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Für junge Leser
Vor etwa 1.270 Jahren trafen zwei der größten Reiche der Welt mitten in Asien aufeinander. Im Osten lag China. Dort herrschte die Tang-Dynastie. Im Westen lag ein großes muslimisches Reich. Dort herrschten die Kalifen der Abbasiden. Ihr Land reichte von Nordafrika bis nach Zentralasien.
Zwischen den Reichen lagen Oasenstädte an der Seidenstraße. Dort handelten Kaufleute mit Seide, Pferden, Silber und Gewürzen. Beide Reiche wollten diese Städte auf ihrer Seite haben.
Im Sommer 751 zog ein Tang-Heer unter dem General Gao Xianzhi nach Westen über die Berge. Am Fluss Talas, im Gebiet des heutigen Kasachstan und Kirgisistan, traf es auf ein Heer der Abbasiden. Sie kämpften mehrere Tage lang. Dann stellten sich türkische Soldaten, die Karluken, gegen das Tang-Heer, an dessen Seite sie zuvor gekämpft hatten. Das Tang-Heer wurde schwer geschlagen. Nur wenige Soldaten entkamen.
Viele chinesische Soldaten wurden gefangen genommen. Einer von ihnen war der junge Du Huan. Er reiste jahrelang durch muslimische Länder. Später schrieb er auf, was er gesehen hatte. Sein Bericht gehört zu den ersten chinesischen Beschreibungen der islamischen Welt.
Eine bekannte Geschichte erzählt, dass chinesische Gefangene den Arabern nach der Schlacht zeigten, wie man Papier herstellt. Doch Historiker meinen heute, dass man in Zentralasien schon vor 751 Papier kannte. Wahrscheinlich begann die Papierherstellung in der islamischen Welt also nicht erst durch diese Schlacht.
Auf einen Blick
- Datum
- 751, wahrscheinlich im Juli (die Quellen nennen unterschiedliche Monate)
- Ort
- Nahe dem Fluss Talas und der Stadt Talas (chinesisch Daluosi, arabisch Taraz/Atlakh), an der Grenze des heutigen Kasachstan und Kirgisistan; der genaue Ort ist unbekannt
- Kriegsparteien
- Tang-China mit verbündeten Truppen aus Ferghana und Karluken; das Abbasiden-Kalifat mit örtlichen Verbündeten
- Befehlshaber
- Tang: Gao Xianzhi, mit Li Siye und Duan Xiushi. Abbasiden: Ziyad ibn Salih, unter Abu Muslim, dem Statthalter von Chorasan
- Truppenstärke
- Ungewiss; chinesische Quellen sprechen von etwa 30.000 Soldaten der Tang und ihrer Verbündeten. Die Angaben zum Heer der Abbasiden weichen stark voneinander ab
- Ergebnis
- Sieg der Abbasiden, nachdem sich die Karluken gegen die Tang gestellt hatten
- Wichtigste Quellen
- Chinesisch: Tongdian, Altes und Neues Buch der Tang, Zizhi Tongjian. Arabisch: spätere Geschichtsschreiber wie Ibn al-Athir und adh-Dhahabi
- Bedeutung
- Umstritten; die Schlacht markierte die westliche Grenze der militärischen Unternehmungen der Tang, doch ihr Rückzug aus Zentralasien erfolgte hauptsächlich nach der An-Lushan-Rebellion von 755
Einfach
Was geschah am Talas?
Im Jahr 751 kämpfte ein Heer der chinesischen Tang-Dynastie unter General Gao Xianzhi nahe dem Fluss Talas in Zentralasien gegen ein Heer des Abbasiden-Kalifats. Nach mehreren Tagen Kampf wechselten die Karluken, ein Turkvolk, das auf der Seite der Tang gekämpft hatte, zu den Abbasiden oder griffen die Tang von hinten an. Das Tang-Heer brach zusammen; Gao Xianzhi entkam mit einem kleinen Teil seiner Truppen.
