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Für junge Leser
Krieg und Frieden ist eine der längsten und berühmtesten Geschichten der Welt. Der russische Schriftsteller Lew Tolstoi schrieb sie vor etwa 160 Jahren auf seinem Landsitz Jasnaja Poljana. Das Buch ist so lang, dass selbst Erwachsene oft viele Wochen zum Lesen brauchen.
Die Geschichte spielt vor mehr als 200 Jahren. Damals führte der französische Kaiser Napoleon in ganz Europa Kriege. 1812 zog sein riesiges Heer nach Russland und erreichte sogar Moskau. Dann brannte die Stadt, der Winter kam, und die Soldaten mussten durch den Schnee zurückziehen.
In dem Buch geht es auch um Menschen und ihr Leben. Pierre ist ein freundlicher, etwas unbeholfener junger Mann. Er wird plötzlich sehr reich und fragt sich, wozu das Leben da ist. Fürst Andrei ist ein stolzer und mutiger Offizier. Natascha ist ein lebhaftes Mädchen, das gern singt und tanzt. Sie werden älter, verlieben sich, machen Fehler, verlieren geliebte Menschen und finden neue Hoffnung.
In Tolstois Buch kommen Hunderte Personen vor. Einige gab es wirklich, zum Beispiel Napoleon und den russischen General Kutusow. Tolstoi zeigt auch Feste, Ausflüge in den Wald und Streit in Familien. Solche Erlebnisse sind in seiner Geschichte genauso wichtig wie berühmte Schlachten.
Tolstoi stellte sich eine große Frage: Bestimmen Könige und Generäle allein, was geschieht? Er glaubte das nicht. Seiner Meinung nach entsteht Geschichte durch die Entscheidungen von Millionen Menschen. Das ist wie bei vielen Wassertropfen, die zusammen einen Fluss bilden.
Auf einen Blick
- Autor
- Lew (Lew Nikolajewitsch) Tolstoi (1828–1910)
- Entstehung
- ca. 1863–1869, hauptsächlich auf Jasnaja Poljana, Tolstois Landsitz bei Tula
- Erstveröffentlichung
- Erste Teile ab 1865 als Fortsetzung in der Zeitschrift Russki Westnik („Der russische Bote“) unter dem Titel „1805“; vollständige Buchausgabe 1868–1869
- Schauplatz und Zeit
- Russland und Mitteleuropa, 1805–1812, mit einem Epilog, der 1813–1820 spielt
- Sprache
- Russisch, mit vielen französischsprachigen Dialogen
- Aufbau
- Vier Bände in der Standardfassung und ein zweiteiliger Epilog; 361 Kapitel
- Form
- Umfangreiche Prosaerzählung aus Familiengeschichte, Kriegsgeschichte und philosophischen Essays; Tolstoi selbst wollte das Werk nicht einfach als Roman bezeichnen
- Bedeutung
- Gilt oft als einer der größten Romane der Weltliteratur; ein Vorbild für den modernen historischen Roman und für Debatten darüber, wie Geschichte entsteht
Einfach
Was ist Krieg und Frieden?
Krieg und Frieden ist ein Prosawerk des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi. Es entstand in den 1860er-Jahren und spielt während der Napoleonischen Kriege. Im Mittelpunkt stehen einige Adelsfamilien, vor allem die Rostows, die Bolkonskis und die Besuchows. Die Handlung reicht von 1805 bis 1812; ein Epilog blickt bis 1820 voraus. Daneben treten Hunderte weitere Personen auf, darunter etwa 160 historische Persönlichkeiten wie Napoleon, Zar Alexander I. und der russische Feldherr Michail Kutusow.
Das Buch ist für seinen Umfang bekannt. Die meisten heutigen Übersetzungen haben weit über tausend Seiten. Trotzdem empfinden viele Leserinnen und Leser es nicht als Geschichtsunterricht. Tolstoi beschreibt kleine Einzelheiten des Alltags: den ersten Ball eines Mädchens, einen Jagdausflug, die Krankheit eines Kindes oder die Angst eines Soldaten vor der Schlacht. Diese Szenen wirken unmittelbar erlebt.
