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Für junge Leser
Fjodor Dostojewski wurde 1821 in Moskau geboren. Sein Vater war Arzt in einem Krankenhaus für arme Menschen. Die Familie wohnte auf dem Gelände des Krankenhauses. Schon als Junge liebte Fjodor Geschichten und las alles, was er finden konnte.
Als junger Mann lebte er in der großen Stadt Sankt Petersburg. Dort schrieb er sein erstes Buch, Arme Leute. Es handelt von zwei armen Menschen, die sich Briefe schreiben. Bekannte Kritiker mochten das Buch sehr. So wurde Fjodor schon mit 24 Jahren ein berühmter Schriftsteller.
Dann geschah etwas Schreckliches. Dostojewski traf sich mit jungen Leuten, um über neue Ideen zu sprechen. Manche dieser Ideen verbot der Zar, der Herrscher Russlands. Die Polizei nahm die Gruppe fest. Dostojewski und seine Freunde wurden auf einen Platz gebracht, wo sie erschossen werden sollten. Im allerletzten Moment kam ein Bote: Der Zar hatte beschlossen, sie am Leben zu lassen. Stattdessen musste Dostojewski vier Jahre lang in einem Gefangenenlager im kalten Sibirien arbeiten.
Im Gefängnis lebte er mit Räubern und Mördern zusammen. Er lernte, dass auch Menschen, die Schlimmes getan hatten, gute Seiten haben konnten. Das einzige Buch, das er lesen durfte, war das Neue Testament. Diese Jahre veränderten ihn für immer. Später stellte er in seinen Büchern viele Fragen über Gut und Böse.
Nach seiner Rückkehr schrieb er seine berühmtesten Romane. In Schuld und Sühne tut ein armer Student etwas Schreckliches. Danach lässt ihn sein schlechtes Gewissen nicht mehr in Ruhe. In Die Brüder Karamasow streiten drei Brüder über Gott und darüber, was gut ist. Dostojewskis Figuren sprechen und streiten so lebendig, dass sie sich wie echte Menschen anfühlen. Seine Bücher werden noch heute auf der ganzen Welt gelesen.
Auf einen Blick
- Lebensdaten
- 11. November 1821 (30. Oktober nach altem Kalender) in Moskau – 9. Februar 1881 (28. Januar nach altem Kalender) in Sankt Petersburg
- Schaffenszeit
- 1846 (Arme Leute) bis 1881, vor allem in Sankt Petersburg; Verbannung nach Sibirien (1850–1859) und Jahre in Westeuropa (1867–1871)
- Beruf
- Romanautor, Erzähler, Journalist und Herausgeber
- Wichtige Werke
- Arme Leute (1846), Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (1860–1862), Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (1864), Schuld und Sühne (1866), Der Idiot (1868–1869), Die Dämonen (1871–1872), Tagebuch eines Schriftstellers (1873–1881), Die Brüder Karamasow (1879–1880)
- Wendepunkt
- 1849 wegen seiner Mitgliedschaft im Petraschewski-Kreis verhaftet; Scheinhinrichtung, danach vier Jahre Zwangsarbeit in Omsk
- Familie
- Verheiratet mit Maria Issajewa (1857; gestorben 1864) und Anna Snitkina (1867), seiner Stenografin, später Verlegerin und Verfasserin von Erinnerungen
- Themen
- Freiheit und Verantwortung, Leiden und Erlösung, Glaube und Zweifel, Armut und die moderne Großstadt, die „russische Idee“
- Nachwirkung
- Einer der einflussreichsten Romanautoren der Weltliteratur; bedeutsam für Existenzialismus, Psychologie und Theologie
Einfach
Wer war Dostojewski?