Die Schlacht ist bekannt, weil sie die einzige große Schlacht zwischen dem chinesischen Reich und einem arabisch-islamischen Reich war. Sie fand dort statt, wo die Einflussgebiete zweier expandierender Reiche auf den Wegen der Seidenstraße zusammentrafen.
Wie wichtig sie war, ist weiterhin umstritten. Manche Autoren nennen sie einen Wendepunkt, der darüber entschied, ob Zentralasien chinesisch oder muslimisch werden würde. Andere sehen in ihr eine Grenzschlacht mit begrenzten Folgen. Die beiden Seiten setzten ihre Kämpfe nicht fort und tauschten innerhalb eines Jahres wieder Gesandte aus.
Einfach
Zwei Reiche an der Seidenstraße
In der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts stand Tang-China auf dem Höhepunkt seiner Macht. Von seinem Generalprotektorat zur Befriedung des Westens (Anxi) aus, dessen Sitz Kucha im Tarimbecken war, beherrschte oder beeinflusste es Oasenstaaten weit im Westen. Sein wichtigster Rivale in der Region war das Tibetische Reich, das mit den Tang um die Kontrolle über das Pamirgebirge und die Wege nach Indien und Zentralasien konkurrierte.
Unterdessen hatten arabische Heere den Iran und im frühen 8. Jahrhundert auch die Gebiete zwischen den Flüssen Amudarja und Syrdarja erobert. Die Araber nannten dieses Gebiet Ma wara’ al-nahr (Transoxanien). Hier lebten die Sogder, die als Kaufleute in Städten wie Samarkand und Buchara bekannt waren. Örtliche Herrscher baten China mitunter um Hilfe gegen die Araber.
Im Jahr 750 wurde das Umayyaden-Kalifat durch die abbasidische Revolution gestürzt, die in Chorasan im Nordosten Irans begonnen hatte. Ihr dortiger militärischer Anführer Abu Muslim kontrollierte die östlichen Provinzen. Die neue Dynastie musste ihre Ostgrenze sichern, während Befehlshaber der Tang immer weiter nach Westen vordrangen.
Einfach
Gao Xianzhi, der General aus Goguryeo
Der Tang-Befehlshaber Gao Xianzhi (koreanisch Go Seonji) stammte aus einer Familie aus Goguryeo, die nach China gezogen war, nachdem Tang und Silla das koreanische Königreich Goguryeo im Jahr 668 zerstört hatten. Auch sein Vater diente im Westen als Offizier der Tang. Gao stieg im Heer des westlichen Protektorats auf.
Im Jahr 747 führte er einen Feldzug über das Pamirgebirge, eines der höchsten Gebirge der Welt, und besiegte Klein-Bolü (in der Region Gilgit im heutigen Pakistan), einen mit Tibet verbündeten Staat. Mit einem Heer hohe Gebirgspässe zu überqueren, war eine erstaunliche Leistung. Der Forschungsreisende Aurel Stein, der Gaos Route untersuchte, würdigte sie sehr. Danach erkannten viele kleine Staaten der Region die Oberherrschaft der Tang an.
Später wurde Gao Militärgouverneur in Kucha. Seine Laufbahn endete tragisch: Während der An-Lushan-Rebellion wurden er und sein Mitgeneral Feng Changqing nach einem Rückzug von einem Eunuchen, der die Aufsicht führte, beschuldigt und Anfang 756 hingerichtet.
Mittel
Der Weg zur Schlacht: Chach, Ferghana und der Hilferuf an die Araber
Der unmittelbare Anlass war ein Streit zwischen zwei zentralasiatischen Staaten. Ferghana, ein Verbündeter der Tang, lag mit Chach (chinesisch Shi, die Region des heutigen Taschkent) im Konflikt. Im Jahr 750 zog Gao Xianzhi gegen Chach. Chinesischen Quellen zufolge unterwarf sich der König von Chach, doch Gao brach sein Versprechen, ihn zu verschonen, plünderte die Stadt und brachte den König nach Chang’an, wo dieser hingerichtet wurde. Selbst chinesische Geschichtsschreiber verurteilten dies als Habgier und Wortbruch.