Der Titel verbindet zwei Lebensbereiche, zwischen denen das Buch immer wieder wechselt. „Krieg“ meint die Feldzüge von 1805 und 1812, gesehen aus den Hauptquartieren der Generäle und von den schlammigen Stellungen gewöhnlicher Soldaten aus. „Frieden“ meint das Familienleben zu Hause: Liebe, Heirat, Geldsorgen, Religion, Geburt und Tod. Für Tolstoi sind diese Bereiche miteinander verbunden; dieselben menschlichen Kräfte prägen beide.
Krieg und Frieden ist auch deshalb ungewöhnlich, weil Tolstoi die Handlung immer wieder durch Essays unterbricht. Darin spricht er die Lesenden direkt auf Geschichte, Freiheit und Macht an. Der zweite Teil des Epilogs besteht vollständig aus einem solchen Essay. Manche überspringen diese Seiten; andere sehen darin den Schlüssel zum ganzen Buch.
Einfach
Die Handlung in Kürze
Das Buch beginnt im Juli 1805 auf einer vornehmen Gesellschaft in Sankt Petersburg. Die Gäste sprechen auf Französisch und unterhalten sich über Napoleon. Dort begegnen wir Pierre Besuchow, dem unbeholfenen unehelichen Sohn eines sehr reichen Grafen, und seinem Freund Fürst Andrei Bolkonski. Andrei ist seiner Ehe und des Gesellschaftslebens überdrüssig und zieht in den Krieg. In Moskau lernen wir die herzliche, lebhafte Familie Rostow kennen: den Sohn Nikolai, der als Husar in den Krieg zieht, und die Tochter Natascha, die zu Beginn dreizehn Jahre alt ist.
Im ersten Krieg kämpfen Russland und Österreich gegen Napoleon. In der Schlacht bei Austerlitz im Dezember 1805 wird Andrei schwer verwundet. Als er auf dem Schlachtfeld liegt und in den weiten, endlosen Himmel blickt, erscheinen ihm seine Träume vom Ruhm klein und leer. Pierre erbt inzwischen das Vermögen seines Vaters, wird zur Ehe mit der schönen, aber kalten Hélène Kuragina gedrängt, duelliert sich und sucht bei den Freimaurern nach einem Sinn im Leben. Andrei kehrt nach Hause zurück, als seine Frau bei der Geburt ihres Kindes stirbt.
In den Friedensjahren nach 1807 verliebt sich Andrei in Natascha. Sie verloben sich, doch Andreis Vater besteht darauf, dass sie ein Jahr warten. Während Andrei im Ausland ist, lässt sich Natascha von Hélènes Bruder Anatol umwerben und will beinahe mit ihm fliehen. Die Verlobung wird gelöst, und Natascha verzweifelt. Pierre, der sie heimlich liebt, gehört zu den wenigen Menschen, die freundlich zu ihr sind.
1812 fällt Napoleon in Russland ein. Andrei wird in der Schlacht bei Borodino tödlich verwundet. Pierre streift währenddessen als ziviler Beobachter über das Schlachtfeld. Moskau wird aufgegeben und brennt. Die Rostows stellen ihre Wagen für verwundete Soldaten zur Verfügung. Unter ihnen ist Andrei; Natascha pflegt ihn, und vor seinem Tod versöhnen sie sich. Pierre bleibt in Moskau, gerät in französische Gefangenschaft und muss beim Rückzug mitmarschieren. Von Platon Karatajew, einem einfachen Bauern und Soldaten, lernt er, das Leben anzunehmen. Russische Partisanen befreien ihn. Später heiratet er Natascha, während Nikolai Rostow Andreis Schwester, Fürstin Marja, heiratet. Der erste Teil des Epilogs zeigt diese Familien im Jahr 1820 und deutet kommende politische Unruhen an.
Einfach
Die Hauptfiguren
Pierre Besuchow ist der große Suchende des Buches. Er ist kräftig, kurzsichtig und großzügig, trifft aber viele unkluge Entscheidungen: von seiner Ehe mit Hélène bis zu seinem Plan, Napoleon zu ermorden. Dennoch fragt er sich aufrichtig, wie man leben soll. Am Ende findet er eine Art Frieden in alltäglicher Liebe und Pflichterfüllung.
