Geschichte

Untergang des Weströmischen Reiches

Imperium Romanum Occidentale

476 n. Chr. · Ravenna

In einem Satz

Im Jahr 476 n. Chr. setzte ein Heerführer namens Odoaker in Italien den jugendlichen Kaiser Romulus Augustulus ab und ernannte keinen Nachfolger. Dieses Ereignis gilt oft als Ende des westlichen Teils des Römischen Reiches, der schon seit Generationen Gebiete und Macht verloren hatte.

Beginnen Sie oben mit einer einfachen Einführung. Weiter unten finden Sie mehr Details und Forschungsergebnisse.

  • Einfach
  • Mittel
  • Fortgeschritten

Für junge Leser

Viele hundert Jahre lang herrschte das Römische Reich über ein riesiges Gebiet rund um das Mittelmeer. Es reichte von Britannien und Spanien bis nach Ägypten und Syrien. Um das Jahr 400 n. Chr. war es so groß, dass es meist zwei Kaiser gab: einen im Westen und einen im Osten, in der großen Stadt Konstantinopel.

Im Westen gab es immer mehr Probleme. Menschen aus Gebieten außerhalb des Reiches, zum Beispiel Goten, Vandalen und Franken, überquerten die Grenzen. Manche suchten Schutz, manche dienten als Soldaten im römischen Heer und manche griffen das Reich an. Römische Heerführer kämpften um die Macht. Der Regierung fehlten Geld und Soldaten.

Nach und nach verloren die westlichen Kaiser ihre Gebiete. Die Stadt Rom wurde 410 und 455 erobert und geplündert. In den 470er-Jahren herrschte der westliche Kaiser eigentlich nur noch über Italien. Die wirkliche Macht hatten Heerführer.

Im Jahr 476 setzte der Heerführer Odoaker den letzten westlichen Kaiser ab. Er war ein Junge und hieß Romulus Augustulus. Odoaker schickte ihn nach Süditalien, wo er in Ruhe leben sollte. Odoaker ernannte keinen neuen Kaiser. Er regierte Italien als König und sagte, er diene dem Kaiser in Konstantinopel.

Für viele Menschen änderte sich 476 nicht plötzlich alles. Bauern bestellten weiter ihre Felder, in den Kirchen fanden weiter Gottesdienste statt und die Menschen sprachen weiter Latein. Das Oströmische Reich bestand noch fast tausend Jahre. Deshalb sprechen Historiker heute nicht nur vom „Untergang“, sondern auch von einem langen Wandel der römischen Welt.

Auf einen Blick

Wichtiges Datum
4. September 476 n. Chr.: Absetzung von Romulus Augustulus (traditionell das Ende des Weströmischen Reiches)
Ort
Ravenna, Hauptstadt des weströmischen Kaiserhofs, und Italien; der längere Prozess betraf ganz Westeuropa und Nordafrika
Längerer Prozess
Wird gewöhnlich vom Übertritt der Goten in das Reich (376) und der Schlacht von Adrianopel (378) bis 476 oder 480 verfolgt
Wichtige Beteiligte
Weströmische Kaiser und ihre Heerführer (Stilicho, Aëtius, Ricimer, Orestes); Goten, Vandalen, Hunnen, Franken, Burgunder, Sueben; der oströmische Kaiserhof
Letzte weströmische Kaiser
Romulus Augustulus (475–476) in Italien; Julius Nepos, vom Osten anerkannt, beanspruchte den Kaisertitel bis zu seinem Tod im Jahr 480
Folgen
Nachfolgereiche: Odoaker und später die Ostgoten in Italien, Westgoten in Spanien, Franken in Gallien, Vandalen in Afrika
Was fortbestand
Das Oströmische (Byzantinische) Reich bis 1453; Latein, römisches Recht, Städte und die christliche Kirche im Westen
Forschungsdebatte
Historiker diskutieren, ob sich die Epoche am besten als Niedergang und Untergang oder als Wandel zu einer neuen Welt beschreiben lässt

Einfach

Was geschah im Jahr 476?

