauf schrieben Schreiber eine Botschaft über ihn auf einen Klumpen Ton, geformt wie ein kleines Fass. Er ist etwas länger als ein Bleistift.
Die Botschaft war in Keilschrift geschrieben, der alten keilförmigen Schrift Mesopotamiens, und in babylonischer Sprache. Sie besagt, der letzte König von Babylon habe Menschen und Götter schlecht behandelt, und der Gott Marduk habe Kyros erwählt, um alles wieder in Ordnung zu bringen.
Der Zylinder besagt, Kyros sei friedlich in Babylon eingezogen, habe Tempel instand gesetzt, manche Menschen, die weggebracht worden waren, nach Hause gehen lassen und die Stadtmauer repariert. Dann wurde das Tonfass in den Fundamenten eines Gebäudes vergraben, als Botschaft an die Götter und künftige Könige.
Es blieb mehr als 2.400 Jahre unter der Erde, bis ein Archäologe es 1879 ausgrub. Heute befindet es sich im British Museum in London.
Manche Leute nennen ihn „die erste Menschenrechtscharta“. Historiker sagen, das sei eigentlich nicht das, was er ist: Er ist eine rühmende Bauinschrift eines Königs. Doch er bleibt ein sehr wichtiges Objekt, um das alte Persien, Babylon und die Art zu verstehen, wie Herrscher ihre Macht erklärten.
Auf einen Blick
- Objektart
- Gebrannter Tonzylinder mit königlicher Fundamentinschrift im Namen des Kyros II. („der Große“) von Persien
- Datierung
- Nach der persischen Eroberung Babylons im Oktober 539 v. Chr.; das British Museum datiert ihn auf 539–530 v. Chr.
- Sprache und Schrift
- Akkadisch (Spätbabylonisch) in Keilschrift; 45 erhaltene Zeilen, manche stark beschädigt
- Größe
- Etwa 22,5 cm lang und maximal 10 cm im Durchmesser
- Fundort
- In Babylon (heutiger Irak) im März 1879 von Hormuzd Rassam, der für das British Museum grub
- Heutiger Standort
- British Museum, London (Museumsnummer BM 90920 / 1880,0617.1941); ein kleines, Yale gehörendes Fragment ist dem Museum als Leihgabe überlassen
- Gattung
- Babylonische königliche Bauinschrift, in einem Fundament niedergelegt, gemäß einer langen mesopotamischen Tradition
- Moderne Berühmtheit
- Vom letzten Schah des Iran als „erste Menschenrechtscharta“ beworben; seit 1971 Nachbildung im UN-Hauptquartier
Einfach
Was ist der Kyros-Zylinder?
Der Kyros-Zylinder ist ein fassförmiges Objekt aus gebranntem Ton, etwa 22,5 Zentimeter lang, bedeckt mit Zeilen von Keilschrift. Er entstand in Babylon, nachdem der persische König Kyros II., bekannt als Kyros der Große, die Stadt 539 v. Chr. erobert und das neubabylonische Reich beendet hatte. Der Text ist auf Akkadisch geschrieben, der Sprache Babyloniens, nicht auf Persisch.
Der Zylinder war eine Fundamentniederlegung. Mesopotamische Könige vergruben beschriftete Objekte in den Fundamenten von Tempeln, Palästen und Stadtmauern, um ihre Bauarbeiten festzuhalten, die Götter zu ehren und zu künftigen Königen zu sprechen, die eines Tages das Gebäude ausbessern und die Inschrift finden könnten. Der Kyros-Zylinder wurde wahrscheinlich im Zusammenhang mit Kyros' Ausbesserungen an Babylons Stadtmauer vergraben, die seine letzten Zeilen beschreiben.
Heute ist der Zylinder eines der berühmtesten Objekte im British Museum. Er wird als Schlüsseldokument der Gründung des Perserreichs bewundert, in Iran als Symbol nationaler Identität genutzt und in Debatten über religiöse Toleranz und Menschenrechte diskutiert, obwohl sein tatsächlicher Text eine traditionelle babylonische Königsinschrift ist.
Einfach
Was steht im Text?
