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Für junge Leser
Vor etwa 500 Jahren war Italien noch kein gemeinsames Land. Es bestand aus vielen kleinen Staaten. Dazu gehörten Städte wie Florenz und Venedig, die Gebiete des Papstes und mehrere Königreiche. Sie führten oft Krieg gegeneinander. Auch große Heere aus Frankreich und Spanien griffen sie an.
Niccolò Machiavelli arbeitete vierzehn Jahre lang für die Regierung von Florenz. Er besuchte Könige, Päpste und Heerführer und beobachtete genau, wie sie handelten. 1512 übernahm die mächtige Familie Medici erneut die Herrschaft über Florenz. Machiavelli verlor seine Arbeit, kam ins Gefängnis und wurde gefoltert. Danach lebte er zurückgezogen auf seinem kleinen Landgut außerhalb der Stadt.
Abends ging er in sein Arbeitszimmer und las Geschichtsbücher aus der Antike. 1513 schrieb er ein kleines Buch mit dem Titel Der Fürst. Darin gibt er einem Herrscher Ratschläge: Wie er ein Land erobern kann, wie er ein Heer unterhält, wie er sich Respekt verschafft und was er tun kann, wenn er Pech hat.
Manche Ratschläge sind erschreckend. Machiavelli schreibt, ein Herrscher solle gut handeln, wenn er kann. Er müsse aber auch lernen, „nicht gut“ zu handeln, wenn es zum Schutz des Staates nötig sei. Machiavelli fragt, ob es besser ist, geliebt oder gefürchtet zu werden. Seine Antwort: Gefürchtet zu werden ist sicherer, solange die Menschen den Herrscher nicht hassen.
Seit Jahrhunderten streiten Menschen über das Buch. War Machiavelli ein schlechter Lehrer für grausame Herrscher? Beschrieb er einfach ehrlich, wie Politik funktioniert? Oder wollte er allen zeigen, wie Herrscher wirklich handeln, weil ihm Freiheit wichtig war? Deshalb wird das Buch bis heute in Schulen und Universitäten gelesen.
Auf einen Blick
- Autor
- Niccolò Machiavelli (1469–1527), Florentiner Diplomat, Staatsbeamter und Schriftsteller
- Entstehung
- 1513 (in einem Brief vom 10. Dezember 1513 erwähnt); vermutlich um 1515–1516 überarbeitet und gewidmet
- Veröffentlichung
- 1532, fünf Jahre nach dem Tod des Autors (Rom: Antonio Blado; Florenz: Bernardo Giunta)
- Sprache
- Italienisch (Toskanisch), mit lateinischen Kapitelüberschriften
- Form
- Kurzer politischer Traktat in 26 Kapiteln mit einem Widmungsbrief
- Widmungsträger
- Lorenzo di Piero de’ Medici, später Herzog von Urbino (ursprünglich war Giuliano de’ Medici vorgesehen)
- Zentrale Gedanken
- Virtù und Fortuna, die „wirkliche Wahrheit“, Notwendigkeit, bewaffnete Propheten, lieber gefürchtet als geliebt, Fuchs und Löwe
- Wirkung
- 1559 auf den katholischen Index der verbotenen Bücher gesetzt; eines der meistgelesenen und meistdiskutierten Werke des politischen Denkens
Einfach
Was ist Der Fürst?
Der Fürst ist ein kurzes Ratgeberbuch für Herrscher, das Niccolò Machiavelli 1513 auf Italienisch schrieb. Er selbst nannte es eine kleine Schrift (opuscolo) „über Fürstentümer“ (De principatibus). Bei der Drucklegung 1532 erhielt es den italienischen Titel Il Principe. Es ist etwa so lang wie ein ausführlicher Essay und in 26 kurze Kapitel gegliedert.
Das Buch stellt praktische Fragen: Welche Arten von Staaten gibt es? Wie kann jemand in einem neuen Staat die Macht erlangen – mit dem eigenen Heer, mit fremder Hilfe, durch Verbrechen oder mit der Unterstützung des Volkes? Warum scheitern Söldner? Welche Eigenschaften sollte ein Herrscher besitzen, und welche sollte er nur zur Schau stellen? Wie viel wird vom Glück bestimmt?