Im Sommer 476 forderten Soldaten in Italien Land, auf dem sie sich ansiedeln konnten. Viele von ihnen gehörten germanischsprachigen Gruppen an und dienten im römischen Heer. Ihr Befehlshaber, der Patrizier Orestes, lehnte die Forderung ab. Daraufhin wandten sich die Soldaten an einen ihrer Offiziere, Odoaker, der ihnen Land versprach. Am 23. August 476 riefen sie ihn zum König aus. Odoaker besiegte Orestes, der noch im selben Monat bei Placentia (dem heutigen Piacenza) hingerichtet wurde. Anschließend nahm Odoaker Ravenna ein, den Sitz des weströmischen Kaiserhofs.

Orestes hatte seinen jungen Sohn Romulus Augustulus im Oktober 475 auf den Kaiserthron gesetzt. Am 4. September 476 setzte Odoaker ihn ab. Er ließ den Jungen nicht töten, sondern gewährte ihm eine Pension und schickte ihn in das Castellum Lucullanum, eine befestigte Villa bei Neapel. Sein Name verband Romulus, den sagenhaften Gründer Roms, mit Augustus, dem ersten Kaiser. Späteren Autoren erschien dies wie ein Zeichen dafür, dass sich ein Kreis geschlossen hatte.

Dann tat Odoaker etwas Ungewöhnliches: Er ernannte weder sich selbst noch jemand anderen zum Kaiser. Stattdessen schickte der römische Senat die kaiserlichen Herrschaftszeichen nach Konstantinopel. Er ließ dem oströmischen Kaiser Zenon mitteilen, ein Kaiser genüge für beide Reichshälften, und bat darum, Odoaker die Regierung Italiens zu übertragen. Zenon antwortete ausweichend und erinnerte daran, dass Julius Nepos, ein früherer weströmischer Kaiser, den Orestes vertrieben hatte, noch in Dalmatien lebte.

In den folgenden Jahrhunderten galt 476 als das Ende des Weströmischen Reiches. Schon der Chronist Marcellinus Comes, der im 6. Jahrhundert in Konstantinopel schrieb, stellte die Absetzung des Augustulus als Ende des Westreiches dar. Viele Menschen, die 476 lebten, bemerkten jedoch möglicherweise kaum eine Veränderung: Römische Beamte, der Senat und die Gerichte in Italien arbeiteten weiter, und Odoaker regierte mithilfe dieser Einrichtungen.

[1][2][3]

Einfach

Das Römische Reich vor dem Untergang

Auf dem Höhepunkt seiner Macht im 2. Jahrhundert n. Chr. reichte das Römische Reich vom Norden Britanniens bis zum Euphrat und von Rhein und Donau bis zur Sahara. Vielleicht 50 bis 70 Millionen Menschen lebten darin. Straßen, Seewege, ein gemeinsames Heer, römisches Recht sowie die lateinische und griechische Sprache verbanden sie.

Im 3. Jahrhundert durchlebte das Reich eine schwere Krise: Viele Kaiser wurden ermordet, das persische Sassanidenreich besiegte römische Heere und Angreifer überschritten die Grenzen. Kaiser Diokletian (284–305) ordnete das Reich neu. Er verteilte die Macht auf mehrere Herrscher und vergrößerte Heer und Verwaltung erheblich. Sein Nachfolger Konstantin (306–337) nahm den christlichen Glauben an und gründete Konstantinopel als neue Hauptstadt im Osten.

Nach dem Tod von Theodosius I. im Jahr 395 wurde das Reich dauerhaft zwischen seinen beiden Söhnen aufgeteilt: Arkadios herrschte im Osten von Konstantinopel aus, Honorius im Westen. Es galt weiterhin als ein Reich mit zwei Kaisern, doch die beiden Hälften entwickelten sich zunehmend auseinander. Der Osten war wohlhabender, stärker von Städten geprägt und durch seine geografische Lage besser geschützt. Der Westen hatte längere Grenzen und geringere Steuereinnahmen.

Um 400 war Rom nicht mehr die Hauptstadt des Westreiches. Zunächst war es Mailand, ab 402 dann Ravenna, eine von Sümpfen geschützte Stadt nahe der Adria. Rom blieb ein Symbol des Reiches sowie Sitz des Senats und des Bischofs von Rom, des Papstes.

[1]

Einfach

Wer war beteiligt?

Römer. Die weströmischen Kaiser dieser Zeit waren oft schwach oder sehr jung. Die tatsächliche Macht lag bei Heerführern mit dem Titel magister militum (Heermeister). Zu den wichtigsten gehörten Stilicho (gest. 408), der selbst vandalischer Abstammung war, Flavius Aëtius (gest. 454), der gegen die Hunnen kämpfte, und Ricimer (gest. 472), der mehrere Kaiser einsetzte und wieder absetzte. Auch römische Grundbesitzer, Bischöfe und Stadträte beeinflussten stark, wie die einzelnen Regionen auf die Krise reagierten.