Fürst Andrei Bolkonski ist stolz, klug und ruhelos. Zuerst sucht er einen Sinn im militärischen Ruhm, dann in staatlichen Reformen und schließlich in der Liebe. Seine Erlebnisse auf dem Schlachtfeld von Austerlitz und auf dem Sterbebett nach Borodino zählen zu den berühmtesten geistigen Erfahrungen der Literatur.
Natascha Rostowa gilt vielen als eine der lebendigsten Figuren der Romanliteratur. Sie beginnt als spontanes, fröhliches Mädchen und wird durch Trauer und eigene Fehler zu einer Mutter, die ganz im Familienleben aufgeht. Bei ihrem berühmten „russischen Tanz“ im Haus ihres Onkels tanzt die französisch erzogene Grafentochter ganz selbstverständlich wie eine Bäuerin. Für Tolstoi ist dies ein Bild für einen gemeinsamen nationalen Geist.
Um sie herum stehen viele einprägsame Figuren: der strenge alte Fürst Bolkonski und seine fromme Tochter Marja; die intrigante Familie Kuragin; der verwegene Offizier Dolōchow; die treue Cousine Sonja; der junge Petja Rostow, der bei seinem ersten Kampfeinsatz fällt; und Platon Karatajew, ein sanfter Bauer, der für Pierre die Weisheit einfacher Menschen verkörpert. Auch Kutusow und Napoleon treten als bewusst gegensätzlich gezeichnete Figuren auf.
Mittel
Historischer Hintergrund: 1812 und die 1860er-Jahre
Im Mittelpunkt des Buches steht Napoleons Russlandfeldzug. Am 24. Juni 1812 überquerte die mehrere Hunderttausend Mann starke Grande Armée, deren Soldaten aus vielen Teilen Europas stammten, den Fluss Memel. Die russischen Armeen zogen sich zurück. Am 7. September wurde die blutige Schlacht bei Borodino geschlagen. Am 14. September rückten die Franzosen in das weitgehend verlassene Moskau ein; Brände zerstörten bald große Teile der Stadt. Im Oktober begann Napoleon den Rückzug, der durch Hunger, Kälte und Angriffe von Partisanen zur Katastrophe wurde. Nur ein kleiner Teil seines Heeres verließ Russland.
In Russland wurde 1812 zu einer prägenden Erzählung des Nationalstolzes: dem „Vaterländischen Krieg“. Tolstoi schrieb jedoch ein halbes Jahrhundert später in einem ganz anderen Land. Nach der Niederlage im Krimkrieg (1853–1856), in dem Tolstoi selbst als Artillerieoffizier bei Sewastopol gedient hatte, begann Zar Alexander II. die Großen Reformen. 1861 wurde die Leibeigenschaft aufgehoben. In Russland wurde heftig über die Zukunft gestritten: Sollte das Land Westeuropa folgen oder auf seine bäuerlichen und orthodoxen Traditionen vertrauen?
Ursprünglich plante Tolstoi einen Roman über einen Dekabristen, also einen Offizier, der sich 1825 gegen den Zaren erhoben hatte und nach der Amnestie von 1856 aus der sibirischen Verbannung zurückkehrte. Um seine Hauptfigur zu verstehen, ging Tolstoi gedanklich zunächst bis 1825 zurück, dann bis 1812 und schließlich bis 1805. So entstand ein Buch über die Vergangenheit, das zugleich Fragen der 1860er-Jahre behandelt: das Verhältnis zwischen Adel und Bauern, die Bedeutung Russlands und die Grenzen staatlicher Macht.
Tolstoi recherchierte sorgfältig. Er las russische und französische Geschichtswerke und Erinnerungen aus jener Zeit sowie Briefe und Dokumente. 1867 besuchte er das Schlachtfeld von Borodino, um das Gelände zu untersuchen. Zugleich erfand und veränderte er Ereignisse nach eigener Vorstellung und widersprach offen den Historikern, deren Darstellungen er gelesen hatte.
