Literatur

Li Bai

李白

725–762 n. Chr. · Chang’an (Tang-China)

In einem Satz

Li Bai war ein umherreisender Dichter im China der Tang-Zeit vor etwa 1.300 Jahren. Seine Gedichte über den Mond, Wein, Berge und Freundschaft lernen noch heute Millionen Menschen auswendig.

Li Bai
Bild: Unknown authorUnknown author · Public domain · Wikimedia Commons

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Für junge Leser

Li Bai lebte vor mehr als 1.300 Jahren in China. Damals herrschte die Tang-Dynastie über ein großes, reiches Reich. Er ist einer der berühmtesten Dichter der Geschichte. In China lernen viele Kinder seine kurzen Gedichte schon, bevor sie gut lesen können.

Sein bekanntestes Gedicht hat nur vier Zeilen. Ein Reisender wacht nachts weit weg von zu Hause auf. Er sieht Mondlicht auf dem Boden und denkt zuerst, es sei Frost. Er hebt den Kopf und schaut zum Mond. Dann senkt er den Kopf und denkt an sein Zuhause. Wer schon einmal Heimweh hatte, kennt dieses Gefühl.

Li Bai reiste gern. Er fuhr auf großen Flüssen, bestieg Berge und besuchte viele Städte. Überall fand er Freunde. Er schrieb Gedichte, um sie zu begrüßen oder sich von ihnen zu verabschieden. Er mochte auch Wein sehr. In vielen Gedichten trinkt er mit Freunden. Manchmal trinkt er allein und hat nur den Mond und seinen Schatten als Gesellschaft.

Für kurze Zeit lud der Kaiser Li Bai in seinen Palast in der Hauptstadt Chang’an ein. Doch Li Bai war stolz und kam mit den Regeln am Hof nicht gut zurecht. Nach etwa zwei Jahren zog er wieder weiter.

Die Menschen erzählten viele Geschichten über ihn. Eine bekannte Sage sagt, er sei gestorben, als er sich aus einem Boot lehnte, um das Spiegelbild des Mondes im Wasser zu umarmen. Historiker halten das nur für eine Geschichte. Sie zeigt aber, wie die Menschen ihn sahen: als freien Menschen, der den Mond liebte.

Auf einen Blick

Lebensdaten
701–762 (das Geburtsjahr ist allgemein anerkannt, aber nicht sicher); wichtigste Schaffenszeit ca. 725–762
Geburtsort
Umstritten: möglicherweise Suyab in Zentralasien (nahe dem heutigen Tokmok in Kirgisistan) oder Sichuan; er wuchs nahe Jiangyou in Sichuan auf
Dynastie
Tang-Dynastie, hauptsächlich unter Kaiser Xuanzong (reg. 712–756)
Weitere Namen
Höflichkeitsname Taibai (太白); selbst gewählter Beiname Qinglian Jushi (青蓮居士, „Einsiedler vom Blauen Lotus“); Spitzname „Verbannter Unsterblicher“ (謫仙人)
Überlieferte Gedichte
Etwa 1.000 ihm zugeschriebene Gedichte
Bevorzugte Formen
Yuefu-Balladen, Gedichte im alten Stil (Gushi) und Vierzeiler (Jueju)
Berühmte Werke
„Gedanken in einer stillen Nacht“, „Bringt den Wein“, „Der schwere Weg nach Shu“, „Allein im Mondschein trinken“
Gestorben
762 in Dangtu (im heutigen Anhui), wo sein Verwandter Li Yangbing als Magistrat amtierte

Einfach

Wer war Li Bai?

Li Bai (in älteren englischen Büchern auch Li Po geschrieben) war ein chinesischer Dichter der Tang-Dynastie (618–907). Zusammen mit seinem jüngeren Freund Du Fu gilt er gewöhnlich als einer der beiden größten Dichter des klassischen China. Im Chinesischen nennt man die beiden oft einfach „Li–Du“ (李杜).

