Literatur

Rumi

مولانا جلال‌الدین محمد بلخی (Mowlānā Jalāl al-Din Mohammad Balkhi)

1244–1273 · Konya (Sultanat der Rum-Seldschuken)

In einem Satz

Rumi war ein muslimischer Gelehrter und Sufi-Lehrer des 13. Jahrhunderts in Konya, in der heutigen Türkei. Seine persischen Gedichte über Liebe, Sehnsucht und die Suche nach Gott werden bis heute auf der ganzen Welt gelesen und gesungen.

Rumi
Bild: Hossein Behzad · Public domain · Wikimedia Commons

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Für junge Leser

Vor etwa 800 Jahren wurde in Zentralasien ein Junge namens Dschalal ad-Din geboren. Sein Vater war ein bekannter Prediger und Lehrer. Als Dschalal ad-Din noch ein Kind war, machte sich seine Familie auf eine sehr lange Reise nach Westen. Sie zog durch große Städte und Wüsten und ließ sich schließlich in Konya nieder. Diese Stadt liegt in der heutigen Türkei.

Dschalal ad-Din wurde wie sein Vater ein angesehener Lehrer für die Religion des Islam. Die Menschen nannten ihn Maulana. Das bedeutet „unser Meister“. Heute kennen ihn die meisten als Rumi. Dieser Name bedeutet „der Mann aus Rum“. So hieß das Land, in dem er lebte, damals.

Als Rumi etwa 37 Jahre alt war, traf er einen umherziehenden religiösen Lehrer namens Schams von Täbris. Sie sprachen tagelang miteinander und wurden enge Freunde. Schams veränderte Rumis Leben. Rumi begann Gedichte zu schreiben, Musik zu hören und sich vor Freude im Kreis zu drehen. Als Schams verschwand, schrieb Rumi aus Trauer und Liebe Tausende von Gedichten.

In Rumis Gedichten ist jeder Mensch wie eine Flöte aus Schilfrohr. Das Rohr wurde von dem Ort getrennt, an dem es wuchs. Deshalb singt die Flöte ein trauriges und schönes Lied: Sie vermisst ihr Zuhause. Genauso, sagt Rumi, sehnen sich unsere Herzen nach Gott, von dem alle Liebe kommt.

Nach Rumis Tod bildeten seine Anhänger eine Gemeinschaft, die Mevlevi genannt wird. Sie sind für eine Feier bekannt, bei der sich Menschen in weißen Gewändern langsam zur Musik drehen. Für sie ist das eine Art Gebet. Rumis Grab in Konya besuchen Menschen aus aller Welt.

Auf einen Blick

Vollständiger Name
Dschalal ad-Din Muhammad, bekannt als Maulana (Mevlânâ), Rumi oder, in Iran und Afghanistan, Balchi
Geboren
1207 in der Region Balch; viele Forschende vermuten den Wohnort der Familie in der Kleinstadt Wachsch (im heutigen Tadschikistan)
Gestorben
17. Dezember 1273 in Konya, Sultanat der Rum-Seldschuken (heutige Türkei)
Sprache
Überwiegend Persisch; auch etwas Arabisch sowie vereinzelt türkische und griechische Wörter und Verse
Wichtigste Werke
Masnavi (Mathnawi, etwa 25.000 Verspaare in sechs Büchern); Divan-e Schams-e Täbrizi (lyrische Gedichte); Fihi ma fihi (Lehrgespräche); Briefe und Predigten
Religion
Sunnitischer muslimischer Gelehrter der hanafitischen Rechtsschule und Lehrer des Sufismus (der islamischen Mystik)
Wendepunkt
Begegnung mit dem umherziehenden Mystiker Schams von Täbris in Konya Ende 1244
Nachwirkung
Der Sufi-Orden der Mevlevi und seine Sema-Zeremonie mit kreisenden Tänzen; einer der meistgelesenen Dichter der Welt

Einfach

Wer war Rumi?

