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Für junge Leser
Stell dir einen Stein vor, der größer ist als ein Erwachsener: dunkel, glatt und von oben bis unten mit kleinen keilförmigen Zeichen bedeckt. Das ist der Codex Hammurapi. Die Zeichen gehören zur Keilschrift, einer der ältesten Schriften der Welt. Die Wörter sind auf Akkadisch geschrieben, der Sprache, die man in Babylon sprach. Diese große Stadt lag im heutigen Irak.
Ganz oben ist ein Bild in den Stein gemeißelt. König Hammurapi steht da und hält eine Hand vor sein Gesicht, als würde er aufmerksam zuhören. Vor ihm sitzt Schamasch, der Sonnengott. Er war auch der Gott der Gerechtigkeit. Die Babylonier glaubten: Die Sonne sieht alles. Deshalb wusste der Sonnengott, wer die Wahrheit sagte.
Unter dem Bild stehen die Regeln. Viele klingen so: „Wenn jemand dies tut, dann muss ihm das passieren.“ Es gibt Regeln über Diebstahl, Felder und Bewässerung, das Mieten eines Ochsen, Ehe und Kinder, Ärzte und Baumeister sowie über Verletzungen.
Manche Regeln erscheinen uns heute sehr hart. Eine besagt: Wenn ein Mann einem anderen Mann mit gleichem Rang ein Auge ausschlägt, soll auch ihm ein Auge ausgeschlagen werden. Oft nennt man das „Auge um Auge“. Aber die Regeln waren nicht für alle gleich: Wohlhabende freie Menschen, andere freie Menschen und versklavte Menschen wurden unterschiedlich behandelt.
Der König schrieb, er habe die Regeln aufgestellt, damit „der Starke den Schwachen nicht unterdrücke“ und damit Witwen und Waisen gerecht behandelt würden. Noch lange nach Hammurapis Tod schrieben Kinder, die Schreiber werden wollten, seine Worte in der Schule ab. Heute steht sein Stein im Louvre in Paris.
Auf einen Blick
- Datierung
- Um 1754 v. Chr., gegen Ende der Herrschaft Hammurapis von Babylon (um 1792–1750 v. Chr., mittlere Chronologie)
- Ort
- In Babylon verfasst; die erhaltene Stele wurde wahrscheinlich in der Stadt Sippar aufgestellt und später nach Susa (im Südwesten des heutigen Iran) gebracht
- Sprache und Schrift
- Altbabylonisches Akkadisch in einer bewusst altertümlichen, monumentalen Keilschrift
- Objekt
- Etwa 2,25 m hohe Basaltstele mit einem Relief Hammurapis vor dem Sonnengott Schamasch; Louvre, Paris (Sb 8)
- Inhalt
- Ein poetischer Prolog, 282 von heutigen Forschenden nummerierte „Gesetze“ und ein poetischer Epilog; etwa 4.130 Textzeilen
- Entdeckung
- 1901–1902 in Susa von der französischen Expedition unter Jacques de Morgan ausgegraben; 1902 erstmals von Jean-Vincent Scheil veröffentlicht
- Weitere Abschriften
- Mehr als 50 Handschriften auf Tontafeln und weitere Steinfragmente; der Text wurde über tausend Jahre lang abgeschrieben
- Bedeutung
- Die längste und am besten erhaltene Gesetzessammlung des Alten Orients und eine wichtige Quelle zur mesopotamischen Gesellschaft und zum Verständnis des Königtums
Einfach
Was ist der Codex Hammurapi?
Der Codex Hammurapi ist eine Sammlung von Rechtssprüchen im Namen Hammurapis, des sechsten Königs der Ersten Dynastie von Babylon. Er regierte im 18. Jahrhundert v. Chr. Am bekanntesten ist der Text durch ein kunstvoll bearbeitetes Steindenkmal, eine Stele, die heute im Louvre in Paris steht. Die Stele besteht aus dunklem, hartem Stein (Basalt), ist etwa 2,25 Meter hoch und auf beiden Seiten mit Keilschriftkolumnen bedeckt.
