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- Mittel
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Für junge Leser
Sokrates lebte vor etwa 2.400 Jahren in Athen in Griechenland. Er war weder reich noch besonders schön. Die Leute machten Witze über seine Stupsnase und seine großen Augen. Oft lief er barfuß in einem alten Mantel herum. Aber eines konnte er besonders gut: Fragen stellen.
Auf dem Marktplatz fragte er die Menschen zum Beispiel: „Was ist Mut?“ oder „Was ist Gerechtigkeit?“ Jemand gab eine Antwort. Dann fragte Sokrates weiter, bis die Person merkte: So genau wusste sie es doch nicht. Manche mochten das. Andere fanden es lästig.
Ein Freund fragte einmal das berühmte Orakel des Gottes Apollon in Delphi, ob jemand klüger sei als Sokrates. Die Antwort war: Nein. Sokrates wunderte sich darüber. Er sprach mit vielen Menschen und kam zu dem Schluss: Er war nur deshalb ein wenig klüger, weil er wusste, dass er vieles nicht wusste.
Als Sokrates etwa 70 Jahre alt war, wurde er angeklagt. Einige Athener sagten, er achte die Götter der Stadt nicht und beeinflusse junge Menschen schlecht. Ein Gericht sprach ihn schuldig und verurteilte ihn zum Tod. Freunde wollten ihm bei der Flucht helfen. Er lehnte ab und trank einen Becher Gift.
Sokrates schrieb nie ein Buch. Wir kennen ihn, weil seine Schüler über ihn schrieben, besonders Platon. In ihren Texten spricht Sokrates mit anderen Menschen. Noch heute stellen Menschen auf der ganzen Welt Fragen nach seinem Vorbild.
Auf einen Blick
- Lebenszeit
- Etwa 470/469–399 v. Chr.
- Ort
- Athen, Griechenland (Demos Alopeke)
- Familie
- Sohn des Steinmetzen Sophroniskos und der Hebamme Phainarete; verheiratet mit Xanthippe; drei Söhne
- Schriften
- Keine; bekannt durch Platon, Xenophon, Aristophanes und Aristoteles
- Methode
- Prüfung von Überzeugungen durch Fragen und Antworten (Elenchos)
- Berühmter Ausspruch (bei Platon)
- „Das ungeprüfte Leben ist für den Menschen nicht lebenswert“ (Apologie 38a)
- Tod
- Wegen Gottlosigkeit und der Verderbnis der Jugend angeklagt; 399 v. Chr. durch das Trinken von Gift hingerichtet (gewöhnlich als Schierling bezeichnet)
- Schüler und Anhänger
- Platon, Xenophon, Antisthenes, Aristippos, Eukleides von Megara und andere
Einfach
Wer war Sokrates?
Sokrates war ein Bürger Athens und lebte im 5. Jahrhundert v. Chr. Damals war Athen die reichste und mächtigste Stadt Griechenlands, eine Demokratie und ein Zentrum für Theater, Kunst und Bildung. Er wurde um 470 v. Chr. geboren und starb 399 v. Chr.
Er ist einer der berühmtesten Philosophen aller Zeiten, obwohl er selbst nichts schrieb. Er leitete keine Schule, verlangte kein Geld und hielt keine Vorträge. Stattdessen verbrachte er seine Tage an öffentlichen Orten – auf der Agora (dem Marktplatz), in den Gymnasien und in Privathäusern – und sprach mit allen, die sich auf ein Gespräch einließen: mit Jungen und Alten, Reichen und Armen, Bürgern und Fremden.
Er sprach darüber, wie man leben soll. Was ist ein gutes Leben? Was sind Tugend, Gerechtigkeit, Mut, Frömmigkeit oder Freundschaft? Darf man jemandem Unrecht tun, der einem selbst Unrecht getan hat? Sokrates glaubte, das Wichtigste für einen Menschen sei, sich um seine Seele, sein Inneres, zu kümmern und zu verstehen, was wirklich gut ist.
