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Für junge Leser
Stell dir einen Raum vor, der so groß ist, dass ein 15-stöckiges Haus hineinpassen würde. Hoch über dir schwebt ein rundes Dach. So staunen Menschen schon seit fast 1.500 Jahren, wenn sie die Hagia Sophia betreten. Sie steht in Istanbul, einer Stadt in der Türkei, die früher Konstantinopel hieß.
Hagia Sophia ist Griechisch und bedeutet „Heilige Weisheit“. Justinian, der Herrscher des Oströmischen Reiches, ließ sie als Kirche bauen. Dieses Reich nennen wir oft Byzantinisches Reich. Bei einem Aufstand hatte eine wütende Menschenmenge die alte Kirche niedergebrannt. Deshalb befahl Justinian, eine neue, besonders prächtige Kirche zu bauen. Tausende Arbeiter stellten sie in etwa fünf Jahren fertig.
Am berühmtesten ist die Kuppel, das riesige runde Dach. Sie ruht auf vier großen, gebogenen Ecken – ungefähr so, als läge ein Ball auf einem quadratischen Tisch. Unten an der Kuppel gibt es vierzig Fenster. Wenn die Sonne hindurchscheint, sieht es aus, als würde die Kuppel auf einem Ring aus Licht schweben.
Innen waren die Wände mit buntem Marmor und glänzenden Bildern geschmückt. Diese Bilder heißen Mosaike und bestehen aus winzigen Stücken Glas und Gold. Einige zeigen Jesus, seine Mutter Maria, Engel und Kaiser.
Im Jahr 1453 eroberten die osmanischen Türken die Stadt. Die Hagia Sophia wurde zu einer Moschee, in der Muslime beten. Draußen kamen hohe Türme hinzu, die Minarette heißen. 1935 wurde das Gebäude ein Museum, das alle besuchen konnten. Seit 2020 ist es wieder eine Moschee. Auch heute dürfen Menschen jeder Religion sie außerhalb der Gebetszeiten besuchen.
Auf einen Blick
- Bauzeit
- 532–537 n. Chr. (eingeweiht am 27. Dezember 537); nach einem Einsturz wurde die Kuppel neu gebaut und am 24. Dezember 562 erneut eingeweiht
- Ort
- Konstantinopel (heute Istanbul, Türkei), auf der historischen Halbinsel nahe dem ehemaligen Großen Palast
- Auftraggeber
- Kaiser Justinian I. (regierte 527–565)
- Baumeister
- Anthemios von Tralleis und Isidor von Milet; die zweite Kuppel stammt von Isidor dem Jüngeren
- Größe
- Hauptgebäude etwa 82 × 73 m; zentrale Kuppel etwa 31–33 m breit und 55,6 m über dem Boden, umgeben von 40 Fenstern
- Nutzung
- Kathedrale (537–1453, von 1204 bis 1261 eine lateinisch-katholische Kathedrale); Moschee (1453–1934); Museum (1935–2020); seit 2020 wieder Moschee
- Welterbestatus
- Teil der UNESCO-Welterbestätte „Historische Bereiche von Istanbul“ (1985 eingetragen)
- Bedeutung
- Ein Höhepunkt der Baukunst der Spätantike und das prägende Bauwerk der byzantinischen Architektur; Vorbild für spätere Kirchen und osmanische Reichsmoscheen
Einfach
Was ist die Hagia Sophia?
Die Hagia Sophia (griechisch Ἁγία Σοφία, „Heilige Weisheit“; türkisch Ayasofya) steht an der Spitze der historischen Halbinsel von Istanbul, zwischen dem Goldenen Horn und dem Marmarameer. Mehr als neunhundert Jahre lang war sie die Kathedrale von Konstantinopel, der Hauptstadt des Oströmischen (Byzantinischen) Reiches, und die Kirche des Patriarchen von Konstantinopel, des ranghöchsten Bischofs der östlich-orthodoxen Welt. Ihr Name bezieht sich nicht auf eine Heilige namens Sophia: Die Kirche war Christus als der Weisheit Gottes geweiht.
Das heutige Gebäude ist die dritte Kirche an diesem Ort. Kaiser Justinian I. ließ es zwischen 532 und 537 errichten, nachdem die vorherige Kirche bei einem gewaltsamen Aufstand niedergebrannt war. Jahrhundertelang umschloss es den größten Innenraum der Welt. Seine zentrale Kuppel ruht auf vier gebogenen, dreieckigen Mauerflächen, den Pendentifs – eine für ihre Zeit kühne technische Leistung.