Mittel
Tolstois Geschichtsauffassung
Eine besonders eigenständige Idee in Krieg und Frieden ist Tolstois Kritik an der Vorstellung, „große Männer“ bestimmten die Geschichte: dem Glauben, Ereignisse gingen auf die Pläne und Befehle von Herrschern und Generälen zurück. Tolstoi zufolge ergibt sich eine Schlacht oder ein Krieg aus unzähligen einzelnen Handlungen von Soldaten, Offizieren, Bauern und Stadtbewohnern. Niemand kann sie alle vorhersehen oder kontrollieren. Befehlshaber geben Anweisungen, die zu spät eintreffen, eine bereits veränderte Lage beschreiben oder einfach nicht befolgt werden.
Deshalb stellt er Napoleon als eitel und verblendet dar: Napoleon glaubt, die Ereignisse zu lenken, obwohl er von ihnen mitgerissen wird. Kutusow dagegen erscheint gerade deshalb weise, weil er weiß, dass er die Schlacht nicht kontrollieren kann. Er döst bei Kriegsräten, wartet ab und versucht, den Ereignissen ihren Lauf zu lassen. Historiker haben darauf hingewiesen, dass dieses Bild Kutusows stark einseitig ist und Tolstois Napoleon eher einer Karikatur als einer biografischen Darstellung gleicht.
Im zweiten Teil des Epilogs macht Tolstoi daraus ein philosophisches Problem. Wenn wir handeln, fühlen wir uns frei. Von außen betrachtet scheint jedoch jede Handlung durch frühere Umstände verursacht zu sein. Tolstoi vergleicht das Verstehen von Geschichte mit der Infinitesimalrechnung: So wie die Mathematik Bewegung durch das Zusammenführen unendlich kleiner Einheiten erfasst, sollte die Geschichtsschreibung die unendlich kleinen Handlungen gewöhnlicher Menschen zu verstehen versuchen, statt nur die Entscheidungen weniger Anführer zu betrachten. Er kommt zu dem Schluss, dass wir eine Notwendigkeit anerkennen müssen, die wir selbst nicht wahrnehmen.
Diese Theorie trägt zur Modernität des Buches bei. Sie nimmt das spätere Interesse von Historikern an Sozialgeschichte und Alltag vorweg und wirft Fragen nach Freiheit, Ursachen und Verantwortung auf, über die Philosophen noch heute streiten. Sie hat auch eine moralische Seite: Wenn kein Anführer die Geschichte kontrolliert, ist der Ruhm von Eroberern eine Illusion. Der eigentliche Wert des Lebens liegt dann in Liebe, Familie und Gewissen.
Mittel
Was für ein Buch ist es? Form und Erzählweise
1868, noch bevor die letzten Bände erschienen waren, veröffentlichte Tolstoi den Aufsatz „Einige Worte über das Buch Krieg und Frieden“. Darin erklärte er, das Werk sei kein Roman, noch weniger ein Gedicht und erst recht keine historische Chronik. Er meinte, die russische Literatur habe nie in die europäischen Formen gepasst. Sein Buch sei schlicht das, was er habe ausdrücken wollen und können.
Das Buch verbindet verschiedene Schreibweisen: Familienchronik, Liebesgeschichte, Schlachtenschilderung, historischen Essay und geistige Autobiografie. Der Erzähler wechselt frei zwischen den Gedanken vieler Figuren, von Natascha bis zu einem Jagdhund, und tritt dann wieder zurück, um die Geschichte zu kommentieren. Tolstoi verwendet oft ein Verfahren, das der Literaturwissenschaftler Viktor Schklowski „Verfremdung“ (ostranenie) nannte: Etwas Vertrautes, etwa eine Oper oder ein Kriegsrat, wird aus der Sicht eines Menschen beschrieben, der die üblichen Regeln nicht versteht. Dadurch wirkt es fremd und sogar absurd.
Auch die Sprache gehört zur Gestaltung. Die Adligen sprechen in den frühen Kapiteln oft Französisch, damals die Sprache der vornehmen Gesellschaft in Russland, obwohl ihr Land mit Frankreich Krieg führt. Als sich die Handlung dem Jahr 1812 nähert und die Figuren ihre russische Identität neu entdecken, tritt das Französische zurück. In manchen Ausgaben wurden die französischen Stellen ins Russische übersetzt; in der Standardfassung stehen sie im Original, mit russischen Übersetzungen in Fußnoten.
