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Für junge Leser
Stell dir vor, du gehst in der Dämmerung nach Hause und siehst eine Schlange auf dem Weg. Du erschrickst. Dann bringt jemand eine Lampe, und du erkennst: Es ist nur ein zusammengerolltes Seil. Eine Schlange war nie da. Shankara erzählte diese Geschichte oft. Er sagte, dass wir uns über uns selbst und die Welt ähnlich täuschen.
Shankara lehrte, dass hinter allem eine einzige große Wirklichkeit steht. In hinduistischen Schriften heißt sie Brahman. Dein wahres Selbst, tief in dir, heißt Atman. Shankara sagte: Atman und Brahman sind dasselbe. Wir fühlen uns nur getrennt, weil wir nicht klar erkennen, was wirklich ist – so wie jemand ein Seil für eine Schlange hält.
Erzählungen zufolge wurde Shankara im Dorf Kalady im südindischen Kerala geboren. Sein Vater starb, als Shankara noch klein war. Als Junge wollte er Mönch werden. Ein Mönch verlässt sein Zuhause und gibt seinen Besitz auf, um nach Weisheit zu suchen. Eine Geschichte erzählt, dass ein Krokodil sein Bein im Fluss packte. Es ließ ihn erst los, als seine Mutter ihm erlaubte, Mönch zu werden.
Shankara schrieb lange Erklärungen zu sehr alten heiligen Schriften, darunter die Upanishaden und die Bhagavad Gita. Man erzählt, er sei durch ganz Indien gereist, habe mit anderen Denkern diskutiert und Schüler unterrichtet. Er soll schon mit 32 Jahren gestorben sein.
Noch heute ehren viele Hindus Shankara als großen Lehrer. Klöster in verschiedenen Teilen Indiens sagen, dass er sie gegründet habe. Historiker sind jedoch vorsichtig: Die meisten Geschichten über sein Leben wurden erst Hunderte Jahre nach seinem Tod aufgeschrieben.
Auf einen Blick
- Lebenszeit
- Umstritten. Nach der traditionellen Chronologie lebte er von 788 bis 820 n. Chr.; viele heutige Fachleute bevorzugen die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts (ca. 700–750). Mönchsgemeinschaften nennen Daten aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., die Historiker nicht anerkennen.
- Geburtsort (nach der Überlieferung)
- Kalady am Fluss Periyar im heutigen Kerala, Indien (eine Heiligenbiografie nennt Chidambaram)
- Sprache
- Sanskrit
- Philosophische Schule
- Advaita-Vedanta („nicht-duales“ Vedanta), eine auf den Upanishaden beruhende Schule der hinduistischen Philosophie
- Zentrale Lehre
- Das individuelle Selbst (Ātman) ist mit Brahman, der einen höchsten Wirklichkeit, identisch; das Gefühl des Getrenntseins entsteht durch Unwissenheit (Avidyā)
- Hauptwerke (allgemein als echt anerkannt)
- Kommentar zu den Brahma-Sutras (Brahmasūtrabhāṣya); Kommentare zu wichtigen Upanishaden; Kommentar zur Bhagavad Gita; das Upadeśasāhasrī („Tausend Unterweisungen“)
- Lehrer (nach der Überlieferung)
- Govinda Bhagavatpāda, der ein Schüler Gauḍapādas gewesen sein soll
- Tod (nach der Überlieferung)
- Im Alter von etwa 32 Jahren; Kedarnath im Himalaya wird am häufigsten als Sterbeort genannt, doch die Überlieferungen unterscheiden sich
Einfach
Wer war Adi Shankara?
Adi Shankara (Ādi Śaṅkara, „der erste Shankara“) ist der bekannteste Lehrer des Advaita-Vedanta, einer Schule der hinduistischen Philosophie. Advaita bedeutet „nicht zwei“. Die Schule lehrt, dass die Wirklichkeit letztlich eins ist: Das tiefste Selbst jedes Lebewesens ist nicht verschieden von Brahman, dem unendlichen Grund von allem. Er wird oft Shankaracharya genannt, „Shankara, der Lehrer“. Der Zusatz „Adi“ unterscheidet ihn von späteren Klostervorstehern, die ebenfalls den Titel Shankaracharya tragen.