Der Sohn des Königs entkam und bat die Nachbarstaaten und die Araber um Hilfe. Die abbasidischen Machthaber in Chorasan entsandten unter Abu Muslim ein Heer unter dem Befehl Ziyad ibn Salihs. Chinesischen Quellen zufolge erfuhr Gao, dass die Araber einen Angriff auf die westlichen Garnisonen der Tang planten. Er beschloss, ihnen zuvorzukommen, und zog mit Tang-Soldaten und verbündeten Truppen weit nach Westen.
Je nach Blickwinkel erschien der Krieg daher anders. Für die Tang war er ein Feldzug zur Bestrafung untreuer Vasallen und zur Abwehr einer drohenden arabischen Attacke. Für die Abbasiden und viele sogdische und türkische Herrscher war er eine Antwort auf die chinesische Aggression und den Wortbruch in Chach sowie eine Gelegenheit, die Ostgrenze der neuen Dynastie zu sichern.
Mittel
Die Schlacht und der Seitenwechsel der Karluken
Gaos Heer rückte etwa 700 chinesische Li (ungefähr 300–400 km) über die Tang-Grenze hinaus vor und traf nahe dem Talas auf das Heer der Abbasiden, wahrscheinlich im Juli 751. Chinesische Quellen sprechen von etwa 30.000 Tang-Soldaten und nichtchinesischen Kämpfern; arabische Quellen nennen für die chinesische Seite wesentlich höhere Zahlen. Moderne Schätzungen für beide Heere unterscheiden sich stark, und keine lässt sich bestätigen.
Den ausführlichsten Berichten zufolge kämpften die Heere etwa fünf Tage lang ohne Entscheidung. Die Armbrustschützen der Tang sollen zunächst wirkungsvoll gewesen sein. Dann wechselten die Karluken, ein türkischer Stammesverband im Dienst der Tang, die Seite. Sie griffen das Tang-Heer an, während die Abbasiden von vorn Druck ausübten. Das Tang-Heer brach auseinander.
Beim Rückzug war der Weg durch fliehende Truppen aus Ferghana und Gepäck versperrt. Der Tang-Offizier Li Siye bahnte mit einer Keule einen Weg, damit Gao entkommen konnte. Dem Zizhi Tongjian zufolge warf ihm ein anderer Offizier, Duan Xiushi, vor, sich selbst zu retten und die Soldaten zurückzulassen. Daraufhin half Li, die Überlebenden zu sammeln. Nur wenige Tausend Männer kehrten zurück. Die übrigen wurden getötet oder gefangen genommen.
Mittel
Die Folgen: Gefangene, Gesandte und die An-Lushan-Rebellion
Viele Tang-Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Arabische Quellen nennen Zahlen im Zehntausenderbereich, die wahrscheinlich übertrieben sind. Viele Gefangene wurden nach Westen in die Gebiete der Abbasiden gebracht. Einige waren Handwerker; späteren Berichten zufolge arbeiteten sie als Weber, Maler und Papiermacher.
Die Niederlage führte nicht zu einem langen Krieg. Die Abbasiden fielen nicht in das Tarimbecken ein, und die Tang blieben noch einige Jahre in der Region aktiv. Chinesische Aufzeichnungen erwähnen ab 752 arabische Gesandtschaften am Tang-Hof. Einige Jahre später gehörten während der An-Lushan-Rebellion sogar arabische Soldaten zu den ausländischen Kämpfern, die Kaiser Suzong bei der Rückeroberung der Hauptstädte halfen.