Der Text hat drei Teile. Ein langer Prolog in gehobener, poetischer Sprache preist Hammurapi als von den Göttern erwählten König und zählt die Städte und Tempel auf, um die er sich kümmerte. Danach folgen die Regeln. Heutige Forschende haben sie in 282 nummerierte Abschnitte eingeteilt; die Nummern stehen nicht auf dem Stein. Ein Epilog erklärt schließlich, warum der König das Denkmal errichten ließ, und verflucht jeden künftigen Herrscher, der es beschädigt oder verändert.
Die Bezeichnung „Codex“ stammt vom ersten modernen Herausgeber des Textes und kann irreführend sein. Ein modernes Gesetzbuch soll alle Lebensbereiche regeln und wird von Gerichten angewendet. Hammurapis Text wählt bestimmte Fälle aus, lässt viele Alltagssituationen aus und wird in den Tausenden erhaltenen babylonischen Gerichtsakten und Verträgen fast nie erwähnt. Was der Text genau war und wie er verwendet wurde, gehört zu den interessantesten Fragen der Forschung.
Trotzdem ist er eines der wichtigsten erhaltenen Dokumente der Antike. Er vermittelt ein genaues Bild vom Alltag in Babylonien vor fast 4.000 Jahren: wie Familien organisiert waren, wie Felder verpachtet und Schulden beglichen wurden, wofür Ärzte und Baumeister verantwortlich waren und wie Menschen verschiedener gesellschaftlicher Ränge behandelt wurden.
Einfach
Wie man die Stele „liest“
Oben auf der Stele befindet sich ein Relief. Links steht Hammurapi mit einer runden Kappe mit breitem Rand und einem langen Gewand. Er hebt die rechte Hand zum Mund, als Zeichen des Gebets oder des Respekts. Ihm gegenüber sitzt der Gott Schamasch auf einem Thron, der wie eine Tempelfassade geformt ist; seine Füße ruhen auf stilisierten Bergen. Flammen oder Strahlen steigen von seinen Schultern auf und kennzeichnen ihn als Sonnengott. Er hält einen Stab und einen Ring vor sich, Symbole göttlicher Autorität und vielleicht auch des Messens und der Gerechtigkeit.
Oft wird das Bild so beschrieben, als „übergebe“ Schamasch Hammurapi die Gesetze. Forschende deuten es jedoch etwas unterschiedlich. Der Text selbst sagt nirgends, dass der Gott die Gesetze diktiert habe. Hammurapi behauptet vielmehr, die Götter hätten ihm das Königtum und die Aufgabe übertragen, Gerechtigkeit zu schaffen; anschließend habe er seine eigenen gerechten Entscheidungen aufgeschrieben. Das Relief zeigt den König in Gegenwart des Gottes, von dem er die Befugnis erhält, gerecht zu herrschen.
Unter dem Relief verläuft der Text in waagerechten Kolumnenstreifen. Die Schrift war schon zur Entstehungszeit der Stele altertümlich: Die Schreiber verwendeten alte Zeichenformen und ordneten die Kolumnen in einer traditionellen Schreibrichtung an. So verliehen sie dem Denkmal Würde und den Anschein hohen Alters, ähnlich wie eine moderne Inschrift in römischen Großbuchstaben.
Ein Teil der Vorderseite der Stele ist glatt und leer. Mehrere Textkolumnen wurden im Altertum abgeschliffen, fast sicher damit ein späterer König dort eine eigene Inschrift anbringen konnte. Diese wurde jedoch nie eingemeißelt. Die fehlenden Gesetze sind teilweise aus anderen Abschriften auf Tontafeln bekannt.
Einfach
Was die Gesetze besagen
Fast alle Regeln folgen demselben Muster: „Wenn ein Mann X tut, dann soll Y geschehen.“ Forschende nennen diese Form „kasuistisches“, also fallbezogenes, Recht. Die Regeln sind ungefähr nach Themen geordnet, wenn auch nicht immer in einer Reihenfolge, die heutige Leser erwarten würden.
Die ersten Gesetze betreffen die Rechtsprechung selbst: falsche Anschuldigungen, lügende Zeugen und einen Richter, der ein bereits besiegeltes Urteil ändert. Danach folgen Diebstahl und Raub sowie Regeln über Soldaten und staatliches Land, Ackerbau, Bewässerung, Obstgärten, Häuser und Handel. Eine große Gruppe behandelt das Familienleben: Verlobungs- und Hochzeitsgaben, Scheidung, die Rechte von Ehefrauen, Witwen und Kindern, Adoption und Erbschaft. Spätere Abschnitte betreffen Körperverletzungen, die Honorare und die Haftung von Ärzten und Baumeistern, das Mieten von Booten, Ochsen und Arbeitskräften und schließlich den Verkauf versklavter Menschen.