Der Anfang des Textes ist zerstört, doch das Erhaltene beschuldigt Nabonid, den letzten König Babylons, des Fehlverhaltens: Er habe die Verehrung Marduks, des Hauptgottes von Babylon, vernachlässigt, Tempelrituale gestört und das Volk mit Zwangsarbeit belastet. Dem Text zufolge verließen die Götter die Stadt, und Marduk durchsuchte alle Länder nach einem rechtschaffenen König.
Marduk erwählte Kyros, „König der Stadt Anschan“, und befahl ihm, nach Babylon zu ziehen. Der Text behauptet, Kyros' Heer sei ohne Schlacht in die Stadt eingezogen und das Volk von Babylon habe ihn mit Freude begrüßt. Auf halber Strecke wechselt der Text dazu, dass Kyros in der ersten Person spricht: „Ich bin Kyros, König des Weltalls, der große König, der mächtige König, König von Babylon, König von Sumer und Akkad, König der vier Weltgegenden.“
Kyros zählt dann seine guten Taten auf. Er sagt, er habe Babylon Frieden gebracht, seine Bewohner von ihren Lasten befreit und die Götterstatuen, die Nabonid nach Babylon gebracht hatte, in ihre Heimatstädte in Mesopotamien und den Ländern im Osten zurückgebracht, zusammen mit den Menschen, die dort gelebt hatten. Er bittet die Götter, für ihn und seinen Sohn Kambyses zu beten. Die letzten Zeilen beschreiben seine Ausbesserungen an der Stadtmauer Babylons, wo er eine Inschrift des früheren assyrischen Königs Assurbanipal fand.
Forscher teilen den Text gewöhnlich in sechs Teile: eine Einleitung, die Nabonid verurteilt und Marduks Suche nach einem neuen König beschreibt (Zeilen 1–19); Kyros' Titel, Abstammung und friedlicher Einzug in Babylon (20–22); seine Wiederherstellung Babylons (22–34); ein Gebet an Marduk für Kyros und Kambyses (34–35); eine Erklärung, dass das Volk in Frieden lebt und Opfergaben an die Götter zugenommen haben (36–37); und den Bericht über Bauarbeiten an der Stadtmauer (38–45). Die ersten und letzten Zeilen sind stark beschädigt, sodass Teile des Textes rekonstruiert sind.
Einfach
Das Objekt selbst
Der Zylinder wurde in mehreren Schritten um einen kegelförmigen Tonkern mit großen grauen Steinen geformt. Zusätzliche Tonschichten gaben ihm seine Fassform, und eine feine Tonoberfläche wurde für die Schrift aufgetragen. Die erhaltene Inschrift umfasst 45 Zeilen kleiner, sauberer Keilschrift, die um die gewölbte Oberfläche laufen.
Er zerbrach in der Antike und ist als zwei Hauptstücke erhalten. Das große Fragment, bekannt als A, wurde 1879 ausgegraben. Ein kleineres Fragment, bekannt als B, etwa 8,6 mal 5,6 Zentimeter groß, wurde von einem Händler gekauft und 1920 von J. B. Nies von der Yale University veröffentlicht, aber erst 1970 als Teil des Kyros-Zylinders erkannt. Yale lieh das Fragment dem British Museum, und die beiden Teile wurden 1972 zusammengefügt. Das Hauptfragment war bereits 1961 restauriert worden.
Fundamentzylinder wie dieser waren nach der Vergrabung nicht zum Betrachten gedacht. Dennoch wurde der Text wahrscheinlich auch kopiert und bekannt gemacht. 2010 identifizierte das British Museum zwei Fragmente einer Tontafel von einem Fundort nahe Babylon, die mit demselben Text beschriftet sind, was nahelegt, dass Kopien über das vergrabene Original hinaus zirkulierten.
Mittel
Historischer Hintergrund: Kyros und der Fall Babylons
Kyros II. stammte aus dem Königshaus von Anschan im Südwesten Irans, in der Region Persis (heute Fars). In den 550er und 540er Jahren v. Chr. besiegte er den medischen König Astyages, eroberte das Königreich Lydien in Westanatolien mit seiner Hauptstadt Sardes und dehnte seine Macht über weite Teile Irans und Zentralasiens aus. Damit entstand das achämenidische Perserreich, der größte Staat, den die Welt bis dahin gesehen hatte.