Der entscheidende Wendepunkt für die Macht der Tang in Zentralasien kam 755, als die An-Lushan-Rebellion den Hof zwang, seine besten Truppen von der Grenze zurückzurufen. Danach eroberte Tibet den Hexi-Korridor und schnitt die Tang von ihren westlichen Garnisonen ab. Diese hielten isoliert bis ins späte 8. Jahrhundert durch. Vor allem diese Ereignisse, nicht die Schlacht am Talas selbst, beendeten die Vorherrschaft der Tang im Westen.
Mittel
Die Menschen, die in den Krieg gerieten
Die Schlacht am Talas wird oft als Kampf zweier Reiche beschrieben. Doch die meisten Menschen, die dort kämpften und litten, waren weder Han-Chinesen noch Araber. Das Tang-Heer im Westen stützte sich stark auf nichtchinesische Soldaten: türkische Reiter, Truppen aus Oasenstaaten und Verbündete wie Ferghana. Zu den abbasidischen Streitkräften in Chorasan gehörten Perser, im Osten angesiedelte Araber und örtliche zentralasiatische Verbündete. Die Karluken, deren Seitenwechsel die Schlacht entschied, verfolgten als aufstrebende türkische Macht zwischen den Reichen eigene Interessen.
Für gewöhnliche Soldaten bedeutete der Feldzug Märsche über Hunderte Kilometer durch Wüsten und Gebirge, weit weg von zu Hause. Der Dichter Du Fu beschrieb um diese Zeit in Chang’an im „Lied von den Kriegswagen“ die Trauer der Familien, deren Söhne in endlose Grenzkriege geschickt wurden, und die unbegrabenen Gebeine am Kukunor-See. Talas war eine von mehreren schweren Niederlagen im Jahr 751; chinesische Quellen beziffern die Verluste auf Zehntausende.
Die Gefangenen zahlten einen dauerhaften Preis. Tausende Kilometer von zu Hause entfernt, verschwinden die meisten aus den Quellen. Nur wenige, darunter Du Huan und die von ihm erwähnten Handwerker, sind namentlich bekannt. Nur von Du Huan ist bekannt, dass er zurückkehrte. Für die Menschen von Chach, deren König hingerichtet und deren Stadt 750 geplündert worden war, begann der Krieg mit dem Wortbruch der Tang. Auch ihr Leid gehört zur Geschichte der Schlacht am Talas.
Mittel
Du Huan: ein Gefangener, der die islamische Welt sah
Einer der Gefangenen war Du Huan, ein junger Mann aus Chang’an und Verwandter des Gelehrten und Beamten Du You. Er verbrachte mehr als zehn Jahre in den Gebieten der Abbasiden. Dabei gelangte er bis nach Kufa im Irak, der damaligen Hauptstadt der Abbasiden, und möglicherweise noch weiter. Im Jahr 762 kehrte er auf dem Seeweg nach China zurück und landete in Guangzhou.
Er schrieb einen Reisebericht, den Jingxingji („Aufzeichnungen einer Reise“). Das vollständige Buch ist verloren, doch Du You zitierte Teile daraus in seiner Enzyklopädie Tongdian (801). Die erhaltenen Auszüge beschreiben die Bräuche der Araber, ihre Kleidung, ihr Essen und ihre Gebete, das islamische Verbot von Wein und Schweinefleisch, die Versammlungen am Freitag und die Predigten des Kalifen. Sie nennen auch chinesische Maler und Seidenweber, die in Kufa arbeiteten und 751 gefangen genommen worden waren.
Du Huans Text gehört zu den frühesten chinesischen Augenzeugenberichten über den Islam und die Welt der Abbasiden. Sein überwiegend bewundernder Ton hat Forschende wie Angela Schottenhammer zu der Vermutung geführt, dass er in diesen Jahren beträchtliche Freiheit genoss.
Mittel
Brachte die Schlacht am Talas das Papier in den Westen?