Einige Kritiker hielten den Aufbau für formlos. Der Schriftsteller Henry James zählte das Werk zu den Büchern des 19. Jahrhunderts, die er als „lockere, unförmige Ungeheuer“ bezeichnete. Viele spätere Kritiker vertreten die gegenteilige Ansicht: Die offene Form sei beabsichtigt und bilde die Unvorhersehbarkeit von Leben und Geschichte ab, statt dem klar geordneten Handlungsverlauf herkömmlicher Romane zu folgen.
Mittel
Entstehung und Veröffentlichung
Tolstoi begann um 1863 ernsthaft an dem Werk zu arbeiten, kurz nachdem er im September 1862 Sofja Andrejewna Behrs geheiratet hatte. Er schrieb überwiegend auf Jasnaja Poljana, dem Landsitz bei Tula, auf dem er geboren worden war. Tolstoi überarbeitete den Text ständig. Sofja Andrejewna schrieb seine schwer lesbaren Manuskripte immer wieder sauber ab. Nach einer Familienüberlieferung kopierte sie den gesamten Text viele Male; diese oft wiederholte Angabe lässt sich jedoch nur schwer genau überprüfen.
Die ersten Teile erschienen 1865–1866 unter dem Titel „1805“ in der Moskauer Zeitschrift Russki Westnik („Der russische Bote“), die Michail Katkow herausgab. Danach brach Tolstoi die Fortsetzungsveröffentlichung ab und überarbeitete den Text gründlich. Das vollständige Werk erschien unter dem Titel Krieg und Frieden 1868–1869 als Buch in sechs Bänden.
Tolstoi änderte den Text auch später. Für eine Ausgabe von 1873 übersetzte er die französischen Stellen ins Russische und verschob viele philosophische Erörterungen in einen Anhang. Spätere Ausgaben kehrten weitgehend zur früheren Form zurück. Moderne russische Ausgaben folgen dem Text, den Wissenschaftler für Tolstois Gesamtausgabe festlegten: die umfangreiche „Jubiläumsausgabe“, die ab 1928 in der Sowjetunion erschien und deren Bände auch viele Entwürfe enthalten.
Diese Entwürfe zeigen, wie stark sich das Buch veränderte. Forscher haben frühere vollständige Fassungen rekonstruiert, deren Handlung und Ton sich in wichtigen Punkten unterscheiden. Eine solche Rekonstruktion erschien 2000 in Russland als eigenes Buch. Das löste eine Debatte darüber aus, ob ein vom Autor verworfener Entwurf als alternatives Krieg und Frieden verkauft werden sollte.
Mittel
Aufnahme, Übersetzungen und Nachwirkung
Russische Leserinnen und Leser erkannten das Buch sofort als bedeutendes Ereignis, reagierten aber unterschiedlich darauf. Manche Veteranen von 1812 und Militärschriftsteller beanstandeten Tolstois Darstellung des Krieges und der russischen Befehlshaber. Radikale der 1860er-Jahre missbilligten seine Verklärung des alten Adels und sein Misstrauen gegenüber Reformen. Konservative schätzten den Patriotismus des Werks. Über die Ausdruckskraft seiner Figuren und Szenen waren sich fast alle einig.
Seit den 1880er-Jahren verbreiteten Übersetzungen das Buch in aller Welt. Zusammen mit den Werken Dostojewskis und Turgenjews prägte es den internationalen Ruf des russischen Romans. Übersetzerinnen und Übersetzer haben sehr unterschiedliche Entscheidungen getroffen, etwa bei der Frage, ob die französischen Passagen auf Französisch stehen bleiben sollen. Das beeinflusst, wie Menschen in den jeweiligen Sprachen das Buch erleben.
Im 20. Jahrhundert erhielt Krieg und Frieden neue Bedeutungen. Während des Zweiten Weltkriegs, der in Russland als Großer Vaterländischer Krieg bekannt ist, förderte der sowjetische Staat den Roman als patriotisches Epos über den Widerstand gegen eine Invasion. Sergei Prokofjew machte daraus eine Oper. Sergei Bondartschuk drehte eine aufwendige sowjetische Verfilmung (1966–1967), die den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann. Auch in Hollywood und bei der BBC entstanden Adaptionen, darunter Fernsehserien von 1972–1973 und 2016.