Fjodor Michailowitsch Dostojewski war ein russischer Schriftsteller. Seine Romane erforschen grundlegende Fragen des menschlichen Lebens: Gibt es einen Gott? Wenn nicht, ist dann alles erlaubt? Warum verletzen Menschen sich selbst und andere? Kann aus Leiden etwas Gutes entstehen? Gemeinsam mit seinem Zeitgenossen Lew Tolstoi zählt er meist zu den größten Romanautoren aller Zeiten.
Sein Leben war so dramatisch wie seine Romane. Mit seinem ersten Roman wurde er über Nacht berühmt. Wegen politischer Aktivitäten wurde er zum Tode verurteilt und vor ein Erschießungskommando geführt, bevor sich die Hinrichtung als inszeniert erwies. Er verbrachte vier Jahre als Sträfling in Sibirien und diente danach weitere sechs Jahre als Soldat. Er litt an Epilepsie, verspielte sein Geld in europäischen Kasinos, verlor seine erste Frau, seinen engsten Bruder und zwei seiner Kinder. Viele seiner Meisterwerke schrieb er unter dem Druck hoher Schulden und knapper Fristen.
Dostojewskis Romane sind voller fieberhafter Gespräche, plötzlicher Skandale und Figuren, die an ihre Grenzen geraten: Mörder und Heilige, Trinker und Prostituierte, Nihilisten und Mönche. Hinter dem dramatischen Geschehen steht jedoch ein gründliches Nachdenken über Philosophie, Religion und Russlands Zukunft. Diese Verbindung macht seine Werke für Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt so eindrucksvoll.
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Kindheit, Jugend und erster Ruhm
Dostojewski wurde in Moskau am Mariinski-Krankenhaus für Arme geboren, wo sein Vater Michail als Arzt arbeitete. Die Familie gehörte zum niederen Adel und war tief religiös. Seine Mutter Maria starb 1837 an Tuberkulose. Sein Vater starb 1839 auf dem kleinen Landgut der Familie. Einer alten Familienerzählung zufolge wurde der Vater von seinen eigenen Leibeigenen getötet. Einige spätere Forschende haben diese Darstellung angezweifelt; die Umstände seines Todes bleiben ungeklärt.
Auf Wunsch seines Vaters besuchte Fjodor die Militäringenieurschule in Sankt Petersburg. Viel mehr interessierte er sich jedoch für Literatur und las Puschkin, Gogol, Schiller, Balzac, Dickens und George Sand. 1844 gab er den Staatsdienst auf, um Schriftsteller zu werden. Seine erste veröffentlichte Arbeit war eine Übersetzung von Balzacs Roman Eugénie Grandet.
1845 vollendete er Arme Leute, einen Briefroman über einen armen älteren Schreiber und eine junge Frau, der er helfen möchte. Der Dichter Nikolai Nekrassow und der Kritiker Wissarion Belinski, damals die einflussreichste Stimme der russischen Literaturkritik, lobten das Werk begeistert. Es erschien im Januar 1846. Seine folgenden Werke enttäuschten Belinski jedoch, darunter Der Doppelgänger (1846), die seltsame Geschichte eines Beamten, der seinem Ebenbild begegnet. Dostojewskis Ruhm verblasste rasch.
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Verhaftung, Scheinhinrichtung und Sibirien
Ende der 1840er-Jahre schloss sich Dostojewski dem Petraschewski-Kreis an. In dieser Gruppe trafen sich junge Männer in Sankt Petersburg, um über verbotene Bücher und utopisch-sozialistische Ideen zu sprechen. Eine kleinere geheime Gruppe um Nikolai Speschnew erörterte auch revolutionäre Aktionen. Bei einem Treffen las Dostojewski Belinskis verbotenen „Brief an Gogol“ vor, der die Kirche und die Leibeigenschaft angriff. Nachdem 1848 Revolutionen durch Europa gezogen waren, wollte Zar Nikolaus I. jedes Zeichen von Widerspruch unterdrücken. Im April 1849 wurden etwa sechzig Mitglieder verhaftet.