Die Philosophen vor ihm, die wir heute Vorsokratiker nennen, untersuchten vor allem die Natur: woraus die Welt besteht und wie sie funktioniert. Sokrates richtete die Philosophie auf das menschliche Leben und die Ethik. Deshalb sagte der römische Schriftsteller Cicero, Sokrates habe die Philosophie „vom Himmel herabgeholt“ und in die Städte und Häuser gebracht.
Einfach
Der Fragende: So funktioniert die sokratische Methode
Sokrates’ Art zu philosophieren heißt Elenchos. Das griechische Wort bedeutet „Prüfung“. Meistens läuft es so ab: Sokrates bittet jemanden, einen wichtigen Begriff zu erklären, zum Beispiel Mut. Die Person antwortet: „Mut heißt, in der Schlacht standzuhalten.“ Sokrates stellt weitere Fragen. Dabei stimmt die Person auch anderen Aussagen zu, etwa dass Mut immer etwas Gutes ist oder dass ein Rückzug manchmal klug sein kann. Schritt für Schritt zeigt sich, dass die erste Antwort nicht zu ihren übrigen Überzeugungen passt.
Dann muss die Person eine bessere Erklärung versuchen, die auf dieselbe Weise geprüft wird. Viele frühe Dialoge Platons enden ohne endgültige Antwort, in einem Zustand, den die Griechen Aporie nannten: Ratlosigkeit. Das kann enttäuschend sein. Für Sokrates war es jedoch ein Fortschritt: Es ist besser zu wissen, dass man etwas nicht weiß, als weiter etwas Falsches zu glauben.
Sokrates behauptete oft, selbst nichts Wichtiges zu wissen und anderen nur beim Denken zu helfen. In Platons Theaitetos vergleicht er sich mit einer Hebamme, wie seine Mutter eine war: Er bringt selbst keine Gedanken zur Welt, sondern hilft anderen dabei und prüft, ob ihre Gedanken Bestand haben. Viele Leser vermuten, dass diese Bescheidenheit zum Teil ironisch war, denn Sokrates war offensichtlich sehr klug. Diese Mischung aus echter Bescheidenheit und spielerischem Spott nennt man „sokratische Ironie“.
Die Geschichte vom Orakel erklärt seine Aufgabe. Nach Platons Apologie fragte sein Freund Chairephon das Orakel von Delphi, ob jemand weiser sei als Sokrates. Die Priesterin antwortete mit Nein. Sokrates prüfte diese Antwort, indem er Politiker, Dichter und Handwerker befragte. Dabei stellte er fest, dass sie glaubten, wichtige Dinge zu wissen, die sie nicht wussten. Er folgerte, seine einzige Weisheit bestehe darin, die eigene Unwissenheit zu erkennen. Sein Fragen verstand er schließlich als Dienst am Gott.
Einfach
Der Mensch Sokrates
Sokrates’ Vater Sophroniskos war Steinmetz oder Bildhauer, seine Mutter Phainarete Hebamme. Er gehörte zum Demos (Gemeindebezirk) Alopeke unmittelbar außerhalb der Stadtmauern. Vielleicht übte er als junger Mann den Beruf seines Vaters aus. Die meiste Zeit seines Lebens scheint er jedoch wenig Geld und keinen festen Beruf gehabt zu haben. Er lebte einfach und war zum Teil auf Freunde angewiesen.
Er heiratete Xanthippe. Sie hatten drei Söhne: Lamprokles, Sophroniskos und Menexenos. Zwei von ihnen waren bei seinem Tod noch kleine Kinder. Spätere Autoren machten Xanthippe zu einer sprichwörtlich zänkischen Ehefrau. Dieses Bild stammt aber überwiegend aus Geschichten, die erst viel später geschrieben wurden, nicht aus Platons Schriften.