Er lebte während der Regierungszeit Kaiser Xuanzongs. Diese lange Zeit des Friedens, des Wohlstands und der kulturellen Blüte endete 755 plötzlich mit einem verheerenden Aufstand. Li Bai verbrachte den größten Teil seines Lebens auf Reisen, statt ein Amt auszuüben. Er schrieb Gedichte für Freunde, Förderer und Beamte sowie über Landschaften, Geschichte, Sagen, Kriege an den Grenzen, das Leben von Frauen, Wein und den Mond.

Etwa tausend ihm zugeschriebene Gedichte sind überliefert. Sie reichen von Vierzeilern, die Kinder auswendig lernen, bis zu langen, wilden Balladen voller Götter, Drachen und Berggeister. Leser bewundern seit jeher sein Gefühl für Freiheit: Seine Gedichte scheinen mühelos zu fließen, springen von einem Bild zum nächsten und sprechen mit einer kühnen, persönlichen Stimme.

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Einfach

Kindheit und Jugend: von der Seidenstraße nach Sichuan

Li Bai soll 701 geboren worden sein, doch sein Geburtsort ist ungewiss. Zwei frühe Texte, ein Vorwort seines Verwandten Li Yangbing und eine spätere Grabinschrift des Beamten Fan Chuanzheng, berichten, dass seine Vorfahren am Ende der Sui-Dynastie in den fernen Westen verbannt worden seien und die Familie im frühen 8. Jahrhundert nach China zurückgekehrt sei. Viele Forscher vermuten deshalb, dass er in Suyab geboren wurde, einer Handelsstadt an der Seidenstraße nahe dem heutigen Tokmok in Kirgisistan. Andere halten Sichuan für seinen Geburtsort.

Als er etwa vier Jahre alt war, um 705, zog sein Vater mit der Familie nach Sichuan im Südwesten Chinas. Li Bai wuchs nahe dem Dorf Qinglian („Blauer Lotus“) im heutigen Jiangyou auf. Seine Familie scheint wohlhabend gewesen zu sein, vielleicht durch Handel. Er studierte die klassischen Schriften und viele andere Bücher, begann schon als Kind Gedichte zu schreiben und übte sich im Schwertkampf. Erzählungen zufolge bewunderte er die fahrenden Helden früherer Zeiten, die Schwache verteidigten.

Als junger Mann verbrachte er Zeit bei einem daoistischen Einsiedler in den Bergen Sichuans. Der Daoismus ist eine chinesische Tradition, die nach Harmonie mit der Natur und mitunter nach einem langen Leben oder Unsterblichkeit strebt. Er blieb für Li Bai sein Leben lang wichtig. Um 725, als er Mitte zwanzig war, verließ er Sichuan mit einem Boot auf dem Jangtse. Soweit wir wissen, kehrte er nie wieder nach Hause zurück.

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Einfach

Ein Gedicht lesen: „Gedanken in einer stillen Nacht“

Das berühmteste Li Bai zugeschriebene Gedicht ist „Gedanken in einer stillen Nacht“ (靜夜思, Jing ye si). Es besteht aus nur zwanzig Schriftzeichen. In der Fassung, die die meisten Menschen kennen, lautet es: 床前明月光,疑是地上霜 / 舉頭望明月,低頭思故鄉. Eine einfache Übersetzung: „Vor meinem Bett scheint helles Mondlicht; ich glaube, es sei Frost auf dem Boden. / Ich hebe den Kopf und blicke zum hellen Mond; ich senke den Kopf und denke an die Heimat.“

Das Gedicht wirkt durch Gegensätze und Bewegung. Zuerst steht ein Irrtum: Das weiße Mondlicht sieht aus wie kalter Frost. Dann hebt sich der Kopf zum Mond und senkt sich wieder. In dieser kleinen Bewegung wandelt sich die Überraschung in Sehnsucht. Der Mond ist wichtig, weil alle Menschen denselben Mond sehen, ob sie nah beieinander oder weit voneinander entfernt sind. In der chinesischen Dichtung verbindet er oft Menschen, die getrennt sind.