Machiavelli antwortet mit Beispielen aus der jüngeren italienischen Politik und der antiken Geschichte, vor allem aus Rom und Griechenland. Sein Ton ist direkt und oft provokant. Dieser Ton und sein Rat, ein Herrscher müsse mitunter gegen herkömmliche Moralvorstellungen handeln, machten das Buch berühmt und berüchtigt. In vielen Sprachen bedeutet „machiavellistisch“ heute so viel wie listig, täuschend und rücksichtslos.
Einfach
„Ich betrete die Höfe der Menschen des Altertums“: Wie das Buch entstand
Wann Der Fürst entstand, wissen wir dank eines berühmten Briefes, den Machiavelli am 10. Dezember 1513 an seinen Freund Francesco Vettori schickte, den Florentiner Gesandten in Rom. Darin beschreibt er seine Tage auf dem Land: Er fängt Drosseln, streitet sich und spielt im Wirtshaus Karten mit den Leuten aus der Umgebung. Abends legt er seine schmutzige Kleidung ab, zieht ein festliches Gewand an und betritt sein Arbeitszimmer. Dort „unterhält“ er sich mit den großen Autoren der Antike, indem er ihre Werke liest.
In dem Brief schreibt er, er habe eine kleine Schrift mit dem Titel De principatibus verfasst. Darin untersuche er möglichst gründlich, was ein Fürstentum sei, welche Arten es gebe und wie man es erwerbe, behalte oder verliere. Er hofft, dass die Schrift einem Fürsten, besonders einem neuen Fürsten, gefallen werde, und erwägt, sie Giuliano de’ Medici zu überreichen. Er verfolgte damit auch ein praktisches Ziel: Die Medici sollten ihm wieder eine Stelle geben.
Giuliano starb 1516. Die Widmung richtete sich schließlich an seinen Neffen Lorenzo di Piero de’ Medici. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Lorenzo dem Werk viel Beachtung schenkte, und Machiavelli erhielt die erhoffte Stelle nicht. Fast zwanzig Jahre lang verbreitete sich das Buch in handschriftlichen Abschriften unter Freunden und anderen Lesern, bevor es gedruckt wurde.
Mittel
Der Inhalt Kapitel für Kapitel
Die Kapitel 1–11 ordnen die verschiedenen Arten von Fürstentümern. Erbstaaten lassen sich leicht behaupten, neue Herrschaften nur schwer. Machiavelli unterscheidet Staaten, die durch eigene Waffen und Virtù gewonnen werden (Kapitel 6, mit Staatsgründern wie Mose, Kyros, Romulus und Theseus), Staaten, die durch fremde Waffen und fremdes Glück entstehen (Kapitel 7, mit einer ausführlichen Untersuchung zu Cesare Borgia), durch Verbrechen erlangte Herrschaften (Kapitel 8, mit dem sizilischen Tyrannen Agathokles) und „bürgerliche“ Fürstentümer, die mit der Unterstützung des Volkes gewonnen werden (Kapitel 9). Er bemerkt, dass „alle bewaffneten Propheten siegten und die unbewaffneten zugrunde gingen“, und nennt Savonarola als Beispiel für einen unbewaffneten Propheten.
Die Kapitel 12–14 behandeln das Militär. Söldner seien, so Machiavelli, uneinig, ehrgeizig und untreu. Hilfstruppen, die eine andere Macht zur Verfügung stellt, seien noch gefährlicher. Ein Fürst solle sich auf seine eigenen Streitkräfte stützen und die Kriegskunst zu seiner wichtigsten Beschäftigung machen.
In den Kapiteln 15–23 geht es um das Verhalten des Fürsten. Hier bricht Machiavelli offen mit der langen Tradition der „Fürstenspiegel“, die Herrscher zu Großzügigkeit, Barmherzigkeit und Ehrlichkeit anhielten. In Kapitel 15 erklärt er, er werde sich an die „wirkliche Wahrheit“ (verità effettuale) der Dinge halten statt an erdachte Republiken und Fürstentümer. Kapitel 16 besagt, dass übertriebene Großzügigkeit einen Fürsten ruiniert. Kapitel 17 hält es für sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden, wenn beides nicht möglich ist. Ein Fürst müsse jedoch Hass vermeiden, vor allem indem er weder das Eigentum noch die Frauen seiner Untertanen antaste. Kapitel 18 fordert, dass ein Fürst sowohl Mensch als auch Tier sein könne: ein Fuchs, der Fallen erkennt, und ein Löwe, der Wölfe abschreckt. Er müsse sein Wort nicht halten, wenn ihm dies schade. Die Kapitel 19–23 behandeln die Vermeidung von Verachtung und Hass sowie Festungen, Ansehen, Minister und Schmeichler.
