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Für junge Leser
Vor langer Zeit herrschte eine griechischsprachige Königsfamilie, die Ptolemäer, über Ägypten. Ihre Hauptstadt war Alexandria, eine neue Stadt am Meer. Sie wollten dort möglichst viel Wissen sammeln und suchten deshalb nach Büchern aus aller Welt.
Bücher sahen damals anders aus als heute. Sie waren lange Rollen aus Papyrus. Das ist ein Schreibmaterial aus einer Pflanze, die am Nil wächst. Ein langes Buch brauchte mehrere Rollen. Die Bibliothek bewahrte sie in Regalen oder Schränken auf.
Die Könige bezahlten Gelehrte dafür, in der Nähe der Bibliothek zu leben und zu arbeiten. Sie bekamen Essen und Geld. Sie ordneten Bücher, verbesserten Fehler in alten Gedichten, berechneten die Größe der Erde und untersuchten die Sterne und den menschlichen Körper.
Eine Geschichte erzählt, dass die Männer des Königs Bücher von Schiffen im Hafen mitnahmen und abschrieben. Manchmal sollen sie sogar die Originale behalten und den Besitzern nur die Abschriften zurückgegeben haben! Vielleicht ist die Geschichte übertrieben. Sie zeigt aber, wie wichtig den Königen Bücher waren.
Viele Menschen glauben, die Bibliothek sei bei einem einzigen großen Brand zerstört worden. So einfach war es nicht. Sie wurde mehrmals beschädigt und verschwand über viele Jahrhunderte hinweg. Heute steht in Alexandria eine neue Bibliothek. Sie heißt Bibliotheca Alexandrina und erinnert an die alte Bibliothek.
Auf einen Blick
- Gründung
- Frühes 3. Jahrhundert v. Chr., wahrscheinlich unter Ptolemaios II. Philadelphos (reg. 283–246 v. Chr.); möglicherweise plante Ptolemaios I. sie bereits
- Ort
- Das königliche Viertel (Brucheion) von Alexandria in Ägypten, als Teil des Museions; der genaue Standort ist unbekannt
- Herrscher und Förderer
- Die ptolemäische Dynastie, makedonisch-griechische Könige Ägyptens
- Bestand
- Papyrusrollen; antike Angaben reichen von etwa 40.000 bis 700.000 und lassen sich nicht überprüfen
- Bekannte Gelehrte
- Zenodotos, Kallimachos, Apollonios von Rhodos, Eratosthenes, Aristophanes von Byzanz, Aristarchos von Samothrake
- Zweigbibliothek
- Eine zweite Sammlung im Serapeum, dem Tempel des Serapis, seit der Regierungszeit Ptolemaios’ III.
- Ende
- Allmählicher Niedergang; 48 v. Chr. beschädigt, wahrscheinlich bei Kämpfen in den 270er-Jahren n. Chr. zerstört; das Serapeum wurde 391 n. Chr. niedergerissen
- Nachwirkung
- Vorbild für spätere Bibliotheken und die wissenschaftliche Textkritik; seit 2002 erinnert die Bibliotheca Alexandrina an sie
Einfach
Was war die Bibliothek von Alexandria?
Die Bibliothek von Alexandria war die königliche Bibliothek der Ptolemäer, einer makedonisch-griechischen Dynastie, die nach dem Tod Alexanders des Großen über Ägypten herrschte. Sie befand sich in Alexandria, der Hafenstadt, die Alexander 331 v. Chr. an der Mittelmeerküste Ägyptens gegründet hatte und die die Ptolemäer zu ihrer Hauptstadt machten.
Die Bibliothek war kein eigenständiges Gebäude wie eine heutige öffentliche Bibliothek. Sie gehörte zu einer größeren königlichen Einrichtung, dem Museion: einem „Heiligtum der Musen“, der Göttinnen der Künste und des Wissens. Von diesem Namen stammt das Wort „Museum“. Im Museion lebten und arbeiteten Gelehrte, die vom König bezahlt wurden, gemeinsam aßen und forschten. Die Bibliothek war ihr wichtigstes Arbeitsmittel.
Ihr Ziel war für die damalige Zeit erstaunlich: Sie wollte Abschriften aller griechischen Bücher sammeln und, späteren Berichten zufolge, auch bedeutende Werke anderer Völker. Niemand weiß, wie viele Schriftrollen sie tatsächlich besaß. Sicher ist jedoch, dass sie die größte Sammlung der griechischen Welt war. Ihre Gelehrten prägten über Jahrhunderte, wie griechische Literatur und Wissenschaft erforscht wurden.