Interessanterweise unterscheiden sich die frühesten gedruckten Fassungen aus der Song-Dynastie ein wenig: In der ersten Zeile steht dort „Ich sehe das Mondlicht“ und in der dritten „blicke zum Mond über den Bergen“. Der heute vertraute Wortlaut setzte sich später durch, besonders durch die Anthologie „Dreihundert Tang-Gedichte“ aus der Qing-Dynastie. Forscher diskutieren auch, was das Schriftzeichen 床 hier bedeutet: Die meisten verstehen es als „Bett“, andere als Brüstung eines Brunnens oder als Klappsitz. Selbst dieses winzige Gedicht hat also eine Geschichte des Wandels und der Deutung.

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Einfach

Am Hof des Kaisers

Nachdem Li Bai Sichuan verlassen hatte, reiste er am Jangtse entlang und besuchte viele Städte in Mittel- und Ostchina. Im Jahr 727 heiratete er in Anlu (im heutigen Hubei) eine Enkelin eines früheren obersten Ministers aus der Familie Xu und lebte dort etwa zehn Jahre. Wie die meisten gebildeten Männer hoffte er auf eine Beamtenlaufbahn. Er legte jedoch die kaiserlichen Beamtenprüfungen nicht ab, sondern versuchte, mit seinen Texten die Aufmerksamkeit einflussreicher Förderer zu gewinnen.

Sein Ruhm wuchs. Als der ältere Dichter He Zhizhang seine Werke las, soll er ihn einen „verbannten Unsterblichen“ genannt haben: ein himmlisches Wesen, das wegen eines Fehlers auf die Erde geschickt worden war. Im Jahr 742 rief Kaiser Xuanzong ihn in die Hauptstadt Chang’an und gab ihm eine Stelle an der Hanlin-Akademie, einer Gruppe von Gelehrten und Schriftstellern im Dienst des Kaisers. Er schrieb Gedichte für Anlässe am Hof, darunter einige über Yang Guifei, die Favoritin des Kaisers.

Das Hofleben lag ihm nicht. Vielleicht übertriebene Anekdoten berichten, dass Li Bai betrunken erschien und dem mächtigen Eunuchen Gao Lishi befahl, ihm die Stiefel auszuziehen. Auch sollen Höflinge den Kaiser gegen ihn aufgebracht haben. Im Jahr 744 verließ er den Hof mit Geschenken des Kaisers. Das war ein Wendepunkt: Den Rest seines Lebens verbrachte er wieder auf Reisen. Etwa zu dieser Zeit ließ er sich auch offiziell in den Daoismus aufnehmen.

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Mittel

Freundschaft mit Du Fu

Im Herbst 744, kurz nachdem er den Hof verlassen hatte, traf Li Bai den elf Jahre jüngeren Du Fu, der damals noch nicht berühmt war. Sie reisten gemeinsam durch Gebiete der heutigen Provinzen Henan und Shandong, jagten, tranken und schrieben Gedichte. Im folgenden Jahr trafen sie sich noch einmal. Danach sahen sie sich nie wieder.

Die Freundschaft ist auch deshalb berühmt, weil die überlieferten Zeugnisse ungleich verteilt sind. Du Fu schrieb mindestens ein Dutzend Gedichte über oder an Li Bai. Dazu gehören zwei Gedichte mit dem Titel „Von Li Bai träumend“, die er schrieb, als er fürchtete, sein Freund sei in der Verbannung gestorben. Im humorvollen „Lied von den acht Unsterblichen des Weinbechers“ dichtet Li Bai nach einem Krug Wein hundert Gedichte und weigert sich sogar, einem Ruf des Kaisers zu folgen. Von Li Bai sind dagegen nur wenige an Du Fu gerichtete Gedichte überliefert.

Spätere Kritiker stellten die beiden Dichter als Gegensätze dar: Li Bai als spontanes, vom Daoismus inspiriertes Genie, Du Fu als sorgfältigen, konfuzianisch geprägten Meister seines Handwerks. Dieser Gegensatz kann hilfreich sein, ist aber zu einfach. Beide beherrschten ihre Kunst meisterhaft, beide schrieben über Politik und Leid, und beide schöpften aus der gesamten älteren Dichtung.