Rumi war ein muslimischer Gelehrter, Prediger, Sufi-Lehrer und Dichter, der von 1207 bis 1273 lebte. Den größten Teil seines Erwachsenenlebens verbrachte er in Konya, einer Stadt in Zentralanatolien, die damals Hauptstadt des Sultanats der Rum-Seldschuken war. Daher heißt er Rumi, „der aus Rum“. Der Name erinnert daran, dass Anatolien lange zur (ost-)römischen Welt gehört hatte. In der Türkei ist er als Mevlânâ, „unser Meister“, bekannt, in Iran und Afghanistan nach seiner Herkunftsregion oft als Maulawi oder Balchi.

Die meiste Zeit seines Lebens war Rumi ein angesehener Religionsgelehrter. Er war im Koran, im islamischen Recht und in der Theologie ausgebildet. Als er Ende dreißig war, machte ihn die Freundschaft mit dem umherziehenden Mystiker Schams von Täbris zu einem der bedeutendsten Dichter der persischen Sprache.

Seine beiden großen dichterischen Werke sind das Masnavi, ein langes geistliches Gedicht voller Geschichten, und die umfangreiche Sammlung lyrischer Gedichte Divan-e Schams-e Täbrizi, „die gesammelten Gedichte des Schams von Täbris“. Rumi zeichnete diese Gedichte häufig mit dem Namen seines Freundes. Seine Worte werden seit Jahrhunderten in der persischen, türkischen, arabischen und südasiatischen Welt geschätzt. Im vergangenen Jahrhundert wurden sie auch in vielen anderen Sprachen beliebt.

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Einfach

Eine Kindheit auf Reisen

Rumi wurde 1207 im östlichen persischsprachigen Raum geboren, in der Region Balch (im heutigen Nordafghanistan). Untersuchungen der Schriften seines Vaters deuten darauf hin, dass die Familie tatsächlich in der Kleinstadt Wachsch nördlich des Flusses Amudarja (Oxus) im heutigen Tadschikistan lebte. Als traditioneller Geburtsort gilt jedoch Balch. Sein Vater Baha ad-Din Walad war Prediger und Gelehrter. Seine Sammlung geistlicher Betrachtungen, die Ma‘arif, beeinflusste später seinen Sohn.

In den 1210er-Jahren verließ die Familie Zentralasien. Spätere Biografen bringen die Abreise mit der Bedrohung durch die Mongolen in Verbindung. Auch Streitigkeiten mit örtlichen Herrschern und Gelehrten könnten eine Rolle gespielt haben. Die Familie reiste über Samarkand, Nischapur und Bagdad, unternahm die Pilgerfahrt nach Mekka und lebte dann einige Jahre in Anatolien, besonders in Larende (Karaman). Dort heiratete Rumi, und sein Sohn Sultan Walad wurde geboren. Einer berühmten Legende zufolge traf der alte Dichter Attar den Jungen in Nischapur und sagte seine spätere Größe voraus. Historiker betrachten dies als fromme Erzählung.

Um 1228 ließ sich die Familie in Konya nieder, der Überlieferung nach auf Einladung des seldschukischen Sultans Kai Kobad I. Als Baha ad-Din 1231 starb, übernahm der junge Rumi die Lehrstelle seines Vaters. Dessen früherer Schüler Burhan ad-Din Muhaqqiq aus Tirmidh leitete ihn in der mystischen Ausbildung an. Rumi studierte außerdem in Aleppo und Damaskus, den großen Bildungszentren Syriens.

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Einfach

Die Begegnung mit Schams von Täbris

Ende 1244 kam ein umherziehender Derwisch namens Schams ad-Din von Täbris nach Konya. Er war über sechzig, sprach scharfzüngig und hatte kein Interesse an Ruhm oder herkömmlicher religiöser Gelehrsamkeit. Die Berichte über ihre erste Begegnung unterscheiden sich, doch alle stimmen darin überein, dass sie Rumi tief erschütterte. Monatelang verbrachten die beiden fast ihre gesamte Zeit im Gespräch und in geistlicher Gemeinschaft.