Die Kapitel 24–26 wenden sich Italien zu. Die italienischen Fürsten hätten ihre Staaten durch eigene Untätigkeit verloren, nicht durch Pech. Kapitel 25 vergleicht Fortuna mit einem reißenden Fluss, der das Land überschwemmt. Wer in ruhigen Zeiten Dämme und Deiche baut, kann seine Wirkung begrenzen. Fortuna bestimme vielleicht die Hälfte unseres Handelns, überlasse uns aber die andere Hälfte. Kapitel 26 ist ein leidenschaftlicher Aufruf an die Medici, Italien von den „Barbaren“ zu befreien. Es endet mit Zeilen aus Petrarcas patriotischem Gedicht Italia mia.
Mittel
Historischer Hintergrund: die Italienischen Kriege
1494 fiel der französische König Karl VIII. in Italien ein, um Anspruch auf das Königreich Neapel zu erheben. Er zog nahezu ohne Widerstand durch die Halbinsel. Damit begannen die Italienischen Kriege (1494–1559), in denen Frankreich, Spanien und das Heilige Römische Reich um die Vorherrschaft in Italien kämpften. Die kleineren italienischen Staaten, darunter Florenz, Mailand, Venedig, der Kirchenstaat und Neapel, gerieten zwischen diese Großmächte und schlossen und lösten immer wieder Bündnisse.
Machiavelli hatte aus nächster Nähe beobachtet, wie Staaten aufstiegen und untergingen. Cesare Borgia, ein Sohn von Papst Alexander VI., errichtete zwischen 1499 und 1503 mit französischen Truppen und päpstlichem Geld eine Herrschaft in der Romagna. Nach dem Tod seines Vaters verlor er sie wieder. Julius II., ein kriegerischer Papst, führte Kriege gegen Venedig und Frankreich. Florenz verlor Pisa, eroberte es 1509 zurück und verlor 1512 seine republikanische Regierung. Der Fürst schöpft aus diesen Erfahrungen: Das Buch stammt von jemandem, der gesehen hatte, wie schnell Macht zusammenbrechen konnte.
Das Buch gehört zugleich zum Humanismus der Renaissance. Machiavelli nutzt antike Geschichtsschreiber wie Livius, Polybios, Tacitus und Xenophon als Quelle für Beispiele und wendet sich als Humanist an einen Fürsten. Dabei stellt er die üblichen Erwartungen an humanistische Schriften auf den Kopf: Er verwendet sein Wissen über die Antike, um politische Macht nüchtern zu untersuchen, statt die Tugend eines Fürsten zu preisen.
Mittel
Zentrale Begriffe: Virtù, Fortuna und Notwendigkeit
Virtù ist Machiavellis wichtigster und zugleich schwierigster Begriff. Er hängt mit dem lateinischen virtus zusammen, das unter anderem „Mannhaftigkeit“ oder „Tüchtigkeit“ bedeutet. In Der Fürst ist damit jedoch nur selten moralische Tugend gemeint. Virtù bezeichnet Tatkraft, Geschick, Mut und Anpassungsfähigkeit, mit denen ein Mensch Großes erreichen und Ereignisse gestalten kann. Ein Herrscher mit Virtù weiß, wann Vorsicht und wann Kühnheit angebracht ist, wann er großzügig und wann er hart sein muss.
Fortuna bedeutet Zufall, Glück oder äußere Umstände. In der Kultur der Renaissance wurde sie oft als Göttin dargestellt, die ihr Rad dreht. Für Machiavelli ist Fortuna mächtig, aber nicht allmächtig. Ein Fürst kann ihr widerstehen, wenn er vorsorgt und sich an veränderte Zeiten anpasst. Er fügt ein Bild hinzu, das heute viele Leserinnen und Leser verstört: Fortuna sei wie eine Frau, die kühne und junge Männer begünstige.