Eine bekannte Geschichte verbindet die Schlacht mit einer der großen Übertragungen von Technik in der Geschichte. Der arabische Autor ath-Tha’alibi schrieb im 11. Jahrhundert unter Berufung auf eine ältere Quelle, dass chinesische Gefangene Ziyad ibn Salih die Papierherstellung nach Samarkand brachten. Die Stadt wurde später für ihr Papier berühmt. Viele populäre Geschichtsdarstellungen wiederholen, die Schlacht habe das Papier in die islamische Welt und schließlich nach Europa gebracht.
Historiker betrachten diese Geschichte heute mit Vorsicht. Papier wurde in Zentralasien schon lange vor 751 verwendet. Die sogdischen „Alten Briefe“ aus dem 4. Jahrhundert, die nahe Dunhuang gefunden wurden, waren auf Papier geschrieben. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass in Samarkand schon Jahrzehnte vor der Schlacht Papier verwendet und wahrscheinlich auch hergestellt wurde. Jonathan Bloom argumentiert in Paper Before Print (2001), die Talas-Erzählung sei am besten als eine Überlieferung zu verstehen, die chinesischen Handwerkern die Erfindung zuschreibt, und nicht als genauer Bericht darüber, wie die Technik dorthin gelangte.
Fest steht, dass sich die Papierherstellung im späten 8. Jahrhundert in der islamischen Welt ausbreitete: In Bagdad sind Papiermühlen in den 790er-Jahren belegt, und Papier veränderte Verwaltung, Gelehrsamkeit und Buchkultur. Es ist möglich, dass Gefangene von Talas dazu beitrugen. Die Schlacht war aber nicht die einzige Ursache.
Mittel
Wer waren die Karluken, und warum wechselten sie die Seite?
Die Karluken waren ein Verband türkischer Stämme, deren frühes Siedlungsgebiet am Schwarzen Irtysch und im Tarbagatai-Gebirge lag, im Grenzgebiet des heutigen Kasachstan, Chinas und der Mongolei. In den 740er-Jahren beteiligten sie sich gemeinsam mit den Uiguren und Basmilen am Sturz des Zweiten Türk-Kaganats. Sie wurden zu einer mächtigen Kraft in der westlichen Steppe.
Warum sie sich am Talas gegen die Tang wandten, ist unklar. Einige arabische Autoren deuten an, dass sie bereits Kontakt zu den Abbasiden hatten. Moderne Historiker sehen in ihrem Handeln häufig eine günstige Gelegenheit für eine aufstrebende Macht, die keines der beiden Reiche über die Region herrschen lassen wollte. Die chinesischen Quellen halten ihren Seitenwechsel lediglich als entscheidenden Moment fest.
Nach 751 dehnten sich die Karluken nach Westen aus. Bis 766 hatten sie Suyab im Tschü-Tal, nahe dem Gebiet der Schlacht, eingenommen und zu ihrer Hauptstadt gemacht. Der arabische Geschichtsschreiber al-Ya’qubi berichtet, dass ein karlukischer Herrscher unter Kalif al-Mahdi (775–785) den Islam annahm. Die Bekehrung der Karluken insgesamt verlief jedoch allmählich. Sie werden oft mit dem Aufstieg des Karachanidenreiches im 10. Jahrhundert in Verbindung gebracht, der ersten türkischen Dynastie, die den Islam annahm. Die Herkunft der Karachaniden ist allerdings umstritten. Dieser lange Prozess, nicht die Schlacht selbst, machte den Islam zur vorherrschenden Religion der Region.
Fortgeschritten
Wie wichtig war die Schlacht am Talas? Unterschiedliche Deutungen
Der russische Orientalist W. W. Barthold vertrat die Ansicht, die Schlacht habe entschieden, welche der beiden Zivilisationen, die chinesische oder die muslimische, in Zentralasien vorherrschen würde. Diese Sicht war im 20. Jahrhundert einflussreich und wird noch immer in populären Darstellungen wiederholt. Oft kommt dort die Behauptung hinzu, die Schlacht habe zur Islamisierung der Turkvölker geführt.