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Mittel

Gedichte über Freundschaft und Abschied

Weil Reisen langsam und gefährlich waren, konnte der Abschied von einem Freund im China der Tang-Zeit jahrelange Trennung oder ein Lebewohl für immer bedeuten. Abschiedsgedichte waren zugleich gesellschaftlicher Brauch und Kunst. Oft entstanden sie bei einem Festmahl oder am Flussufer, wenn der Reisende aufbrach. Li Bai schrieb sehr viele davon; einige zählen zu seinen beliebtesten Werken.

In „Abschied von Meng Haoran am Gelben Kranichturm auf seiner Reise nach Guangling“ beobachtet er, wie das Boot des älteren Dichters im Frühling nach Osten fährt: Das einsame Segel wird immer kleiner, bis es im blauen Himmel verschwindet. Zurück bleibt nur der Jangtse, der bis an den Rand des Himmels fließt. Das Gedicht spricht Trauer nicht direkt an; das Gefühl zeigt sich allein im leeren Fluss. In „An Wang Lun“, entstanden, als ein Dorfbewohner singend ans Ufer kam, um ihn zu verabschieden, sagt Li Bai: Der Pfirsichblütenteich mag tausend Fuß tief sein, doch Wang Luns Zuneigung zu ihm ist noch tiefer.

Diese Gedichte zeigen eine Seite Li Bais, die das Bild des einsamen Genies ergänzt. Viele seiner Gedichte schrieb er für andere Menschen: um ihnen zu danken, sie zu loben, zu trösten oder sich an sie zu erinnern. Seine Dichtung lebte von einem weitreichenden Netz aus Freunden, Förderern, Mönchen, daoistischen Meistern und Beamten im ganzen Reich.

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Mittel

Aufstand, Gefängnis und Verbannung

Ende 755 erhob sich der General An Lushan gegen den Kaiser. Die Aufständischen eroberten Luoyang und danach Chang’an. Kaiser Xuanzong floh nach Sichuan und dankte ab; sein Sohn wurde Kaiser Suzong. Der An-Lushan-Aufstand dauerte bis 763 und war eine der großen Katastrophen der chinesischen Geschichte.

Li Bai war damals über fünfzig und lebte im Süden. Er schloss sich dem Gefolge von Prinz Yong (Li Lin) an, einem weiteren Sohn Xuanzongs, der am Jangtse ein Heer aufstellte. Suzongs Hof betrachtete das Vorgehen des Prinzen als Aufstand. Im Jahr 757 wurden dessen Truppen besiegt. Li Bai wurde verhaftet, in Xunyang (Jiujiang) eingesperrt und zunächst zum Tode verurteilt. Der Überlieferung zufolge setzte sich der große General Guo Ziyi, dem Li Bai einst geholfen hatte, für ihn ein. Das Urteil wurde in eine Verbannung nach Yelang im abgelegenen Guizhou umgewandelt.

Er reiste langsam den Jangtse hinauf in Richtung seines Verbannungsorts. Doch 759 erreichte ihn nahe den Drei Schluchten die Nachricht von einer allgemeinen Amnestie. Der Vierzeiler „Frühmorgens Aufbruch von Baidi“, in dem ein Boot an den Rufen der Affen vorbei rasch durch die Schluchten fährt, wird traditionell mit seiner freudigen Rückkehr verbunden. Die Datierung ist jedoch nicht sicher.

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Mittel

Letzte Jahre, Tod und Legenden

In seinen letzten Jahren lebte Li Bai meist in der Gegend von Nanjing und in Anhui. Im Jahr 762 hielt er sich bei seinem Verwandten Li Yangbing auf, dem Magistrat von Dangtu, und starb dort noch im selben Jahr. Das genaue Datum und die Todesursache sind unbekannt; am wahrscheinlichsten ist eine Krankheit. Vor seinem Tod soll er Li Yangbing seine Manuskripte übergeben haben. Dieser schrieb ein Vorwort für die Sammlung.