Goten. Die Goten lebten nördlich der Donau und des Schwarzen Meeres. Die Gruppe, die gewöhnlich Westgoten genannt wird, gelangte 376 ins Reich, plünderte 410 Rom und gründete später ein Königreich in Gallien und Spanien. Die Ostgoten eroberten unter Theoderich in den Jahren 489–493 Italien von Odoaker.

Vandalen, Alanen und Sueben überschritten um 406 den Rhein und zogen durch Gallien nach Spanien. Im Jahr 429 setzten die Vandalen unter Geiserich nach Nordafrika über und nahmen 439 Karthago ein. Damit verlor das Westreich seine reichsten Provinzen. Franken und Burgunder ließen sich in Gallien nieder, Angeln, Sachsen und Jüten in Britannien, nachdem die römischen Truppen dort im frühen 5. Jahrhundert abgezogen waren.

Hunnen. Die Hunnen, nomadische Reiter aus den Steppengebieten, erreichten um 370 die Gegend nördlich des Schwarzen Meeres. Ihre Wanderungen drängten andere Gruppen an die römische Grenze. Unter Attila unternahmen sie in den 440er- und frühen 450er-Jahren Raubzüge in beide Reichshälften. Nach Attilas Tod im Jahr 453 zerfiel ihr Reich rasch.

[1][5]

Mittel

Der Verlauf der Ereignisse, 376–480

376–382: Die Goten gelangen ins Reich. Auf der Flucht vor den Hunnen baten zahlreiche Goten darum, die Donau überqueren zu dürfen. Der oströmische Kaiser Valens ließ sie einreisen. Von römischen Beamten schlecht behandelt und ausgebeutet, erhoben sie sich. Am 9. August 378 vernichteten sie bei Adrianopel in Thrakien ein römisches Heer und töteten Valens. Im Jahr 382 schloss Theodosius I. einen Vertrag, der ihnen die Ansiedlung als teilweise eigenständige Gruppe innerhalb des Reiches erlaubte – eine neue und riskante Regelung.

406–410: Die Grenze wird durchbrochen und Rom geplündert. Gegen Ende des Jahres 406 überschritten Vandalen, Alanen und Sueben den Rhein und gelangten nach Gallien; in Britannien und Gallien erhoben sich Thronanwärter. In Italien wurde Stilicho 408 hingerichtet. Römische Soldaten töteten in italienischen Städten die Familien barbarischer Truppenangehöriger. Dadurch schlossen sich viele dieser Soldaten dem gotischen Anführer Alarich an. Nach gescheiterten Verhandlungen plünderten Alarichs Goten Rom am 24. August 410. Es war die erste Einnahme der Stadt durch einen auswärtigen Feind seit etwa 800 Jahren.

418–454: Verlust von Provinzen und die Zeit des Aëtius. Die Westgoten wurden 418 in Aquitanien im Südwesten Galliens angesiedelt. Britannien war faktisch aufgegeben. Die Eroberung Afrikas durch die Vandalen (429–439) war vielleicht der schwerste Verlust, weil dadurch Getreide und Steuereinnahmen wegfielen. Aëtius hielt Gallien mit Hilfe verbündeter Gruppen zusammen. Im Jahr 451 brachte er mit Westgoten, Franken und anderen Attilas Heer auf den Katalaunischen Feldern zum Stehen. Attila fiel 452 in Italien ein, zog sich aber zurück. Im Jahr 454 ermordete Kaiser Valentinian III. Aëtius; im folgenden Jahr wurde er selbst ermordet.

455–476: Das Ende des weströmischen Kaiserhofs. Im Jahr 455 plünderten die Vandalen Rom erneut, diesmal zwei Wochen lang. In den nächsten zwei Jahrzehnten regierte eine Reihe kurzlebiger Kaiser; mehrere von ihnen wurden von Ricimer eingesetzt und abgesetzt. Versuche, Afrika zurückzuerobern, scheiterten, darunter 468 ein gewaltiger gemeinsamer Feldzug des Ost- und des Westreiches. Im Jahr 474 setzte der Osten Julius Nepos als Kaiser ein. Doch 475 vertrieb ihn dessen Heerführer Orestes und rief seinen eigenen Sohn Romulus zum Kaiser aus. Im Jahr 476 setzte Odoaker Romulus ab. Nepos, den Zenon weiterhin anerkannte, beanspruchte den weströmischen Kaiserthron von Dalmatien aus bis zu seiner Ermordung im Jahr 480. Manche Historiker betrachten dieses Jahr als das eigentliche Ende der Reihe weströmischer Kaiser.