Rumis Schüler und Angehörige reagierten eifersüchtig und feindselig. Sie hatten das Gefühl, ein Fremder habe ihnen ihren Lehrer weggenommen. 1246 ging Schams nach Damaskus. Rumi war untröstlich und schickte seinen Sohn Sultan Walad, um ihn zurückzuholen. Das gelang ihm. Doch die Spannungen kehrten zurück, und 1247 oder 1248 verschwand Schams endgültig. Einer späteren Erzählung zufolge wurde er unter Beteiligung von Rumis Sohn Ala ad-Din ermordet. Frühe Quellen bestätigen das jedoch nicht, und viele Historiker halten es für möglich, dass Schams einfach fortging.

Rumi reiste auf der Suche nach seinem Freund nach Damaskus, fand ihn aber nicht. Schließlich hatte er das Gefühl, Schams in sich selbst gefunden zu haben. Trauer, Sehnsucht und Freude dieser Freundschaft sind die großen Themen der lyrischen Gedichte im Divan. Auch Schams’ eigene Aussprüche wurden von Schülern aufgezeichnet, in einer Sammlung namens Maqalat (Lehrgespräche).

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Mittel

Die Werke: Divan, Masnavi und Prosa

Der Divan-e Schams-e Täbrizi, auch Divan-e Kabir („der Große Divan“) genannt, enthält ungefähr 35.000 Verspaare in Ghazelen, kurzen gereimten lyrischen Gedichten, sowie etwa 2.000 Vierzeiler (Ruba‘i). Viele entstanden spontan, der Überlieferung nach manchmal, während Rumi Musik hörte oder sich tanzend drehte. Sie sprechen von der geliebten Person, vom Wein, von der Schenke, vom Mond und vom Garten. Mit diesen Bildern der persischen Liebesdichtung bringen sie die Liebe der Seele zu Gott zum Ausdruck, oft in der Gestalt von Schams.

Nach Schams fand Rumi zunächst in Salah ad-Din Zarkub, einem einfachen Goldschmied, und dann in seinem Schüler Husam ad-Din Tschalabi enge Gefährten. Der Überlieferung nach bat Husam ad-Din Rumi, ein langes Lehrgedicht für seine Anhänger zu verfassen. So entstand das Masnavi-ye Ma‘navi, „Gereimte Verspaare von tiefer Bedeutung“. Rumi diktierte es über viele Jahre hinweg, etwa vom Ende der 1250er-Jahre bis zu seinem Tod; Husam ad-Din schrieb es nieder. Es umfasst sechs Bücher und etwa 25.000 Verspaare. Das sechste Buch bricht unvollendet ab.

Das Masnavi verknüpft Hunderte von Geschichten: Tierfabeln und Volkserzählungen ebenso wie Episoden aus dem Koran und Aussprüche des Propheten. Dazu kommen Erläuterungen und Abschweifungen, sodass eine Geschichte oft in eine andere übergeht. Es beginnt mit dem berühmten „Lied der Rohrflöte“: „Höre auf die Rohrflöte, wie sie erzählt und über die Trennung klagt.“ In persischsprachigen Ländern wurde das Masnavi als „Koran auf Persisch“ bezeichnet. Dieser dem Dichter Dschami zugeschriebene Ausdruck zeigt, wie sehr man das Werk als Wegweiser zum inneren Sinn des Islam verehrte.

Zu Rumis Prosawerken gehören Fihi ma fihi („Darin ist, was darin ist“), eine Aufzeichnung seiner zwanglosen Gespräche mit Schülern und Besuchern; Madschalis-e sab‘a („Sieben Sitzungen“), eine Predigtsammlung; und eine Sammlung von Briefen, von denen viele Menschen bei praktischen Angelegenheiten helfen sollten. Diese Texte zeigen Rumi als Lehrer und Leiter einer Gemeinschaft ebenso wie als Dichter.