Das Buch beeinflusste den historischen Roman weltweit, indem es zeigte, wie sich private Lebenswege und öffentliche Ereignisse miteinander verflechten lassen. Schriftsteller in vielen Ländern, darunter Autoren von Romanen über Krieg und Revolution im 20. Jahrhundert, haben ihre eigenen Werke an ihm gemessen. Auch seine Überlegungen zur Unübersichtlichkeit des Krieges werden weiterhin von Militärhistorikern und Theoretikern gelesen.
Fortgeschritten
Forschungsdebatten: Igel oder Fuchs, Form und Bedeutung
Isaiah Berlins Essay Der Igel und der Fuchs (1953) gehört zu den einflussreichsten Deutungen. Berlin greift einen Satz des griechischen Dichters Archilochos auf: „Der Fuchs weiß viele Dinge, der Igel aber eine große Sache.“ Er argumentiert, Tolstoi sei von Natur aus ein Fuchs gewesen, ein Genie im Erkennen der unendlichen Vielfalt des Lebens. Zugleich habe er geglaubt, man müsse ein Igel sein und über ein einziges System verfügen, das alles erklärt. Die Spannung zwischen den reichen Einzelheiten des Romans und seinen philosophischen Aussagen über Notwendigkeit ist für Berlin das Drama von Tolstois Denken.
Gary Saul Morson vertrat in Hidden in Plain View (1987) eine andere Ansicht. Ihm zufolge ist Krieg und Frieden bewusst so gestaltet, dass es sich einem eindeutigen Abschluss und einer herkömmlichen Handlung entzieht. Seine scheinbare Formlosigkeit drücke Tolstois Überzeugung aus, dass Leben und Geschichte aus unzähligen kleinen, unvorhersehbaren Augenblicken entstehen. Vom russischen Formalismus beeinflusste Kritiker, besonders Schklowski und Boris Eichenbaum, untersuchten Tolstois Umgang mit Quellen und seine Verfahren der Verfremdung. Marxistische Kritiker wie Georg Lukács betrachteten das Buch als Vorbild für eine realistische Darstellung historischer Kräfte.
Andere Debatten betreffen das Gesellschaftsbild des Buches. Forschende fragen, ob die Darstellung der Bauern, besonders Platon Karatajews, eine Idealisierung aus der Sicht eines Gutsbesitzers ist. Sie untersuchen auch, ob die Darstellung der Frauen, vor allem Nataschas Wandlung zur hingebungsvollen Mutter im Epilog, Tolstois eigene konservative Ansichten über die Ehe widerspiegelt. Außerdem fragen sie, wie der Patriotismus des Werks mit der späteren russischen und sowjetischen Nutzung des Mythos von 1812 zusammenhängt.
Eine verbreitete Behauptung besagt, der Titel bedeute eigentlich „Krieg und die Welt“ oder „Krieg und die Gesellschaft“, weil die russische Rechtschreibung vor 1918 zwischen миръ („Frieden“) und міръ („Welt, Gemeinschaft“) unterschied. Fachleute weisen dies im Allgemeinen zurück: Die zu Tolstois Lebzeiten veröffentlichten Ausgaben verwenden die Schreibweise für „Frieden“. Auch der Gegensatz zwischen Krieg und Frieden passt zum Aufbau des Buches.
Fortgeschritten
Quellen, Entwürfe und Forschungsmethoden
Zu Tolstois historischen Quellen gehörten russische Militärgeschichten über 1812, darunter die offiziellen Darstellungen von Alexander Michailowski-Danilewski, französische Werke wie Adolphe Thiers’ Geschichte des Konsulats und des Kaiserreichs sowie zahlreiche Erinnerungen, Briefe und Dokumente. Vergleiche zwischen dem Roman und diesen Quellen zeigen, wo Tolstoi ihnen folgte, wo er ihnen offen widersprach und wo er Einzelheiten erfand oder veränderte, etwa bei seinen Porträts Kutusows und Napoleons oder bei der zeitlichen Abfolge bestimmter Szenen.