Babylon war die Hauptstadt des neubabylonischen Reiches, das unter Nebukadnezar II. aufgestiegen war. Sein letzter König, Nabonid (regierte 556–539 v. Chr.), war ein ungewöhnlicher Herrscher: Er förderte die Verehrung des Mondgottes Sin, verbrachte etwa zehn Jahre in der Oase Tayma in Arabien, während sein Sohn Belschazzar in Babylon regierte, sodass das wichtige Neujahrsfest Marduks nicht in gewohnter Weise gefeiert werden konnte. Diese Entscheidungen verärgerten Teile der babylonischen Priesterelite.
539 v. Chr. fiel Kyros in Babylonien ein. Laut der Nabonid-Chronik, einer babylonischen, in Keilschrift verfassten Aufzeichnung, besiegte sein Heer die Babylonier in der Schlacht von Opis am Tigris und nahm dann Sippar ein. Babylon selbst wurde im Oktober 539 v. Chr. eingenommen, offenbar ohne größeren Kampf, und Kyros zog etwa zweieinhalb Wochen später in die Stadt ein. Nabonid wurde gefangen genommen.
Kyros ließ Babylons Institutionen weitgehend bestehen und stellte sich als rechtmäßiger babylonischer König dar. Sein Sohn Kambyses nahm an den Neujahrszeremonien teil. Der Zylinder ist Teil dieses Bemühens, Kontinuität mit der babylonischen Tradition zu zeigen.
Mittel
Eine babylonische Königsinschrift, kein persisches Manifest
Fachleute sind sich einig, dass der Kyros-Zylinder einer langen mesopotamischen Tradition königlicher Inschriften angehört. Seit dem dritten Jahrtausend v. Chr. hatten Könige ihre Herrschaft damit begonnen, für sich zu beanspruchen, Ordnung wiederherzustellen, die Schwachen zu schützen und Tempel wiederaufzubauen. Besonders Eroberer Babylons wie der assyrische König Sargon II. und der chaldäische Marduk-apla-iddina II. hatten dieselben Themen verwendet: Der vorherige Herrscher habe die Götter beleidigt; die Götter hätten den neuen König erwählt; er habe Tempel, Kulte und die Stadt wiederhergestellt.
Der Zylinder folgt diesem Muster genau, und seine Sprache spiegelt babylonische Literatur wider. Forscher meinen, er sei von babylonischen Schreibern und Priestern Marduks im Auftrag des neuen Königs verfasst worden. Er lobt Kyros in mesopotamischen Begriffen, mit mesopotamischen Königstiteln, und erwähnt nie persische Götter wie Ahura Mazda.
Der Text ist auch Propaganda. Er verschweigt die Schlacht von Opis, in der Kyros' Heer laut der Nabonid-Chronik viele Babylonier besiegte und tötete. Er beschreibt Nabonid in den dunkelsten Farben, obwohl andere Quellen zeigen, dass seine lange Regierungszeit weitgehend stabil war und er viele Tempel unterstützte. Wie die Assyriologin Amélie Kuhrt argumentierte, spiegelt der Zylinder sowohl das Bedürfnis des neuen Herrschers nach Legitimität als auch den Einfluss babylonischer Eliten wider, die prägten, wie er dargestellt wurde.
Ein Detail offenbart die sorgfältige Wahl der Vorbilder. Als Kyros die alte Inschrift beschreibt, die er in der Mauer fand, nennt er den assyrischen König Assurbanipal, der Babylon im siebten Jahrhundert v. Chr. beherrscht hatte, statt eines einheimischen babylonischen Königs. Nachdem er den letzten babylonischen Herrscher verurteilt hat, scheint der Text an ihm vorbei auf einen älteren imperialen Vorgänger zu blicken. Manche Historiker sehen darin ein frühes Zeichen dafür, dass achämenidische Könige auf assyrische Reichsvorbilder zurückgriffen, während sie sich in Babylon als Beschützer babylonischer Götter darstellten.