Bald schmückten Legenden die Tatsachen aus. Der bekanntesten Geschichte zufolge lehnte sich Li Bai betrunken aus einem Boot auf dem Fluss, um das Spiegelbild des Mondes zu umarmen, und ertrank. Andere Legenden machten ihn zu einem Unsterblichen, der auf einem Wal davonritt. Diese Erzählungen sind keine Geschichte, aber sie zeigen, wie schnell Li Bai zum Sinnbild des Dichters als freier Geist wurde.

Sein Grab liegt am Berg Qingshan nahe Dangtu im heutigen Ma’anshan. Nach der Grabinschrift von Fan Chuanzheng wurden seine sterblichen Überreste im frühen 9. Jahrhundert dorthin gebracht, entsprechend seiner Liebe zur Landschaft dieser Gegend.

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Mittel

Themen und dichterische Mittel

Li Bai schrieb in vielen Formen. Etwa ein Sechstel seiner Gedichte sind Yuefu: Balladen, die alte Volksliedtitel und Themen neu gestalteten. Berühmte Beispiele sind „Bringt den Wein“ (將進酒) mit wiederkehrenden Aufforderungen, zu trinken, solange das Leben währt, und „Der schwere Weg nach Shu“ (蜀道難), ein Strom unregelmäßiger Verse über die furchterregende Bergstraße nach Sichuan. Er war auch ein Meister der Gushi („Gedichte im alten Stil“), die unterschiedlich lange Verse und einen freieren Rhythmus erlaubten, sowie der vierzeiligen Jueju. Vergleichsweise wenige Gedichte schrieb er in der streng geregelten achtzeiligen Form Lüshi, die Du Fu zur Vollendung brachte.

Zu seinen wiederkehrenden Themen gehören Mond, Wein, Berge und Flüsse, Abschiede von Freunden, die Einsamkeit des Reisens, Glanz und Verfall in der Geschichte sowie daoistische Visionen von Unsterblichen. In „Allein im Mondschein trinken“ lädt er den Mond und seinen eigenen Schatten ein, sodass sie zu dritt sind. Viele Gedichte behandeln auch Kriege an den Grenzen, verlassene Ehefrauen und Frauen am Hof. Oft enthalten sie durch historische Anspielungen vermittelte Kritik an der Hofpolitik.

Kritiker loben seit Langem die scheinbare Spontaneität seiner Verse, ihre plötzlichen Wendungen, Übertreibungen und kühnen Gedankensprünge. Forscher wie Stephen Owen betonen jedoch, dass diese „natürliche“ Stimme sorgfältig gestaltet war: Li Bai erschuf bewusst das Bild eines unkonventionellen Genies. Dabei schrieb er im Bewusstsein seiner Stellung innerhalb der dichterischen Tradition. Er gestaltete Balladen der Han-Zeit und der Zeit der Sechs Dynastien neu und griff die Dichtung früherer Meister wie des von ihm bewunderten Xie Tiao auf.

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Mittel

Wirkung in China, Ostasien und der Welt

Li Bai genoss schon zu Lebzeiten hohes Ansehen, und sein Ruf verblasste nie wirklich. In der Song-Dynastie stellten manche Kritiker Du Fu als moralisches Vorbild über ihn, doch Li Bai blieb bei vielen Lesern beliebt. Anthologien der Qing-Zeit sicherten ihm einen festen Platz im Unterricht: Die um 1763 von Sun Zhu zusammengestellte Sammlung „Dreihundert Tang-Gedichte“ enthält 34 seiner Gedichte. Nur von Du Fu sind mit 39 noch mehr vertreten.

In Korea, Japan und Vietnam, wo das klassische Chinesisch die Sprache der Gelehrsamkeit war, wurde Li Bai über Jahrhunderte gelesen, auswendig gelernt und nachgeahmt. Koreanische Gelehrte schrieben Gedichte im Tang-Stil und beriefen sich oft auf ihn als Vorbild dichterischer Begabung. In Japan war er als Ri Haku bekannt.