Nach Monaten in der Peter-und-Paul-Festung wurden Dostojewski und andere Gefangene am 22. Dezember 1849 nach altem Kalender auf den Semjonowski-Platz gebracht. Man teilte ihnen ihr Todesurteil mit und zog ihnen weiße Hemden an. Die ersten drei wurden vor einem Erschießungskommando an Pfähle gebunden. Im letzten Moment verkündete ein Offizier, dass der Zar ihre Strafen umgewandelt habe. Die gesamte Szene war inszeniert gewesen. Später schilderte Dostojewski in Der Idiot die Gedanken eines Mannes, dem die Hinrichtung bevorsteht.
Vier Jahre (1850–1854) verbrachte er in Ketten im Straflager von Omsk, wo er mit gewöhnlichen Kriminellen zusammenlebte. Anschließend diente er als Soldat in Semipalatinsk im heutigen Kasachstan. Dort heiratete er 1857 die Witwe Maria Issajewa. In dieser Zeit traten auch seine ersten eindeutig diagnostizierten epileptischen Anfälle auf. Auf dem Weg nach Sibirien schenkten ihm die Frauen verbannter Dekabristen ein Neues Testament. Es war das einzige Buch, das er im Gefängnis besitzen durfte, und er bewahrte es bis an sein Lebensende auf. Ende 1859 durfte er nach Sankt Petersburg zurückkehren.
Mittel
Rückkehr zur Literatur: Zeitschriften, Europa und das Kellerloch
Zurück in der Hauptstadt baute Dostojewski gemeinsam mit seinem Bruder Michail seine Laufbahn wieder auf. Sie gaben die Zeitschriften Die Zeit (Wremja, 1861–1863) und Die Epoche (Epocha, 1864–1865) heraus. Darin vertraten sie den Pochwennitschestwo, die „Rückkehr zum heimatlichen Boden“: Russlands gebildete Schichten sollten wieder Anschluss an das moralische und religiöse Leben des einfachen Volkes finden, statt Westeuropa nachzuahmen. Seine Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (1860–1862), eine literarisch gestaltete Darstellung des Lagerlebens, waren ein großer Erfolg. Das Werk gehörte zu den ersten, die einem breiten Lesepublikum das russische Strafsystem vor Augen führten.
1862 reiste er erstmals nach Westeuropa. In Winterliche Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke (1863) beschrieb er diese Reise kritisch und griff den Materialismus und die Selbstzufriedenheit des Bürgertums in Paris und London an. Auf dieser und späteren Reisen entwickelte er eine zwanghafte Leidenschaft für Roulette, die ihn wiederholt in Schulden stürzte.
Das Jahr 1864 brachte schwere Verluste: Seine Frau Maria starb im April, sein Bruder Michail im Juli. Dostojewski musste nun für Schulden und für Michails Familie aufkommen. Im selben Jahr veröffentlichte er Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, den Monolog eines verbitterten, einsamen ehemaligen Beamten. Dieser weist die Vorstellung zurück, Menschen seien vernünftig und würden stets zu ihrem eigenen Vorteil handeln. Der Mann aus dem Kellerloch behauptet, Menschen handelten sogar gegen ihre Interessen, nur um ihre Freiheit zu beweisen. Das Werk gilt oft als Ausgangspunkt der existenzialistischen Literatur.
Mittel
Die großen Romane
Schuld und Sühne erschien 1866 als Fortsetzungsroman im Russischen Boten. Im Mittelpunkt steht Rodion Raskolnikow, ein armer ehemaliger Student in Sankt Petersburg. Er ermordet eine alte Pfandleiherin, unter anderem um seine Theorie zu prüfen, „außergewöhnliche“ Menschen dürften moralische Gesetze übertreten. Der Roman handelt weniger von der Aufklärung des Verbrechens als von Raskolnikows seelischen Qualen, seinem Kräftemessen mit dem Ermittler Porfiri Petrowitsch und seinem Weg zum Geständnis. Dabei hilft ihm Sonja Marmeladowa, eine junge Frau, die sich prostituieren muss, um ihre Familie zu ernähren. Während Dostojewski daran schrieb, musste er einem Verleger außerdem bis zu einem festen Termin den kurzen Roman Der Spieler liefern. Er diktierte ihn in weniger als einem Monat der jungen Stenografin Anna Snitkina, die er im Februar 1867 heiratete.