Einige Gesetze sind auffallend genau. Stürzt ein Haus ein und tötet seinen Besitzer, soll der Baumeister hingerichtet werden. Ein Chirurg, der einen Patienten erfolgreich behandelt, erhält ein Honorar, das vom Rang des Patienten abhängt. Stirbt dagegen ein freier Mann durch seine Operation, soll dem Chirurgen die Hand abgehackt werden. Wer den Deich seines Feldes nicht instand hält und dadurch das Land seiner Nachbarn überflutet, muss das verlorene Getreide ersetzen. Wer seine Frau oder Kinder wegen Schulden in den Schuldendienst geben muss, soll dafür sorgen, dass sie im vierten Jahr freikommen.
Manche Bestimmungen schützen Menschen in schwächerer Stellung. Eine Frau, deren Mann im Krieg gefangen genommen wurde und die nichts zum Leben hat, darf ohne Strafe mit einem anderen Mann zusammenleben. Ein Mann, der sich von einer Frau scheidet, mit der er Kinder hat, muss ihr die Mitgift zurückgeben und ihr einen Anteil am Besitz für die Versorgung der Kinder überlassen. Zugleich erkennen die Gesetze Sklaverei an, bestrafen manche Vergehen mit dem Tod durch Ertränken oder Verbrennen und geben Frauen weniger Rechte als Männern.
Mittel
„Auge um Auge“ und eine Gesellschaft mit Rangunterschieden
Am bekanntesten sind die Gesetze, die auf Vergeltung beruhen, oft mit dem lateinischen Ausdruck lex talionis bezeichnet. Wenn ein Mann das Auge eines awīlum (eines freien Mannes mit vollem Status) zerstört, soll sein eigenes Auge zerstört werden. Bricht er einem anderen Mann einen Knochen, soll ihm ein Knochen gebrochen werden. Schlägt er einem Mann gleichen Ranges einen Zahn aus, soll ihm ebenfalls ein Zahn ausgeschlagen werden. Frühere mesopotamische Gesetzessammlungen, etwa die Ur-Namma von Ur zugeschriebenen Gesetze, sahen bei Körperverletzungen meist Geldentschädigungen vor. Die stärkere Betonung körperlicher Vergeltung in Hammurapis Gesetzen ist daher bemerkenswert.
Vergeltung galt jedoch nur zwischen Gleichrangigen. War das Opfer ein muškēnum, eine freie Person mit niedrigerem oder abhängigem Status (die genaue Bedeutung des Begriffs ist umstritten), zahlte der Täter stattdessen eine Mine Silber. War das Opfer der Sklave eines anderen Mannes, zahlte der Täter dem Besitzer als Entschädigung die Hälfte des Werts des Sklaven. Die Gesetze unterscheiden damit drei große Gruppen: awīlum, muškēnum sowie wardum (männlicher Sklave) oder amtum (weibliche Sklavin).
Dieses abgestufte System zeigt, dass die babylonische Rechtsprechung nicht auf Gleichheit vor dem Gesetz beruhte. Strafen und Gebühren hingen vom Rang des Täters und des Opfers sowie von Geschlecht und Stellung in der Familie ab. Historiker nutzen diese Unterschiede als Hinweise auf die Gesellschaftsordnung der altbabylonischen Zeit. Dabei berücksichtigen sie, dass die Gesetze ein Idealbild darstellen und keine Bestandsaufnahme der Gesellschaft sind.
Das Vergeltungsprinzip mag grausam erscheinen. Manche Forschende weisen jedoch darauf hin, dass es auch eine Grenze setzte: Die Strafe sollte der Verletzung entsprechen und nicht darüber hinausgehen. Ähnliche Formulierungen finden sich später in der Hebräischen Bibel, etwa in Exodus 21,23–25. Das deutet darauf hin, dass sie zu einer weitverbreiteten Rechtstradition im Alten Orient gehörten.