Im Westen wurden seine Gedichte durch Übersetzungen berühmt. Ezra Pounds schmales Buch Cathay (1915), das auf Notizen des Gelehrten Ernest Fenollosa beruhte, enthält überwiegend Gedichte von Li Bai unter der japanischen Form seines Namens, „Rihaku“. Es prägte die moderne englischsprachige Dichtung mit. Gustav Mahler vertonte deutsche Nachdichtungen von Gedichten, die Li Bai zugeschrieben werden, in Das Lied von der Erde (1908). Zu späteren Übersetzern gehören Arthur Waley und Witter Bynner; sein Einfluss erreichte auch Dichter wie Gary Snyder.

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Fortgeschritten

Biografie: Quellen und ihre Zuverlässigkeit

Die frühesten biografischen Quellen sind Li Bais eigene Gedichte und Prosatexte, insbesondere seine Briefe, mit denen er um Förderung warb und für sich selbst Werbung machte. Hinzu kommen Li Yangbings Vorwort zu seinen gesammelten Werken, das am Ende von Li Bais Leben entstand, und spätere Grabinschriften, vor allem eine von Fan Chuanzheng aus dem frühen 9. Jahrhundert. Die offiziellen Biografien im Alten Buch der Tang (945) und im Neuen Buch der Tang (1060) wurden erst lange danach verfasst und enthalten Fehler und Anekdoten. So nennt das Alte Buch der Tang Shandong als seinen Herkunftsort, was die meisten Forscher ablehnen.

Mehrere grundlegende Angaben bleiben umstritten. Das Geburtsjahr 701 beruht auf Berechnungen anhand von Gedichten und Inschriften; einige Forscher haben andere Daten vorgeschlagen. Die Frage nach dem Geburtsort – Suyab, ein anderer Ort in Zentralasien oder Sichuan – berührt sensible Fragen der Herkunft und Identität. Zwar wurde behauptet, Li Bai sei ethnisch kein Han-Chinese gewesen oder habe turkstämmige Vorfahren gehabt, doch die vorhandenen Belege können dies nicht beweisen. Auch die Behauptung seiner Familie, von Li Gao, dem Gründer des Westlichen Liang, abzustammen und damit mit dem Kaiserhaus der Tang verwandt zu sein, gehört zu einer verbreiteten Art genealogischer Ansprüche, die sich nur schwer überprüfen lassen.

Viele der berühmtesten Geschichten, etwa dass Gao Lishi ihm die Stiefel ausgezogen habe, Yang Guifei sich gegen ihn gewandt habe oder er beim Griff nach dem Mond ertrunken sei, tauchen erst in späteren Anekdotensammlungen auf. Moderne Biografen wie Arthur Waley haben in The Poetry and Career of Li Po (1950) versucht, belegte Ereignisse von der Legende zu trennen. Zugleich erkennen sie an, dass Li Bai selbst an der Entstehung dieser Legende mitwirkte.

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Fortgeschritten

Überlieferung der Texte und Fragen der Zuschreibung

Li Bais Werke wurden zu seinen Lebzeiten und danach in Handschriften verbreitet. Li Yangbings Zusammenstellung, die nach ihrem Vorwort als Caotang ji bekannt ist, war eine frühe Sammlung. Li Yangbing selbst schrieb jedoch, dass in den Wirren des Aufstands vieles verloren gegangen sei. Die erhaltenen Sammlungen wurden von Herausgebern der Song-Dynastie zusammengestellt. Sie trugen Gedichte aus vielen Quellen zusammen und nahmen auch einige von zweifelhafter Echtheit auf. Die große Sammlung Vollständige Tang-Gedichte aus der Qing-Zeit (1705) und spätere kommentierte Ausgaben bilden die Grundlage der heutigen Forschung.