Über die Bibliothek ist nur wenig sicher bekannt. Keine ausführliche antike Beschreibung ist erhalten, Archäologen haben kein Gebäude eindeutig als Bibliothek identifiziert, und viele berühmte Geschichten über sie wurden erst Jahrhunderte später aufgeschrieben. Wer sich mit der Bibliothek von Alexandria beschäftigt, muss daher auch lernen, wie Historiker Belege von Legenden unterscheiden.
Einfach
Wie funktionierte sie? Schriftrollen, Regale und die Suche nach Büchern
Antike Bücher wurden von Hand auf Papyrus geschrieben, einem Schreibmaterial aus Streifen einer Pflanze, die am Nil reichlich wuchs. Die Blätter wurden zu langen Rollen zusammengeklebt. Ein umfangreiches Werk wie Homers Ilias füllte viele Rollen. Einen Text in „Bücher“ einzuteilen, die jeweils auf eine Rolle passten, gehörte zur Arbeit der Bibliothekare. Weil Ägypten über den Papyrus verfügte, hatte Alexandria einen großen Vorteil.
Die Ptolemäer kauften eifrig Bücher. Königliche Beauftragte sollen Buchmärkte etwa in Athen und auf Rhodos besucht haben. Der Arzt Galen berichtet im 2. Jahrhundert n. Chr., dass Bücher auf Schiffen, die Alexandria anliefen, auf königlichen Befehl eingezogen und abgeschrieben wurden. Die Bibliothek habe die Originale behalten und sie mit „von den Schiffen“ gekennzeichnet. Galen erzählt außerdem, Ptolemaios III. habe die amtlichen Athener Abschriften der Dramen von Aischylos, Sophokles und Euripides gegen ein Pfand von fünfzehn Talenten ausgeliehen. Dann habe er die Originale behalten, Abschriften zurückgegeben und auf sein Pfand verzichtet.
Ältere Abschriften waren besonders begehrt, weil die Gelehrten glaubten, sie stünden dem ursprünglichen Text des Autors näher. Von Homers Dichtungen erwarb die Bibliothek viele verschiedene Abschriften aus unterschiedlichen Städten und kennzeichnete sie nach ihrer Herkunft, damit sie verglichen werden konnten.
Damit man in einer solchen Sammlung etwas finden konnte, mussten die Werke geordnet werden. Zenodotos, der erste bekannte Leiter der Bibliothek, ordnete Werke anscheinend alphabetisch nach dem ersten Buchstaben des Autorennamens. Der Dichter und Gelehrte Kallimachos verfasste die Pinakes („Verzeichnisse“), einen Katalog in 120 Büchern. Darin führte er Autoren nach Gattungen auf, mit kurzen Lebensbeschreibungen und Listen ihrer Werke. Er gilt oft als erster Bibliothekskatalog dieser Art.
Einfach
Die Gelehrten des Museions
Der Geograf Strabon, der Alexandria um 20 v. Chr. besuchte, berichtet, dass die Gelehrten des Museions als Gemeinschaft lebten. Sie hatten einen gemeinsamen Speisesaal und einen überdachten Gang zum Spazieren und Reden. An ihrer Spitze stand ein vom König ernannter Priester. Die Gelehrten erhielten Gehälter und kostenlose Verpflegung. Der Satiriker Timon von Phleius verspottete sie als wohlgenährte „Bücherwürmer“, die im „Vogelkäfig der Musen“ stritten.
Der Leiter der Bibliothek war ein vom König ernannter Gelehrter und oft zugleich Lehrer des Thronfolgers. Zu den überlieferten Leitern zählen Zenodotos von Ephesos, der eine Ausgabe Homers erstellte; Apollonios von Rhodos, der Verfasser des Epos Argonautika; Eratosthenes von Kyrene, der den Erdumfang anhand der unterschiedlichen Sonnenstände an zwei Orten Ägyptens abschätzte; Aristophanes von Byzanz, der zur Entwicklung griechischer Akzentzeichen und zur Gliederung von Versen beitrug; und Aristarchos von Samothrake, der in der Antike besonders für seine Arbeit an Homer geschätzt wurde.
Auch Mathematiker, Astronomen und Ärzte arbeiteten in dieser Zeit in Alexandria. Der Arzt Herophilos untersuchte dort den menschlichen Körper, unter anderem durch Sektionen. Der Überlieferung nach lehrte auch Euklid in der Stadt. Wie genau diese Männer mit der Bibliothek verbunden waren, ist oft unklar. Die königliche Sammlung und die Förderung durch die Herrscher machten Alexandria jedoch im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. zum führenden Zentrum griechischer Gelehrsamkeit.