[1][5][6][4]

Mittel

Warum ging das Weströmische Reich unter?

Die Frage nach den Ursachen des Untergangs des Weströmischen Reiches gehört zu den meistdiskutierten Fragen der Geschichtswissenschaft. Der deutsche Historiker Alexander Demandt trug eine berühmt gewordene Sammlung von etwa 210 Erklärungen zusammen, die im Laufe der Jahrhunderte vorgeschlagen wurden. Die meisten heutigen Historiker sind sich einig, dass es nicht nur eine Ursache gab. Sie bewerten die einzelnen Faktoren jedoch unterschiedlich.

Druck von außen. Eine Forschungsrichtung betont das Auftreten der Hunnen und die Zuwanderung vieler Gruppen in das Reich, die der Westen weder aufnehmen noch besiegen konnte. Hinzu kam die lange Rivalität mit dem persischen Sassanidenreich, die Kräfte des Ostreiches band. Peter Heather vertritt beispielsweise die Auffassung, dass das Westreich vor allem durch äußere Kräfte zu Fall gebracht wurde, die von den Hunnen in Bewegung gesetzt worden waren.

Innere Schwäche. Andere betonen Bürgerkriege, Usurpationen und die Rivalität zwischen Heerführern; die hohe Steuerlast und den Verlust von Einnahmen aus eroberten Provinzen; die ungünstigere Lage und die geringeren Mittel des Westens im Vergleich zum Osten; sowie die wachsende Abhängigkeit von verbündeten barbarischen Truppen (Foederaten), die vor allem ihren eigenen Anführern treu waren.

Umwelt und Krankheiten. Neuere Forschungen berücksichtigen auch das Klima und Seuchen. Historiker wie Kyle Harper vertreten die Ansicht, dass ein Wandel zu ungünstigeren Klimabedingungen und mehrere Pandemien seit dem 2. Jahrhundert das Reich langfristig schwächten. Wie groß dieser Einfluss war, ist allerdings umstritten.

Ältere Erklärungen wie sittlicher Verfall, der Aufstieg des Christentums – den Edward Gibbon hervorhob – oder Bleivergiftungen werden heute meist verworfen oder höchstens als untergeordnete Faktoren angesehen. Dass das ebenso christliche Ostreich fortbestand, wird oft als Einwand gegen einfache religiöse Erklärungen angeführt.

[1][8]

Mittel

Nach 476: Nachfolgereiche und das Ostreich

Odoaker regierte Italien bis 493. Im Jahr 489 ermutigte der oströmische Kaiser Zenon Theoderich, den König der Ostgoten, zum Einfall in Italien. Nach jahrelangem Krieg und einer langen Belagerung Ravennas nahm Theoderich die Stadt 493 ein und tötete Odoaker bei einem Gastmahl eigenhändig. Theoderichs Ostgotenreich (493–553) behielt große Teile der römischen Verwaltung und den Senat bei. Römische Gelehrte wie Boethius und Cassiodor dienten an seinem Hof.

In den ehemaligen westlichen Provinzen entstanden neue Reiche: das der Westgoten in Spanien, der Franken in Gallien, der Burgunder im Rhônetal und der Vandalen in Afrika. In Britannien bildeten verschiedene Gruppen eigene Herrschaftsgebiete. Die Könige herrschten meist über eine überwiegend römische Bevölkerung und nutzten römisches Recht, lateinische Schriftstücke und die Kirche für ihre Regierung. Der Frankenkönig Chlodwig, der um 500 katholisch getauft wurde, begründete das Reich, aus dem später Frankreich und Deutschland hervorgingen.

Das Oströmische Reich bestand weiter und bezeichnete sich schlicht als „römisch“. Unter Justinian I. (527–565) eroberten seine Heere Nordafrika von den Vandalen zurück (533–534) und nach einem verheerenden Krieg, der bis 554 dauerte, auch Italien von den Ostgoten. Im Jahr 568 fielen jedoch die Langobarden in Italien ein, und das Ostreich konnte den größten Teil des Westens nicht halten. Mit Konstantinopel als Hauptstadt bestand es bis 1453 fort.