Deshalb ist die Echtheit einzelner Gedichte eine echte Schwierigkeit. Weil Li Bai so berühmt war, wurden ihm Gedichte in seinem Stil zugeschrieben. Manche Texte sind zudem in unterschiedlichen Fassungen überliefert, wie „Gedanken in einer stillen Nacht“ zeigt. Forscher haben mehrere Gedichte angezweifelt. Einige ihm traditionell zugeschriebene Werke, etwa die Liedtexte (Ci) „Pusaman“ und „Yi Qin’e“, gelten weithin als fragwürdig, weil diese Liedform zu seiner Zeit kaum entwickelt war.

Für die Forschung bedeutet das: Schlussfolgerungen über Li Bais Leben oder Ansichten, die allein auf einem Gedicht beruhen, sind mit Vorsicht zu behandeln. Auch die Datierung ist schwierig. Nur wenige Gedichte tragen ein Datum, und viele Rekonstruktionen seines Lebens ordnen Gedichte anhand der darin erwähnten Orte und Personen ein. Dabei können Zirkelschlüsse entstehen.

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Kernideen

Der „Verbannte Unsterbliche“
Diesen Spitznamen gab He Zhizhang Li Bai. Er stellt ihn als himmlisches Wesen dar, das auf die Erde verbannt wurde, und prägte das Bild, das spätere Leser von ihm hatten.
Spontaneität als dichterische Rolle
Li Bais Gedichte wirken mühelos und frei. Diese Stimme war jedoch ein bewusst gestaltetes Selbstbild, das auf gründlicher Kenntnis älterer Dichtung beruhte.
Mond und Wein
Seine bekanntesten Bilder: Der Mond verbindet getrennte Menschen und regt zum Nachdenken an; Wein steht für Freiheit, Freundschaft und die Kürze des Lebens.
Erneuerung der Yuefu
Er gab alten Balladentiteln neue Kraft und nutzte sie für kühne Aussagen über Geschichte, Krieg und menschliche Gefühle.
Daoistische Vorstellungswelt
Visionen von Unsterblichen, heiligen Bergen und der Flucht aus dem Alltag durchziehen seine Dichtung und sein Leben.
Das Dichterpaar Li–Du
Li Bai und Du Fu gelten traditionell als die beiden Höhepunkte der Tang-Dichtung und werden oft auf zu einfache Weise als Gegensätze dargestellt.
Legende und Geschichte
Vieles, was Menschen über Li Bai zu „wissen“ glauben, stammt aus späteren Anekdoten. Deshalb muss seine Biografie kritisch gelesen werden.

Einträge

  1. um 701 n. Chr. — Li Bai wird geboren, möglicherweise in Suyab in Zentralasien.
  2. um 705 n. Chr. — Seine Familie lässt sich in Sichuan nahe dem heutigen Jiangyou nieder.
  3. um 725 n. Chr. — Er verlässt Sichuan und reist den Jangtse hinab.
  4. 727 n. Chr. — Er heiratet in Anlu (Hubei) in die Familie Xu ein.
  5. 742 n. Chr. — Kaiser Xuanzong ruft ihn nach Chang’an und beruft ihn an die Hanlin-Akademie.
  6. 744 n. Chr. — Er verlässt den Hof und begegnet im Herbst Du Fu.
  7. 755 n. Chr. — Der An-Lushan-Aufstand bricht aus.
  8. 757 n. Chr. — Die Truppen von Prinz Yong werden besiegt; Li Bai wird in Xunyang eingesperrt.
  9. um 758 n. Chr. — Er wird zur Verbannung nach Yelang (Guizhou) verurteilt.
  10. 759 n. Chr. — Durch eine Amnestie wird er nahe den Drei Schluchten begnadigt, bevor er den Verbannungsort erreicht.
  11. 762 n. Chr. — Er stirbt in Dangtu während eines Aufenthalts bei seinem Verwandten Li Yangbing.
  12. 1915 — Ezra Pounds Cathay macht „Rihaku“ in der modernen englischsprachigen Dichtung bekannt.