Mittel
Hammurapi und die altbabylonische Welt
Hammurapi gehörte einer amoritischen Dynastie an, die über die Stadt Babylon am Euphrat herrschte. Als er um 1792 v. Chr. den Thron bestieg (nach der häufig verwendeten „mittleren Chronologie“; andere Chronologien verschieben diese Daten um mehrere Jahrzehnte), war Babylon eines von mehreren rivalisierenden Königreichen Mesopotamiens. Dazu gehörten Larsa im Süden, Eschnunna im Osten, Mari am mittleren Euphrat und das von Schamschi-Adad gegründete obermesopotamische Reich.
Während des größten Teils seiner Herrschaft setzte Hammurapi auf Diplomatie und Bündnisse. Briefe aus Mari zeigen eine Welt ständiger Verhandlungen zwischen Königen. Gegen Ende seiner Herrschaft besiegte er Rim-Sin von Larsa (um 1763 v. Chr.), dann Eschnunna und Mari, und brachte den größten Teil des südlichen und mittleren Mesopotamiens unter babylonische Herrschaft. Im Prolog des Codex werden viele dieser Städte als Orte genannt, um deren Götter und Menschen Hammurapi sich gekümmert habe. Das hilft, den Text auf die letzten Jahre seiner Herrschaft, etwa 1755–1750 v. Chr., zu datieren.
Hammurapi stellte sich als „Hirte“ seines Volkes und als gerechter König dar. Von mesopotamischen Herrschern wurde seit Langem erwartet, kittum und mīšarum, „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“, herzustellen. Dazu gehörten in der Praxis Erlasse, die bestimmte Schulden aufhoben und Menschen aus der Schuldknechtschaft befreiten. Der Codex entspricht diesem Ideal: Er zeigt den König als Hüter der Gerechtigkeit unter den Göttern.
Hammurapis Reich bestand nicht lange. Unter seinem Sohn Samsu-iluna löste sich der Süden, und 1595 v. Chr. (nach der mittleren Chronologie) beendete ein hethitischer Überfall die Erste Dynastie von Babylon. Das Ansehen Hammurapis und seiner Gesetze blieb jedoch viele Jahrhunderte erhalten.
Mittel
Abschriften, Beutezug und Wiederentdeckung
Die Stele im Louvre war wahrscheinlich nicht die einzige. Ihr Text erwähnt Esagila, den Tempel Marduks in Babylon, und Forschende vermuten, dass Abschriften in mehreren Städten aufgestellt wurden. Nach Angaben des Louvre stand die erhaltene Stele ursprünglich in Sippar, der Stadt des Sonnengottes Schamasch. Fragmente mindestens einer weiteren steinernen Abschrift wurden gefunden.
Im 12. Jahrhundert v. Chr. unternahm der elamische König Schutruk-Nahhunte einen Feldzug gegen Babylonien und brachte berühmte Denkmäler als Beute in seine Hauptstadt Susa, im Südwesten des heutigen Iran. Die Stele Hammurapis war wahrscheinlich darunter, ebenso wie andere mesopotamische Denkmäler, etwa die Siegesstele des Naram-Sin. Die abgeschliffenen Kolumnen auf der Vorderseite waren höchstwahrscheinlich für eine elamische Inschrift über diesen Beutezug vorgesehen.
Der Text blieb auch auf Tontafeln erhalten. Mehr als 50 Handschriften sind bekannt, von der altbabylonischen bis zur neuassyrischen und neubabylonischen Zeit: ein Zeitraum von mehr als tausend Jahren. Schreiber in der Ausbildung kopierten die Gesetze und besonders den Prolog und den Epilog. Die Texte wurden in Bibliotheken aufbewahrt, etwa in der des assyrischen Königs Assurbanipal in Ninive. Manche späteren Tafeln enthalten sogar Kommentare oder Übersetzungen.
Im Winter 1901–1902 fand die französische archäologische Expedition unter der Leitung von Jacques de Morgan die in drei Stücke zerbrochene Stele in Susa. Der Assyriologe Jean-Vincent Scheil veröffentlichte und übersetzte sie wenige Monate später, im Jahr 1902. Die Entdeckung erregte in Europa großes Aufsehen, nicht zuletzt weil die Gesetze älter waren als die Gesetze des Mose und ihnen in mancher Hinsicht ähnelten.