Die Hagia Sophia hat vier Nutzungsphasen erlebt. Von 537 bis 1453 war sie eine christliche Kathedrale, zeitweise unter lateinisch-katholischer Herrschaft nach dem Vierten Kreuzzug. Von 1453 bis in die 1930er-Jahre diente sie als osmanische Reichsmoschee, von 1935 bis 2020 als Museum der Türkischen Republik und seit Juli 2020 wieder als Moschee. Jede Epoche hat Spuren hinterlassen: Heute teilen sich byzantinische Mosaike und osmanische Kalligrafie dieselben Wände.
Einfach
Das Gebäude verstehen: unten ein Quadrat, oben der Himmel
Von außen wirkt die Hagia Sophia wie ein Berg aus Kuppeln und Strebepfeilern, an dessen Ecken vier schlanke osmanische Minarette stehen. Viele dieser massiven Bauteile wurden im Lauf der Jahrhunderte hinzugefügt, um das Gebäude zu stützen. Im Inneren ist der ursprüngliche Entwurf leichter zu erkennen.
Besucher betreten das Gebäude von Westen durch zwei lange Vorhallen, den äußeren und den inneren Narthex. Das mittlere Tor, die Kaisertür, war einst dem Kaiser vorbehalten. Dahinter öffnet sich das Hauptschiff, der große zentrale Raum. Sein Kern ist ein Quadrat mit etwa 31 m Seitenlänge, dessen Ecken vier mächtige Pfeiler markieren. Von Pfeiler zu Pfeiler spannen sich Bögen. Dazwischen wölben sich vier Pendentifs nach oben und innen. Sie bilden einen Kreis, auf dem die Kuppel ruht. Im Osten und Westen erweitern zwei Halbkuppeln den Raum. Von ihnen gehen kleinere Halbkuppeln, sogenannte Exedren, aus. So folgt der Blick einer Folge geschwungener Formen hinauf zur Hauptkuppel.
Am Fuß der Kuppel verläuft ein Ring aus vierzig Fenstern. Das Licht, das durch sie und zahlreiche weitere Fenster in den Wänden fällt, lässt die schwere Konstruktion leicht erscheinen, als würde die Kuppel schweben. Der Historiker Prokopios, der die neue Kirche gesehen hatte, schrieb, die Kuppel scheine nicht auf festem Mauerwerk zu ruhen, sondern an einer goldenen Kette vom Himmel zu hängen.
An drei Seiten ist das Hauptschiff von Seitenschiffen und darüberliegenden, breiten Emporen in Hufeisenform umgeben. In byzantinischer Zeit nutzten unter anderem die Kaiserin und ihr Hofstaat die Emporen. Eine grüne Steinscheibe auf der westlichen Empore markiert den vermuteten Platz der Kaiserin. Ganz im Osten liegt die Apsis, der gewölbte Altarraum. In osmanischer Zeit wurde dort eine Mihrab eingebaut, eine Nische, die die Gebetsrichtung nach Mekka anzeigt. Sie liegt leicht außerhalb der Kirchenachse, weil Mekka südöstlich von Istanbul liegt.
Einfach
Warum sie gebaut wurde: Brand, Aufstand und der Ehrgeiz eines Kaisers
Die erste „Große Kirche“ an diesem Ort wurde 360 unter Kaiser Constantius II. eingeweiht. Sie brannte 404 bei Unruhen nieder, die mit der Verbannung des Bischofs Johannes Chrysostomos zusammenhingen. Eine zweite Kirche, unter Theodosius II. erbaut, wurde 415 eingeweiht. Reste ihres von Säulen gesäumten Eingangs sind noch vor dem heutigen Gebäude zu sehen.
Im Januar 532 vereinigten sich die Anhänger der beiden Konstantinopler Wagenrennparteien, der Blauen und der Grünen, gegen Justinian. Der Aufstand heißt Nika-Aufstand, nach ihrem Ruf „Nika!“ („Siege!“). Große Teile der Innenstadt brannten nieder, darunter die zweite Hagia Sophia. Der Aufstand wurde im Hippodrom mit großer Gewalt niedergeschlagen; antike Quellen berichten von Zehntausenden Toten.