Antike Autoren beschreiben sein ungewöhnliches Aussehen: eine flache Stupsnase, hervorstehende Augen und dicke Lippen. In Platons Symposion vergleicht Alkibiades ihn mit einer Satyrstatue: außen hässlich, innen voller goldener Götterbilder. Er war für seine körperliche Widerstandskraft bekannt, lief selbst im Winter barfuß und beherrschte sich gut. Er konnte viel trinken, ohne betrunken zu werden.
Außerdem sagte er, er nehme seit seiner Kindheit ein Daimonion wahr, ein „göttliches Zeichen“ oder eine innere Stimme. Diese hielt ihn manchmal davon ab, etwas zu tun, sagte ihm aber nie, was er tun sollte.
Mittel
Athen zu Sokrates’ Lebzeiten
Sokrates wurde etwa zwanzig Jahre nach der Schlacht bei Marathon geboren, als Athen immer mächtiger und reicher wurde. Als junger Mann erlebte er den Bau des Parthenon, die Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides sowie die politische Führung des Perikles. Athen war eine direkte Demokratie: Männliche Bürger stimmten in der Volksversammlung ab und saßen in großen, durch Los bestimmten Gerichten.
In dieser Welt wirkten auch die Sophisten. Das waren umherziehende Lehrer wie Protagoras und Gorgias, die gegen Bezahlung Rhetorik lehrten – die Kunst, überzeugend zu sprechen. Diese Fähigkeit war für Erfolg in einer Demokratie wichtig. Viele Athener zählten Sokrates zu den Sophisten, obwohl er kein Geld nahm und ihren Anspruch kritisierte, Tugend lehren zu können.
Die zweite Hälfte seines Lebens war vom Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta (431–404 v. Chr.) geprägt. Athen litt 430 v. Chr. unter einer schweren Seuche, an der Perikles starb, und erlitt später verheerende Niederlagen. 404 v. Chr. ergab sich Athen. Eine von Sparta gestützte Oligarchie, die „Dreißig Tyrannen“, übernahm die Macht und ließ viele Bürger töten. 403 v. Chr. wurde die Demokratie wiederhergestellt.
Dieser politische Hintergrund ist für Sokrates’ Geschichte wichtig. Einige Männer, mit denen er sprach, wurden berüchtigt: Alkibiades, ein begabter Feldherr, der Athen an Sparta verriet, sowie Kritias und Charmides, Anführer der Dreißig. Ihre Verbindung zu Sokrates hilft zu erklären, warum viele Athener ihm misstrauten.
Mittel
Soldat und Bürger
Sokrates diente als Hoplit, also als schwer bewaffneter Fußsoldat, in drei Feldzügen des Peloponnesischen Krieges: bei Potidaia in Nordgriechenland (ab 432 v. Chr.), wo er dem verwundeten Alkibiades das Leben rettete; bei Delion (424 v. Chr.), wo er während des Rückzugs der Athener ruhig blieb; und bei Amphipolis (422 v. Chr.). Platons Dialoge rühmen seinen Mut und seine Ausdauer.
Er beteiligte sich selten an der Politik und sagte, sein göttliches Zeichen habe ihn davor gewarnt. Zweimal weigerte er sich jedoch, bei Handlungen mitzumachen, die er für ungerecht hielt. Nach der Seeschlacht bei den Arginusen 406 v. Chr. wollte die athenische Volksversammlung die siegreichen Feldherren gemeinsam vor Gericht stellen, weil sie schiffbrüchige Seeleute nicht gerettet hatten. Sokrates gehörte an diesem Tag dem leitenden Ausschuss des Rates an und wandte ein, ein gemeinsamer Prozess sei ungesetzlich. Die Feldherren wurden dennoch verurteilt und hingerichtet.
404 v. Chr., unter der Herrschaft der Dreißig, erhielten Sokrates und vier weitere Männer den Befehl, Leon von Salamis festzunehmen, damit er hingerichtet und sein Besitz eingezogen werden konnte. Die anderen gingen los; Sokrates ging einfach nach Hause. Später sagte er, er wäre dafür vielleicht getötet worden, wenn das Regime nicht bald darauf gestürzt wäre.