Mittel
Davor und danach: eine Tradition von Gesetzessammlungen
Als der Codex Hammurapi entdeckt wurde, galt er als das älteste Gesetzbuch der Welt. Spätere Funde zeigten, dass er zu einer älteren Tradition gehörte. Die Gesetze Ur-Nammas (sumerisch, um 2100 v. Chr.), Lipit-Ischtars von Isin (sumerisch, 20. Jahrhundert v. Chr.) und der Stadt Eschnunna (akkadisch, etwas älter als Hammurapis Gesetze) weisen eine ähnliche Gliederung mit Prolog, fallbezogenen Regeln und Epilog auf und behandeln mehrere der gleichen Themen.
Spätere Gesetzessammlungen des Alten Orients, etwa die mittelassyrischen und die hethitischen Gesetze, behielten diese Grundform bei. Auch die Rechtstexte der Hebräischen Bibel, besonders das Bundesbuch in Exodus 21–23, ähneln Hammurapis Gesetzen in Form und Inhalt. Ein bekanntes Beispiel ist der Fall eines Ochsen, der einen Menschen stößt: Beide Texte unterscheiden zwischen einem Ochsen, der zuvor nicht als stößig bekannt war, und einem, vor dem sein Besitzer bereits gewarnt worden war.
Die meisten Forschenden erklären diese Ähnlichkeiten nicht mit einer direkten Abschrift von Hammurapis Stele, sondern mit einer gemeinsamen Schreib- und Rechtstradition im Alten Orient. Bestimmte Musterfälle und Denkweisen waren weithin bekannt. Andere vertreten die Ansicht, dass die Verfasser biblischer Texte im ersten Jahrtausend v. Chr. mesopotamische Texte auch unmittelbarer gekannt haben könnten, vielleicht durch die neuassyrische Schreiberausbildung. Die Frage ist weiterhin offen.
In der modernen Welt ist Hammurapi zu einem Symbol der Rechtsherrschaft geworden. Sein Bildnis gehört zu den Darstellungen großer Gesetzgeber im Sitzungssaal des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten. Nachbildungen der Stele stehen an mehreren Orten, darunter am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York.
Mittel
Prolog und Epilog: Recht als königliche Selbstdarstellung und Frömmigkeit
Leser überspringen die poetische Rahmung oft, doch sie ist für das Verständnis des Textes wesentlich. Der Prolog beginnt in der Welt der Götter: Anu und Enlil verliehen Marduk, dem Gott Babylons, die höchste Stellung und beriefen Hammurapi namentlich, „um im Land Gerechtigkeit sichtbar zu machen, die Bösen und Schlechten zu vernichten, damit der Starke den Schwachen nicht unterdrücke“. Danach nennt der Text mehr als zwanzig Städte und ihre Tempel und stellt Hammurapi als ihren Wohltäter dar.
Der Epilog erklärt, Hammurapi habe seine Stele vor seinem Bildnis als „König der Gerechtigkeit“ aufgestellt, damit jeder Mensch, dem Unrecht geschehen sei, kommen, sich die Inschrift vorlesen lassen, seinen Fall verstehen und Hilfe finden könne. Er preist den König als Hirten, der sein Land beschützte, und endet mit langen Flüchen gegen jeden künftigen Herrscher, der die Worte missachtet, verändert oder auslöscht. Dabei werden die großen Götter nacheinander angerufen.
Die Rahmung zeigt, dass das Denkmal nicht einfach ein juristisches Nachschlagewerk war. Es war auch eine öffentliche Erklärung königlicher Legitimität, gerichtet an die Götter, an Hammurapis Untertanen und an künftige Könige. Indem der König seine gerechten Entscheidungen dauerhaft in Stein festhielt, bewies er, dass er die ihm von den Göttern übertragene Aufgabe erfüllt hatte.
Prolog und Epilog wurden auch als Literatur geschätzt. Ihr Stil galt als Vorbild für gutes Babylonisch, und sie gehörten zu den Textstellen, die in den Schreiberschulen späterer Zeiten besonders häufig abgeschrieben wurden.
Fortgeschritten
Debatte: Gesetzgebung, Rechtsgelehrsamkeit oder königliches Denkmal?