Eine sehr große Zahl von Manuskripten ist erhalten geblieben, hauptsächlich im Staatlichen Tolstoi-Museum in Moskau. Dazu gehören Pläne, Entwürfe, handschriftlich korrigierte Druckfahnen und Sofja Andrejewnas Abschriften. Textforscher haben daran untersucht, wie Figuren entstanden und umbenannt wurden, welche Handlungsstränge Tolstoi verwarf und wie sich das Verhältnis von Erzählung und Essay verschob. Die Jubiläumsausgabe widmet diesem Material mehrere Bände.
Für die Erinnerungsforschung ist Krieg und Frieden selbst eine historische Quelle: Das Buch zeigt, wie gebildete Russen der 1860er-Jahre sich die Generation von 1812 vorstellten, und prägte dieses Bild für spätere Generationen. Untersuchungen des Romans bewegen sich daher stets zwischen zwei Epochen. Forschende vergleichen ihn auch mit französischen Erinnerungen und Geschichtswerken, die dieselben Ereignisse aus Sicht der Angreifer schildern. Das erinnert daran, dass man sich in Russland, Frankreich und den mitteleuropäischen Gebieten, durch die die Heere zogen, sehr unterschiedlich an das Jahr 1812 erinnert.
Kernideen
- Geschichte von unten
- Tolstois Ansicht, dass Geschichte aus unzähligen Handlungen gewöhnlicher Menschen entsteht und nicht aus den Plänen von Herrschern und Generälen.
- Freiheit und Notwendigkeit
- Wenn wir handeln, fühlen wir uns frei. Von außen betrachtet scheinen unsere Handlungen jedoch bestimmt zu sein. Der zweite Teil des Epilogs untersucht dieses Paradox.
- Die Illusion des großen Mannes
- Napoleon glaubt, die Ereignisse zu kontrollieren. Tolstoi stellt diesen Glauben als Eitelkeit und Selbsttäuschung dar.
- Weisheit der Einfachheit
- Figuren wie Kutusow und Platon Karatajew nehmen das Leben bescheiden an. Tolstoi stellt diese Haltung dem geistigen Hochmut gegenüber.
- Suche nach Sinn
- Pierre und Andrei suchen in Ruhm, Religion, Politik und Liebe danach, was das Leben lebenswert macht.
- Familie und Alltag
- Das Buch gibt dem Familienleben, der Liebe, der Geburt und dem Tod ebenso viel Gewicht wie den Schlachten. Sie erscheinen als eigentlicher Stoff der Geschichte.
- Verfremdung
- Ein Verfahren, bei dem Vertrautes aus unbefangener Sicht beschrieben wird, sodass seine Fremdheit oder Unaufrichtigkeit sichtbar wird.
Einträge
- 1805 — Die Handlung beginnt im Juli; im Dezember besiegt Napoleon Russland und Österreich bei Austerlitz.
- 1812 — Napoleon fällt in Russland ein. Es folgen die Schlacht bei Borodino (7. September), der Brand Moskaus und der Rückzug der Franzosen.
- 1825 — Aufstand der Dekabristen; Tolstois erste Idee war ein Roman über einen zurückkehrenden Dekabristen.
- 1828 — Lew Tolstoi wird auf Jasnaja Poljana geboren.
- 1861 — Aufhebung der Leibeigenschaft im Russischen Kaiserreich.
- 1862 — Tolstoi heiratet Sofja Andrejewna Behrs.
- um 1863 — Tolstoi beginnt, längerfristig an dem Buch zu arbeiten, aus dem Krieg und Frieden wird.
- 1865 — Der erste Teil erscheint unter dem Titel „1805“ in der Zeitschrift Russki Westnik.
- 1867 — Tolstoi besucht das Schlachtfeld von Borodino.
- 1869 — Der letzte Band der ersten vollständigen Buchausgabe erscheint.
- 1873 — In einer überarbeiteten Ausgabe werden die französischen Stellen übersetzt und die Essays in einen Anhang verschoben.
- 1966 — Die Veröffentlichung von Sergei Bondartschuks sowjetischer Verfilmung beginnt (bis 1967).
Glossar
- Napoleonische Kriege
- Die Kriege zwischen Napoleons Frankreich und Bündnissen europäischer Staaten von 1803 bis 1815.
- Grande Armée
- Napoleons Hauptheer, das 1812 mit Soldaten aus vielen europäischen Ländern in Russland einfiel.