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Mittel

Grundgedanken: Liebe, Trennung und Wandlung

Rumi gehörte zur Tradition des Sufismus, der mystischen Strömung des Islam. Sie sucht die unmittelbare Erfahrung Gottes durch Liebe, Hingabe, Übung und die Anleitung eines geistlichen Meisters. Sein zentrales Thema ist die Liebe (‘eschq): eine brennende, verwandelnde Kraft, die die Seele aus der Selbstsucht zu Gott hinführt.

Trennung und Rückkehr stehen im Mittelpunkt seiner Vorstellung. Die Rohrflöte klagt, weil sie aus dem Schilf geschnitten wurde, in dem sie wuchs. Die menschliche Seele sehnt sich, weil sie von ihrem göttlichen Ursprung getrennt ist. Diese Sehnsucht schmerzt, ist aber auch kostbar, denn sie bewegt die Seele zur Rückkehr. Rumi spricht oft davon, „vor dem Tod zu sterben“: Das Ich soll sich lösen, damit der Mensch in Gott neu geboren werden kann.

Rumis Dichtung ist voller Widersprüche und kühner Bilder. Manchmal scheint sie über die äußeren Formen der Religion hinauszugehen. Doch Rumi war zugleich ein praktizierender muslimischer Gelehrter, und das Masnavi ist von Zitaten aus dem Koran und den Hadithen durchzogen. Forschende betonen, dass seine weltweite Anziehungskraft aus seinem islamischen Glauben erwächst. Er lehrte, dass äußere Praxis und innerer Sinn zusammengehören, und zeigte anhand alltäglicher Geschichten, wie Stolz, Gier und Zorn das Herz verschließen.

Auch Musik und Bewegung gehörten zu seinem geistlichen Leben. Rumi nahm an Sama‘-Versammlungen teil, bei denen die Anwesenden Musik und Gedichten zuhörten und sich manchmal in einem ekstatischen Tanz drehten. Einige Religionsgelehrte seiner Zeit missbilligten diese Praxis. Rumis Verteidigung des Sama‘ wurde Teil seines Vermächtnisses.

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Mittel

Rumis Welt: Konya im Zeitalter der Mongolen

Rumi lebte in einem der unruhigsten Jahrhunderte der westasiatischen Geschichte. Die mongolischen Eroberungen verwüsteten ab 1219 Zentralasien und Iran. Flüchtlinge, darunter Gelehrte, Mystiker und Handwerker, zogen in großer Zahl nach Westen, nach Anatolien. 1243 besiegten die Mongolen die Seldschuken in der Schlacht am Köse Dağ, und das Sultanat von Rum wurde von den Mongolen abhängig; 1258 plünderten sie Bagdad.

Dennoch blühte Konya in diesen Jahren als kulturelles Zentrum auf. Persisch war die Sprache des seldschukischen Hofes und der gehobenen Literatur, Arabisch die Sprache der religiösen Gelehrsamkeit und Türkisch die Sprache vieler gewöhnlicher Menschen. In der Stadt lebten außerdem griechische und armenische Christen sowie Juden. Zu Rumis Kreis gehörten Kaufleute, Handwerker und Beamte. Seine vereinzelten Verse auf Griechisch und Türkisch spiegeln diese vielfältige Gesellschaft wider.

In Konya lebten auch andere bedeutende Sufis, besonders Sadr ad-Din Qunawi, der wichtigste Schüler des Philosophen und Mystikers Ibn Arabi. Rumis Liebesdichtung und die stärker systematische Metaphysik der Schule Ibn Arabis waren zwei Strömungen derselben blühenden Sufi-Kultur. Wie stark sie sich gegenseitig beeinflussten, ist unter Historikern umstritten.