Viele spätere Historiker urteilen vorsichtiger. Sie weisen darauf hin, dass die Abbasiden nicht versuchten, ihren Sieg für Vorstöße nach Osten zu nutzen; dass die Tang bis zur An-Lushan-Rebellion in den westlichen Gebieten aktiv blieben; dass tibetische und nicht arabische Macht die von den Tang hinterlassene Lücke füllte; und dass die Turkvölker Zentralasiens erst in einem langsamen Prozess zum Islam übertraten. Dieser fand vor allem ab dem 10. Jahrhundert statt, durch Handel, Missionare sowie die Reiche der Samaniden und Karachaniden. Nach dieser Deutung war Talas eine bedeutende Niederlage an der Grenze, deren langfristige Folgen jedoch übertrieben wurden.
Die Sichtweisen unterscheiden sich auch je nach Region. In der chinesischen Geschichtsschreibung gilt Talas meist als eine von mehreren Niederlagen an den Grenzen im Jahr 751, neben Niederlagen gegen Nanzhao im Südwesten und gegen die Kitan im Nordosten. Sie wird auch als Zeichen der Überdehnung vor der Rebellion gesehen. Arabische Chronisten schenkten ihr damals wenig Beachtung. In Kasachstan und Kirgisistan wird sie mitunter als Teil der nationalen Geschichte auf eigenem Boden dargestellt, während in Korea das Interesse Gao Xianzhi als General mit Vorfahren aus Goguryeo gilt.
Fortgeschritten
Die Quellen und ihre Probleme
Die chinesischen Quellen sind am ausführlichsten. Das Tongdian von Du You (801) bewahrt Auszüge aus Du Huans Augenzeugenbericht. Die Lebensbeschreibungen von Gao Xianzhi und Li Siye im Alten Buch der Tang (945) und im Neuen Buch der Tang (1060) sowie die Darstellung in Sima Guangs Zizhi Tongjian (1084) schildern den Feldzug, die Ereignisse in Chach und den Rückzug. Sie sind aus der Sicht des Tang-Hofes geschrieben und machen mitunter Gaos Habgier für die Niederlage verantwortlich.
Auf arabischer Seite wird die Schlacht in den erhaltenen frühen Chroniken kaum erwähnt. Ausführlichere arabische Berichte stammen von viel späteren Autoren wie Ibn al-Athir (gest. 1233) und adh-Dhahabi (gest. 1348). Sie nennen hohe Zahlen für die getöteten und gefangenen Chinesen. Ath-Tha’alibis Erzählung über das Papier aus dem 11. Jahrhundert gehört zu einer eigenen Überlieferung. Diese späteren Texte beruhen auf heute verlorenen Quellen und müssen mit Vorsicht verwendet werden.
Da die beiden Überlieferungen nur selten dieselben Einzelheiten erwähnen, müssen Historiker sie sorgfältig zusammenführen. Die Zahlen der Soldaten und der Verluste bleiben sehr unsicher. Der genaue Ort der Schlacht wurde archäologisch nicht bestimmt; meist wird sie nahe dem heutigen Taraz in Kasachstan oder Talas in Kirgisistan verortet. Künftige archäologische Untersuchungen im Talas-Tal könnten helfen, doch bislang sind keine Funde von einem Schlachtfeld sicher mit dem Jahr 751 verbunden worden.
Kernideen
- Begegnung zweier Reiche
- Talas war die einzige große Schlacht zwischen dem chinesischen und einem arabisch-islamischen Reich. Sie fand dort statt, wo ihre Einflussgebiete in Zentralasien aufeinandertrafen.
- Örtliche Politik löst einen Krieg zwischen Großmächten aus
- Der Krieg begann mit einem Streit zwischen Ferghana und Chach sowie Gao Xianzhis hartem Vorgehen gegen den König von Chach.