Der Zylinder ist auch unter persischen Königstexten ungewöhnlich. Spätere achämenidische Könige, beginnend mit Darius I., errichteten Inschriften in drei Sprachen, Altpersisch, Elamisch und Babylonisch, wobei sie oft Ahura Mazda anriefen. Der Kyros-Zylinder hingegen ist einsprachig und in seiner religiösen Sprache rein babylonisch. Er zeigt das Reich in seinem allerersten Anfang, wie es sich an die eigenen Königtumstraditionen jedes eroberten Landes anpasste.
Mittel
Der Zylinder und die Bibel
Die hebräische Bibel erinnert sich sehr positiv an Kyros. Das Buch Esra berichtet, Kyros habe ein Dekret erlassen, das den von Nebukadnezar nach Babylon verbannten Juden erlaubte, nach Jerusalem zurückzukehren und ihren Tempel wiederaufzubauen, und das Buch Jesaja nennt Kyros den „Gesalbten“ des Herrn. Als der Zylinder entdeckt wurde, sahen daher viele Leser darin eine Bestätigung des biblischen Berichts.
Der Zylinder besagt, Kyros habe Götter und Menschen in ihre Heimat zurückgebracht. Doch die genannten Orte liegen alle in Mesopotamien und den Ländern östlich des Tigris, etwa Assur, Susa, Akkad und Der. Juden, Juda, Jerusalem oder der Gott Israels werden nicht erwähnt. Die meisten Historiker meinen daher, der Text beziehe sich nicht unmittelbar auf die Rückkehr der Juden.
Dennoch zeigt der Zylinder die Art von Politik, für die Kyros bekannt sein wollte: die Unterstützung lokaler Kulte und die Erlaubnis für vertriebene Gemeinschaften zurückzukehren, um sich Loyalität zu sichern. Viele Forscher meinen, die biblischen Dekrete spiegelten etwas von dieser persischen Politik wider, auch wenn ihr genauer Wortlaut, überliefert in hebräischen und aramäischen Fassungen in Esra, umstritten ist.
Mittel
Entdeckung und Veröffentlichung
Der Zylinder wurde im März 1879 von Hormuzd Rassam entdeckt, einem in Mossul geborenen assyrischstämmigen Archäologen, der für das British Museum arbeitete. Zu dieser Zeit gehörte Mesopotamien zum Osmanischen Reich, und Rassam grub unter einer Erlaubnis (Firman) des osmanischen Sultans, die es ihm gestattete, Funde nach London zu senden. Er fand den Zylinder in den Ruinen Babylons, doch seine eigenen Berichte über die genaue Fundstelle sind widersprüchlich.
Die Entdeckung wurde von Sir Henry Rawlinson, einem der Entzifferer der Keilschrift, im November 1879 vor der Royal Asiatic Society bekanntgegeben, und er veröffentlichte 1880 die erste Teilübersetzung. Seither wurde der Text mehrfach neu bearbeitet, besonders nach der Identifizierung von Fragment B. Der Kurator des British Museum, Irving Finkel, hat eine moderne Übersetzung veröffentlicht und die Erforschung zugehöriger Fragmente geleitet.
Der Zylinder ist seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert im British Museum ausgestellt und wurde mehrfach ins Ausland verliehen: nach Iran 1971 und erneut 2010–11, nach Spanien 2006, auf eine Tournee durch die Vereinigten Staaten 2013, nach Indien 2013–14 und nach Yale 2024.
Mittel
Ein modernes Symbol: Iran, die UN und „Menschenrechte“
Im zwanzigsten Jahrhundert wurde der Zylinder zu einem politischen Symbol. Schah Mohammad Reza Pahlavi, der letzte Monarch Irans, warb für Kyros als Begründer des iranischen Königtums und nannte den Zylinder die erste Erklärung der Menschenrechte. 1968 eröffnete er mit dieser Behauptung die erste Internationale Menschenrechtskonferenz der Vereinten Nationen in Teheran.