Shankara schrieb auf Sanskrit, der klassischen Sprache der indischen Gelehrsamkeit. Er stellte seine Gedanken nicht als neue Erfindungen dar. Stattdessen verfasste er Kommentare (Bhāṣya), die ältere heilige Texte erklären: die Upanishaden, die Bhagavad Gita und die Brahma-Sutras. In der indischen Tradition heißen diese drei das Prasthānatraya, die „drei Ausgangspunkte“ des Vedanta. Von jedem bedeutenden Vedanta-Lehrer wurde erwartet, dass er sie auslegte.
Was wir sicher über Shankara wissen, stammt hauptsächlich aus diesen Werken. Die anschaulichen Geschichten über seine Kindheit, seine Reisen und seine Debatten stehen in Biografien, die erst Jahrhunderte später geschrieben wurden. Deshalb begegnen uns zwei Bilder von Shankara: der Philosoph, der in seinen Kommentaren spricht, und der Heilige und Held, an den Legenden und die gelebte religiöse Praxis erinnern.
Einfach
Sein Leben nach der Überlieferung
Den traditionellen Biografien zufolge wurde Shankara in Kalady geboren, einem Dorf am Fluss Periyar in Kerala. Seine Familie gehörte zu den Nambudiri-Brahmanen. Als Eltern nennen die Überlieferungen Shivaguru und Aryamba. Sein Vater starb, als er noch klein war, und seine Mutter kümmerte sich um seine Ausbildung. Schon als Junge soll er die Veden beherrscht haben.
Die bekannteste Geschichte aus seiner Kindheit erzählt, dass ein Krokodil das Bein des jungen Shankara packte, als er im Fluss badete. Er rief seiner Mutter zu, er werde sterben, wenn sie ihm nicht erlaube, der Welt zu entsagen und ein Sannyāsin, ein wandernder Mönch, zu werden. Sie stimmte zu, das Krokodil ließ ihn los, und Shankara verließ sein Zuhause. Er versprach zurückzukehren, wenn seine Mutter im Sterben liege. Den Erzählungen zufolge hielt er sein Versprechen und vollzog ihre Bestattungsriten selbst, obwohl man dies von Mönchen nicht erwartete.
Danach reiste Shankara nach Norden und fand seinen Lehrer Govinda Bhagavatpada, der den Überlieferungen zufolge meist am Ufer des Flusses Narmada lebte. Govinda soll ein Schüler Gaudapadas gewesen sein, eines früheren Advaita-Denkers. Nach seiner Ausbildung ging Shankara nach Varanasi (Kashi), in die heilige Stadt am Ganges. Dort begann er zu lehren und zu schreiben und versammelte Schüler um sich. Vier von ihnen wurden berühmt: Padmapada, Sureshvara, Hastamalaka und Totaka.
Die Biografien schildern anschließend eine Digvijaya, eine „Eroberung der Himmelsrichtungen“: Shankara reist durch Indien, von Kaschmir bis in den äußersten Süden und von Gujarat bis Bengalen. In öffentlichen Debatten besiegt er Buddhisten, Jainas, Vertreter der Rituallehre und Anhänger anderer hinduistischer Schulen. Er gründet Klöster und stirbt jung, mit etwa 32 Jahren. Mehrere Orte beanspruchen, sein Sterbeort zu sein; am häufigsten wird jedoch Kedarnath genannt, ein Pilgerort im Himalaya.
Einfach
Der Grundgedanke: Selbst und Universum sind eins
Shankaras zentrale Lehre lässt sich einfach ausdrücken: Es gibt nur eine höchste Wirklichkeit, Brahman. Es ist reines Sein, reines Bewusstsein und reine Glückseligkeit, ohne Teile und ohne Veränderung. Dein innerstes Selbst, der Ātman – das Bewusstsein, das deine Gedanken wahrnimmt –, ist kein kleines Stück von Brahman. Es ist Brahman.