Auf der Flucht vor Gläubigern lebte das Paar von 1867 bis 1871 in Deutschland, der Schweiz und Italien. Dort starb ihre erste Tochter noch als Säugling. Dostojewski schrieb Der Idiot (1868–1869), den Versuch, einen „vollkommen schönen“ Menschen darzustellen: den sanftmütigen, an Epilepsie leidenden Fürsten Myschkin. Seine Güte scheitert tragisch in einer Welt voller Gier und Leidenschaft. Die Dämonen (1871–1872) wurde durch einen wirklichen Mord angeregt, den 1869 die revolutionäre Gruppe um Sergei Netschajew begangen hatte. Der Roman ist eine düstere Satire auf politischen Radikalismus und untersucht, wie Ideen von Menschen Besitz ergreifen können.
Zurück in Russland kümmerte sich Anna um die Finanzen der Familie und begann, Dostojewskis Bücher selbst zu verlegen. Das brachte schließlich wirtschaftliche Stabilität. Dostojewski gab die konservative Wochenzeitung Der Bürger heraus und veröffentlichte danach sein eigenes monatliches Tagebuch eines Schriftstellers. Darin verband er Journalismus, Erinnerungen, Erzählungen und politische Kommentare. So wurde er zu einer landesweit bekannten öffentlichen Figur. Die Brüder Karamasow (1879–1880), geschrieben nach dem Tod seines dreijährigen Sohnes Aljoscha im Jahr 1878, erzählt vom Mord an einem ausschweifend lebenden Vater und von der Schuld, die seine Söhne teilen: der leidenschaftliche Dmitri, der intellektuelle Iwan, der gläubige Aljoscha und der uneheliche Smerdjakow. Der Roman enthält Iwans Erzählung vom „Großinquisitor“ und die Lehren des Starzen Sossima. Diese beiden Kapitel gehören zu den meistdiskutierten der Literatur.
Im Juni 1880 hielt Dostojewski bei der Enthüllung des Puschkin-Denkmals in Moskau eine gefeierte Rede. Er pries Puschkins „allumfassende Empfänglichkeit“ als Wesen des russischen Geistes. Das Publikum reagierte begeistert. Weniger als ein Jahr später, im Februar 1881, starb er in Sankt Petersburg. Zehntausende Menschen begleiteten seinen Trauerzug zum Alexander-Newski-Kloster.
Mittel
Gedankenwelt und Kunst
Die Freiheit steht im Mittelpunkt von Dostojewskis Denken. Er glaubte nicht, dass Menschen Maschinen seien, die allein vom Eigennutz angetrieben werden, wie manche rationalistischen und utilitaristischen Denker seiner Zeit behaupteten. Freiheit ermöglicht großes Übel, aber auch Liebe, Glauben und moralische Verantwortung. In der Erzählung vom Großinquisitor wird Christus verurteilt, weil er den Menschen eine Freiheit gegeben habe, die sie nicht tragen könnten. Die Kirche biete ihnen stattdessen Brot, Wunder und Autorität.
Viele seiner Figuren erproben Ideen, indem sie nach ihnen leben. Raskolnikow setzt die Theorie des außergewöhnlichen Menschen in die Tat um. Kirillow versucht in Die Dämonen, seine Freiheit durch Selbstmord zu beweisen. Iwan Karamasows Gedanke, dass ohne Gott und Unsterblichkeit die Moral keine Grundlage habe, wird oft als „Alles ist erlaubt“ zusammengefasst und von Smerdjakow wörtlich genommen. Dostojewski zeigt, welche Folgen Ideen im wirklichen Leben haben. Deshalb lesen ihn Philosophen ebenso wie Literaturinteressierte.