Mittel
Die Gründung: Könige, Philosophen und die Politik des Wissens
Nach Alexanders Tod 323 v. Chr. teilten seine Generäle sein Reich auf. Ptolemaios, der Sohn des Lagos, übernahm Ägypten und erklärte sich 305 v. Chr. als Ptolemaios I. Soter zum König. Wie die anderen hellenistischen Könige herrschte er über eine überwiegend nichtgriechische Bevölkerung und wetteiferte mit anderen griechischen Königshöfen um Ansehen. Die Förderung von Kultur gehörte zur Herrschaft: Eine große Bibliothek zeigte Reichtum, zog begabte Menschen an und untermauerte den Anspruch der Dynastie, Erbin der griechischen Kultur zu sein.
Der älteste erhaltene Bericht über die Gründung ist der Aristeasbrief, ein jüdisch-griechischer Text, der vermutlich im 2. Jahrhundert v. Chr. entstand. Darin rät Demetrios von Phaleron, ein Athener Staatsmann und Schüler der Schule des Aristoteles, dem König, alle Bücher der Welt zu sammeln. Der Brief erzählt auch, wie zweiundsiebzig jüdische Gelehrte das hebräische Gesetz für die Bibliothek ins Griechische übersetzten. Das ist die Ursprungslegende der Septuaginta. Als historische Quelle ist der Brief nicht zuverlässig: Er entstand viel später, sollte die Übersetzung rühmen und verwechselt Regierungszeiten.
Die meisten heutigen Historiker nehmen an, dass Ptolemaios I. möglicherweise mit dem Sammeln von Büchern und der Planung einer Einrichtung begann, vielleicht auf Rat des Demetrios. Zur arbeitsfähigen Institution wurden Bibliothek und Museion aber wohl erst unter seinem Sohn Ptolemaios II. Philadelphos (reg. 283–246 v. Chr.). Die Schule des Aristoteles in Athen, das Lykeion, war mit ihrer eigenen Büchersammlung und ihrem Interesse an der Ordnung des gesamten Wissens wahrscheinlich ein wichtiges Vorbild.
Es gab auch ältere Sammlungen im Vorderen Orient, etwa die großen Tontafelsammlungen assyrischer Könige in Ninive. Ob die Ptolemäer sie bewusst nachahmten, ist unbekannt. Die Idee, dass ein König das Wissen der Welt zusammenträgt, war jedenfalls nicht neu. Neu waren der Umfang der Sammlung und die Gemeinschaft bezahlter Gelehrter, die mit ihr verbunden war.
Mittel
Wo stand sie, und wie sah sie aus?
Die Bibliothek befand sich im Brucheion, dem Palastviertel des antiken Alexandria nahe dem östlichen Hafen. Strabon erwähnt in seiner Beschreibung des Museions einen Wandelgang (Peripatos), einen Saal mit Sitzgelegenheiten (Exedra) und ein großes Gebäude mit dem gemeinsamen Speisesaal der Gelehrten. Die Bibliothek selbst beschreibt er jedoch nicht. Spätere Autoren stellten sich prächtige Säle vor, aber kein erhaltener antiker Text enthält einen Grundriss.
Antike Bibliotheken bewahrten Schriftrollen gewöhnlich in Holzschränken oder Wandnischen von Räumen auf, die sich zu Säulengängen öffneten. Zum Lesen nahm man die Rollen ins Licht. Es ist plausibel, sich die Bibliothek von Alexandria ähnlich vorzustellen. Das ist jedoch eine Schlussfolgerung aus anderen Orten, etwa der Bibliothek von Pergamon, und keine Beschreibung Alexandrias.
Auch die Archäologie hat die Frage nicht gelöst. Das antike Palastviertel liegt unter der heutigen Stadt und teilweise unter dem Meer, weil sich die Küstenlinie seit der Antike gesenkt hat. Bei Ausgrabungen am Kom el-Dikka entdeckte ein polnisches Team mehrere Hörsäle aus der Spätantike. Sie zeigen, dass Alexandria weiterhin ein Ort der Lehre war, stammen aber aus einer Zeit Jahrhunderte nach der ptolemäischen Bibliothek. Einige Räume am Serapeum wurden als mögliche Lagerstätten der Zweigbibliothek gedeutet, doch das bleibt unsicher.