- Verbündete entscheiden Schlachten
- Der Seitenwechsel der Karluken verwandelte einen unentschiedenen Kampf in eine Katastrophe für die Tang.
- Überdehnung
- Chinesische Historiker sehen Talas und andere Niederlagen von 751 oft als Zeichen dafür, dass die Tang vor der An-Lushan-Rebellion zu weit vorgedrungen waren.
- Der Mythos von der Papierschlacht
- Die Erzählung, Gefangene von Talas hätten das Papier in die islamische Welt gebracht, ist einprägsam. Als alleinige Erklärung ist sie jedoch nicht belegt.
- Wendepunkt oder Grenzschlacht?
- Historiker sind sich uneinig, ob Talas die Zukunft Zentralasiens prägte oder eine Niederlage an der Grenze mit begrenzten Folgen war.
- Wissen durch Gefangenschaft
- Du Huans Bericht zeigt, wie Kriege auch Menschen, Fertigkeiten und Wissen zwischen Zivilisationen bewegten.
Einträge
- 668 n. Chr. — Goguryeo fällt an Tang und Silla; Familien wie die von Gao Xianzhi ziehen nach Tang-China.
- um 705 n. Chr. — Arabische Heere unter Qutayba ibn Muslim beginnen die Eroberung Transoxaniens.
- 747 n. Chr. — Gao Xianzhi überquert das Pamirgebirge und besiegt Klein-Bolü (Region Gilgit).
- 750 n. Chr. — Die abbasidische Revolution stürzt die Umayyaden; Gao Xianzhi greift Chach (Taschkent) an.
- 751 n. Chr. — Schlacht am Talas: Das Tang-Heer wird nach dem Seitenwechsel der Karluken besiegt.
- 752 n. Chr. — Abbasidische Gesandte treffen am Tang-Hof ein; die diplomatischen Kontakte gehen weiter.
- 755 n. Chr. — Die An-Lushan-Rebellion bricht aus; die Tang rufen Truppen von der Grenze zurück.
- 756 n. Chr. — Gao Xianzhi wird während der Rebellion aufgrund falscher Anschuldigungen hingerichtet.
- 762 n. Chr. — Du Huan kehrt auf dem Seeweg nach China zurück und landet in Guangzhou.
- um 794 n. Chr. — In Bagdad sind Papiermühlen belegt.
- 801 n. Chr. — Du You vollendet das Tongdian, das Auszüge aus Du Huans Reisebericht bewahrt.
Glossar
- Tang-Dynastie
- Die chinesische Dynastie, die von 618 bis 907 herrschte und auf dem Höhepunkt ihrer Macht große Teile Zentralasiens kontrollierte.
- Abbasiden-Kalifat
- Die islamische Dynastie, die 750 die Macht übernahm und vom Irak aus herrschte (zunächst von Kufa, ab 762 von Bagdad aus).
- Kalif
- Titel des Herrschers der islamischen Gemeinschaft, der als Nachfolger des Propheten Mohammed galt.
- Transoxanien
- Das Land jenseits des Flusses Oxus (Amudarja), zu dem Samarkand und Buchara gehören; arabisch Ma wara’ al-nahr.
- Sogder
- Ein iranisches Volk Zentralasiens, das für seine Kaufleute an der Seidenstraße bekannt war.
- Karluken
- Ein türkischer Stammesverband in Zentralasien, dessen Seitenwechsel die Schlacht entschied.
- Generalprotektorat zur Befriedung des Westens (Anxi)
- Die Militärverwaltung der Tang für das Tarimbecken und die westlichen Gebiete.
- Chorasan
- Eine große Region im Nordosten Irans und in Zentralasien, die Ausgangspunkt der abbasidischen Revolution war.
- Chach
- Ein zentralasiatischer Staat im Gebiet des heutigen Taschkent, auf Chinesisch Shi genannt.