Diese Ereignisse zeigen einen Mann, der die Gesetze und seine Stadt achtete, die Gerechtigkeit aber über den Gehorsam gegenüber einer Mehrheit oder einem Herrscher stellte.
Mittel
Zentrale Gedanken
Sorge für die Seele. Für Sokrates ist die Seele das, was uns ausmacht. Durch Tugend wird sie besser, durch Unrecht schlechter. In der Apologie sagt er den Richtern, er habe sein Leben damit verbracht, die Athener aufzufordern, sich weniger um Geld, Ansehen und Ehre zu kümmern und mehr um Weisheit, Wahrheit und den bestmöglichen Zustand ihrer Seele.
Tugend ist Wissen. Sokrates scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass Tugend – also ein guter Mensch zu sein – eine Art Wissen ist: das Wissen darum, was wirklich gut und schlecht ist. Eng damit verbunden sind die sogenannten „sokratischen Paradoxien“: Niemand tut freiwillig Unrecht, denn jeder will das Gute und handelt nur aus Unwissenheit falsch. Außerdem sind die verschiedenen Tugenden wie Mut, Gerechtigkeit und Weisheit in gewisser Weise eins.
Es ist besser, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun. In Platons Gorgias und Kriton argumentiert Sokrates, dass Unrecht die Seele dessen schädigt, der es begeht. Deshalb darf man niemals Unrecht tun, auch nicht als Vergeltung für erlittenes Unrecht. Das war eine überraschende Behauptung in einer Kultur, in der es oft als gut galt, Freunden zu helfen und Feinden zu schaden.
Das geprüfte Leben. Sokrates glaubte, jeder solle seine Überzeugungen im Gespräch mit anderen durch vernünftiges Nachdenken prüfen. In der Apologie sagt er, „das ungeprüfte Leben ist für den Menschen nicht lebenswert“. Nach Erklärungen für Begriffe zu fragen, einem Gedankengang bis zu seinem Ergebnis zu folgen und Unwissenheit einzugestehen, wurde zu einer grundlegenden Haltung der Philosophie.
Aristoteles, der Sokrates nicht persönlich kannte, aber von Platon unterrichtet wurde, schrieb ihm später zwei Leistungen zu: Schlussfolgerungen von Einzelfällen auf allgemeine Aussagen und die Suche nach allgemeingültigen Definitionen. Er sagte auch, dass Sokrates diese allgemeinen Begriffe anders als Platon nicht als eigenständig bestehende „Ideen“ auffasste.
Mittel
Prozess und Tod
399 v. Chr., als Sokrates etwa 70 Jahre alt war, erhob ein junger Mann namens Meletos öffentliche Anklage gegen ihn. Unterstützt wurde er von Anytos, einem einflussreichen demokratischen Politiker, und von Lykon. Der später überlieferte Vorwurf lautete, Sokrates erkenne die Götter der Stadt nicht an, führe neue göttliche Wesen ein und verderbe die Jugend. Als Strafe wurde der Tod beantragt.
Ein Gericht aus etwa 500 oder 501 Bürgern verhandelte den Fall an einem einzigen Tag. Zwei Darstellungen von Sokrates’ Verteidigung sind erhalten, beide mit dem Titel Apologie (vom griechischen apologia, „Verteidigungsrede“): eine von Platon und eine von Xenophon. In Platons Fassung bittet Sokrates nicht um Gnade. Er erklärt seine Aufgabe und sagt, er sei ein Geschenk des Gottes an Athen – wie eine Bremse, die ein träges Pferd aufweckt. Er werde nicht aufhören zu philosophieren, selbst wenn er dadurch sein Leben retten könnte.