Die Notwendigkeit (necessità) verbindet beide Begriffe. Ein Fürst, der seinen Staat erhalten will, wird durch die Umstände oft zu Handlungen gezwungen, die der gewöhnlichen Moral widersprechen. Machiavelli behauptet nicht, Grausamkeit, Täuschung oder Wortbruch seien gut. Er sagt, sie seien in der Politik manchmal notwendig. Ein Fürst müsse lernen, „nicht gut sein zu können“, und davon „je nach Notwendigkeit“ Gebrauch machen. Machiavelli unterscheidet zwischen „gut angewandter“ Grausamkeit, die zur Sicherung der Herrschaft auf einmal ausgeübt wird und danach den Untertanen nützen soll, und „schlecht angewandter“ Grausamkeit, die mit der Zeit zunimmt.
Auch der äußere Eindruck zählt. Weil die meisten Menschen nach dem urteilen, was sie sehen, sollte ein Fürst barmherzig, treu, menschlich, ehrlich und fromm erscheinen, zugleich aber bereit sein, anders zu handeln. Machiavelli betont außerdem die Bedeutung des Volkes: Ein Fürst sollte seine Macht eher auf das Volk als auf den Adel stützen. Das Volk wolle lediglich nicht unterdrückt werden, während die Adligen andere unterdrücken wollten. Der bekannte Satz „Der Zweck heiligt die Mittel“ steht nicht im Buch. Kapitel 18 sagt allerdings, dass die Menschen die Taten von Fürsten nach ihrem Ergebnis beurteilen.
Mittel
Handschriften, Druck und Zensur
Es ist keine Handschrift von Machiavellis eigener Hand erhalten. Der Text ist durch mehrere Abschriften aus dem 16. Jahrhundert und die gedruckten Ausgaben von 1532 überliefert. In diesem Jahr veröffentlichte ihn der römische Drucker Antonio Blado mit päpstlicher Genehmigung. Der Florentiner Drucker Bernardo Giunta brachte eine weitere Ausgabe heraus. Nach humanistischem Brauch sind die Kapitelüberschriften lateinisch, der Text selbst ist in lebendigem toskanischem Italienisch verfasst.
Schon vor dem Druck wurde das Buch genutzt. 1523 veröffentlichte der Philosoph Agostino Nifo die lateinische Abhandlung De regnandi peritia („Über die Kunst des Regierens“). Darin bearbeitete er große Teile von Der Fürst, ohne Machiavelli als Verfasser zu nennen.
Während der Gegenreformation wurden Machiavellis Werke 1559 in den unter Papst Paul IV. veröffentlichten Index der verbotenen Bücher aufgenommen. Der Index von 1564 bestätigte das Verbot. Seine Werke verbreiteten sich dennoch weiter, manchmal in bereinigten Ausgaben oder unter anderen Namen. Machiavelli starb am 21. Juni 1527 in Florenz und ist in der Kirche Santa Croce begraben.
Mittel
Die Wirkung: vom „Old Nick“ zum Begründer der Politikwissenschaft
Im 16. und 17. Jahrhundert wurde Machiavellis Name zum Sinnbild für Bosheit. Der Hugenotte Innocent Gentillet machte in seinem Anti-Machiavel (1576) machiavellistische Ideen für die Politik des französischen Hofes verantwortlich. Im englischen Theater wurde der „Machiavel“ zu einer typischen Schurkenfigur: Christopher Marlowes The Jew of Malta beginnt mit einer Rede von „Machevil“, und bei Shakespeare rühmt sich der spätere Richard III., er könne „den mörderischen Machiavelli“ noch etwas lehren. Autoren der Gegenreformation entwickelten als Antwort auf Machiavelli die Vorstellung einer christlichen „Staatsräson“.
Andere Leser sahen ihn anders. Francis Bacon lobte ihn dafür, dass er beschrieb, was Menschen tatsächlich tun, statt ihnen vorzuschreiben, was sie tun sollten. Spinoza und Rousseau deuteten an, Der Fürst sei durch die Offenlegung der Methoden von Fürsten eigentlich eine Lehre für die Völker. Rousseau nannte ihn „das Buch der Republikaner“. Der junge Friedrich II. von Preußen schrieb einen Anti-Machiavel (1740), den Voltaire bearbeitete. Als König betrieb Friedrich später eine äußerst nüchterne Machtpolitik.