Schon wenige Wochen später begann Justinian einen Neubau in bis dahin unbekanntem Maßstab. Die neue Kathedrale sollte zeigen, dass der Kaiser die Ordnung wiederhergestellt hatte und seine Herrschaft von Gott gesegnet war. Sie wurde am 27. Dezember 537 eingeweiht, weniger als sechs Jahre nach dem Aufstand. Einer späteren Legende zufolge rief Justinian beim Betreten der fertigen Kirche: „Salomo, ich habe dich übertroffen!“ Damit verglich er sie mit dem Tempel in Jerusalem. Die Erzählung stammt jedoch aus einem viel späteren Text und gilt nicht als historisch.
Mittel
Die Kuppel als technische Leistung: Baumeister, Materialien und Einstürze
Justinian übertrug das Vorhaben zwei Männern, die in den Quellen als mechanikoi bezeichnet werden: Fachleuten für Geometrie und Mechanik, nicht Baumeistern im heutigen Sinn. Anthemios von Tralleis war Mathematiker und schrieb über Optik und Brennspiegel. Isidor von Milet war Geometer und gab Werke des Archimedes heraus. Ihr Entwurf verband die Längsachse einer Basilika, des traditionellen Kirchengrundrisses, mit der zentralen Form eines Kuppelbaus.
Wände und Gewölbe wurden hauptsächlich aus Ziegeln mit sehr dicken Mörtelfugen errichtet; für die Pfeiler verwendete man Stein. Der Marmor kam aus dem gesamten Mittelmeerraum: weißer Marmor von der Insel Prokonnesos im Marmarameer, grüner Stein aus Thessalien und rotvioletter Porphyr aus Ägypten. Ältere Legenden behaupteten, die Säulen seien aus heidnischen Tempeln geraubt worden. Nach Ansicht heutiger Forschender wurde der meiste Marmor neu gebrochen, auch wenn der Porphyr wiederverwendet worden sein könnte. Eisenklammern und Zuganker hielten das Mauerwerk zusammen.
Das hohe Bautempo hatte seinen Preis. Der Mörtel konnte nicht aushärten, bevor die nächsten Schichten aufgebracht wurden. Das Gewicht der flachen ersten Kuppel drückte Pfeiler und Wände nach außen. Nach Erdbeben in den Jahren 553 und 557 stürzte 558 ein Teil der Kuppel ein. Isidor der Jüngere, ein Neffe Isidors von Milet, baute sie etwa 6 m höher wieder auf. Ihr steileres Profil und vierzig Rippen verringerten den Schub nach außen. Die Kirche wurde am 24. Dezember 562 erneut eingeweiht; der Dichter Paulos Silentiarios verfasste zu diesem Anlass eine lange Beschreibung in Versen.
Spätere Erdbeben führten 989 und 1346 zu weiteren Teileinstürzen. Nach dem ersten erneuerte der armenische Architekt Trdat den westlichen Bogen und einen Teil der Kuppel; nach dem zweiten erfolgten Reparaturen in den 1350er-Jahren. Aufgrund dieser Arbeiten ist die Kuppel heute leicht elliptisch, und nur Teile ihrer Schale aus dem 6. Jahrhundert sind erhalten. Byzantinische Kaiser und im 16. Jahrhundert der osmanische Architekt Mimar Sinan ließen Strebepfeiler hinzufügen. Sinans Verstärkungen wird zugeschrieben, dass das Gebäude spätere Erdbeben überstand.
Mittel
Die Große Kirche von Byzanz: Gottesdienst, Macht und Mosaike
Für die Byzantiner war die Hagia Sophia schlicht die Große Kirche (Megale Ekklesia). Hier fanden die feierlichen Gottesdienste der Hauptstadt, Kaiserkrönungen sowie bedeutende Kirchenversammlungen und Zeremonien statt. Kaiser und Patriarch begegneten sich hier in einem Ritual, das die angestrebte Harmonie zwischen Kirche und Staat zeigte. Im Jahr 1054 legten päpstliche Gesandte eine Bannbulle gegen Patriarch Michael Kerullarios auf den Altar der Hagia Sophia. Das Ereignis gilt traditionell als symbolischer Beginn der Spaltung zwischen katholischer und orthodoxer Kirche.
Die altrussische Nestorchronik erzählt, wie Gesandte des Fürsten Wladimir von Kiew in den 980er-Jahren hier einen Gottesdienst besuchten. Sie berichteten, sie hätten nicht gewusst, ob sie im Himmel oder auf Erden seien. Der Chronik zufolge trug dies dazu bei, Wladimir davon zu überzeugen, das Christentum aus Konstantinopel anzunehmen. Ob sich die Geschichte genau so zugetragen hat oder nicht: Sie drückt aus, welche Wirkung das Gebäude auf die Gläubigen haben sollte.