Er wurde mit einem recht knappen Ergebnis schuldig gesprochen, mit ungefähr 280 gegen 220 oder 221 Stimmen. In einem solchen athenischen Prozess durfte der Angeklagte anschließend eine andere Strafe vorschlagen. Platon berichtet, Sokrates habe zunächst gesagt, er verdiene kostenlose Mahlzeiten im Rathaus wie ein Olympiasieger. Danach bot er eine geringe Geldstrafe an, die er mithilfe Platons und anderer Freunde auf 30 Minen erhöhte. Das Gericht entschied sich für die Todesstrafe, Berichten zufolge mit einer größeren Mehrheit.
Die Hinrichtung verzögerte sich um etwa einen Monat, weil niemand hingerichtet werden durfte, solange ein heiliges Schiff auf seiner jährlichen Fahrt zur Insel Delos unterwegs war. In dieser Zeit bereitete sein Freund Kriton eine Flucht vor. In Platons Kriton lehnt Sokrates sie jedoch ab: Eine Flucht würde die Übereinkunft mit den Gesetzen der Stadt brechen, unter denen er sein ganzes Leben gelebt hatte. In Platons Phaidon, der an seinem letzten Tag spielt, spricht er mit seinen Freunden über die Unsterblichkeit der Seele und trinkt dann ruhig das Gift. Der Phaidon nennt es nur „das Mittel“; gewöhnlich wird es als Schierling bezeichnet. Seine überlieferten letzten Worte waren eine Bitte an Kriton, Asklepios, dem Gott der Heilkunst, einen Hahn zu opfern.
Mittel
Wirkung und Nachleben
Nach seinem Tod schrieben viele seiner Anhänger „sokratische Gespräche“ (Sokratikoi logoi), eine neue literarische Gattung. Nur die Werke Platons und Xenophons sind vollständig erhalten. Durch Platon, der um 387 v. Chr. die Akademie gründete, und dessen Schüler Aristoteles steht Sokrates am Anfang einer wichtigen Tradition der griechischen Philosophie.
Fast jede spätere Schule der griechischen Philosophie berief sich auf ihn. Antisthenes bewunderte seine Härte und seine Gleichgültigkeit gegenüber Bequemlichkeit und galt später als Vorläufer der Kyniker. Aristippos von Kyrene, der Begründer der kyrenaischen Schule, zog aus seinem Vorbild eine ganz andere, auf Lust ausgerichtete Lehre. Eukleides gründete die megarische Schule der Logik. Die Stoiker sahen in Sokrates das beste Beispiel für einen wahren Weisen.
Spätere Zeiten deuteten ihn immer wieder neu. Frühchristliche Autoren verglichen seinen ungerechten Tod bisweilen mit dem Tod Jesu. Humanisten der Renaissance priesen ihn als Vorbild sittlicher Weisheit, Denker der Aufklärung sahen in ihm einen Märtyrer des freien Denkens. Im 19. Jahrhundert schrieb Søren Kierkegaard seine Dissertation über die sokratische Ironie, während Friedrich Nietzsche Sokrates als Sinnbild eines übermäßigen Rationalismus angriff.
Heute wird die „sokratische Methode“ in der juristischen Ausbildung, im Unterricht und in der Therapie eingesetzt. Sokratisches Fragen gilt als grundlegende Fähigkeit des kritischen Denkens. Sokrates wird oft zusammen mit Konfuzius und Buddha als großer Lehrer derselben Epoche genannt: Auch sie hinterließen keine eigenen Schriften, und ihre Worte wurden von Anhängern überliefert.
Fortgeschritten
Das „sokratische Problem“: Welcher Sokrates?
Weil Sokrates selbst nichts schrieb, stammt alles, was wir über ihn wissen, von anderen. Diese Quellen stimmen nicht überein. Das nennt man das „sokratische Problem“. Die vier wichtigsten Zeugen sind Aristophanes, Xenophon, Platon und Aristoteles. Jeder von ihnen zeigt eine andere Gestalt.