Im Jahr 800 krönte der Papst den Frankenkönig Karl den Großen in Rom zum Kaiser. Damit lebte der Titel eines römischen Kaisers im Westen wieder auf. Das zeigte, wie mächtig die Vorstellung von Rom noch lange nach dem Ende des Westreiches blieb.

[3][1]

Mittel

Den Untergang erleben: Opfer und Überlebende

Für viele Menschen war das 5. Jahrhundert eine Zeit der Gewalt, Angst und Verluste. Städte wurden belagert und geplündert, Bauernhöfe niedergebrannt, Menschen getötet, versklavt oder gegen Lösegeld festgehalten. Zeitgenössische Autoren beschrieben das Entsetzen über die Plünderung Roms im Jahr 410. Hieronymus schrieb in Bethlehem, die Stadt, die die ganze Welt erobert habe, sei nun selbst erobert worden. Flüchtlinge aus Italien flohen nach Afrika und in den Osten.

Nicht nur Römer wurden zu Opfern. Römische Beamte ließen die gotischen Flüchtlinge des Jahres 376 hungern und beuteten sie aus. Der Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus berichtet, dass einige gezwungen waren, ihre eigenen Kinder für Nahrung in die Sklaverei zu verkaufen. Im Jahr 408 töteten römische Truppen in Italien die Frauen und Kinder barbarischer Soldaten. Versklavung, erzwungene Umsiedlung und die Zerstörung von Gemeinschaften trafen alle Gruppen.

Gleichzeitig passten sich viele Regionen an. In Südgallien, Spanien und Italien verhandelten römische Grundbesitzer und Bischöfe mit den neuen Herrschern, behielten ihre Güter und dienten in deren Verwaltungen. Bischöfe wurden häufig zu örtlichen Anführern: Sie organisierten die Verteidigung, kauften Gefangene frei und versorgten Arme mit Nahrung. Autoren wie der Priester Salvian von Marseille behaupteten sogar, manche Römer lebten lieber unter barbarischer Herrschaft, als die Ungerechtigkeit und hohen Steuern römischer Beamter zu ertragen.

Archäologische Funde zeigen große regionale Unterschiede. In Britannien verschwanden römische Städte, Villen und der Gebrauch von Münzen innerhalb weniger Jahrzehnte nach 400. In Teilen Italiens, Spaniens und Südgalliens verlief der Wandel langsamer. Im östlichen Mittelmeerraum waren das 5. und frühe 6. Jahrhundert vielerorts eine Zeit des Wohlstands.

[1][6][9]

Mittel

Erinnerung und Deutung: verschiedene Sichtweisen auf die Geschichte

Die Geschichte vom „Untergang Roms“ wurde je nach Erzähler unterschiedlich dargestellt. Für die Humanisten der Renaissance begann mit dem Ende des Westreiches ein „dunkles“ Mittelalter zwischen dem Glanz der Antike und ihrer eigenen Wiederbelebung antiken Wissens. Edward Gibbons History of the Decline and Fall of the Roman Empire (1776–1789) machte das Thema im englischen Sprachraum berühmt. Er beschrieb den Untergang als „Triumph der Barbarei und der Religion“.

Im Deutschland des 19. Jahrhunderts feierten nationalistische Historiker die germanischen Völker oft als kraftvolle Erben, die ein erschöpftes Reich erneuert hätten. In Frankreich und Italien erschien die Epoche mitunter als Tragödie der Einfälle oder als Ursprung nationaler Königreiche wie dem Chlodwigs. Solche Deutungen sagen mehr über moderne nationale Identitäten aus als über das 5. Jahrhundert. Die heutige Forschung betont, dass die „germanischen Völker“ vielfältige Gruppen waren, deren Identitäten sich weitgehend innerhalb der römischen Welt herausbildeten.

Aus der Sicht des östlichen Mittelmeerraums gab es 476 keinen Untergang: Das Römische Reich bestand in Konstantinopel fort. Die griechischsprachigen Byzantiner nannten sich bis 1453 und in mancher Hinsicht noch lange danach Römer. In Nordafrika bilden die Eroberung durch die Vandalen, die byzantinische Rückeroberung und die spätere arabische Eroberung eine eigene Geschichte, in der auch Berberreiche (Amazigh-Reiche) eine wichtige Rolle spielten.