Justinians Kirche war vor allem mit Marmorverkleidungen, Goldmosaiken und Kreuzen statt mit Menschendarstellungen geschmückt. Während des Bilderstreits (726–787 und 814–842), als religiöse Bilder verboten waren, wurden figürliche Darstellungen zurückgewiesen. Nach der Wiederzulassung der Bilder 843 kamen in den folgenden Jahrhunderten figürliche Mosaike hinzu. Zu den berühmtesten gehören die Gottesmutter mit Kind in der Apsis, die 867 mit einer Predigt des Patriarchen Photios vorgestellt wurde, wobei die Datierung des erhaltenen Bildes umstritten ist; das Bild über dem südwestlichen Eingang, auf dem die Kaiser Konstantin und Justinian der Gottesmutter die Stadt und die Kirche darbringen; Porträts von Kaisern und Kaiserinnen auf der Südempore; sowie die Deësis, eine eindrucksvolle Darstellung Christi zwischen der Gottesmutter und Johannes dem Täufer, die wahrscheinlich bald nach 1261 entstand.
Mittel
Kreuzfahrer, Niedergang und die osmanische Eroberung
Im Jahr 1204 plünderten die Heere des Vierten Kreuzzugs, die sich gegen Konstantinopel gewandt hatten, die Stadt. Auch die Hagia Sophia wurde ausgeplündert; viele Kostbarkeiten und Reliquien gelangten nach Venedig und in andere westliche Städte. Während der folgenden 57 Jahre diente sie unter den Kreuzfahrerherrschern als lateinisch-katholische Kathedrale. Enrico Dandolo, der Doge von Venedig, der den Angriff angeführt hatte, wurde in der Kirche bestattet. Eine im 19. Jahrhundert angebrachte Markierung zeigt noch heute die vermutete Stelle auf der östlichen Empore.
Die Byzantiner gewannen ihre Hauptstadt 1261 zurück, doch ihr wiederhergestelltes Reich war arm und wurde immer kleiner. Erdbebenschäden aus dem 14. Jahrhundert konnten nur mühsam behoben werden. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts beschrieben Besucher die Kirche als baufällig.
Am 29. Mai 1453 eroberte der osmanische Sultan Mehmed II. Konstantinopel. Die Stadt wurde drei Tage lang geplündert. Menschen, die in der Hagia Sophia Zuflucht gesucht hatten, wurden gefangen genommen oder getötet. Mehmed ordnete danach die Umwandlung der Kirche in eine Moschee an; bald darauf fand dort das Freitagsgebet statt. Für orthodoxe Christen wurden der Fall der Stadt und der Verlust ihrer großen Kirche zu einem bleibenden Sinnbild der Katastrophe. Für Osmanen und spätere Türken war die Eroberung ein grundlegender Triumph, der als Erfüllung eines Hadiths angesehen wurde, dem zufolge der Eroberer Konstantinopels gepriesen wird.
Mittel
Ayasofya: eine osmanische Reichsmoschee
Als Moschee war die Ayasofya die erste Reichsmoschee Istanbuls und wurde von einer wohltätigen Stiftung (Waqf) reich ausgestattet. Die Osmanen fügten eine Mihrab und einen Minbar (eine Kanzel) hinzu, später auch vier Minarette. Das erste entstand kurz nach der Eroberung, die beiden großen westlichen baute Sinan im späten 16. Jahrhundert. Mosaike mit Menschendarstellungen wurden nach und nach mit Putz oder Farbe bedeckt, obwohl Reiseberichte zeigen, dass einige noch lange sichtbar blieben. Um das Gebäude entstanden Sultansgräber, eine Schule, ein Brunnen für die rituelle Waschung und weitere Bauten.
Die Hagia Sophia beeinflusste die osmanische Architektur stark. Sinan untersuchte ihre Konstruktion, während er sie verstärkte, und strebte danach, ihre Kuppel in seinen eigenen Moscheen zu erreichen und zu übertreffen, etwa in der Süleymaniye-Moschee in Istanbul und der Selimiye-Moschee in Edirne. Auch die Sultan-Ahmed-Moschee, die „Blaue Moschee“, die im frühen 17. Jahrhundert direkt gegenüber fertiggestellt wurde, entwickelte das Konzept aus zentraler Kuppel und Halbkuppeln weiter.