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Mittel

Nach Rumi: der Mevlevi-Orden und die Zeremonie der kreisenden Derwische

Rumi starb am 17. Dezember 1273 in Konya. Seinen Biografen zufolge nahmen Angehörige aller Gemeinschaften der Stadt, Muslime, Christen und Juden, am Trauerzug teil. Seine Anhänger nennen seinen Todestag Şeb-i Arus, „Hochzeitsnacht“, weil sie den Tod als Vereinigung der Seele mit dem Geliebten verstehen. Sein Grab unter einer grün gekachelten Kuppel gehört heute zum Mevlana-Museum.

Nach Rumis Tod führte Husam ad-Din Tschalabi dessen Anhänger. Anschließend formten Rumis Sohn Sultan Walad (gestorben 1312) und sein Enkel Ulu Arif Tschalabi sie zu einem Sufi-Orden, der Mevleviyya (Mevlevi-Orden). Seine Ordenshäuser verbreiteten sich in Anatolien und später im gesamten Osmanischen Reich. Der Orden wurde zu einem wichtigen Förderer von Dichtung, Musik und Kalligrafie.

Am bekanntesten ist der Orden für die Sema-Zeremonie. Dabei drehen sich Derwische mit hohen Filzhüten und weißen Gewändern langsam zur Musik der Ney (Rohrflöte) und von Trommeln. Eine Hand ist nach oben gerichtet, um göttliche Gnade zu empfangen, die andere nach unten, um sie an die Erde weiterzugeben. 1925 schloss die Republik Türkei alle Sufi-Ordenshäuser. Die Zeremonie überdauerte jahrelang im privaten Kreis und später als öffentliche Aufführung. Die UNESCO erklärte die Mevlevi-Sema-Zeremonie 2005 zu einem Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit; 2008 wurde sie in die Repräsentative Liste aufgenommen.

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Mittel

Rumi in aller Welt

Über Jahrhunderte wurde das Masnavi vom Balkan bis nach Bengalen studiert, abgeschrieben und kommentiert. Kommentare entstanden auf Persisch, Osmanisch-Türkisch, Urdu und Arabisch. Dichter wie Dschami in Herat und Muhammad Iqbal im Südasien des 20. Jahrhunderts betrachteten Rumi als Meister. In persischsprachigen Ländern wurden Verse des Masnavi zu Sprichwörtern.

Das moderne westliche Interesse begann mit Übersetzungen im 19. Jahrhundert und wuchs durch die wissenschaftliche Arbeit von Reynold A. Nicholson. Zwischen 1925 und 1940 veröffentlichte er eine kritische Ausgabe, Übersetzung und Kommentierung des Masnavi. Auch sein Schüler A. J. Arberry trug dazu bei. Im späten 20. Jahrhundert machten freie englische Nachdichtungen des amerikanischen Dichters Coleman Barks Rumi zu einem der meistverkauften Dichter in den Vereinigten Staaten.

Viele Forschende kritisieren diese beliebten Fassungen, weil sie Rumis Gedichte aus ihrem islamischen und persischen Zusammenhang lösen und ihn mitunter als religiös ungebundenen geistlichen Lehrer darstellen. Andere entgegnen, dass sie Millionen Menschen mit seinen Gedanken bekannt gemacht haben. Die Debatte wirft wichtige Fragen zur Übersetzung, zur kulturellen Aneignung und dazu auf, wie ein religiöser Dichter Menschen anderer Kulturen erreichen kann.

Auch mehrere Nationen sehen Rumi als Teil ihres Erbes. Die Türkei ehrt ihn als Gestalt Anatoliens, wo er lebte, lehrte und begraben liegt. Iran und Afghanistan ehren ihn als persischsprachigen Dichter, der im östlichen persischen Kulturraum geboren wurde. Tadschikistan ehrt seinen Geburtsort. Zum 800. Jahrestag seiner Geburt im Jahr 2007 unterstützte die UNESCO internationale Gedenkveranstaltungen. Viele Bewunderer betonen, dass Rumi zu all diesen Traditionen gehört.

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Fortgeschritten

Wie zuverlässig sind die Biografien?