- Tongdian
- Eine von Du You zusammengestellte Enzyklopädie über staatliche Einrichtungen, die 801 vollendet wurde.
Fragen und Antworten
Wer gewann die Schlacht am Talas?
Das Abbasiden-Kalifat gewann. Das Tang-Heer wurde besiegt, nachdem sich seine karlukischen Verbündeten gegen es gestellt hatten. Nur ein kleiner Teil entkam.
Kämpften China und die arabische Welt nach Talas weiter gegeneinander?
Nein. Innerhalb von ein oder zwei Jahren wurden wieder Gesandte ausgetauscht. Einige Jahre später halfen arabische Soldaten den Tang sogar gegen die Aufständischen der An-Lushan-Rebellion.
Stimmt es, dass die Schlacht die Papierherstellung in den Westen brachte?
Wenn überhaupt, dann nur zum Teil. Ein Autor des 11. Jahrhunderts schrieb, chinesische Gefangene hätten die Papierherstellung nach Samarkand gebracht. Papier wurde in Zentralasien jedoch schon vor 751 verwendet. Die meisten Historiker bezweifeln heute, dass Talas der entscheidende Moment war.
Warum erinnern sich Koreaner an diese Schlacht?
Weil der Tang-Befehlshaber Gao Xianzhi aus einer Familie aus Goguryeo stammte, einem alten koreanischen Königreich. In Korea gilt er als bemerkenswerter General, besonders wegen seiner Überquerung des Pamirgebirges.
Wo genau fand die Schlacht statt?
Das weiß niemand mit Sicherheit. Sie fand nahe dem Fluss Talas statt, wahrscheinlich nicht weit vom heutigen Taraz in Kasachstan oder Talas in Kirgisistan. Ein Schlachtfeld wurde bisher nicht gefunden.
Machte die Schlacht am Talas Zentralasien muslimisch?
Nicht unmittelbar. Die arabische und muslimische Herrschaft über Transoxanien bestand bereits. Die Bekehrung türkischer Völker wie der Karluken erfolgte allmählich im Lauf der folgenden zwei Jahrhunderte.
Warum unterscheiden sich die chinesischen und arabischen Angaben zur Größe der Heere so stark?
Beide Überlieferungen hatten Gründe, Zahlen größer oder kleiner darzustellen. Die arabischen Berichte wurden Jahrhunderte später verfasst, und vormoderne Heere wurden selten genau gezählt. Moderne Historiker halten alle Zahlen für unsicher.
Quellen und weiterführende Literatur
- Battle of Talas. Wikipedia
- 탈라스 전투. 위키백과
- Gao Xianzhi. Wikipedia
- 고선지. 위키백과
- Du Huan. Wikipedia
- Karluks. Wikipedia
- An Lushan rebellion. Wikipedia
- History of paper. Wikipedia
- Jonathan M. Bloom, Paper Before Print: The History and Impact of Paper in the Islamic World. Yale University Press, 2001
- Christopher I. Beckwith, The Tibetan Empire in Central Asia. Princeton University Press, 1987
Verwandte Inhalte
- Haus der WeisheitEine Bezeichnung, die mit abbasidischen Gelehrtensammlungen und Übersetzungstätigkeit in Bagdad verbunden ist.
- Li BaiEin Dichter der Tang-Zeit, berühmt für lebendige Bilder und Gedichte über Freundschaft, Reisen, Wein und die Natur.
- Du FuEin Dichter der Tang-Zeit, dessen Werk persönliche Not und die menschlichen Folgen von Aufstand und Vertreibung festhält.
- SeokguramEine buddhistische Grotte aus dem 8. Jahrhundert nahe Gyeongju, bekannt für ihren Buddha aus Granit und die umgebenden Skulpturen.
- Cai LunEin Hofbeamter der Östlichen Han-Dynastie, dem traditionell zugeschrieben wird, 105 n. Chr. ein verbessertes Verfahren zur Papierherstellung vorgestellt zu haben.
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.