Zwischen 1847 und 1849 beauftragte Sultan Abdülmecid I. die schweizerisch-italienischen Architekten Gaspare und Giuseppe Fossati mit einer Restaurierung. Sie sicherten die Kuppel mit einer Eisenkette, richteten Säulen auf und dokumentierten freigelegte Mosaike, bevor sie diese wieder bedeckten. Acht riesige runde Holztafeln mit den Namen Gottes, des Propheten Mohammed, der ersten vier Kalifen und der Enkel des Propheten, Hasan und Husain, wurden im Hauptschiff aufgehängt. Der Kalligraf Kazasker Mustafa İzzet Efendi hatte sie beschriftet. Dort hängen sie noch heute.
Mittel
Museum und wieder Moschee: die Hagia Sophia in der Gegenwart
Nach der Gründung der Republik Türkei wurde das Gebäude 1931 zur Restaurierung geschlossen. Im selben Jahr begann das Byzantinische Institut von Amerika unter Thomas Whittemore, die Mosaike freizulegen und zu erhalten. Ein Beschluss des Ministerrats von 1934 machte die Hagia Sophia zum Museum; 1935 wurde es eröffnet. Für die säkulare Republik unter Mustafa Kemal Atatürk stellte das Museum das Gebäude als gemeinsames Erbe der Menschheit dar und nicht als Eigentum einer einzelnen Glaubensgemeinschaft. Es wurde zum meistbesuchten Denkmal der Türkei und 1985 in die UNESCO-Welterbestätte „Historische Bereiche von Istanbul“ aufgenommen.
In späteren Jahrzehnten wurden die Forderungen nach einer Wiedereröffnung als Moschee lauter. Am 10. Juli 2020 hob der Staatsrat, das höchste Verwaltungsgericht der Türkei, den Beschluss von 1934 auf. Er urteilte, das Gebäude gehöre der von Mehmed II. gegründeten Stiftung und dürfe nur als Moschee genutzt werden. Präsident Recep Tayyip Erdoğan übertrug es daraufhin der Religionsbehörde. Am 24. Juli 2020 fand dort wieder ein Freitagsgebet statt.
Viele Muslime in der Türkei und andernorts feierten die Änderung als Wiederherstellung einer Moschee. Kritik kam von der griechischen Regierung, von Vertretern orthodoxer und anderer Kirchen, von der UNESCO sowie von einigen türkischen Schriftstellern und Politikern. Sie argumentierten, ein Denkmal von universeller Bedeutung werde für nationale und politische Zwecke genutzt. Heute heißt das Gebäude offiziell Große Moschee Hagia Sophia. Außerhalb der Gebetszeiten ist es weiterhin für Besucher geöffnet. Während der Gebete werden christliche Bilder, die zum Gebetsbereich weisen, etwa das Mosaik in der Apsis, mit Vorhängen verdeckt oder durch die Beleuchtung verborgen. Der Zugang, die Erhaltung des Gebäudes und der Schutz seiner byzantinischen Ausstattung bleiben Gegenstand internationaler Diskussionen.
Mittel
Einfluss und Nachwirkung
Die Hagia Sophia setzte in drei Traditionen Maßstäbe für Sakralbauten. In der orthodoxen Welt entstanden in Kiew, Nowgorod und anderswo Kathedralen, die der Heiligen Weisheit geweiht waren. Die Kuppelkirche wurde zur typischen Form des byzantinischen und slawischen Kirchenbaus, meist in viel kleinerem Maßstab. In der islamischen Welt prägte die Hagia Sophia vom 15. bis zum 17. Jahrhundert die klassische osmanische Moschee. Im Westen errichteten Architekten des 19. und 20. Jahrhunderts neobyzantinische Kirchen, deren Kuppeln und Halbkuppeln bewusst an sie erinnerten.
Die Kuppel des Pantheons in Rom ist breiter, ruht aber auf einem massiven runden Unterbau. Die Leistung der Hagia Sophia bestand darin, eine Kuppel mit mehr als 30 m Durchmesser hoch über einem nach allen Seiten geöffneten quadratischen Raum zu errichten. Über viele Jahrhunderte umschloss sie den größten Innenraum der Welt. Ingenieure untersuchen an ihr, wie große Bauwerke aus Mauerwerk auf Erdbeben reagieren.
Die Hagia Sophia ist zudem ein Symbol, dessen Bedeutung vom Blickwinkel abhängt: für orthodoxe Christen das verlorene Herz von Byzanz, für viele Türken ein Denkmal der Eroberung von 1453 und für säkulare Türken sowie viele internationale Besucher ein Museum, das für ein Zusammenleben verschiedener Glaubensrichtungen stand. Wer das Gebäude verstehen will, muss all diese Geschichten gemeinsam betrachten.