Rekonstruktionen, Gemälde und Filme sollte man deshalb mit Vorsicht betrachten. Sie zeigen begründete Vermutungen. Die ehrlichste Antwort auf die Frage „Wie sah sie aus?“ lautet: Wir wissen es nicht.
Mittel
Was enthielt die Sammlung, und wie groß war sie?
Den Kern der Sammlung bildete griechische Literatur: Epen, Dramen, Lyrik, Geschichtsschreibung, Philosophie, Medizin, Mathematik und Astronomie. Die Gelehrten beschäftigten sich besonders mit Homer, den Dramatikern und den lyrischen Dichtern. Sie erstellten Textfassungen, die in der griechischen und später in der römischen Welt abgeschrieben wurden. Viele heute erhaltene Texte griechischer Klassiker gehen auf Ausgaben und Kommentare alexandrinischer Gelehrter zurück.
Auch nichtgriechische Werke waren von Interesse. Neben der griechischen Übersetzung der hebräischen Schriften, von der der Aristeasbrief berichtet, verfasste der ägyptische Priester Manetho unter den frühen Ptolemäern eine Geschichte Ägyptens auf Griechisch. Der babylonische Priester Berossos tat am seleukidischen Hof Ähnliches für Babylonien. Wie viel Literatur auf Ägyptisch oder in anderen Sprachen die Bibliothek tatsächlich besaß, ist unbekannt.
Die Zahlenangaben sind besonders problematisch. Antike und byzantinische Autoren nennen Bestände zwischen 40.000 und 700.000 Schriftrollen. Der spätere Schriftsteller Aulus Gellius behauptet, 700.000 seien verbrannt. Der byzantinische Gelehrte Johannes Tzetzes nennt im 12. Jahrhundert getrennte Zahlen für die Palastbibliothek und die Sammlung im Serapeum. Weil ein Werk viele Rollen füllen konnte und diese Angaben erst lange nach der fraglichen Zeit entstanden, taugen sie nicht als Zählungen. Viele Historiker halten einen Bestand von mehreren Zehntausend bis zu wenigen Hunderttausend Schriftrollen für plausibel.
Alexandria hatte eine Rivalin: Die Attalidenkönige von Pergamon in Kleinasien errichteten im 2. Jahrhundert v. Chr. eine eigene große Bibliothek. Der römische Schriftsteller Plinius berichtet unter Berufung auf Varro, die Ptolemäer hätten die Ausfuhr von Papyrus eingestellt, weshalb man in Pergamon Pergament entwickelt habe. Das Wort „Pergament“ leitet sich von Pergamon ab. Pergament wurde allerdings schon früher verwendet. Die Geschichte ist daher bestenfalls eine Vereinfachung, spiegelt aber einen wirklichen Wettstreit zwischen königlichen Bibliotheken wider.
Mittel
Niedergang und Zerstörung: viele Rückschläge statt eines einzigen Brandes
Der erste schwere Rückschlag war politischer Art. Nachdem Ptolemaios VIII. 145 v. Chr. die Macht ergriffen hatte, verfolgte er seine Gegner. Auch Gelehrte flohen. Der Leiter der Bibliothek, Aristarchos, ging nach Zypern, und Schüler wie Dionysios Thrax lehrten anderswo. Danach wurde das Amt des Bibliotheksleiters bisweilen an Höflinge statt an Gelehrte vergeben. Alexandria verlor einen Teil seiner führenden Stellung.
Im Jahr 48 v. Chr. wurde Julius Caesar in Alexandria belagert. Damals herrschte ein Bürgerkrieg zwischen Kleopatra und ihrem Bruder Ptolemaios XIII. Caesar ließ Schiffe im Hafen anzünden, und das Feuer griff auf Gebäude in der Nähe der Docks über. Spätere Autoren sind sich uneinig, was verbrannte: Seneca spricht unter Berufung auf Livius von 40.000 Büchern; Plutarch schreibt, das Feuer habe „die große Bibliothek“ zerstört; Cassius Dio erwähnt Lagerhäuser mit Getreide und Büchern in Hafennähe. Viele Historiker schließen daraus, dass gelagerte Bücher am Hafen verloren gingen, die Bibliothek als Einrichtung aber weiterbestand. Strabon besuchte das Museion etwa zwanzig Jahre später, und Gelehrte arbeiteten weiterhin in Alexandria.