Glossar

Tang-Dynastie
Chinesische Dynastie, die von 618 bis 907 herrschte und oft als Blütezeit der chinesischen Dichtung gilt.
Chang’an
Die Hauptstadt der Tang nahe dem heutigen Xi’an; damals eine der größten Städte der Welt.
Hanlin-Akademie
Eine Gruppe von Gelehrten und Schriftstellern im Dienst des Kaisers, die amtliche Texte verfassten und Literatur für den Hof schrieben.
Yuefu
Gedichte des „Musikamts“: Balladen mit alten Liedtiteln und Themen, oft mit unterschiedlich langen Versen.
Gushi
„Gedichte im alten Stil“, ohne die strengen Tonregeln der geregelten Versdichtung.
Jueju
Ein vierzeiliges Gedicht mit meist fünf oder sieben Schriftzeichen pro Zeile.
Lüshi
Geregelte Versdichtung mit acht Zeilen und strengen Regeln für Töne und den parallelen Aufbau von Versen.
Daoismus
Eine chinesische philosophische und religiöse Tradition, die Harmonie mit dem Dao (dem Weg) und der Natur betont und in religiösen Formen auch nach Unsterblichkeit strebt.
Höflichkeitsname
Ein Name, den man als Erwachsener annahm und den Gleichgestellte verwendeten; Li Bais Höflichkeitsname war Taibai.
Suyab
Eine Stadt an der Seidenstraße nahe dem heutigen Tokmok in Kirgisistan, die als Li Bais Geburtsort vermutet wird.

Fragen und Antworten

Ist Li Bai wirklich ertrunken, als er den Mond greifen wollte?

Mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Die historischen Quellen berichten nur, dass er 762 in Dangtu starb. Die Geschichte vom Ertrinken ist eine spätere Legende, die zu seinem Bild als mondliebender Dichter passt.

Warum wird sein Name manchmal Li Po geschrieben?

Li Po ist eine ältere Umschrift nach Wade-Giles, die eine traditionelle Aussprache wiedergibt. Li Bai ist die heutige Pinyin-Schreibweise. Japanische Leser nennen ihn Ri Haku.

Wurde Li Bai in China geboren?

Möglicherweise nicht. Frühe Quellen deuten darauf hin, dass seine Familie in Zentralasien lebte. Viele Forscher vermuten deshalb, dass er in Suyab im heutigen Kirgisistan geboren wurde; andere halten Sichuan für seinen Geburtsort. Mit den vorhandenen Belegen lässt sich die Frage nicht klären.

Wie viele Gedichte schrieb er?

Etwa 1.000 ihm zugeschriebene Gedichte sind überliefert. Die Echtheit mancher Gedichte ist jedoch zweifelhaft, und viele andere gingen während des An-Lushan-Aufstands verloren.

Wer war der bessere Dichter, Li Bai oder Du Fu?

Chinesische Kritiker diskutieren darüber seit mehr als tausend Jahren. Heute gelten sie meist als ebenbürtig, mit unterschiedlichen Stärken: Li Bais Freiheit und Fantasie sowie Du Fus Tiefe und Beherrschung der dichterischen Form.

Warum kam Li Bai ins Gefängnis?

Während des An-Lushan-Aufstands diente er Prinz Yong. Dessen eigenständigen Feldzug betrachtete Kaiser Suzong als Aufstand. Nach der Niederlage des Prinzen im Jahr 757 wurde Li Bai verhaftet.

Welche Quellen nutzen Historiker für sein Leben?

Seine eigenen Gedichte und Briefe, Li Yangbings Vorwort, spätere Grabinschriften und die offiziellen Biografien im Alten und Neuen Buch der Tang. Die Biografien wurden viel später geschrieben und enthalten auch Legenden.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Li Bai. Wikipedia
  2. 이백. 위키백과
  3. Quiet Night Thought. Wikipedia
  4. Three Hundred Tang Poems. Wikipedia
  5. Tang poetry. Wikipedia
  6. Du Fu. Wikipedia
  7. An Lushan rebellion. Wikipedia
  8. Arthur Waley, The Poetry and Career of Li Po, 701–762 A.D.. George Allen & Unwin, 1950
  9. Stephen Owen, The Great Age of Chinese Poetry: The High T’ang. Yale University Press, 1981

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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.

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