Warum fühlen wir uns dann wie einzelne Menschen in einer Welt voller getrennter Dinge? Shankara erklärt dies mit Avidyā, Unwissenheit: einem grundlegenden Missverständnis. Wir verwechseln das wahre Selbst mit Dingen, die nicht das Selbst sind – mit dem Körper, den Sinnen, dem Geist und seinen Stimmungen. Diese Verwechslung nannte er Adhyāsa, „Überlagerung“: Wir legen gleichsam das Bild einer Schlange über ein Seil.
Das Ziel des Lebens ist für Shankara Mokṣa, die Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt und Tod. Befreiung entsteht nicht durch immer mehr gute Taten oder Rituale, denn Handlungen können nur neue Folgen innerhalb der veränderlichen Welt hervorbringen. Sie entsteht durch Erkenntnis (Jñāna): durch die unmittelbare Einsicht, zu der die Lehren der Upanishaden führen, dass „ich Brahman bin“. Sobald man das Seil klar erkennt, verschwindet die Angst vor der Schlange.
Shankara schätzte bestimmte kurze Sätze aus den Upanishaden, die später „große Aussprüche“ (Mahāvākya) genannt wurden. Einer lautet „Das bist du“ (tat tvam asi) aus der Chandogya-Upanishad. Darin lehrt ein Vater seinen Sohn, dass das feine Wesen aller Dinge sein eigenes Selbst ist. Ein anderer lautet „Ich bin Brahman“ (ahaṃ brahmāsmi) aus der Brihadaranyaka-Upanishad.
Mittel
Indien zu Shankaras Zeit
Wenn Shankara, wie die meisten Fachleute annehmen, im 8. Jahrhundert lebte, wirkte er auf einem Subkontinent, der unter regionalen Königreichen aufgeteilt war. Dazu gehörten im Süden die Chalukyas und Pallavas und im Norden die Pratiharas und Palas. Große Tempel, die Förderung der Gelehrsamkeit durch Herrscher und ein lebhafter Wettbewerb zwischen Religionsgemeinschaften prägten diese Welt.
Der Buddhismus war weiterhin eine bedeutende geistige Kraft. Die großen buddhistischen Philosophen Nagarjuna, Dignaga und Dharmakirti hatten überzeugende Argumente gegen die Existenz eines dauerhaften Selbst und gegen die Autorität der Veden entwickelt. Auch jainistische Denker vertraten ausgefeilte Positionen. Innerhalb der brahmanischen Tradition behauptete die Mīmāṃsā-Schule, deren führender Vertreter Kumarila Bhatta im 7. Jahrhundert lebte, der Veda bestehe im Wesentlichen aus Anweisungen für rituelles Handeln.
Gleichzeitig gewannen besonders im tamilischen Gebiet Bewegungen der hingebungsvollen Verehrung (Bhakti) Shivas und Vishnus an Bedeutung, und neue Formen tantrischer Praxis verbreiteten sich. Shankaras Schriften setzen sich mit dieser Vielfalt auseinander. Er argumentierte gegen Buddhisten, Jainas und Philosophen des Sankhya und Nyaya sowie vor allem gegen die Ritualgelehrten der Mimamsa. Er bestand darauf, dass das eigentliche Ziel des Veda die Erkenntnis Brahmans sei und nicht das Ritual.
Mittel
Wie Advaita die Wirklichkeit, Maya und Befreiung erklärt
Wenn nur Brahman wirklich ist, welchen Status hat dann die Welt, die wir sehen? Advaita beantwortet diese Frage mit verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit. Vom höchsten Standpunkt (pāramārthika) aus existiert nur Brahman. Vom alltäglichen oder praktischen Standpunkt (vyāvahārika) aus gilt die Welt der Menschen, Götter, Flüsse und Pflichten und muss ernst genommen werden. Darunter liegt die Ebene bloßer Täuschung (prātibhāsika), etwa im Traum oder wenn man ein Seil für eine Schlange hält. Spätere Advaita-Gelehrte ordneten diese drei Ebenen zu einem festen System. Shankara selbst arbeitet hauptsächlich mit dem Gegensatz zwischen höchster Wahrheit und gewöhnlicher Erfahrung.