Seit dem 18. Jahrhundert dient der Untergang Roms in politischen Debatten immer wieder als Warnung. Kommentatoren vergleichen moderne Staaten mit einem Rom im Niedergang. Historiker weisen meist darauf hin, dass solche Vergleiche eine komplexe und ganz anders geartete Vergangenheit vereinfachen.

[7][1]

Fortgeschritten

Forschungsdebatten: Niedergang, Wandel oder Katastrophe?

Wandel. In den 1970er-Jahren trug Peter Browns The World of Late Antiquity (1971) dazu bei, die „Spätantike“ (etwa 200–700 n. Chr.) als eigenes Forschungsgebiet zu etablieren. Im Mittelpunkt standen religiöse und kulturelle Neuerungen sowie Kontinuitäten statt eines bloßen Niedergangs. Walter Goffart vertrat in Barbarians and Romans (1980) die Auffassung, dass manche barbarischen Gruppen durch vergleichsweise geordnete Vereinbarungen angesiedelt wurden, etwa durch Anteile an Steuereinnahmen oder Land, und nicht durch gewaltsame Eroberung. Ein großes europäisches Forschungsprogramm der 1990er-Jahre mit dem Titel „The Transformation of the Roman World“ führte diesen Ansatz weiter.

Erneute Betonung des Niedergangs. Im Jahr 2005 stellten zwei einflussreiche Bücher diese Sichtweise infrage. Bryan Ward-Perkins zog in The Fall of Rome and the End of Civilization archäologische Befunde heran, etwa den starken Rückgang bei Qualität und Verbreitung von Töpferwaren sowie Veränderungen bei der Größe von Gebäuden und sogar von Rindern. Er argumentierte, das Ende der römischen Herrschaft im Westen habe zu einem wirklichen Zusammenbruch der wirtschaftlichen Vielfalt und des Lebensstandards geführt. Peter Heather hob in The Fall of the Roman Empire: A New History den militärischen und politischen Druck von außen hervor, den die Hunnen ausgelöst hatten.

Identität und Ethnizität. Forscher aus dem Umfeld der „Wiener Schule“ um Herwig Wolfram und Walter Pohl untersuchten die Ethnogenese: die Vorstellung, dass Gruppen wie Goten oder Franken keine seit jeher feststehenden Völker waren, sondern politische Gemeinschaften, die sich um Anführer und Traditionen bildeten und immer wieder veränderten. Guy Halsall vertrat in Barbarian Migrations and the Roman West, 376–568 (2007) die Ansicht, dass die Krise des Westreiches weitgehend innere Ursachen hatte und barbarische Gruppen in die römische Politik hineingezogen wurden, statt von außen einzubrechen. Wie groß die wandernden Gruppen waren und wie sie zur römischen Bevölkerung standen, bleibt umstritten.

Periodisierung. Viele Historiker betrachten 476 heute eher als symbolisches denn als entscheidendes Datum. Manche bevorzugen 410, 455, 480 oder sogar den Einfall der Langobarden 568 als Einschnitt. Andere betonen, dass die römische Herrschaft je nach Region zu sehr unterschiedlichen Zeiten endete: in Britannien etwa um 410, in Teilen des Mittelmeerraums erst im 6. Jahrhundert oder noch später.

[1][9][8][10]

Fortgeschritten

Belege und Methoden: die Quellen zum Untergang

Erzählende Quellen. Kein einzelnes zeitgenössisches Geschichtswerk behandelt das gesamte 5. Jahrhundert im Westen. Das im späten 4. Jahrhundert auf Latein verfasste Geschichtswerk des Ammianus Marcellinus endet mit der Schlacht von Adrianopel. Für das frühe 5. Jahrhundert stützen sich Historiker auf spätere griechische Autoren wie Zosimos, der das verlorene Werk des Olympiodoros nutzte, sowie auf Fragmente des Priskos, der Attilas Hof besuchte. Der christliche Autor Orosius schrieb in den 410er-Jahren auf Anregung des Augustinus ein Geschichtswerk gegen die Heiden.