Er war ein christlicher Denker, der in der russischen Orthodoxie verwurzelt war und zugleich dem Zweifel eine außerordentlich starke Stimme gab. Iwans Auflehnung gegen eine Welt, in der unschuldige Kinder leiden, gehört zu den eindringlichsten Einwänden gegen den Glauben, die je formuliert wurden. Dostojewski antwortete darauf nicht mit einem logischen Beweis, sondern mit tätiger Liebe, wie Sossima und Aljoscha sie verkörpern. Der Gedanke, dass „jeder von uns für alle verantwortlich ist“, zieht sich durch den Roman.
Sankt Petersburg ist in seinen Romanen beinahe selbst eine Figur. Dostojewskis Stadt ist nicht die prächtige Reichshauptstadt der Paläste und Paraden, sondern ein Ort enger Mietzimmer, Treppenhäuser, Schenken und Pfandhäuser. Im Sommer ist es dort drückend heiß. Beamte, Studierende, Witwen und arme Stadtbewohner leben am Rand des Ruins. Ausgehend von Gogols Petersburger Erzählungen machte Dostojewski die moderne Großstadt zum Schauplatz von Einsamkeit, Armut, Gerüchten und plötzlichen Begegnungen zwischen Fremden. Diese Umstände treiben seine Figuren zu extremen Gedanken und Handlungen. Kritiker sehen darin einen seiner großen Beiträge zum europäischen Roman über das moderne Stadtleben.
Seine politischen Ansichten wurden zunehmend konservativ und nationalistisch. Im Tagebuch eines Schriftstellers vertrat er die Vorstellung einer besonderen religiösen Sendung Russlands, befürwortete 1877 den Krieg gegen das Osmanische Reich und griff den Katholizismus, den Sozialismus und den westlichen Liberalismus an. Das Werk enthält auch antisemitische Passagen. Forschende betrachten sie als einen schwerwiegenden und verstörenden Teil seines Erbes. In einem Artikel von 1877 zur „Judenfrage“ verteidigte er seine Aussagen.
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Weltweite Wirkung
Dostojewskis internationaler Ruhm wuchs rasch, nachdem seine Werke in den 1880er-Jahren ins Französische, Deutsche und Englische übersetzt worden waren. Friedrich Nietzsche entdeckte ihn 1887 in einer französischen Übersetzung und nannte ihn in Götzen-Dämmerung den einzigen Psychologen, von dem er etwas zu lernen gehabt habe. Sigmund Freud schrieb den Aufsatz „Dostojewski und die Vatertötung“ (1928). Die Romane wurden zu wichtigen Texten für die Psychoanalyse.
Im 20. Jahrhundert sahen existenzialistische Schriftsteller Dostojewski als Vorläufer. Dazu gehörten Albert Camus, der Die Dämonen für die Bühne bearbeitete, und Jean-Paul Sartre. So unterschiedliche Autoren wie Franz Kafka, André Gide und William Faulkner lasen ihn aufmerksam und würdigten seine Bedeutung. Religiöse Philosophen wie Nikolai Berdjajew knüpften an sein Werk an. Filmschaffende von Akira Kurosawa, der Der Idiot 1951 verfilmte, bis Robert Bresson adaptierten seine Werke.
In der Sowjetunion war sein Ansehen zwiespältig. Sein religiöser Glaube und seine Angriffe auf Revolutionäre in Die Dämonen machten ihn verdächtig. In der Stalinzeit wurde er nur selten im Unterricht behandelt. Forschende beschäftigten sich jedoch weiter mit ihm, und ab Mitte der 1950er-Jahre erschienen seine Werke wieder in größerem Umfang. Heute gehört er weltweit zu den meistgelesenen russischen Autoren. Auch in Korea und Japan sind Übersetzungen seiner Romane seit Langem beliebt.