Die Welt ist demnach weder einfach wirklich noch einfach unwirklich. Spätere Advaita-Gelehrte nannten sie anirvacanīya, also weder als seiend noch als nicht seiend eindeutig beschreibbar. Der Begriff Māyā, oft mit „Illusion“ übersetzt, bezeichnet die Kraft, durch die das Eine als Vieles erscheint. Shankara verwendet das Wort seltener als spätere Autoren. Er spricht lieber von Avidyā, Unwissenheit, als Ursache unserer Gebundenheit. Brahman verwandelt sich nicht wirklich in die Welt, wie Milch zu Quark wird; es erscheint nur als Welt, so wie ein Seil als Schlange erscheint. Spätere Autoren nennen dies Vivarta, „scheinbare Verwandlung“.
So konnte Shankara dem gewöhnlichen religiösen Leben seinen Platz lassen. Die Verehrung eines persönlichen Gottes (Īśvara), ethische Pflichten und Rituale sind auf der praktischen Ebene wirklich und nützlich. Sie reinigen den Geist und bereiten ihn auf Erkenntnis vor. Selbst bewirken sie jedoch keine Befreiung. Wer dafür bereit ist, dem empfahl Shankara, der Welt zu entsagen und die Upanishaden unter Anleitung eines Lehrers sorgfältig zu studieren: durch Hören (śravaṇa), Nachdenken (manana) und tiefe Betrachtung (nididhyāsana).
Ein besonderes Merkmal des Advaita ist die Vorstellung der Jīvanmukti, der Befreiung zu Lebzeiten. Hat ein Mensch Erkenntnis erlangt, kann er weiterleben, handeln und lehren, bis sein Körper stirbt. Die traditionelle Advaita-Literatur vergleicht dies mit einer Töpferscheibe, die sich noch eine Weile dreht, nachdem der Töpfer aufgehört hat, sie anzustoßen.
Mittel
Seine Schriften: Welche sind echt?
Shankara wurden mehr als dreihundert Texte zugeschrieben, von dichten philosophischen Kommentaren bis zu schönen religiösen Hymnen. Die meisten Fachleute halten nur eine kleine Gruppe für tatsächlich von ihm verfasst. Ihr Kern ist das Brahmasūtrabhāṣya, sein Kommentar zu den Brahma-Sutras des Badarayana. Diese Sammlung sehr kurzer Lehrsätze fasst die Lehre der Upanishaden zusammen. Shankaras berühmte einleitende Erörterung der Überlagerung (Adhyāsa) gehört zu den klassischen Textstellen der indischen Philosophie.
Auch seine Kommentare zu den wichtigsten Upanishaden werden anerkannt, wenngleich Fachleute bei einigen unterschiedlicher Meinung sind. Am sichersten gelten die Kommentare zur Brihadaranyaka- und zur Taittiriya-Upanishad. Der Kommentar zur Bhagavad Gita wird weithin als echt anerkannt. Das Upadeśasāhasrī („Tausend Unterweisungen“) verbindet Prosa und Verse und erklärt, wie ein Lehrer einen Schüler anleiten soll. Es ist die einzige eigenständige Abhandlung, die fast alle Fachleute Shankara zuschreiben.
Viele berühmte Werke gelten heute als spätere Schriften. Die Echtheit des bei heutigen Lesern beliebten Vivekacūḍāmaṇi („Kleinod der Unterscheidung“) wird von den meisten Fachleuten bezweifelt. Beliebte Hymnen wie das Bhaja Govindam und die Saundaryalahari werden ihm traditionell zugeschrieben, doch seine Autorschaft ist unsicher oder wird abgelehnt. Der deutsche Indologe Paul Hacker und der japanische Gelehrte Sengaku Mayeda entwickelten Kriterien, um die Echtheit von Werken zu beurteilen. Sie untersuchten dazu Wortschatz, Lehre und die Titel in den Schlussvermerken der Handschriften. Ihr Ansatz ist weiterhin einflussreich, wird aber auch diskutiert.