Unter römischer Herrschaft bestand das Museion fort. Kaiser verliehen die Mitgliedschaft jedoch bisweilen als Ehrung an Menschen, die keine Gelehrten waren. Die letzten bekannten Hinweise auf Mitglieder des Museions stammen aus den 260er-Jahren n. Chr. Im Jahr 272 n. Chr. eroberte Kaiser Aurelian Alexandria von den Truppen der Königin Zenobia von Palmyra zurück. Die Kämpfe verwüsteten das Brucheion. Die Belagerung durch Diokletian 297–298 verursachte weitere Zerstörungen. Was von der Hauptbibliothek noch übrig war, überstand diese Kriege wahrscheinlich nicht.
Das Serapeum, der große Tempel des Serapis, der seit Ptolemaios III. eine Zweigbibliothek beherbergt hatte, bestand länger. Im Jahr 391 n. Chr. wurde der Tempel unter Bischof Theophilos niedergerissen, nachdem kaiserliche Gesetze heidnische Kulte verboten hatten und es in der Stadt zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Heiden und Christen gekommen war. Ob er damals noch eine bedeutende Büchersammlung enthielt, ist unklar. Die Quellen über seine Zerstörung konzentrieren sich auf den Tempel und sein Kultbild.
Mittel
Mythen über das Ende der Bibliothek
Weil die Bibliothek zum Sinnbild für verlorenes Wissen wurde, erzählte man von ihrem Ende oft als einer einzigen dramatischen Untat. In verschiedenen Zeiten machte man unterschiedliche Schuldige aus: Caesar, Christen oder Muslime.
Die bekannteste Geschichte macht die arabische Eroberung verantwortlich. Alexandria ergab sich 641–642 n. Chr. dem Heer von ʿAmr ibn al-ʿĀs. Autoren um 1200 und später, darunter Abd al-Latif al-Baghdadi, Ibn al-Qifti und Bar Hebräus, erzählen, der Kalif Umar habe die Vernichtung der Bücher befohlen. Wenn sie mit dem Koran übereinstimmten, seien sie überflüssig; wenn sie ihm widersprächen, seien sie schädlich. Die Bücher sollen sechs Monate lang die Badehäuser der Stadt beheizt haben. Keine Quelle aus der Zeit der Eroberung erwähnt dies. Die meisten Historiker halten die Geschichte spätestens seit Edward Gibbon im 18. Jahrhundert für eine Legende. Einige vermuten, sie sei in der Zeit der Ayyubiden entstanden, als die Palastbibliothek der Fatimiden in Kairo aufgelöst und verkauft wurde.
Ein weiterer moderner Mythos verbindet die Bibliothek mit Hypatia, einer Mathematikerin und Philosophin, die 415 n. Chr. von einem christlichen Mob ermordet wurde. Ihre Ermordung ist eine historische Tatsache. Sie lehrte jedoch an ihrer eigenen Schule, und es gibt keinen Beleg dafür, dass sie Bibliothekarin war oder dass die ptolemäische Bibliothek zu ihrer Zeit noch bestand. Bekannt wurde diese Verbindung besonders durch moderne Werke, darunter Carl Sagans Fernsehserie Cosmos (1980).
Historiker bevorzugen heute ein weniger dramatisches, aber besser belegtes Bild: Die Bibliothek verfiel über Jahrhunderte, weil die königliche Förderung wegfiel, politische Gewalt und Kriege Schäden anrichteten und Papyrus zerfiel, wenn Texte nicht erneut abgeschrieben wurden. Wissen ging nicht nur durch Feuer, sondern auch durch Vernachlässigung verloren.
Mittel
Nachwirkung: von der alexandrinischen Gelehrsamkeit zur Bibliotheca Alexandrina
Das wichtigste Erbe der Bibliothek ist eine Methode. Alexandrinische Gelehrte verglichen Handschriften, kennzeichneten zweifelhafte Textstellen mit kritischen Zeichen, erklärten schwierige Wörter und Anspielungen in Kommentaren und erstellten maßgebliche Ausgaben. Daraus entwickelten sich Textkritik und Philologie. Spätere Gelehrte wandten diese Methoden auf die Bibel und lateinische Klassiker an, sehr viel später auch auf Texte in vielen anderen Sprachen.
Vieles von dem, was in Alexandria untersucht wurde, blieb erhalten, weil es andernorts abgeschrieben wurde: in römischen und byzantinischen Bibliotheken, in christlichen Zentren wie Caesarea und durch die Übersetzung griechischer Wissenschaft und Philosophie ins Syrische und Arabische, besonders im Bagdad des 9. Jahrhunderts. Ab dem 12. Jahrhundert gelangten viele dieser Werke ins lateinische Europa. Der Verlust der alexandrinischen Sammlung war ein schwerer Verlust. Dass antikes Wissen überlebte, hing jedoch von vielen Bibliotheken ab.