Im Oktober 1971 feierte Iran mit üppigen Feierlichkeiten 2.500 Jahre persischer Monarchie, mit dem Kyros-Zylinder als ihrem Emblem. Das British Museum lieh das Original für eine Ausstellung in Teheran aus, und die Schwester des Schahs, Prinzessin Ashraf Pahlavi, überreichte UN-Generalsekretär U Thant eine Nachbildung. Die Nachbildung wird noch heute im UN-Hauptquartier in New York gezeigt.
Nach der Revolution von 1979 distanzierte sich die Islamische Republik zunächst von den Symbolen der Monarchie, doch der Zylinder blieb bei den Iranern beliebt. Als er 2010 an das Nationalmuseum des Iran verliehen wurde, kamen Hunderttausende, um ihn zu sehen. Für viele Iraner im In- und Ausland ist er ein geschätztes Zeichen eines alten Erbes von Gerechtigkeit und Toleranz.
Falsche „Übersetzungen“ kursieren weit verbreitet im Internet und behaupten, der Zylinder habe die Sklaverei abgeschafft, Religionsfreiheit garantiert oder einen Mindestlohn festgelegt, manchmal sogar unter Nennung des zoroastrischen Gottes Ahura Mazda. Nichts davon steht auf dem echten Zylinder.
Fortgeschritten
Wissenschaftliche Debatten: Toleranz, Propaganda und Autorschaft
War Kyros außergewöhnlich tolerant? Eine ältere Sicht, geprägt von der Bibel und griechischen Autoren wie Herodot und Xenophon, sah in Kyros einen einzigartig menschlichen Eroberer im Gegensatz zu den Assyrern und Babyloniern. Viele Historiker argumentieren heute, seine Politik sei pragmatisch gewesen. Das Perserreich war riesig und vielfältig; lokale Eliten, Götter und Bräuche zu unterstützen war billiger und wirksamer als reine Herrschaft durch Gewalt. Forscher wie Pierre Briant und Amélie Kuhrt haben darauf hingewiesen, dass auch assyrische Könige manchmal Götterstatuen zurückbrachten und Menschen deportierten, und dass die Vorstellung von Kyros' Einzigartigkeit stark auf wenigen Quellen beruht.
Andere betonen echte Unterschiede im Ton. Verglichen mit assyrischen Inschriften, die mit Massakern und Zerstörung prahlen, wie Sanheribs Bericht über die Niederlegung Babylons im Jahr 689 v. Chr., ist die Sprache des Zylinders vom friedlichen Einzug und der Wiederherstellung auffällig. Die Debatte betrifft daher nicht nur, was Kyros tat, sondern wie man königliche Rhetorik über Epochen und Gattungen hinweg vergleicht.
Die Menschenrechts-Lesart wird von Fachleuten weithin als anachronistisch zurückgewiesen. Der Zylinder enthält kein Konzept individueller Rechte; er spricht von der Gunst der Götter, der rechten Ordnung der Kulte und der Fürsorge des Königs für seine Untertanen in traditionellen Begriffen. Zugleich argumentieren manche Forscher und Museumskuratoren, es sei legitim, wenn moderne Menschen sich von den Idealen der Wiederherstellung und des Zusammenlebens im Zylinder inspirieren ließen, solange sie diese modernen Verwendungen von der antiken Bedeutung unterscheiden.
Auch Autorschaft und Publikum werden diskutiert. Die engen Parallelen des Zylinders zum Verspottungsgedicht auf Nabonid, einem weiteren feindseligen babylonischen Text, legen nahe, dass beide aus Kreisen babylonischer Priester stammten, die das neue Regime unterstützten. Ob sie auf persische Propaganda zurückgriffen, die vor der Eroberung verbreitet wurde, wie der Historiker Morton Smith vorschlug, oder danach aus traditionellen Themen verfasst wurden, wie andere argumentieren, bleibt offen.