Die Frage ist wichtig. Das verbreitete Bild von Shankara als Dichter hingebungsvoller Hymnen an die Göttin oder Vishnu oder als Lehrer von Yoga und Tantra beruht zu einem großen Teil auf Werken mit umstrittener Autorschaft. Der Shankara der sicher echten Kommentare ist vor allem ein gründlicher Ausleger heiliger Schriften und ein streitbarer Denker.
Mittel
Debatten mit Buddhisten, Ritualgelehrten und anderen
Shankaras Kommentare enthalten viele Argumente gegen andere Schulen. Gegen das Sankhya wandte er ein, dass unbewusste Materie nicht die Ursache einer geordneten Welt sein könne. Unter den buddhistischen Lehren griff er sowohl die Auffassung des Yogacara an, dass nur Bewusstsein existiere, als auch die Auffassung des Madhyamaka, dass alles leer sei. Er beharrte auf einem dauerhaften, aus sich selbst erkennbaren Zeugenbewusstsein. Kein Argument könne es leugnen, weil jedes Argument es bereits voraussetze.
Sein schärfster Streit innerhalb der vedischen Tradition richtete sich gegen die Mimamsa. Nach deren Auffassung handelt der Veda von Handlungen, besonders von Ritualen. Shankara stimmte zu, dass der rituelle Teil des Veda Handlungen vorschreibt. Er argumentierte jedoch, dass die Upanishaden, das „Ende des Veda“ (Vedānta), eine bereits bestehende Wirklichkeit offenbaren: Brahman. Diese Wirklichkeit könne durch keine Handlung hervorgebracht werden. Ihre Erkenntnis sei daher das höchste Ziel des Veda.
Die bekannteste Legende seiner Digvijaya erzählt von einer Debatte mit Mandana Mishra, einem großen Mimamsa-Gelehrten. Als Schiedsrichterin tritt Mandanas gelehrte Frau Ubhaya Bharati auf. Nach seiner Niederlage wird Mandana unter dem Namen Sureshvara Mönch und Shankaras Schüler. Historiker bezweifeln diese Geschichte. Mandana war ein wirklicher und bedeutender Denker. Er schrieb das Advaita-Werk Brahmasiddhi, das in den folgenden Jahrhunderten mindestens so einflussreich war wie Shankaras Schriften. Dass er mit Sureshvara identisch war, wird weithin bezweifelt.
Spätere hinduistische Kritiker, besonders vishnuitische Theologen, warfen Shankara ironischerweise vor, ein „Buddhist in Verkleidung“ (pracchanna bauddha) zu sein. Seine Vorstellung einer letztlich nicht wirklichen Welt erschien ihnen der buddhistischen Lehre ähnlich. Viele Fachleute erkennen einen tatsächlichen Einfluss auf Gaudapada, dessen Verse zur Mandukya-Upanishad buddhistische Begriffe verwenden. Anhänger des Advaita entgegnen, der Unterschied sei grundlegend: Der Buddhismus verneine ein dauerhaftes Selbst, während Advaita das Selbst als einzige Wirklichkeit bejahe.
Mittel
Klöster, Anhänger und spätere Wirkung
Der Überlieferung zufolge gründete Shankara vier große Klöster (Maṭha) an den vier Seiten Indiens: Sringeri im Süden, Dvaraka im Westen, Puri im Osten und Jyotirmath nahe Badrinath im Norden. Ein fünftes Kloster in Kanchipuram beansprucht ebenfalls, von ihm gegründet worden zu sein. Die Vorsteher dieser Einrichtungen tragen den Titel Shankaracharya und sind bis heute wichtige religiöse Führungspersönlichkeiten. Shankara wird auch die Organisation der Dashanami-Orden („zehn Namen“) entsagender Mönche zugeschrieben.