Fast alles, was wir über Rumis Leben wissen, stammt aus Quellen seiner Familie und seiner Anhänger. Zu den frühesten gehören die Verserzählung seines Sohnes Sultan Walad, das Ebteda-nama (auch Walad-nama genannt), und die Resala von Faridun Sepahsalar, der nach eigener Aussage vierzig Jahre lang Rumis Schüler war. Das ausführlichste Werk ist das Manaqeb al-‘arefin („Taten der Gotteskundigen“) von Schams ad-Din Aflaki, das etwa zwischen 1318 und 1353 entstand.

Aflakis Werk ist eine Hagiografie: eine Sammlung erbaulicher Anekdoten und Wundergeschichten, die Rumi und die Abstammungslinie der Mevlevi verherrlichen soll. Es enthält wertvolle Informationen, aber auch Legenden und zeitliche Unstimmigkeiten. Zudem entstand es zwei bis drei Generationen nach Rumis Tod. Historiker prüfen seine Erzählungen daher anhand von Rumis eigenen Schriften, den Ma‘arif seines Vaters, den Maqalat des Schams, Rumis Briefen und Quellen außerhalb des Mevlevi-Ordens.

Die gründlichste moderne kritische Biografie auf Englisch ist Franklin D. Lewis’ Rumi: Past and Present, East and West (Oneworld, 2000). Sie trennt Legenden von belegbaren Tatsachen und untersucht, wie Rumi bis in die Gegenwart aufgenommen wurde. Frühere Arbeiten von Badi az-Zaman Foruzanfar in Iran, Abdülbaki Gölpınarlı in der Türkei und Annemarie Schimmel in Deutschland legten die Grundlagen. Fritz Meiers Untersuchung über Baha ad-Din Walad klärte die Herkunft der Familie aus Wachsch.

Mehrere Fragen bleiben umstritten: der genaue Geburtsort; die Gründe für die Auswanderung der Familie und ob sie vor dem Vormarsch der Mongolen oder wegen dieses Vormarschs erfolgte; das genaue Datum von Schams’ Ankunft und Verschwinden; und Schams’ weiteres Schicksal. Wer Rumis Biografie sorgfältig liest, unterscheidet zwischen dem, was die Quellen berichten, dem, was sie vermitteln wollen, und dem, was sich bestätigen lässt.

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Fortgeschritten

Texte, Handschriften und Deutung

Rumis Werke sind in ungewöhnlich frühen Handschriften erhalten. Abschriften des Masnavi entstanden schon wenige Jahre nach seinem Tod in Konya. Eine Handschrift aus dem Jahr 677 nach der Hidschra (1278), die im Mevlana-Museum aufbewahrt wird, gilt als wichtiger Textzeuge. Nicholson stützte seine Ausgabe auf frühe Handschriften. Spätere Herausgeber, darunter Mohammad Este‘lami in Iran und Tawfiq Sobhani, nutzten die ältesten Abschriften, um einen Text herzustellen, der dem von Husam ad-Din Niedergeschriebenen möglichst nahekommt.

Beim Divan ist die Lage schwieriger. Im Lauf der Jahrhunderte wurden Sammlungen unter Rumis Namen viele Gedichte anderer Autoren hinzugefügt. Für seine kritische Ausgabe des Divan-e Kabir, die von 1957 bis 1967 in Teheran erschien, nutzte Foruzanfar frühe Handschriften, um echte Gedichte von späteren Zusätzen zu unterscheiden. Sie gilt weiterhin als maßgeblicher Text. Manche beliebten Verse, die Rumi im Internet zugeschrieben werden, stehen überhaupt nicht in seinen Werken.

Auch die Deutung ist umstritten. Traditionelle Kommentatoren lasen das Masnavi oft im Licht der Metaphysik der Schule Ibn Arabis, etwa anhand der Vorstellung einer „Einheit des Seins“. Einige heutige Forschende halten Rumis eigene Gedanken für weniger systematisch und stärker in dem auf Ethik und Hingabe ausgerichteten Sufismus seines Vaters und früherer persischer Dichter wie Sanai und Attar verwurzelt. Eine weitere Debatte betrifft Schams: War er vor allem ein Lehrer religiöser Lehren, der Auslöser einer tiefgreifenden Erfahrung oder eine literarische Figur, auf die Rumi das Bild des göttlichen Geliebten übertrug?