Fortgeschritten
Wissenschaftliche Debatten: Polyphonie, Ideologie und Form
Die einflussreichste literaturtheoretische Deutung stammt von Michail Bachtin: Probleme der Kunst Dostojewskis (1929), überarbeitet als Probleme der Poetik Dostojewskis (1963). Bachtin zufolge schuf Dostojewski eine neue Art des „polyphonen“ Romans. Darin sind die Stimmen und Ideen der Figuren nicht einer einzigen Sichtweise des Autors untergeordnet, sondern begegnen einander als eigenständige, vollgültige Bewusstseinsformen in einem unabgeschlossenen Dialog. Der Begriff der Polyphonie veränderte zusammen mit Bachtins Idee des Karnevals die Literaturtheorie weit über die russische Literaturwissenschaft hinaus.
In der Forschung ist umstritten, wie weit Bachtins Deutung trägt. Manche argumentieren, Dostojewski lenke als überzeugter orthodoxer Christ und Nationalist seine Leserschaft eindeutig zu bestimmten Schlüssen, etwa durch den Aufbau von Die Brüder Karamasow. Andere meinen, sein Genie liege gerade darin, Gegenstimmen wie der Iwans mit voller Kraft sprechen zu lassen. Offen bleibt auch die Frage, ob Sossimas Lehre den Großinquisitor tatsächlich überzeugend beantwortet, wie Dostojewski es erhoffte.
Eine weitere Debatte betrifft das Verhältnis zwischen dem Romanautor und dem Publizisten. Manche Forschende sehen im Tagebuch eines Schriftstellers mit seinem Nationalismus und Antisemitismus den Schlüssel zu den Romanen. Andere betonen den Abstand zwischen dem dogmatischen Journalisten und dem Künstler, der Fragen offenlässt. Religionshistoriker untersuchen zudem, wie genau Dostojewski die russisch-orthodoxe Spiritualität darstellte, etwa die Starzen des Klosters Optina Pustyn, das er 1878 mit dem Philosophen Wladimir Solowjow besuchte.
Fortgeschritten
Biografische Quellen und ihre Zuverlässigkeit
Die wichtigsten Quellen für Dostojewskis Leben sind seine Briefe, seine Arbeitshefte zu den Romanen, amtliche Unterlagen wie die Akten zum Petraschewski-Fall und die Erinnerungen von Menschen, die ihn kannten. Die maßgebliche wissenschaftliche Ausgabe ist die dreißigbändige Gesamtausgabe der Akademie der Wissenschaften (Leningrad, 1972–1990). Sie enthält Entwürfe, Notizbücher und Briefe.
Erinnerungen müssen kritisch gelesen werden. Die Erinnerungen von Anna Grigorjewna Dostojewskaja, die sie spät in ihrem Leben verfasste und die 1925 erschienen, sind unschätzbar wertvoll. Zugleich bemühen sie sich, das Andenken ihres Mannes zu schützen. Die Erinnerungen seiner Tochter Ljubow enthalten unzuverlässige Geschichten. In einem berüchtigten Brief von 1883 an Tolstoi warf der Kritiker Nikolai Strachow Dostojewski sittliche Verkommenheit vor und erwähnte auch das Gerücht, er habe ein junges Mädchen missbraucht. Die meisten Biografen halten den Vorwurf für unbegründeten Klatsch, der teilweise an eine Szene aus Die Dämonen erinnert, deren Druck Dostojewskis Verleger abgelehnt hatte.