Forschende des frühen 20. Jahrhunderts behandelten den Text als Gesetzgebung im modernen Sinn: als für Richter verbindliches Gesetzbuch. Dabei ergab sich ein großes Problem. Tausende altbabylonische Verträge, Briefe und Prozessakten sind erhalten, doch sie beziehen sich fast nie auf den Codex. In manchen Fällen scheint die Rechtspraxis sogar von seinen Regeln abzuweichen. Es gibt auch keinen Beleg dafür, dass Richter ihn heranziehen mussten.
In einem einflussreichen Aufsatz von 1960 vertrat der Assyriologe F. R. Kraus die Ansicht, die Gesetze seien besser als Sammlung beispielhafter Entscheidungen, als eine Form der Rechtsgelehrsamkeit, zu verstehen denn als Gesetzgebung. Jean Bottéro verglich sie später mit der mesopotamischen „Wissenschaft“ der Listen, etwa Sammlungen von Omen und medizinischen Texten, die ebenfalls die Form „wenn … dann …“ verwenden. Demnach waren die Gesetze Musterfälle, die Grundsätze anhand von Varianten veranschaulichten (ein freier Mann, ein Angehöriger einer niedrigeren sozialen Schicht, ein Sklave; ein erstes Vergehen, ein wiederholtes Vergehen), und keine Regeln, die mechanisch anzuwenden waren.
Andere Forschende betonen andere Gesichtspunkte. Raymond Westbrook vertrat die Ansicht, solche Sammlungen könnten Richtern als Nachschlagewerke gedient haben und gehörten zu einer gemeinsamen Rechtstradition. Martha Roth und andere heben den monumentalen und politischen Charakter der Stele hervor: Sie war eine Darstellung königlicher Herrschaftsvorstellungen, die ebenso sehr betrachtet wie gelesen werden sollte. Marc Van De Mieroop hat gezeigt, wie der Text zu Hammurapis umfassender Selbstdarstellung nach seinen Eroberungen passt.
Die meisten heutigen Fachleute würden diese Sichtweisen verbinden: Der Codex spiegelt wirkliche Rechtsfälle und Rechtsprobleme wider, die Gelehrte zu Musterfällen umformulierten und auf Denkmälern als Beweis für die Gerechtigkeit des Königs präsentierten. Seine Autorität war eher moralisch und weltanschaulich als für Gerichtsverfahren verbindlich. Die Debatte zeigt, wie problematisch es sein kann, antike Texte mit modernen Begriffen wie „Gesetzbuch“ oder „Gesetz“ zu deuten.
Fortgeschritten
Quellen, Text und Deutung
Der Text des Codex wird aus zwei Arten von Zeugnissen rekonstruiert: aus der Stele im Louvre, die den vollständigsten Text bietet, der jedoch die abgeschliffenen Kolumnen fehlen, und aus Handschriften auf Tontafeln, die den größten Teil der Lücke füllen und Textvarianten zeigen. Die von Scheil 1902 eingeführte Abschnittsnummerierung wurde der Einfachheit halber beibehalten. Die Stele selbst unterteilt die Gesetze jedoch nicht auf diese Weise; in manchen Ausgaben werden die Gesetze der Lücke mit Buchstaben bezeichnet.
Die Übersetzung der Gesetze ist nicht einfach. Für wichtige gesellschaftliche Bezeichnungen wie muškēnum gibt es keine genaue moderne Entsprechung; der Begriff wurde unter anderem als „Angehöriger einer niedrigeren sozialen Schicht“, „Palastabhängiger“ oder „Höriger“ wiedergegeben. Auch Rechtsbegriffe und Maßeinheiten müssen sorgfältig mit zeitgenössischen Dokumenten verglichen werden. Moderne englische Standardübersetzungen, etwa die von Martha Roth in Law Collections from Mesopotamia and Asia Minor, bilden die Grundlage für einen großen Teil der Forschung. Ältere Übersetzungen wie die von L. W. King (1910), die im Internet weit verbreitet ist, sind nützlich, stellenweise aber überholt.