Schließlich untersuchen Forschende das Masnavi als Literatur: seine Rahmenerzählung, den Wechsel der Stimmen zwischen Erzähler, Figuren und Erläuterungen sowie seinen mündlichen Ursprung als diktierter Unterricht. Diese Merkmale helfen zu erklären, weshalb man das Werk sowohl als Anleitung für die geistliche Entwicklung als auch als eine der großen Geschichtensammlungen der Weltliteratur lesen kann.

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Kernideen

Liebe (‘eschq)
Die zentrale Kraft in Rumis Denken: eine verwandelnde Leidenschaft, die die Seele von der Selbstsucht weg und zu Gott hinführt.
Trennung und Rückkehr
Wie das aus dem Schilf geschnittene Rohr sehnt sich die Seele nach der Rückkehr zu ihrem göttlichen Ursprung. Schon diese Sehnsucht ist ein Geschenk.
Geistliche Gemeinschaft
Rumis Beziehungen zu Schams, Salah ad-Din und Husam ad-Din zeigen die Vorstellung der Sufis, dass man dem Göttlichen durch einen Freund und Wegweiser begegnet.
Sterben vor dem Tod
Das Ich loslassen, damit der Mensch neu geboren werden kann: ein traditioneller Gedanke des Sufismus, den Rumi in vielen Bildern ausdrückt.
Geschichten als Lehrmittel
Das Masnavi vermittelt den inneren Sinn mithilfe von Fabeln, Volkserzählungen und Geschichten aus dem Koran so, dass gewöhnliche Zuhörer ihn verstehen können.
Sama‘
Das Hören von Musik und Gedichten, manchmal verbunden mit einem Drehtanz, als Weg zu geistlicher Erfahrung; der Ursprung der Mevlevi-Zeremonie.
Islamische Wurzeln und weltweite Wirkung
Rumis weltweite Anziehungskraft erwächst aus seinem muslimischen Glauben und der persischen Kultur. Forschende betonen dies gegenüber Deutungen, die den Zusammenhang ausblenden.

Einträge

  1. 1207 — Dschalal ad-Din Muhammad wird in der Region Balch geboren, wahrscheinlich in Wachsch.
  2. um 1216 — Seine Familie verlässt Zentralasien und reist über Samarkand, Nischapur, Bagdad und Mekka nach Westen.
  3. um 1228 — Die Familie lässt sich in Konya nieder, der Hauptstadt des Sultanats der Rum-Seldschuken.
  4. 1231 — Sein Vater Baha ad-Din Walad stirbt; Rumi folgt ihm als Lehrer nach.
  5. 1243 — Die Mongolen besiegen die Seldschuken am Köse Dağ; das Sultanat von Rum wird von ihnen abhängig.
  6. 1244 — Rumi begegnet Schams von Täbris in Konya.
  7. um 1247 — Schams verschwindet endgültig (1247 oder 1248).
  8. um 1258 — Rumi beginnt, Husam ad-Din Tschalabi das Masnavi zu diktieren.
  9. 1273 — Rumi stirbt am 17. Dezember in Konya.
  10. 1312 — Sultan Walad stirbt. Er hatte Rumis Anhänger zum Mevlevi-Orden zusammengeschlossen.
  11. 1925 — Die Republik Türkei schließt die Sufi-Ordenshäuser, darunter die der Mevlevi.
  12. 2008 — Die Mevlevi-Sema-Zeremonie wird in die Repräsentative Liste der UNESCO aufgenommen (2005 proklamiert).