Berichte aus dem 6. Jahrhundert. Die Ereignisse von 476 sind vor allem aus späteren Quellen bekannt: der Chronik des Marcellinus Comes, dem sogenannten Anonymus Valesianus, der um 551 in Konstantinopel verfassten Getica des Jordanes und den Kriegsgeschichten des Prokopios. Diese Autoren verfolgten eigene Ziele. Indem sie beispielsweise den Westen als verloren darstellten, konnten sie Justinians Rückeroberung Italiens rechtfertigen. Das beeinflusst ihre Schilderung des Endes des Westreiches.

Weitere Texte. Gesetzessammlungen, besonders der Codex Theodosianus (438), Briefe von Bischöfen und Angehörigen des Adels wie Sidonius Apollinaris in Gallien, Predigten, Heiligenviten und Chroniken wie die des Hydatius in Spanien vermitteln örtliche Sichtweisen auf die Krise. Augustinus’ Gottesstaat und Salvians Von der Regierung Gottes zeigen, wie Christen die Katastrophen deuteten.

Archäologie und Naturwissenschaften. Ausgrabungen von Städten, Villen, Festungen und Gräberfeldern, Untersuchungen von Münzen und Keramik sowie neuerdings Analysen alter DNA, von Eisbohrkernen, Baumringen und Pollen haben die Debatte verändert. Sie liefern Belege, die unabhängig von schriftlichen Quellen sind. Sie zeigen große regionale Unterschiede und ermöglichen es Historikern, wirtschaftliche Veränderungen zu untersuchen. Zugleich werfen sie neue Fragen der Deutung auf: Zeigt etwa ein Wandel bei Bestattungsbräuchen oder Gegenständen eine Zuwanderung an oder nur eine neue Mode?

[1][2][9][8]

Kernideen

Niedergang und Untergang
Die durch Gibbon bekannt gewordene traditionelle Sichtweise, dass das Westreich allmählich schwächer wurde und schließlich zusammenbrach.
Wandel
Die Sichtweise, dass aus der römischen Welt neue Formen entstanden, während in Religion, Recht, Sprache und Kultur vieles fortbestand.
Spätantike
Eine historische Epoche von etwa 200 bis 700 n. Chr., die als eigenständige Zeit voller Veränderungen und neuer Entwicklungen untersucht wird.
Foederaten
Verbündete nichtrömische Gruppen, die sich im Reich oder in seiner Nähe ansiedelten und sich vertraglich zur Stellung von Soldaten verpflichteten. Sie waren für den Westen des 5. Jahrhunderts wichtig.
Nachfolgereiche
Die Reiche der Westgoten, Franken, Vandalen, Ostgoten und anderer Gruppen, die im Westen an die Stelle der römischen Herrschaft traten.
Unterschiedliche Entwicklung von Ost und West
Das Ostreich bestand fort, während das Westreich zusammenbrach. Dieser Unterschied hilft Historikern, Erklärungen für den Untergang zu prüfen.
Periodisierung
Das Jahr 476 ist ein üblicher Einschnitt; die römische Herrschaft endete in verschiedenen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten.

Einträge

  1. 376 n. Chr. — Goten fliehen vor den Hunnen und überqueren die Donau ins Ostreich.
  2. 378 n. Chr. — Schlacht von Adrianopel (9. August): Die Goten besiegen und töten Kaiser Valens.
  3. 395 n. Chr. — Theodosius I. stirbt; das Reich wird dauerhaft zwischen Arkadios und Honorius aufgeteilt.
  4. 406 n. Chr. — Vandalen, Alanen und Sueben überqueren den Rhein und gelangen nach Gallien (traditionell auf den 31. Dezember datiert).
  5. 410 n. Chr. — Alarichs Westgoten plündern Rom (24. August).
  6. 439 n. Chr. — Die Vandalen erobern Karthago und nehmen dem Westreich seine reichsten Provinzen.
  7. 451 n. Chr. — Schlacht auf den Katalaunischen Feldern: Aëtius und seine Verbündeten halten Attila auf.
  8. 455 n. Chr. — Die Vandalen plündern Rom.
  9. 476 n. Chr. — Odoaker wird zum König ausgerufen (23. August) und setzt Romulus Augustulus ab (4. September).
  10. 480 n. Chr. — Julius Nepos, der letzte vom Osten anerkannte weströmische Kaiser, wird in Dalmatien ermordet.
  11. 493 n. Chr. — Der Ostgote Theoderich nimmt Ravenna ein und tötet Odoaker.
  12. 554 n. Chr. — Justinians Rückeroberung Italiens endet; 568 fallen die Langobarden ein.