Aristophanes’ Komödie Die Wolken (423 v. Chr. uraufgeführt, als Sokrates noch lebte) stellt ihn als lächerlichen Lehrer dar, der den Himmel erforscht, die herkömmlichen Götter leugnet und Schülern gegen Geld beibringt, ungerechte Argumente siegen zu lassen. Diese Karikatur verbindet Merkmale von Naturphilosophen und Sophisten. In Platons Apologie macht Sokrates ein solches Bild für die Vorurteile der Richter verantwortlich. Xenophon, ein Soldat und Schriftsteller, schildert ihn als praktischen, frommen und eher herkömmlichen moralischen Ratgeber, der vernünftige Hinweise zur Haushaltsführung und zum Führen von Menschen gibt. Platons Sokrates ist die vielschichtigste und philosophischste Darstellung. Seine Ansichten scheinen sich jedoch von Dialog zu Dialog zu verändern. In den späteren Werken vertritt er Lehren wie die Ideenlehre, die Aristoteles Platon und nicht Sokrates zuschreibt.
Eine einflussreiche Lösung entwickelte Gregory Vlastos (Socrates: Ironist and Moral Philosopher, 1991). Er vertrat die Ansicht, Platons frühe Dialoge – etwa Apologie, Kriton, Euthyphron, Laches und Charmides – gäben die Philosophie des historischen Sokrates wieder, während die mittleren und späten Dialoge Platons eigene Gedanken ausdrückten. Dieser Ansatz stützte sich auf die angenommene Entstehungsreihenfolge der Dialoge und auf Aristoteles’ Aussagen. Er prägte die englischsprachige Forschung jahrzehntelang.
Viele Forschende bezweifeln heute, dass sich die Dialoge so sicher datieren lassen oder dass Platon mit irgendeinem seiner Werke einen historischen Bericht schreiben wollte. Manche untersuchen lieber den „Sokrates“ jedes Autors als literarische und philosophische Figur. Andere werten alle Quellen kritisch aus, um zumindest die Grundzüge seines Lebens und seines Prozesses zu rekonstruieren. Wie W. K. C. Guthrie es ausdrückte: Ein sokratisches Problem gibt es und wird es immer geben.
Fortgeschritten
Warum wurde Sokrates wirklich verurteilt?
Historiker diskutieren noch immer über die tatsächlichen Gründe für den Prozess. Die offizielle Anklage betraf die Religion, und einige Forschende nehmen sie ernst: Sokrates’ göttliches Zeichen und seine Fragen zu den überlieferten Geschichten über die Götter könnten einer Gemeinschaft, die an den Schutz und die Strafen der Götter für die ganze Stadt glaubte, tatsächlich gefährlich erschienen sein.
Andere betonen die Politik. Sokrates hatte Seiten der Demokratie kritisiert, etwa die Auswahl von Amtsträgern durch Los und das Vertrauen auf die Meinung der Mehrheit. Außerdem stand er Alkibiades und Kritias nahe. Eine nach dem Sturz der Dreißig im Jahr 403 v. Chr. vereinbarte Amnestie verbot jedoch Anklagen wegen Taten, die vor diesem Zeitpunkt begangen worden waren. Einige Historiker vermuten, die religiöse Anklage habe teilweise dazu gedient, diese Amnestie zu umgehen. Der Journalist I. F. Stone vertrat in The Trial of Socrates (1988) die These, Sokrates sei ein Gegner der Demokratie gewesen. Die meisten Fachleute lehnten diese provokante These ab, doch sie regte eine Debatte an.
Eine dritte Sicht vertreten beispielsweise Thomas Brickhouse und Nicholas Smith in Socrates on Trial (1989): Man solle die Anklage so verstehen, wie sie formuliert war. Sokrates’ von Platon überlieferte Verteidigung sei eine echte, ernsthafte Antwort darauf und keine Provokation. Forschende diskutieren auch, wie genau Platons Apologie wiedergibt, was Sokrates tatsächlich sagte. Platon war zwar beim Prozess anwesend, schrieb sein literarisches Werk aber erst danach.