Historiker müssen die Gesetze außerdem mit anderen Quellen vergleichen: mit Hammurapis Briefen an seine Beamten in Larsa, die zeigen, wie er in Streitfälle über Land und Bewässerung eingriff; mit Gerichtsakten aus Sippar und anderen Städten; und mit königlichen Erlassen zum Schuldenerlass. Diese Dokumente belegen ein funktionierendes Rechtssystem mit Richtern, Zeugen, Eiden und Flussordalen. In diesem System scheint der Codex eher ein ideales Vorbild als ein verbindliches Regelbuch gewesen zu sein.
Schließlich hängt die genaue Datierung von Hammurapis Herrschaft von der ungelösten Frage der absoluten Chronologie Mesopotamiens ab. Die hier verwendeten Daten folgen der „mittleren Chronologie“; die „niedrige“ und die „hohe“ Chronologie setzen seine Herrschaft einige Jahrzehnte später beziehungsweise früher an. Die relative Datierung ist dagegen gesichert: Der Codex stammt aus den letzten Jahren seiner Herrschaft, nach der Eroberung von Larsa und Mari.
Kernideen
- Kasuistisches Recht
- Regeln, die als konkrete Fälle nach dem Muster „Wenn ein Mann X tut, dann geschieht Y“ formuliert sind, statt allgemeine Grundsätze aufzustellen.
- Lex talionis
- Das Vergeltungsprinzip „Auge um Auge“, das in Hammurapis Gesetzen vor allem zwischen Menschen gleichen Ranges gilt.
- Gesellschaftliche Ränge
- Die Strafen hängen davon ab, ob das Opfer ein awīlum (freier Mann mit vollem Status), ein muškēnum (freie Person mit niedrigerem Status) oder ein versklavter Mensch ist.
- König der Gerechtigkeit
- Von mesopotamischen Königen wurde erwartet, „Wahrheit und Gerechtigkeit“ (kittum und mīšarum) herzustellen; der Codex zeigt Hammurapi bei der Erfüllung dieser Aufgabe.
- Göttliche Legitimation
- Das Relief und der Prolog stellen Hammurapis Herrschaftsbefugnis als Gabe der Götter dar, besonders des Schamasch und des Marduk.
- Musterentscheidungen
- Viele Forschende verstehen die Gesetze als beispielhafte Fälle zum Lernen und Nachdenken, nicht als ein von Gerichten angewendetes Gesetzbuch.
- Gemeinsame Rechtstradition
- Hammurapis Gesetze gehören zu einer Gruppe altorientalischer Gesetzessammlungen, die von Ur-Namma bis zur Hebräischen Bibel reicht.
Einträge
- um 2100 v. Chr. — Die Gesetze Ur-Nammas, die älteste bekannte mesopotamische Gesetzessammlung, werden auf Sumerisch zusammengestellt.
- um 1792 v. Chr. — Hammurapi folgt seinem Vater Sin-muballit als König von Babylon (mittlere Chronologie).
- um 1763 v. Chr. — Hammurapi erobert Larsa und besiegt Rim-Sin; Eschnunna und Mari fallen bald darauf.
- um 1754 v. Chr. — Der Codex wird gegen Ende von Hammurapis Herrschaft verfasst und auf Stelen eingemeißelt.
- um 1750 v. Chr. — Hammurapi stirbt; sein Sohn Samsu-iluna folgt ihm nach.
- um 1595 v. Chr. — Ein hethitischer Überfall zerstört Babylon und beendet die Erste Dynastie (mittlere Chronologie).
- um 1158 v. Chr. — Der elamische König Schutruk-Nahhunte bringt mesopotamische Denkmäler, wahrscheinlich auch die Stele, nach Susa.
- um 650 v. Chr. — Abschriften der Gesetze werden in Assurbanipals Bibliothek in Ninive aufbewahrt; Schreiber studieren den Text weiterhin.
- 1901 — Die französische Expedition unter Jacques de Morgan findet die Stele in Susa (Winter 1901–1902).
- 1902 — Jean-Vincent Scheil veröffentlicht die erste Ausgabe und eine französische Übersetzung.
- 1960 — F. R. Kraus vertritt die Ansicht, die Gesetze seien beispielhafte Entscheidungen statt Gesetzgebung, und gibt der Debatte damit eine neue Richtung.
Glossar
- Stele
- Eine aufrecht stehende Steinplatte mit einer eingemeißelten Inschrift oder einem Relief, die als öffentliches Denkmal aufgestellt wird.