Glossar

Weströmisches Reich
Die westliche Hälfte des Römischen Reiches, die nach der Teilung von 395 einen eigenen Kaiser hatte. Dieser regierte meist von Mailand oder Ravenna aus.
Oströmisches (Byzantinisches) Reich
Die östliche Hälfte des Reiches, die von Konstantinopel aus regiert wurde und bis 1453 bestand.
Magister militum
Lateinisch für „Heermeister“, ein hoher römischer militärischer Befehlshaber. Im Westen des 5. Jahrhunderts stand er oft als eigentlicher Machthaber hinter dem Kaiser.
Patrizier
In der Spätantike ein hoher Ehrentitel für besonders mächtige Heerführer und Beamte.
Foederaten
Verbündete Gruppen, die durch einen Vertrag verpflichtet waren, Rom militärisch zu unterstützen.
Usurpator
Jemand, der die Macht an sich reißt, besonders den Kaisertitel, ohne einen rechtmäßigen Anspruch darauf zu haben.
Westgoten / Ostgoten
Zwei wichtige gotische Gruppen: Die Westgoten gründeten ein Reich in Gallien und Spanien, die Ostgoten eines in Italien.
Vandalen
Ein Volk, das 429 von Spanien nach Nordafrika übersetzte und dort ein Königreich mit Karthago als Zentrum gründete.
Ethnogenese
Der Prozess, in dem ein Volk oder eine ethnische Identität entsteht, oft im Umfeld politischer Anführer und gemeinsamer Traditionen.
Geschichtsschreibung
Die Untersuchung, wie Geschichte geschrieben und gedeutet wurde.

Fragen und Antworten

Fiel Rom an einem einzigen Tag?

Nein. Das Jahr 476 ist ein symbolisches Datum. Das Westreich verlor über viele Jahrzehnte Gebiete und Macht, und vielerorts ging das Leben zunächst ähnlich weiter wie zuvor.

Wer war der letzte römische Kaiser?

Im Westen gilt meist Romulus Augustulus als letzter Kaiser; er wurde 476 abgesetzt. Julius Nepos beanspruchte den Titel allerdings bis 480. Im Osten herrschten Kaiser bis zur Einnahme Konstantinopels im Jahr 1453.

Waren die „Barbaren“ nur Eindringlinge?

Nein. Viele waren Flüchtlinge, Verbündete oder Soldaten im römischen Heer. Oft wollten sie einen Platz innerhalb der römischen Welt finden, statt sie zu zerstören.

Warum bestand die östliche Hälfte fort?

Sie hatte eine reichere Wirtschaft, mehr Städte, kürzere und besser geschützte Grenzen sowie die stark befestigte Hauptstadt Konstantinopel. Oft konnte sie Angreifer auch nach Westen ablenken.

Verursachte das Christentum den Untergang?

Gibbon meinte, es habe dazu beigetragen. Die meisten heutigen Historiker lehnen diese Erklärung jedoch ab und verweisen darauf, dass das ebenso christliche Ostreich fortbestand.

Ist „Untergang“ das richtige Wort?

Darüber sind sich Historiker nicht einig. Manche betonen Wandel und Kontinuität. Andere verweisen auf archäologische Belege für einen wirtschaftlichen Zusammenbruch und halten „Niedergang“ und „Untergang“ für treffend.

Welchen Titel trug Odoaker?

Seine Soldaten riefen ihn zum König (rex) aus. Der oströmische Kaiser Zenon erkannte ihn als Patrizier an, der Italien regierte. Odoaker erkannte Zenons Oberhoheit formell an.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Fall of the Western Roman Empire. Wikipedia
  2. Romulus Augustulus. Wikipedia
  3. Odoacer. Wikipedia
  4. Julius Nepos. Wikipedia
  5. Battle of Adrianople. Wikipedia
  6. Sack of Rome (410). Wikipedia
  7. The History of the Decline and Fall of the Roman Empire. Wikipedia
  8. Peter Heather, The Fall of the Roman Empire: A New History. Macmillan, 2005
  9. Bryan Ward-Perkins, The Fall of Rome and the End of Civilization. Oxford University Press, 2005
  10. Peter Brown, The World of Late Antiquity, AD 150–750. Thames and Hudson, 1971

Verwandte Inhalte

Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.

← Zurück zur Karte