Fortgeschritten
Forschungsdebatten und offene Fragen
Die erste Kuppel. Justinians ursprüngliche Kuppel von 537 existiert nicht mehr. Ihre Form muss aus den Schriften des Prokopios, den Berichten der Chronisten Johannes Malalas und Theophanes über den Einsturz von 558 sowie aus Untersuchungen der erhaltenen Pfeiler, Bögen und Pendentifs erschlossen werden. Die meisten Rekonstruktionen gehen von einer flacheren Kuppel aus, die möglicherweise unmittelbar in die Pendentifs überging. Über ihr genaues Profil, die Rolle der Fenster und die jeweilige Bedeutung des hastigen Baus, der Erdbebenschäden und der Verformung der Pfeiler für den Einsturz diskutieren Bauingenieure und Historiker wie Rowland Mainstone sowie die Autoren des von Mark und Çakmak herausgegebenen Sammelbands weiterhin.
Entwurf und Maße. Der Entwurf wurde als geometrische Arbeit mathematisch geschulter Architekten untersucht. Lange nahm man an, die Seitenlänge des zentralen Quadrats von ungefähr 31 m entspreche 100 byzantinischen Fuß. Der Architekturhistoriker Helge Svenshon schlug stattdessen 99 Fuß vor und brachte dieses Maß mit der antiken Zahlenfolge für Seite und Diagonale (70 : 99) in Verbindung, die √2 annähert. Solche Vorschläge sind reizvoll, lassen sich an einem vielfach verformten und reparierten Bau jedoch schwer beweisen.
Datierung der Mosaike. Das Entstehungsdatum der Gottesmutter mit Kind in der Apsis ist umstritten. Einige Forschende setzen das Mosaik mit dem Bild gleich, das Photios 867 beschrieb. Andere weisen darauf hin, dass Photios von einer stehenden Gottesmutter sprach, während das Mosaik sie sitzend zeigt. Sie datieren das heutige Bild vor den Bilderstreit, nach dem Erdbeben von 989 oder sogar erst ins späte 14. Jahrhundert nach dem Einsturz von 1346. Die Deësis wird aufgrund ihres Stils meist in die Zeit nach 1261 datiert. Auch diese Datierung beruht jedoch auf Vergleichen und nicht auf einer Inschrift.
Kulturerbe und Bedeutung. Seit 2020 wird in der Forschung diskutiert, wie die Grundsätze des Welterbes auf ein genutztes religiöses Gebäude mit umstrittener Geschichte anzuwenden sind: ob ein „außergewöhnlicher universeller Wert“ den Status als Museum voraussetzt, wie die Rechte eines Staates und einer Religionsgemeinschaft gegen internationale Interessen abzuwägen sind und wie christliche Kunst in einer Moschee gezeigt werden sollte. Das sind ebenso Fragen des Rechts, der Ethik und der Politik wie der Kunstgeschichte.
Fortgeschritten
Quellen und Forschungsmethoden
Schriftliche Quellen. Der wichtigste zeitgenössische Text ist „Über die Bauten“ (De aedificiis) von Prokopios von Caesarea, ein Werk zum Lob Justinians. Sein erstes Buch beginnt mit der Hagia Sophia. Die Beschreibung beruht auf eigener Anschauung, ist aber auch eine Lobrede. Aussagen über göttliche Eingebung und die persönliche Rolle des Kaisers müssen deshalb kritisch gelesen werden. Die Versbeschreibung, eine Ekphrasis, die Paulos Silentiarios für die erneute Einweihung 562 verfasste, schildert Ausstattung, Beleuchtung und Gottesdienstordnung ausführlich. Chronisten wie Johannes Malalas und Theophanes berichten über die Einstürze. Die „Narratio“ aus dem 9. Jahrhundert über den Bau der Hagia Sophia enthält viele Legenden, darunter den Ausspruch über Salomo. Sie ist für die Haltung späterer Byzantiner aufschlussreicher als für die Tatsachen des 6. Jahrhunderts.
Bildliche Quellen und Archive. Zeichnungen westlicher Reisender, die Unterlagen der Fossati-Restaurierung, die heute im Schweizer Kanton Tessin aufbewahrt werden, sowie Fotografien und Berichte des Byzantinischen Instituts aus den 1930er-Jahren sind entscheidend, um festzustellen, welche Mosaike vorhanden waren und wie viel restauriert wurde oder verloren ging, etwa beim Erdbeben von Istanbul 1894.