Glossar

Sufismus
Die mystische Tradition innerhalb des Islam, die durch Liebe, Hingabe und geistliche Übung eine innere Nähe zu Gott sucht.
Derwisch
Ein Mitglied eines Sufi-Ordens oder ein umherziehender Sufi-Asket wie Schams.
Masnavi (Mathnawi)
Ein langes persisches Gedicht aus gereimten Verspaaren. Rumis Masnavi ist so berühmt, dass es oft einfach „das Masnavi“ heißt.
Ghazel
Ein kurzes lyrisches Gedicht mit durchgehendem Reim, meist über die Liebe; die wichtigste Gedichtform in Rumis Divan.
Ruba‘i
Ein Gedicht aus vier Zeilen, ein Vierzeiler.
Divan
Ein Sammelband mit den lyrischen Gedichten eines Dichters.
Ney
Die Rohrflöte, das wichtigste Instrument der Mevlevi-Musik und ein Symbol für die sich sehnende Seele.
Sema (Sama‘)
Eine Zeremonie, bei der Musik und Gedichte gehört werden; im Mevlevi-Orden der rituelle Drehtanz.
Hagiografie
Die Lebensbeschreibung eines heiligen Menschen, die andere anregen und die Person verherrlichen soll und oft Wundergeschichten enthält.
Sultanat der Rum-Seldschuken
Der seldschukisch-türkische Staat in Anatolien (etwa 1077–1308) mit Konya als Hauptstadt.

Fragen und Antworten

Warum heißt er Rumi?

„Rumi“ bedeutet „aus Rum“. Rum war ein alter Name für Anatolien in der heutigen Türkei, wo er lebte. Die Menschen dort nannten ihn Mevlânâ, „unser Meister“.

In welcher Sprache schrieb Rumi?

Überwiegend auf Persisch. Er schrieb auch einige arabische Gedichte und verwendete vereinzelt türkische und griechische Wörter und Verse.

Was geschah mit Schams von Täbris?

Er verschwand 1247 oder 1248 aus Konya. Eine spätere Legende besagt, dass er ermordet wurde. Frühe Quellen bestätigen das jedoch nicht; vielleicht ging er einfach fort.

Gehen die kreisenden Derwische auf Rumi zurück?

Ja. Rumi nahm an Versammlungen mit Musik und Tanz teil. Nach seinem Tod schlossen sein Sohn und sein Enkel seine Anhänger zum Mevlevi-Orden zusammen, dessen Zeremonie mit dem Drehtanz noch heute aufgeführt wird.

Stammen wirklich alle Rumi-Zitate im Internet von Rumi?

Nein. Viele beliebte Zitate sind freie Umschreibungen, und manche stammen überhaupt nicht aus seinen Werken. Wissenschaftliche Übersetzungen auf Grundlage kritischer Ausgaben bieten die verlässlichste Orientierung.

Wie zuverlässig ist Aflakis Rumi-Biografie?

Sie ist wertvoll, aber eine Hagiografie. Sie entstand zwei bis drei Generationen später und sollte Rumi und die Mevlevi verherrlichen. Historiker vergleichen sie mit Rumis eigenen Werken, den Ma‘arif seines Vaters und den Maqalat des Schams.

War Rumi Türke, Perser oder Afghane?

Diese heutigen nationalen Kategorien gab es zu seiner Zeit nicht. Er wurde im östlichen persischsprachigen Raum geboren, schrieb auf Persisch und lebte im seldschukischen Anatolien. Deshalb ehren ihn Afghanistan, Tadschikistan, Iran und die Türkei.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Rumi. Wikipedia
  2. Masnavi. Wikipedia
  3. Shams Tabrizi. Wikipedia
  4. Mevlevi Order. Wikipedia
  5. Mevlevi Sema Ceremony. UNESCO Intangible Cultural Heritage
  6. Franklin D. Lewis, Rumi: Past and Present, East and West. The Life, Teachings and Poetry of Jalâl al-Din Rumi. Oneworld, 2000
  7. Reynold A. Nicholson, The Mathnawí of Jalálu’ddín Rúmí (edition, translation and commentary). E. J. W. Gibb Memorial Trust, 1925–1940

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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.

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