Auch die medizinischen Einzelheiten seines Todes wurden untersucht. Die im Phaidon beschriebene ruhige, allmähliche Gefühllosigkeit wurde mit den Symptomen einer Vergiftung durch den Gefleckten Schierling (Conium maculatum) verglichen. Einige Ärzte halten die Schilderung für idealisiert, andere für mit der Wirkung der Pflanze vereinbar. Was auch immer geschah: Durch Platons Darstellung wurde Sokrates’ Tod zu einer der einflussreichsten Szenen der westlichen Literatur.
Kernideen
- Elenchos
- Sokrates’ Methode, die Überzeugungen eines Menschen durch Fragen und Antworten auf Widersprüche zu prüfen.
- Sokratisches Nichtwissen
- Die Einsicht, dass man etwas nicht weiß, obwohl man es zu wissen glaubte; für Sokrates der Anfang der Weisheit.
- Sorge für die Seele
- Der Gedanke, dass es im Leben vor allem darauf ankommt, ein guter Mensch zu werden, statt nach Reichtum oder Ruhm zu streben.
- Tugend ist Wissen
- Die Auffassung, dass gutes Handeln davon abhängt, das wirklich Gute zu erkennen, und dass Unrecht aus Unwissenheit entsteht.
- Niemals Unrecht tun
- Man soll auch als Vergeltung für erlittenes Unrecht kein Unrecht tun, weil dies der eigenen Seele schadet.
- Das geprüfte Leben
- Nur ein Leben, das man durch Nachdenken und Gespräche immer wieder prüft, ist für einen Menschen lebenswert.
- Sokratische Ironie
- Sokrates’ Gewohnheit, sich unwissend zu geben und andere mit Fragen zum Nachdenken zu bringen – teils aufrichtig, teils scherzhaft.
Einträge
- um 470 v. Chr. — Sokrates wird in Athen geboren (470/469 v. Chr.).
- 432 v. Chr. — Er dient bei der Belagerung von Potidaia und rettet dort Alkibiades (ab 432 v. Chr.).
- 431 v. Chr. — Der Peloponnesische Krieg zwischen Athen und Sparta beginnt (431 v. Chr.).
- 424 v. Chr. — Er kämpft beim Rückzug von Delion (424 v. Chr.).
- 423 v. Chr. — Aristophanes verspottet Sokrates in seiner Bühnenkomödie Die Wolken (423 v. Chr.).
- 422 v. Chr. — Sein letzter Feldzug führt ihn nach Amphipolis (422 v. Chr.).
- 406 v. Chr. — Nach der Schlacht bei den Arginusen widersetzt er sich dem ungesetzlichen gemeinsamen Prozess gegen die Feldherren (406 v. Chr.).
- 404 v. Chr. — Athen ergibt sich; unter den Dreißig Tyrannen weigert sich Sokrates, Leon von Salamis festzunehmen (404 v. Chr.).
- 403 v. Chr. — Die Demokratie wird wiederhergestellt und eine Amnestie verkündet (403 v. Chr.).
- 399 v. Chr. — Sokrates wird angeklagt, verurteilt und hingerichtet (399 v. Chr.).
- um 387 v. Chr. — Platon gründet die Akademie in Athen (um 387 v. Chr.).
Glossar
- Agora
- Der zentrale öffentliche Platz und Markt einer griechischen Stadt.
- Sophist
- Ein umherziehender Berufslehrer für Rhetorik und andere Fähigkeiten im Griechenland des 5. Jahrhunderts v. Chr.
- Aporie
- „Ratlosigkeit“: der Zustand, keine Antwort finden zu können, mit dem viele frühe Dialoge Platons enden.
- Daimonion
- Sokrates’ „göttliches Zeichen“, eine innere Stimme, die ihn vor bestimmten Handlungen warnte.
- Arete
- „Vortrefflichkeit“ oder „Tugend“: die Eigenschaft, durch die etwas oder jemand seiner Art entsprechend gut ist.
- Psyche
- Die Seele oder das Innere des Menschen, um das sich die Menschen nach Sokrates kümmern sollten.