In der Neuzeit wurde die Bibliothek zu einem starken Symbol für umfassendes Wissen und dessen Gefährdung durch Krieg und Vernachlässigung. Ägypten errichtete mit Unterstützung der UNESCO und vieler Länder die Bibliotheca Alexandrina nahe dem vermuteten Standort des antiken Palastviertels. Sie wurde vom norwegischen Architekturbüro Snøhetta entworfen, 2002 eröffnet und dient als Bibliothek, Museumskomplex und Forschungszentrum.
Fortgeschritten
Forschungsdebatten und offene Fragen
Wer gründete die Bibliothek, und wann? Die Quellen sind spät und parteiisch. Der Aristeasbrief und spätere Überlieferungen schreiben die Gründung Ptolemaios I. und Demetrios von Phaleron zu, während andere antike Hinweise und heutige Historiker Ptolemaios II. hervorheben. Da Demetrios bei Ptolemaios’ II. Machtantritt in Ungnade gefallen sein soll, wird seine Rolle als Organisator bezweifelt. Möglicherweise half er jedoch bei frühen Ankäufen. Die zeitliche Abfolge der Bibliotheksleiter beruht vor allem auf einer bruchstückhaft erhaltenen Papyrusliste (P.Oxy. 1241) und byzantinischen Nachschlagewerken; sie enthält Widersprüche.
Wie groß war die Sammlung? Roger Bagnall hat argumentiert, dass die hohen Zahlen nicht zu dem passen, was über die Zahl griechischer Autoren und Werke im 3. Jahrhundert v. Chr. bekannt ist. Historiker sollten die antiken Angaben seiner Ansicht nach als Ausdruck von Größe lesen, nicht als Daten. Andere halten es für möglich, dass eine große Sammlung mit mehreren Abschriften und Ausgaben einzelner Werke sechsstellige Zahlen erreichte. In der Debatte geht es weniger um eine bestimmte Zahl als um den Umgang mit antiken Statistiken.
Was zerstörte Caesars Feuer? Die Berichte von Seneca, der Livius zitiert, Plutarch, Cassius Dio und anderen unterscheiden sich in ihrer Wortwahl und in den überlieferten Handschriften. Manche Historiker meinen, die Hauptbibliothek sei 48 v. Chr. verbrannt. Andere verweisen auf die weitere Tätigkeit von Gelehrten und auf Strabons Besuch und vermuten, dass nur gelagerte Bücher in Hafennähe verloren gingen. Weitere Fragen betreffen die römische Zeit: Wurde die Bibliothek wiederhergestellt? Und wie verhielt sich ihr Bestand zu anderen Sammlungen Alexandrias, etwa dem Serapeum und den Bibliotheken an Gebäuden des Kaiserkults?
Welchen geistigen Charakter hatte sie? Manche Forscher betonen ihre Rolle für die Selbstdarstellung und Machtausübung der Könige: Die Gelehrten waren vom König abhängig und konnten vertrieben werden. Andere heben die Eigenständigkeit der alexandrinischen Wissenschaft und Gelehrsamkeit hervor. Neuere Arbeiten fragen außerdem, wie griechische und ägyptische Kultur im ptolemäischen Alexandria zusammenwirkten und ob die „universelle“ Bibliothek in der Praxis überwiegend griechisch war.
Fortgeschritten
Quellen und Methoden
Literarische Quellen. Die wichtigsten Belege sind verstreute Textstellen: der Aristeasbrief; Strabons Geographie über das Museion; Galens Erzählungen über die Beschaffung von Büchern; Berichte von Seneca, Plutarch, Aulus Gellius, Cassius Dio und Ammianus Marcellinus über Zerstörungen; Schriften byzantinischer Gelehrter wie Tzetzes; sowie viel spätere arabische Texte. Die meisten entstanden Jahrhunderte nach den Ereignissen und verfolgten moralische oder rhetorische Ziele. Deshalb muss man bei jeder Quelle auf Entstehungszeit, Gattung und Absicht achten.
Indirekte Zeugnisse aus der Gelehrtenarbeit. Die Arbeit alexandrinischer Gelehrter ist indirekt erhalten geblieben, vor allem in Scholien, also Randbemerkungen mittelalterlicher Handschriften zu Homer und anderen Dichtern. Sie zitieren Textfassungen von Zenodotos, Aristophanes und Aristarchos. In Ägypten gefundene Papyri, besonders aus Oxyrhynchos, zeigen, welche Texte in den griechischsprachigen Städten Ägyptens verbreitet waren, und bewahren manchmal Zeichen der alexandrinischen Textbearbeitung.