Einige bekannte Angaben beruhen auf unsicheren Belegen. Forschende haben die Erzählung angezweifelt, sein Vater sei von Leibeigenen ermordet worden, weil die amtliche Untersuchung einen natürlichen Tod festhielt. Andere halten die Familiengeschichte weiterhin für möglich. Die Verbindung zwischen Dostojewskis Epilepsie und dem Tod seines Vaters, die für Freuds Aufsatz wichtig ist, wird durch die verfügbaren Belege nicht gestützt. Die meisten Biografen weisen sie zurück. Joseph Franks fünfbändige Biografie (1976–2002; 2009 in einem Band gekürzt) gilt weithin als die gründlichste moderne Darstellung. Sie ordnet Dostojewskis Leben in die Geistesgeschichte Russlands im 19. Jahrhundert ein.
Kernideen
- Freiheit
- Für Dostojewski das entscheidende Merkmal des Menschen; sie ermöglicht sowohl großes Übel als auch echte Liebe und echten Glauben.
- Leiden und Erlösung
- Leiden kann, wenn man sich ihm ehrlich stellt, zu moralischer Erneuerung führen, wie Raskolnikows Weg über das Geständnis zeigt.
- Ideen bis zur letzten Konsequenz leben
- Seine Figuren verkörpern Theorien und folgen ihnen bis zu ihren Konsequenzen. So zeigt Dostojewski, was Ideen im wirklichen Leben bewirken.
- Glaube und Zweifel
- Er gab dem Zweifel eine besonders starke Stimme, etwa in Iwan Karamasows Auflehnung, und antwortete darauf mit tätiger Liebe statt mit einem Beweis.
- Verantwortung für alle
- Sossimas Lehre, dass jeder Mensch vor allen und für alle schuldig ist: eine Vorstellung umfassender moralischer Solidarität.
- Rückkehr zum heimatlichen Boden (Pochwennitschestwo)
- Die Überzeugung, dass gebildete Russinnen und Russen wieder Anschluss an das religiöse und moralische Leben des einfachen Volkes finden sollten.
- Polyphonie
- Bachtins Begriff für Romane, in denen viele eigenständige Stimmen und Sichtweisen zusammenwirken, ohne dass eine einzige maßgeblich ist.
Einträge
- 1821 — Am 11. November (30. Oktober nach altem Kalender) in Moskau geboren.
- 1839 — Sein Vater stirbt auf dem Landgut der Familie; die Umstände werden später angezweifelt.
- 1846 — Arme Leute erscheint und wird von Belinski gelobt.
- 1849 — Mit dem Petraschewski-Kreis verhaftet; Scheinhinrichtung am 22. Dezember nach altem Kalender.
- 1850 — Beginn von vier Jahren Zwangsarbeit im Straflager von Omsk.
- 1859 — Kehrt nach dem Militärdienst in Semipalatinsk nach Sankt Petersburg zurück.
- 1864 — Aufzeichnungen aus dem Kellerloch erscheint; seine Frau Maria und sein Bruder Michail sterben.
- 1866 — Schuld und Sühne erscheint in Fortsetzungen; Der Spieler wird Anna Snitkina diktiert.
- 1867 — Heiratet Anna Snitkina; das Paar verbringt anschließend vier Jahre im Ausland.
- 1871 — Kehrt nach Russland zurück; Die Dämonen erscheint 1871–1872 in Fortsetzungen.
- 1880 — Die Brüder Karamasow wird vollendet; Puschkin-Rede in Moskau.
- 1881 — Stirbt am 9. Februar (28. Januar nach altem Kalender) in Sankt Petersburg.
Glossar
- Alter Stil / Neuer Stil
- Bezeichnungen für Daten nach dem julianischen Kalender, der in Russland bis 1918 verwendet wurde (Alter Stil), und dem gregorianischen Kalender (Neuer Stil). Im 19. Jahrhundert lagen sie zwölf Tage auseinander.
- Petraschewski-Kreis
- Eine Sankt Petersburger Gesprächsgruppe der 1840er-Jahre, die sich für utopischen Sozialismus interessierte und 1849 zerschlagen wurde.