- Keilschrift
- Ein Schriftsystem mit keilförmigen Zeichen, die in Ton gedrückt oder in Stein gemeißelt wurden und in Mesopotamien etwa 3.000 Jahre lang in Gebrauch waren.
- Akkadisch
- Eine semitische Sprache des alten Mesopotamiens; Altbabylonisch ist die Sprachform aus Hammurapis Zeit.
- Amoriter
- Ein Volk in Syrien und Mesopotamien, dessen Dynastien zu Beginn des zweiten Jahrtausends v. Chr. Babylon und viele andere Städte beherrschten.
- Schamasch
- Der mesopotamische Sonnengott, der alles sieht und deshalb auch als Gott der Gerechtigkeit galt.
- Marduk
- Der Stadtgott Babylons, der zum obersten Gott der babylonischen Götterwelt aufstieg.
- Awīlum
- In den Gesetzen ein freier Mann mit vollem gesellschaftlichem Status.
- Muškēnum
- Eine freie Person mit niedrigerem oder abhängigem Status; die genaue Bedeutung ist umstritten.
- Flussordal
- Ein Verfahren zur Entscheidung eines Falls, bei dem die beschuldigte Person in den Fluss geworfen wurde; man glaubte, der Flussgott entscheide über Schuld oder Unschuld.
- Mittlere Chronologie
- Das am häufigsten verwendete System absoluter Datierungen für das frühe Mesopotamien; es setzt Hammurapis Herrschaft ungefähr auf 1792–1750 v. Chr. an.
Fragen und Antworten
War der Codex Hammurapi das erste Gesetzbuch?
Nein. Es sind ältere Gesetzessammlungen bekannt, etwa die von Ur-Namma, Lipit-Ischtar und Eschnunna. Hammurapis Sammlung ist lediglich die längste und am besten erhaltene.
Steht darin wirklich „Auge um Auge“?
Ja. Mehrere Gesetze bestrafen eine Verletzung mit derselben Verletzung, allerdings nur, wenn Opfer und Täter den gleichen Rang hatten. Bei Menschen niedrigeren Ranges oder versklavten Menschen waren stattdessen Geldzahlungen vorgesehen.
Wo befindet sich die Stele heute?
Im Louvre in Paris. Anderswo stehen Nachbildungen; Fragmente weiterer Abschriften und viele Fassungen auf Tontafeln befinden sich in Museen auf der ganzen Welt.
Warum wurde sie im Iran und nicht im Irak gefunden?
Ein elamischer König brachte sie im 12. Jahrhundert v. Chr. als Kriegsbeute nach Susa, etwa 600 Jahre nach ihrer Herstellung.
Haben babylonische Richter den Codex tatsächlich benutzt?
Erhaltene Gerichtsakten erwähnen ihn fast nie. Deshalb halten ihn viele Forschende für ein Vorbild gerechter Entscheidungen und ein königliches Denkmal, nicht für ein Regelbuch, das Richter befolgen mussten.
Besteht eine Verbindung zu den Gesetzen des Mose?
Es gibt deutliche Ähnlichkeiten, etwa bei Gesetzen über stoßende Ochsen und über Vergeltung. Die meisten Forschenden erklären sie mit einer gemeinsamen Rechtstradition im Alten Orient und nicht mit einer direkten Abschrift.
Warum gibt es leere Stellen auf dem Stein?
Mehrere Kolumnen wurden im Altertum abgeschliffen, wahrscheinlich damit ein elamischer König dort eine eigene Inschrift anbringen konnte. Die fehlenden Gesetze sind zum Teil aus Abschriften auf Tontafeln bekannt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Code of Hammurabi. Wikipedia
- Hammurabi. Wikipedia
- 함무라비 법전. 위키백과
- Law Code of Hammurabi, king of Babylon (Sb 8). Musée du Louvre, Collections
- The Code of Hammurabi, translated by L. W. King. The Avalon Project, Yale Law School
- Martha T. Roth, Law Collections from Mesopotamia and Asia Minor (2nd ed.). Scholars Press (Society of Biblical Literature, Writings from the Ancient World), 1997
- Marc Van De Mieroop, King Hammurabi of Babylon: A Biography. Blackwell, 2005
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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