Im 19. Jahrhundert, während der Einigung Italiens, las man Machiavelli wegen Kapitel 26 als Patrioten, der von einem vereinten Italien geträumt hatte. Im 20. Jahrhundert beschrieb der marxistische Denker Antonio Gramsci die revolutionäre Partei als „modernen Fürsten“. Politikwissenschaftler betrachteten Machiavelli zunehmend als Begründer einer realistischen Untersuchung der Politik. Das Buch fand außerdem als Handbuch über Macht Eingang in Wirtschaft, Militär und Populärkultur.
Fortgeschritten
Debatten über die Deutung
Ein Lehrer des Bösen? Leo Strauss vertrat in Thoughts on Machiavelli (1958) die Ansicht, Machiavelli sei tatsächlich ein „Lehrer des Bösen“, allerdings ein tiefgründiger. Er sei ein bewusster Neuerer gewesen, der mit der klassischen und christlichen politischen Philosophie brach. Indem er die Ziele der Politik auf Sicherheit und Machtgewinn beschränkte, habe er die Moderne begründet. Strauss untersuchte Machiavellis Texte genau auf verborgene Absichten. Seine Schüler führten diesen Ansatz fort; Kritiker halten ihn für spekulativ.
Ein Humanist seiner Zeit. Quentin Skinner und andere Historiker der „Cambridge School“ ordneten Der Fürst in die Tradition der Ratgeber für Herrscher und die politische Sprache des Humanismus der Renaissance ein. Nach dieser Sicht liegt Machiavellis Originalität darin, dass er die Gattung des Fürstenspiegels umdeutete: Virtù bezeichnet bei ihm alle Eigenschaften, die einem Fürsten helfen, seinen Staat zu erhalten. J. G. A. Pocock hob in The Machiavellian Moment (1975) Machiavellis Stellung in einer Tradition des bürgerlichen Republikanismus hervor, die bis zu den englischen und amerikanischen Revolutionen reichte.
Zwei Morallehren? Isaiah Berlin argumentierte in seinem Essay „The Originality of Machiavelli“, Machiavelli habe Politik nicht von Moral getrennt, sondern zwei Morallehren nebeneinandergestellt: eine antike, auf das Gemeinwesen bezogene Moral, die Ruhm und Gemeinwohl anstrebt, und eine christliche Moral der Demut und des Seelenheils. Dass beide unvereinbar sind, sei Machiavellis beunruhigende Entdeckung und ein früher Schritt hin zum Wertepluralismus gewesen.
Satire oder ernst gemeinter Rat? Anknüpfend an Andeutungen Rousseaus haben einige Forscher, darunter der Historiker Garrett Mattingly in einem Essay von 1958, vorgeschlagen, Der Fürst als Satire oder Falle zu lesen. Angesichts Machiavellis republikanischer Überzeugungen könnte das Buch darauf gezielt haben, die Medici ins Verderben zu führen. Die meisten Fachleute lehnen eine rein satirische Deutung ab und verweisen auf seine Briefe sowie auf Parallelen zu den Discorsi über die ersten zehn Bücher des Titus Livius. Die Spannung zwischen dem scheinbar monarchischen Fürst und den republikanischen Discorsi bleibt jedoch eine zentrale Frage. Manche sehen die Werke als Ergänzung: Der Fürst behandle Staatsgründer und Krisen, die Discorsi dagegen die dauerhafte Gesundheit freier Staaten.
Datierung und Entstehung. In der Forschung ist außerdem umstritten, ob das gesamte Buch 1513 fertig war oder später teilweise überarbeitet wurde, insbesondere die Widmung und Kapitel 26. Diskutiert wird auch, wie die Entstehung von Der Fürst mit der Arbeit an den Discorsi zusammenhängt. Möglicherweise hatte Machiavelli mit ihnen zuerst begonnen und die Arbeit dann unterbrochen.
Fortgeschritten
Quellen und ihre Lektüre
Originaltexte. Neben Der Fürst sind Machiavellis Briefe, besonders die an Francesco Vettori, wichtige Quellen. Hinzu kommen seine Gesandtschaftsberichte (legazioni) aus der Zeit in der Kanzlei. Sie enthalten frühe Fassungen vieler Beispiele aus dem Buch. Wichtig sind auch seine anderen Werke: die Discorsi über die ersten zehn Bücher des Titus Livius (veröffentlicht 1531), Die Kunst des Krieges (1521), die Florentinischen Geschichten (1520 von Kardinal Giulio de’ Medici in Auftrag gegeben) und die Komödie Mandragola.