- Katorga
- Das russische System der Strafarbeit, meist in Sibirien.
- Nihilismus
- Im Russland der 1860er-Jahre eine radikale Strömung, die überlieferte Autoritäten, Religion und Kunst zugunsten von Wissenschaft und praktischem Nutzen ablehnte.
- Mann aus dem Kellerloch
- Der namenlose Erzähler von Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, ein Vorbild für die entfremdete, widersprüchliche moderne Romanfigur.
- Pochwennitschestwo
- Die von Dostojewskis Zeitschriften vertretene Bewegung der Rückkehr zum „heimatlichen Boden“, die eine Versöhnung der gebildeten Schichten Russlands mit dem Volk forderte.
- Starez
- In der russischen Orthodoxie ein Mönch, der als geistlicher Ratgeber verehrt wird, wie Sossima in Die Brüder Karamasow.
- Großinquisitor
- Die von Iwan in Die Brüder Karamasow erzählte Prosadichtung, in der ein spanischer Kardinal den wiedergekehrten Christus verurteilt.
- Polyphonie
- Bachtins Begriff für einen Roman mit vielen gleichberechtigten Stimmen, den er bei Dostojewski verwirklicht sah.
- Fortsetzungsroman
- Ein Roman, der in einzelnen Folgen in einer Zeitschrift erscheint. Die meisten Romane Dostojewskis wurden zuerst auf diese Weise veröffentlicht.
Fragen und Antworten
Wurde Dostojewski wirklich beinahe hingerichtet?
Ja, allerdings war die Hinrichtung inszeniert. Er wurde zum Tode verurteilt und vor ein Erschießungskommando geführt. Der Zar hatte aber schon vor Beginn der Zeremonie beschlossen, die Todesurteile umzuwandeln.
Welches Buch sollte ich zuerst lesen?
Viele beginnen mit Schuld und Sühne, weil die Handlung fesselt. Aufzeichnungen aus dem Kellerloch ist kurz, aber anspruchsvoll. Die Brüder Karamasow gilt oft als sein Meisterwerk.
Kannten sich Dostojewski und Tolstoi persönlich?
Sie bewunderten und kritisierten die Werke des jeweils anderen, begegneten sich aber nie persönlich.
Schrieb Dostojewski: „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt“?
Nicht genau mit diesen Worten. Der Gedanke wird Iwan Karamasow zugeschrieben und von anderen Figuren besprochen. Der berühmte Satz ist eine spätere Zusammenfassung.
Warum schrieb er so schnell?
Er hatte oft Schulden, unter anderem wegen des Glücksspiels und der Zeitschrift seines Bruders, und wurde nach Umfang bezahlt. Viele Romane entstanden unter engen Fristen für die Veröffentlichung in Fortsetzungen.
Was ist Bachtins „polyphoner Roman“?
Bachtin zufolge sprechen Dostojewskis Figuren als eigenständige Bewusstseinsformen. Ihre Ideen werden nicht einfach vom Autor beurteilt. So entsteht ein unabgeschlossener Dialog zwischen gleichberechtigten Stimmen.
War Dostojewski antisemitisch?
Ja. Seine journalistischen Texte und Briefe enthalten antisemitische Äußerungen. Forschende diskutieren, wie diese mit seinen Romanen zusammenhängen; als Teil seines überlieferten Werks sind sie weithin anerkannt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Fyodor Dostoevsky. Wikipedia
- 표도르 도스토옙스키. 위키백과
- Petrashevsky Circle. Wikipedia
- Crime and Punishment. Wikipedia
- The Brothers Karamazov. Wikipedia
- Mikhail Bakhtin. Wikipedia
- Joseph Frank, Dostoevsky: A Writer in His Time. Princeton University Press, 2009
- Mikhail Bakhtin, Problems of Dostoevsky’s Poetics (trans. Caryl Emerson). University of Minnesota Press, 1984
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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