Das Gebäude selbst. Ziegelstempel, Mörtelanalysen, Baufugen und Verformungen machen Bau- und Reparaturphasen erkennbar. In den vergangenen Jahrzehnten untersuchten Ingenieure die Konstruktion mit Vermessungen, Laserscans, Bodenradar, Schwerkraftmessungen und Computermodellen ihres Verhaltens bei Erdbeben. Ausgrabungen rund um das Gebäude legten Reste der Kirche aus dem 5. Jahrhundert und ihrer Umgebung frei. Mitte der 2020er-Jahre lief ein umfangreiches Erhaltungsprogramm zur Verstärkung der Kuppel gegen Erdbeben.
Methodische Erkenntnis. Die Hagia Sophia ist kein einheitliches Denkmal des 6. Jahrhunderts, sondern ein Bauwerk mit Schichten aus byzantinischer, lateinischer, osmanischer und republikanischer Zeit. Forschende müssen diese Schichten unterscheiden und zugleich erkennen, dass jede von ihnen zur Geschichte des Gebäudes gehört.
Kernideen
- Pendentifkuppel
- Eine Kuppel, die auf vier gebogenen Dreiecksflächen ruht. Diese verbinden einen quadratischen Grundriss mit einer kreisförmigen Kuppelbasis. Die Hagia Sophia ist eines der frühesten und größten Beispiele.
- Heilige Weisheit
- Die Kirche war Christus als göttlicher Weisheit (Sophia) beziehungsweise als Wort Gottes geweiht, nicht einer Heiligen namens Sophia.
- Architektur des Lichts
- Fenster, Goldmosaike und polierter Marmor lassen die gewaltige Konstruktion leicht und himmlisch erscheinen.
- Kaiserkirche
- In der Großen Kirche zeigten Kaiser und Patriarch öffentlich das Zusammenwirken von Kirche und Staat.
- Vielschichtiges Erbe
- Byzantinische, lateinische, osmanische und moderne türkische Epochen haben das Gebäude verändert. Jede dieser Schichten gehört zu seiner Bedeutung.
- Architektonisches Vorbild
- Die zentrale Kuppel und die Halbkuppeln regten den Bau orthodoxer Kirchen, osmanischer Reichsmoscheen und späterer neobyzantinischer Gebäude an.
- Umstrittenes Symbol
- Für orthodoxe Christen, Muslime, säkulare Türken und Menschen in aller Welt hat das Gebäude unterschiedliche, teils gegensätzliche Bedeutungen.
Einträge
- 360 n. Chr. — Die erste Große Kirche an diesem Ort wird unter Kaiser Constantius II. eingeweiht.
- 415 n. Chr. — Eine zweite Kirche, nach dem Brand von 404 unter Theodosius II. erbaut, wird eingeweiht.
- 532 n. Chr. — Der Nika-Aufstand zerstört die zweite Kirche; wenige Wochen später beginnt Justinian den Bau des heutigen Gebäudes.
- 537 n. Chr. — Die Hagia Sophia wird am 27. Dezember eingeweiht.
- 558 n. Chr. — Nach Erdbeben stürzt die erste Kuppel teilweise ein.
- 562 n. Chr. — Die von Isidor dem Jüngeren höher wiederaufgebaute Kuppel wird am 24. Dezember erneut eingeweiht.
- 1054 — Päpstliche Gesandte legen eine Bannbulle auf den Altar – ein symbolischer Beginn des Morgenländischen Schismas.
- 1204 — Kreuzfahrer plündern Konstantinopel; die Kirche wird bis 1261 eine lateinische Kathedrale.
- 1453 — Mehmed II. erobert Konstantinopel am 29. Mai und wandelt die Hagia Sophia in eine Moschee um.
- 1847 — Die Brüder Fossati beginnen für Sultan Abdülmecid I. eine umfassende Restaurierung, die bis 1849 dauert.
- 1935 — Die Hagia Sophia wird als Museum der Türkischen Republik eröffnet.
- 2020 — Der Staatsrat hebt den Beschluss zur Umwandlung in ein Museum auf; am 24. Juli wird das Gebäude wieder als Moschee eröffnet.
Glossar
- Byzantinisches Reich
- Die heutige Bezeichnung für das Oströmische Reich, das bis 1453 von Konstantinopel aus regiert wurde.