Fortgeschritten
Belege, Fragmente und Fälschungen
Unser Verständnis des Zylinders beruht auf der Zusammenschau mit anderen Quellen. Die Nabonid-Chronik liefert einen knappen, jahrweisen babylonischen Bericht über die Eroberung, einschließlich der Schlacht von Opis und der zweiwöchigen Lücke zwischen dem Fall Babylons und der Übergabe des Esagila-Tempelbezirks. Das Verspottungsgedicht auf Nabonid bietet ein ähnlich feindseliges Bild des alten Königs. Nabonids eigene Inschriften, etwa jene aus Harran, zeigen, wie er sich selbst darstellte. Die Archäologie hat bislang wenig direkte Belege für Tempelwiederaufbauten durch Kyros in Mesopotamien gefunden.
Die Identifizierung von Tafelfragmenten mit demselben Text im Jahr 2010, aus einer in den 1880er Jahren bei Dailem nahe Babylon erworbenen Sammlung, veränderte die Diskussion. Sie zeigte, dass der Text des Zylinders auch in Tafelform existierte und wahrscheinlich für Archive oder zur Verbreitung kopiert wurde. Forscher sehen den vergrabenen Zylinder heute als eine Fassung einer umfassenderen Verkündigung.
Der Zylinder hat auch Fälschungen angezogen. Zwei beschriftete Pferdeknochen, die im zwanzigsten Jahrhundert in China auftauchten, tragen Keilschriftzeichen, die vom Text des Zylinders kopiert wurden. Nach langer Debatte kamen Irving Finkel und andere zu dem Schluss, es handle sich um moderne Fälschungen, kopiert aus einer Veröffentlichung des Textes von 1884, ein Schluss, den die meisten Forscher akzeptieren.
Schließlich wirft der Zylinder Fragen von Eigentum und Erbe auf. Iranische Kommentatoren haben mitunter seine Rückgabe an Iran gefordert, obwohl er im heutigen Irak unter osmanischer Autorität ausgegraben und nach den damals geltenden Regeln rechtmäßig erworben wurde. Das British Museum stellt ihn als Teil der gemeinsamen Geschichte des Nahen Ostens, des mesopotamischen Königtums und der jüdischen Diaspora sowie Irans dar.
Kernideen
- Fundamentniederlegung
- Ein beschriftetes Objekt, das in den Fundamenten eines Gebäudes vergraben wird, um den Bau zu feiern und Götter sowie künftige Könige anzusprechen.
- Königliche Legitimität
- Der Zylinder stellt Kyros als rechtmäßigen, von Marduk erwählten König dar, der die babylonische Tradition fortsetzt.
- Propaganda
- Der Text stellt Ereignisse zu Kyros' Gunsten dar, verschweigt Schlachten und schwärzt seinen Vorgänger Nabonid an.
- Wiederherstellung
- Das zentrale Thema: Götter zu ihren Tempeln, Menschen zu ihrer Heimat und Ordnung nach Babylon zurückzubringen.
- Rezeption
- Die späteren Verwendungen des Zylinders, von biblischer Auslegung bis zu iranischem Nationalsymbol und UN-Menschenrechtsrhetorik.
- Anachronismus
- Moderne Vorstellungen, etwa Menschenrechte, in einen antiken Text hineinzulesen, in dem sie nicht existieren.
Einträge
- 556 v. Chr. — Nabonid wird König von Babylon (556 v. Chr.).
- um 550 v. Chr. — Kyros besiegt den medischen König Astyages und beginnt, sein Reich aufzubauen.
- um 547 v. Chr. — Kyros erobert Lydien und dessen Hauptstadt Sardes.
- 539 v. Chr. — Kyros besiegt das babylonische Heer bei Opis; Babylon fällt im Oktober 539 v. Chr., und Kyros zieht in die Stadt ein.
- um 539 v. Chr. — Der Zylinder wird beschriftet und als Fundamentniederlegung in Babylon vergraben (539–530 v. Chr.).
- 530 v. Chr. — Tod des Kyros (530 v. Chr.); Kambyses folgt ihm nach.
- 1879 — Hormuzd Rassam entdeckt den Zylinder in Babylon; Rawlinson gibt ihn in London bekannt.
- 1970 — Fragment B in Yale wird als Teil des Zylinders identifiziert; die Stücke werden 1972 zusammengefügt.