Archäologie. Das Aussehen des antiken Alexandria wird anhand weniger Ausgrabungen in der dicht bebauten heutigen Stadt, durch Untersuchungen der Häfen unter Wasser und mithilfe von Beschreibungen wie der Strabons erschlossen. Kein ausgegrabenes Bauwerk konnte eindeutig als ptolemäische Bibliothek identifiziert werden. Aussagen über ihre Architektur bleiben daher Hypothesen.
Geschichtsschreibung. Seit der Renaissance dient die Bibliothek als Symbol in Debatten über Religion, Reiche und Zivilisation. Eine Geschichte der Bibliothek muss deshalb auch untersuchen, wie man sich später an sie erinnerte. Wer welche Geschichte über ihre Zerstörung erzählte und warum, gehört selbst zum Untersuchungsgegenstand.
Kernideen
- Universalbibliothek
- Das Ziel der Ptolemäer, Abschriften des gesamten schriftlich festgehaltenen Wissens an einem Ort zu sammeln, zumindest aber die gesamte griechische Literatur.
- Museion
- Die königliche Einrichtung der Musen, zu der die Bibliothek gehörte: eine Gemeinschaft von Gelehrten, die vom König bezahlt wurden.
- Königliche Förderung
- Die Gelehrten waren auf Geld und Wohlwollen des Königs angewiesen. Fiel seine Unterstützung weg oder wandte er sich gegen sie, litt ihre Arbeit.
- Textkritik
- Der Vergleich von Handschriften, um einen möglichst zuverlässigen Text herzustellen. Alexandrinische Gelehrte entwickelten diese Methode weiter; sie wird noch heute verwendet.
- Katalogisierung
- Die Ordnung einer großen Sammlung nach Autoren, Gattungen und Alphabet, wie in den Pinakes des Kallimachos.
- Allmählicher Niedergang
- Die Bibliothek verschwand durch politische Verfolgungen, Kriegsschäden, ausbleibende Finanzierung und zerfallenden Papyrus, nicht bei einem einzigen Brand.
- Symbol für verlorenes Wissen
- Seit der Antike dient die Bibliothek als Symbol. Ihre Geschichte wurde immer wieder neu erzählt, um verschiedenen Gruppen die Schuld an ihrem Verlust zu geben.
Einträge
- 331 v. Chr. — Alexander der Große gründet Alexandria an der ägyptischen Küste (331 v. Chr.).
- 305 v. Chr. — Ptolemaios I. nimmt den Titel „König von Ägypten“ an (305 v. Chr.).
- um 295 v. Chr. — Demetrios von Phaleron kommt nach Alexandria und berät der Überlieferung nach Ptolemaios I. beim Sammeln von Büchern.
- 283 v. Chr. — Ptolemaios II. Philadelphos wird Alleinherrscher (283 v. Chr.); Bibliothek und Museion entstehen wahrscheinlich während seiner Regierungszeit.
- um 246 v. Chr. — Unter Ptolemaios III. wird eine Zweigbibliothek im Serapeum eingerichtet. Etwa zu dieser Zeit wird Eratosthenes Leiter der Bibliothek.
- 145 v. Chr. — Ptolemaios VIII. verfolgt seine Gegner; Aristarchos und andere Gelehrte verlassen Alexandria (145 v. Chr.).
- 48 v. Chr. — Während Caesars Belagerung Alexandrias greift ein Feuer vom Hafen aus um sich und vernichtet Bücher (48 v. Chr.).
- um 20 v. Chr. — Strabon besucht Alexandria und beschreibt das Museion (um 20 v. Chr.).
- 272 n. Chr. — Bei Aurelians Rückeroberung Alexandrias wird das königliche Viertel verwüstet, in dem die Bibliothek stand.
- 391 n. Chr. — Das Serapeum wird unter Bischof Theophilos niedergerissen.
- 642 n. Chr. — Das arabische Heer von ʿAmr ibn al-ʿĀs nimmt Alexandria ein. Viel spätere Quellen behaupten, der Kalif habe die Verbrennung von Büchern befohlen.
- 2002 — Die Bibliotheca Alexandrina wird im heutigen Alexandria eröffnet.
Glossar
- Papyrus
- Ein Schreibmaterial aus Streifen der Papyruspflanze, die zu Blättern und Rollen zusammengefügt wurden; das wichtigste Material für Bücher im antiken Mittelmeerraum.