- Pendentif
- Ein gebogenes, dreieckiges Bauteil aus Mauerwerk, das einen quadratischen Unterbau mit einer runden Kuppel verbindet.
- Hauptschiff
- Der große zentrale Raum einer Kirche.
- Narthex
- Eine Vorhalle, die sich über die Vorderseite einer Kirche erstreckt.
- Apsis
- Ein halbrunder Raumabschluss, meist am Ostende einer Kirche, in dem der Altar steht.
- Mosaik
- Ein Bild aus vielen kleinen Steinchen, sogenannten Tesserae, aus farbigem Stein, Glas oder Goldglas.
- Bilderstreit
- Die Ablehnung oder Zerstörung religiöser Bilder; in Byzanz war sie 726–787 und 814–842 offizielle Politik.
- Mihrab
- Eine Nische in der Wand einer Moschee, die für das Gebet die Richtung nach Mekka anzeigt.
- Minarett
- Ein hoher Turm an einer Moschee, von dem aus zum Gebet gerufen wird.
- Waqf
- Eine Stiftung nach islamischem Recht, deren Vermögen religiösen oder öffentlichen Zwecken gewidmet ist.
- Ekphrasis
- Eine literarische Beschreibung eines Kunstwerks oder Gebäudes, häufig in Versform.
Fragen und Antworten
Was bedeutet „Hagia Sophia“?
Der Name ist Griechisch und bedeutet „Heilige Weisheit“. Die Kirche war Christus als der Weisheit Gottes geweiht.
Wie konnten die Baumeister eine so große Kuppel so schnell errichten?
Justinian stellte enorme Mittel und Tausende Arbeiter bereit. Die Kuppel ruht über vier großen Pfeilern auf Pendentifs und besteht aus vergleichsweise leichten Ziegeln und Mörtel. Das hohe Tempo verursachte aber auch Probleme: Die erste Kuppel stürzte 558 teilweise ein und musste höher wiederaufgebaut werden.
Ist die Hagia Sophia eine Kirche oder eine Moschee?
Sie wurde als beides genutzt. Von 537 bis 1453 war sie eine Kirche, von 1453 bis in die 1930er-Jahre eine Moschee und von 1935 bis 2020 ein Museum. Seit 2020 ist sie wieder eine Moschee.
Können Besucher die christlichen Mosaike noch sehen?
Viele Mosaike sind außerhalb der Gebetszeiten weiterhin sichtbar. Während der Gebete werden Bilder, die zum Gebetsbereich weisen, etwa die Gottesmutter mit Kind in der Apsis, abgedeckt oder durch die Beleuchtung verborgen.
Wer entwarf die Hagia Sophia?
Anthemios von Tralleis und Isidor von Milet, zwei Gelehrte der Mathematik und Mechanik. Nach dem Einsturz von 558 entwarf Isidor der Jüngere die neue Kuppel.
Warum hat ein byzantinisches Gebäude Minarette?
Die Osmanen fügten sie nach 1453 hinzu, als die Kirche zur Moschee wurde. Die vier heutigen Minarette stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert.
Wie zuverlässig ist die Beschreibung des Prokopios?
Prokopios sah das Gebäude selbst und beschrieb es anschaulich. Sein Werk „Über die Bauten“ ist jedoch eine Lobrede auf Justinian. Deshalb vergleichen Historiker seine Aussagen mit dem baulichen Befund und anderen Quellen.
Warum war die erneute Umwandlung in eine Moschee 2020 umstritten?
Befürworter sahen darin die Wiederherstellung einer von Mehmed II. gegründeten Moschee. Kritiker, darunter die UNESCO und viele Kirchen, wandten ein, dass ein Denkmal des gemeinsamen Welterbes ohne internationale Beratung verändert worden sei und die Änderung eine politische Botschaft trage.
Quellen und weiterführende Literatur
- Historic Areas of Istanbul. UNESCO World Heritage Centre
- Hagia Sophia. Wikipedia
- 하기아 소피아. 위키백과
- Nika riots. Wikipedia
- Anthemius of Tralles. Wikipedia
- Procopius. Wikipedia
- Mimar Sinan. Wikipedia
- Thomas Cohen, Hagia Sophia. World History Encyclopedia, 2015
- Rowland J. Mainstone, Hagia Sophia: Architecture, Structure and Liturgy of Justinian’s Great Church. Thames and Hudson, 1988
- Robert Mark and Ahmet Ş. Çakmak (eds.), Hagia Sophia from the Age of Justinian to the Present. Cambridge University Press, 1992
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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