Übersetzung. Für Schlüsselbegriffe wie virtù, fortuna, stato und ordini gibt es keine genauen englischen Entsprechungen; auch deutsche Übersetzungen unterscheiden sich. Begriffe wie „Tugend“, „Staat“ oder „Glück“ können in die Irre führen. Viele neuere Ausgaben lassen virtù deshalb unübersetzt. Ältere Übersetzungen wie die von W. K. Marriott (1908), die online frei zugänglich ist, lesen sich gut, sind aber weniger genau als neuere wissenschaftliche Übersetzungen.
Methode. Wer Der Fürst verstehen will, sollte fragen, für wen Machiavelli schrieb, was er erreichen wollte und wie seine Beispiele zu den historischen Ereignissen passen. Häufig vereinfachte er sie oder wählte sie gezielt aus, um seine Argumente zu stützen. Ein Vergleich seiner Darstellung Cesare Borgias mit zeitgenössischen Berichten zeigt zum Beispiel, wie er aus Geschichte ein Argument formte.
Kernideen
- Virtù
- Tatkraft, Geschick und Anpassungsfähigkeit, mit denen ein Herrscher Großes erreichen und die Umstände meistern kann; nicht dasselbe wie moralische Tugend.
- Fortuna
- Zufall oder äußere Umstände, die vielleicht die Hälfte der menschlichen Angelegenheiten bestimmen, denen man aber mit Voraussicht und kühnem Handeln begegnen kann.
- Wirkliche Wahrheit
- Machiavellis Ziel, Politik so zu beschreiben, wie sie tatsächlich funktioniert, statt so, wie sie sein sollte.
- Notwendigkeit
- Der Druck der Umstände, der einen Herrscher zwingen kann, zur Erhaltung des Staates gegen gewöhnliche Moralvorstellungen zu handeln.
- Lieber gefürchtet als geliebt
- Wenn ein Herrscher nicht beides sein kann, ist Furcht verlässlicher als Liebe, solange er keinen Hass hervorruft.
- Fuchs und Löwe
- Ein Herrscher braucht sowohl List, um Fallen zu erkennen, als auch Stärke, um Feinde abzuschrecken.
- Eigene Streitkräfte
- Ein Staat ist nur sicher, wenn ihn seine eigenen Bürger oder Untertanen verteidigen, statt Söldner oder geliehene Truppen.
- Schein und Wirklichkeit
- Weil Menschen nach dem äußeren Eindruck urteilen, muss ein Fürst tugendhaft erscheinen und zugleich bereit sein, anders zu handeln.
Einträge
- 1469 — Niccolò Machiavelli wird am 3. Mai in Florenz geboren.
- 1494 — Karl VIII. von Frankreich fällt in Italien ein; die Medici werden aus Florenz vertrieben.
- 1498 — Savonarola wird hingerichtet; Machiavelli wird Leiter der Zweiten Kanzlei.
- 1502 — Machiavelli wird als Gesandter zu Cesare Borgia in die Romagna geschickt.
- 1512 — Nach der Plünderung von Prato bricht die Republik zusammen und die Medici kehren zurück; Machiavelli wird entlassen.
- 1513 — Machiavelli wird inhaftiert und gefoltert, durch eine Amnestie freigelassen und schreibt Der Fürst. In seinem Brief an Vettori vom 10. Dezember beschreibt er das Werk.
- um 1516 — Das Buch wird Lorenzo di Piero de’ Medici gewidmet.
- 1523 — Agostino Nifo veröffentlicht eine lateinische Bearbeitung von Der Fürst.
- 1527 — Machiavelli stirbt am 21. Juni in Florenz.
- 1532 — Der Fürst wird erstmals in Rom und Florenz gedruckt.
- 1559 — Machiavellis Werke werden auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.
- 1740 — Der Anti-Machiavel Friedrichs II. von Preußen erscheint.
Glossar
- Fürstentum
- Ein Staat, der von einem einzelnen Fürsten regiert wird, im Unterschied zu einer Republik.
- Republik
- Ein Staat, der von Bürgern und ihren gewählten Räten statt von einem erblichen Herrscher regiert wird.
- Kanzlei
- Eine Regierungsbehörde für amtliche Schreiben und Verwaltung; Machiavelli leitete die Zweite Kanzlei von Florenz.