- 1971 — Der Zylinder ist das Emblem der 2.500-Jahr-Feiern Irans; eine Nachbildung wird den Vereinten Nationen übergeben.
- 2010 — Tafelfragmente mit demselben Text werden identifiziert; der Zylinder wird an das Nationalmuseum des Iran verliehen.
- 2013 — Der Zylinder geht auf Tournee durch Museen in den Vereinigten Staaten.
Glossar
- Achämenidenreich
- Das von Kyros II. im 6. Jahrhundert v. Chr. gegründete Perserreich, regiert von seinen Nachfolgern bis Alexander dem Großen.
- Babylon
- Eine große Stadt am Euphrat im heutigen Irak, Hauptstadt des neubabylonischen Reiches.
- Marduk
- Der Hauptgott Babylons, dessen Tempel das Esagila war.
- Akkadisch
- Die semitische Sprache Babyloniens und Assyriens, geschrieben in Keilschrift.
- Keilschrift
- Die keilförmige Schrift des alten Mesopotamien, mit einem Schilfrohr in Ton gedrückt.
- Nabonid
- Der letzte König des neubabylonischen Reiches (556–539 v. Chr.), von Kyros abgesetzt.
- Chronik
- Hier eine babylonische Keilschriftaufzeichnung, die Ereignisse jahrweise auflistet.
- Firman
- Ein vom osmanischen Sultan erlassenes Dekret, etwa eine Grabungserlaubnis.
Fragen und Antworten
Ist der Kyros-Zylinder die erste Menschenrechtscharta?
Nicht wirklich. Er wurde im 20. Jahrhundert so genannt, doch Historiker sehen ihn als traditionelle babylonische Bauinschrift zum Lob des Königs. Er sagt nichts über individuelle Rechte aus.
Warum ist er auf Babylonisch geschrieben und nicht auf Persisch?
Er entstand in Babylon für ein babylonisches Publikum und für Babylons Götter, folgte also lokalen Traditionen und der lokalen Sprache.
Erwähnt der Zylinder die Juden?
Nein. Er erwähnt die Rückführung von Göttern und Menschen in Städte Mesopotamiens und benachbarter Länder, aber nicht Jerusalem oder die Juden. Er zeigt aber die Art von Politik, die die Bibel mit Kyros verbindet.
Warum befindet er sich in London?
Er wurde 1879 von einem für das British Museum arbeitenden Archäologen ausgegraben, unter einer Erlaubnis des Osmanischen Reiches, das damals den Irak beherrschte.
Wer hat den Text tatsächlich verfasst?
Wahrscheinlich babylonische Schreiber und Priester Marduks im Dienst des Kyros, denn der Text nutzt babylonische literarische Themen und Königstitel.
Wie zuverlässig ist sein Bericht über eine friedliche Eroberung?
Nur teilweise. Die Nabonid-Chronik zeigt, dass Kyros vor dem Fall Babylons eine Schlacht bei Opis schlug, und das Bild des verhassten Nabonid im Zylinder ist einseitig.
Sind die Übersetzungen im Internet zuverlässig?
Vorsicht ist geboten. Eine weit verbreitete „Übersetzung“ erfindet Behauptungen über die Abschaffung der Sklaverei und Religionsfreiheit. Nutzen Sie stattdessen Übersetzungen von Museen oder wissenschaftlichen Publikationen.
Kann ich den Kyros-Zylinder sehen?
Ja. Er ist gewöhnlich im British Museum in London ausgestellt, und viele Museen weltweit, auch im Iran, zeigen Nachbildungen.
Quellen und weiterführende Literatur
- The Cyrus Cylinder (museum number 1880,0617.1941). British Museum
- Cyrus Cylinder. Wikipedia
- 키루스 원통 (Cyrus Cylinder). Korean Wikipedia
- Cyrus Cylinder. Livius.org
- Nabonidus Chronicle. Wikipedia
- Cyrus the Great. Wikipedia
- Irving Finkel (ed.), The Cyrus Cylinder: The King of Persia’s Proclamation from Ancient Babylon. I.B. Tauris, 2013
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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