- Fortsetzungsveröffentlichung
- Die Veröffentlichung eines längeren Werks in Teilen einer Zeitschrift, bevor es als Buch erscheint.
- Dekabristen
- Russische Offiziere, die sich im Dezember 1825 gegen den Zaren erhoben, weil sie Verfassungsreformen wollten.
- Leibeigener
- Ein Bauer, der rechtlich an das Gut eines Grundbesitzers gebunden war. In Russland wurde die Leibeigenschaft 1861 aufgehoben.
- Freimaurerei
- Eine Vereinigung mit geheimen Ritualen und moralischen Lehren, die im frühen 19. Jahrhundert bei russischen Adligen beliebt war.
- Partisanen
- Kämpfer außerhalb des regulären Heeres, die eine feindliche Armee hinter ihren Linien angreifen. 1812 bedrängten sie die Franzosen beim Rückzug.
- Epilog
- Ein abschließender Teil nach der Haupthandlung. Krieg und Frieden hat einen erzählenden und einen philosophischen Epilog.
- Verfremdung (ostranenie)
- Ein Begriff des russischen Formalismus für ein Verfahren, das Vertrautes durch eine neue Art der Beschreibung fremd erscheinen lässt.
- Historischer Roman
- Ein erfundenes Werk, das in einer wirklichen vergangenen Epoche spielt und erfundene Figuren mit historischen Menschen und Ereignissen verbindet.
Fragen und Antworten
Ist Krieg und Frieden eine wahre Geschichte?
Teilweise. Die Kriege, Schlachten und viele Menschen, darunter Napoleon und Kutusow, gab es wirklich. Die wichtigsten Familien und ihre Geschichten sind jedoch erfunden, und Tolstoi veränderte manchmal historische Einzelheiten.
Wie lang ist das Buch?
Sehr lang: Es hat etwa 361 Kapitel und in Übersetzungen meist weit über 1.000 Seiten. Am besten liest man es langsam, jeweils einige Kapitel auf einmal.
Warum sprechen die Figuren Französisch?
Russische Adlige sprachen im frühen 19. Jahrhundert untereinander oft Französisch. Tolstoi zeigt damit, wie weit sie vom Leben gewöhnlicher Russen entfernt waren. Mit dem Krieg gegen Frankreich wird die französische Sprache im Buch seltener.
Wer ist die Hauptfigur?
Es gibt keine einzelne Hauptfigur. Pierre Besuchow, Andrei Bolkonski und Natascha Rostowa gelten meist als die drei wichtigsten Figuren.
Warum sagte Tolstoi, es sei kein Roman?
Er fand, sein Werk passe nicht in die europäischen Kategorien Roman, Epos oder Chronik. Er wollte Erzählung, Geschichte und Philosophie frei miteinander verbinden.
Wird Tolstois Geschichtsauffassung heute ernst genommen?
Historiker betrachten sie nicht als vollständige Theorie. Seine Kritik an einer Geschichtsschreibung, die große Männer in den Mittelpunkt stellt, sowie seine Betonung von Zufall und den Handlungen vieler Menschen nahmen jedoch die spätere Sozialgeschichte vorweg und regen weiterhin zu Debatten an.
Bedeutet der Titel wirklich „Krieg und die Welt“?
Das ist ein verbreiteter Irrtum. Die Schreibweise in Tolstois eigenen Ausgaben bedeutet „Frieden“.
Quellen und weiterführende Literatur
- War and Peace. Wikipedia
- 전쟁과 평화. 위키백과
- Leo Tolstoy. Wikipedia
- Yasnaya Polyana. Wikipedia
- French invasion of Russia. Wikipedia
- Isaiah Berlin, The Hedgehog and the Fox: An Essay on Tolstoy’s View of History. Weidenfeld & Nicolson, 1953
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- Georg Wilhelm Friedrich HegelDeutscher Philosoph, dessen Auffassung von Geschichte, Denken und gesellschaftlichen Institutionen die spätere Philosophie tiefgreifend beeinflusste.
- Jane AustenEnglische Romanautorin, deren scharfsichtige Darstellungen von Familie, Ehe und gesellschaftlicher Stellung für die Geschichte des Romans weiterhin zentral sind.
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