- Asebeia
- „Gottlosigkeit“: der rechtliche Vorwurf, gegen die Götter zu verstoßen, der gegen Sokrates erhoben wurde.
- Dialog
- Ein geschriebenes Gespräch zwischen Figuren; Platons Werke über Sokrates sind Dialoge.
- Dreißig Tyrannen
- Die von Sparta unterstützte Oligarchie, die 404–403 v. Chr. über Athen herrschte.
- Vorsokratiker
- Griechische Denker vor oder zur Zeit des Sokrates, die sich vor allem mit der Natur und dem Kosmos beschäftigten.
Fragen und Antworten
Warum schrieb Sokrates nichts auf?
Das wissen wir nicht sicher. In Platons Phaidros sagt Sokrates, geschriebene Worte könnten anders als Menschen in einem Gespräch nicht antworten oder sich verteidigen. Viele meinen, dass er Gespräche höher schätzte als Bücher.
Hat Sokrates gesagt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“?
Nicht genau mit diesen Worten. In Platons Apologie sagt er, er bilde sich nicht ein, etwas zu wissen, was er nicht weiß. Daraus entstand später der berühmte Ausspruch.
Warum töteten die Athener ihn?
Offiziell wegen Gottlosigkeit und der Verderbnis der Jugend. Historiker verweisen auch auf den Ärger über seine Verbindungen zu Kritias und Alkibiades sowie auf seine Kritik an der Demokratie.
Hätte er fliehen können?
Ja. Nach Platon bereiteten seine Freunde eine Flucht vor. Sokrates lehnte sie ab, weil er die Gesetze seiner Stadt nicht brechen wollte.
Was ist das sokratische Problem?
Unsere Quellen – Platon, Xenophon, Aristophanes und Aristoteles – widersprechen einander. Deshalb ist schwer zu erkennen, welche Ansichten der historische Sokrates wirklich vertrat.
War Sokrates ein Sophist?
Viele Athener hielten ihn dafür. Er verlangte jedoch kein Geld, behauptete, nichts zu lehren, und kritisierte die Sophisten. Platon stellt ihn als ihren Gegenpol dar.
Glaubte Sokrates an die Götter?
Bei Platon und Xenophon erscheint er als religiöser Mensch: Er folgt dem Orakel von Delphi, bringt Opfer dar und spricht von seinem göttlichen Zeichen. Seine Vorstellungen von den Göttern waren jedoch stärker von moralischen Fragen geprägt als die überlieferten Vorstellungen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Debra Nails, Socrates. Stanford Encyclopedia of Philosophy
- Socrates. Internet Encyclopedia of Philosophy
- Socrates. Wikipedia
- 소크라테스. 위키백과
- Trial of Socrates. Wikipedia
- Socratic problem. Wikipedia
- Plato, Apology (Greek text and English translation by H. N. Fowler). Perseus Digital Library, Tufts University
- Gregory Vlastos, Socrates: Ironist and Moral Philosopher. Cambridge University Press, 1991
- Thomas C. Brickhouse and Nicholas D. Smith, Socrates on Trial. Princeton University Press, 1989
- I. F. Stone, The Trial of Socrates. Little, Brown, 1988
Verwandte Inhalte
- PlatonSchüler des Sokrates und Gründer der Akademie. Seine Dialoge gehören zu den Grundwerken der westlichen Philosophie.
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- KonfuziusEin Lehrer aus dem Staat Lu, dessen im „Lunyu“ gesammelte Aussprüche Ethik und Staatsführung in ganz Ostasien prägten.
- Siddhartha Gautama (der Buddha)Begründer des Buddhismus, der in der Gangesebene einen Weg zur Befreiung vom Leiden lehrte. Seine Lebensdaten sind umstritten.
- ParthenonEin im 5. Jahrhundert v. Chr. errichteter Tempel der Athene auf der Athener Akropolis.
- MoziEin früher chinesischer Denker, der mit dem Mohismus verbunden ist. Dieser trat für unparteiische Fürsorge ein und lehnte Angriffskriege ab.
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