- Söldner
- Ein Berufssoldat, der gegen Bezahlung kämpft, statt seinem eigenen Land zu dienen.
- Fürstenspiegel
- Eine traditionelle Art von Buch, das Herrschern zu tugendhaftem Regieren rät.
- Humanismus
- Eine Bewegung der Renaissance, die das Studium griechischer und lateinischer Literatur, Geschichte und Redekunst wiederbelebte.
- Index der verbotenen Bücher
- Eine erstmals 1559 veröffentlichte Liste der katholischen Kirche mit Büchern, die Gläubige nicht lesen durften.
- Staatsräson
- Die Vorstellung, dass das Überleben und die Interessen des Staates Handlungen rechtfertigen können, die sonst als falsch gelten.
- Strappado
- Eine Foltermethode, bei der eine gefangene Person an den hinter dem Rücken gefesselten Handgelenken hochgezogen und fallen gelassen wird.
- Machiavellistisch
- Ein Adjektiv für ein listiges und skrupelloses Streben nach Macht; ein verbreitetes Wort, das Machiavellis Denken vereinfacht.
Fragen und Antworten
War Machiavelli ein böser Mensch?
Er diente einer Republik als loyaler Staatsbeamter und wurde von ihren Gegnern gefoltert. Sein Buch enthält harte Ratschläge. Ob es zum Bösen anleitet oder die politische Wirklichkeit ehrlich beschreibt, ist bis heute umstritten.
Hat Machiavelli gesagt: „Der Zweck heiligt die Mittel“?
Nicht mit diesen Worten. In Kapitel 18 schreibt er, dass Menschen Fürsten nach dem Ergebnis ihrer Taten beurteilen. Das kommt dem Gedanken nahe, doch der bekannte Satz ist eine spätere Zusammenfassung.
Für wen wurde das Buch geschrieben?
Für die Medici, die in Florenz die Macht übernommen hatten. Machiavelli dachte zunächst an Giuliano de’ Medici und widmete es später Lorenzo. Er hoffte, dadurch wieder eine Stelle zu bekommen.
Warum wurde es erst nach Machiavellis Tod veröffentlicht?
Zu seinen Lebzeiten verbreitete sich das Buch unter Lesern in handschriftlichen Abschriften. 1532, fünf Jahre nach seinem Tod, wurde es mit päpstlicher Genehmigung gedruckt.
Ist Der Fürst gegen die Demokratie?
So einfach ist es nicht. Das Buch behandelt Fürstentümer. In Machiavellis ausführlicheren Discorsi über die ersten zehn Bücher des Titus Livius werden jedoch Republiken gelobt. Auch Der Fürst rät Herrschern, sich eher auf das Volk als auf den Adel zu stützen.
Wer war Cesare Borgia, und warum lobt Machiavelli ihn?
Er war ein Sohn von Papst Alexander VI. und errichtete rasch und rücksichtslos eine Herrschaft in Mittelitalien. Machiavelli stellt seine Methoden als Vorbild für einen neuen Fürsten dar. Zugleich hält er fest, dass Borgia durch Unglück und einen entscheidenden Fehler nach dem Tod seines Vaters scheiterte.
Wie bringen Fachleute Der Fürst mit Machiavellis republikanischen Überzeugungen zusammen?
Die Ansichten gehen auseinander: Manche sehen die Werke als Ergänzung für unterschiedliche Situationen, andere halten Der Fürst für eine Gelegenheitsschrift. Eine Minderheit liest das Buch als Satire oder als Warnung an das Volk.
Quellen und weiterführende Literatur
- Niccolò Machiavelli. Stanford Encyclopedia of Philosophy
- The Prince. Wikipedia
- Niccolò Machiavelli. Wikipedia
- Discourses on Livy. Wikipedia
- Cesare Borgia. Wikipedia
- Niccolò Machiavelli, The Prince (trans. W. K. Marriott). Project Gutenberg
- Quentin Skinner, Machiavelli. Oxford University Press, 1981
- Leo Strauss, Thoughts on Machiavelli. Free Press, 1958
Verwandte Inhalte
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- Mona LisaPorträt von Leonardo da Vinci, dessen Dargestellte allgemein als Lisa Gherardini identifiziert wird.
- Decke der Sixtinischen KapelleDeckenfresken, die Michelangelo zwischen 1508 und 1512 in der Sixtinischen Kapelle malte.
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