- Schriftrolle
- Ein Buch in Form einer langen Rolle, die man beim Lesen von einer Seite zur anderen aufrollte.
- Ptolemäer
- Die makedonisch-griechische Dynastie, die von 305 bis 30 v. Chr. über Ägypten herrschte; ihre letzte Herrscherin war Kleopatra VII.
- Hellenistisch
- Bezeichnung für die Zeit und Kultur der griechisch beherrschten Königreiche nach Alexanders Eroberungen (323–31 v. Chr.).
- Museion
- Ein Heiligtum der Musen; in Alexandria die königliche Forschungseinrichtung, zu der die Bibliothek gehörte.
- Serapeum
- Der Tempel des griechisch-ägyptischen Gottes Serapis in Alexandria, in dem sich eine Zweigbibliothek befand.
- Pinakes
- Der Katalog griechischer Autoren und ihrer Werke, den Kallimachos in 120 Büchern verfasste; bis auf Bruchstücke ist er verloren.
- Scholien
- Randbemerkungen in Handschriften, die häufig Ansichten antiker Gelehrter überliefern.
- Philologie
- Die Erforschung von Texten und Sprachen, einschließlich der Bearbeitung von Texten und der Erklärung ihrer Bedeutung.
- Septuaginta
- Die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel, mit der im 3. Jahrhundert v. Chr. in Alexandria begonnen wurde.
Fragen und Antworten
Verbrannte die Bibliothek von Alexandria bei einem einzigen großen Brand?
Nein. Ein Brand im Jahr 48 v. Chr. vernichtete Bücher, doch die Bibliothek bestand wahrscheinlich weiter. Sie verfiel über Jahrhunderte und wurde vermutlich in den Kriegen der 270er-Jahre n. Chr. zerstört. Ihre Zweigbibliothek im Serapeum endete, als der Tempel 391 n. Chr. niedergerissen wurde.
Wie viele Bücher besaß sie?
Das weiß niemand. Antike Autoren nennen 40.000 bis 700.000 Schriftrollen. Diese späten Angaben sind jedoch unzuverlässig, und ein Buch konnte mehrere Rollen füllen.
Konnte jeder hineingehen und lesen?
Es war eine königliche Bibliothek für Gelehrte, die vom König unterstützt wurden, keine öffentliche Bibliothek im heutigen Sinn. Ob und in welchem Umfang Außenstehende sie nutzen durften, ist nicht überliefert.
Zerstörten Muslime die Bibliothek im Jahr 642?
Die meisten Historiker halten das für unwahrscheinlich. Die Geschichte erscheint erst bei Autoren um 1200 und später, mehr als fünf Jahrhunderte nach der Eroberung. Die Hauptbibliothek war wahrscheinlich schon lange zuvor verschwunden.
War Hypatia die letzte Bibliothekarin?
Nein. Hypatia war eine angesehene Philosophin und Mathematikerin, die 415 n. Chr. ermordet wurde. Es gibt aber keinen Beleg dafür, dass sie in der Bibliothek arbeitete. Wahrscheinlich bestand diese zu ihrer Zeit nicht mehr.
Haben Archäologen die Bibliothek gefunden?
Nicht mit Sicherheit. Das königliche Viertel liegt unter dem heutigen Alexandria und teilweise unter dem Meer. Kein ausgegrabenes Gebäude konnte eindeutig als Bibliothek identifiziert werden.
Warum misstrauen Historiker manchen berühmten Geschichten, etwa der von den Büchern auf Schiffen?
Solche Geschichten stammen von Autoren wie Galen, die erst Jahrhunderte später schrieben. Sie sollten den Eifer der Könige veranschaulichen. Möglicherweise beruhen sie auf wirklichen Maßnahmen, doch die Einzelheiten lassen sich nicht überprüfen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Library of Alexandria. Wikipedia
- Mouseion. Wikipedia
- Serapeum of Alexandria. Wikipedia
- Letter of Aristeas. Wikipedia
- Pinakes. Wikipedia
- Bibliotheca Alexandrina. Wikipedia
- Lionel Casson, Libraries in the Ancient World. Yale University Press, 2001
- P. M. Fraser, Ptolemaic Alexandria. Clarendon Press, Oxford, 1972
- Roger S. Bagnall, Alexandria: Library of Dreams. Proceedings of the American Philosophical Society, 2002
- Roy MacLeod (ed.), The Library of Alexandria: Centre of Learning in the Ancient World. I. B. Tauris, 2000
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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