Historiker beurteilen diese Ansprüche vorsichtig. Die frühesten sicheren Belege für dieses System stammen aus einer viel späteren Zeit. Der deutsche Gelehrte Paul Hacker vertrat die Auffassung, dass es im 14. Jahrhundert entstand, im Umfeld Vidyaranyas. Dieser gelehrte Mönch aus Sringeri beriet die Herrscher des Vijayanagara-Reiches. Sicher ist, dass Shankaras Ruhm in dieser Zeit und danach stark zunahm. Die meistgelesene Heiligenbiografie, die Madhava zugeschriebene Śaṅkaradigvijaya, entstand ebenfalls in diesem späteren Umfeld.
Shankaras Schüler und deren Nachfolger bauten eine reiche Gelehrtentradition auf. Es entstanden zwei wichtige Unterschulen: die Bhamati-Schule, benannt nach einem Kommentar Vachaspati Mishras aus dem 9. oder 10. Jahrhundert, und die Vivarana-Schule. Letztere beruht auf einem Werk Prakashatmans, das Padmapadas Kommentar weiterentwickelt. Die Schulen stritten unter anderem darüber, wo die Unwissenheit ihren Sitz hat: im individuellen Selbst oder in Brahman.
Advaita rief auch einflussreiche Gegenpositionen hervor. Ramanuja (nach der Überlieferung 1017–1137) begründete das Vishishtadvaita, den „qualifizierten Nicht-Dualismus“. Danach sind Welt und Seelen wirkliche Teile eines persönlichen Gottes. Madhva (13. Jahrhundert) begründete das Dvaita, den „Dualismus“. Er bestand auf einem wirklichen und ewigen Unterschied zwischen Gott, den Seelen und der Materie. Ein großer Teil der späteren indischen Philosophie setzt sich mit Shankara auseinander, zustimmend oder widersprechend.
Mittel
Shankara in der modernen Welt
Im 19. und 20. Jahrhundert gewann das Advaita-Vedanta neue Bedeutung. Westliche Orientalisten wie Paul Deussen und Max Müller schätzten es als Gegenstück zur europäischen idealistischen Philosophie. Indische Reformer, allen voran Swami Vivekananda, stellten ein modernisiertes „Neo-Vedanta“ als philosophischen Kern des Hinduismus und als universelle Spiritualität vor. Sarvepalli Radhakrishnan, Philosoph und späterer Präsident Indiens, schrieb für ein weltweites Publikum über Shankara.
Dieses moderne Bild verschaffte dem Advaita einen Platz in der Weltphilosophie und inspirierte weit über Indien hinaus Schriftsteller, Wissenschaftler und Menschen auf spiritueller Suche. Es erweckte bisweilen aber auch den Eindruck, Advaita sei die einzige „wirkliche“ hinduistische Philosophie. Historisch folgten die meisten Hindus jedoch Traditionen der Gottesverehrung und des Theismus, von denen viele Shankara entschieden widersprachen.
Shankara ist weiterhin Teil einer lebendigen Tradition. Pilger besuchen Kalady und die mit ihm verbundenen Klöster; ihm zugeschriebene Hymnen werden gesungen. In jüngerer Zeit wurden große Statuen von ihm in Kedarnath (2021) und nahe Omkareshwar an der Narmada (2023) enthüllt. Wie bei vielen Nationalhelden weisen Historiker darauf hin, dass das heutige Bild Shankaras sowohl von den Bedürfnissen der Gegenwart als auch von der Vergangenheit geprägt ist.
Fortgeschritten
Das Problem der Datierung und die Zuverlässigkeit der Biografien
Keine Inschrift und kein zeitgenössisches Dokument erwähnen Shankara. Seine Lebensdaten müssen daher erschlossen werden. Die traditionelle Datierung auf 788–820 n. Chr. wurde im 19. Jahrhundert vom niederländischen Gelehrten Cornelis Tiele vorgeschlagen und von Max Müller, Paul Deussen und vielen anderen übernommen. Sie galt während des größten Teils des 20. Jahrhunderts als Standard und wird noch immer häufig genannt.
Die neuere Forschung neigt dazu, Shankara in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts einzuordnen, ungefähr zwischen 700 und 750. Dafür werden eine früheste und eine späteste mögliche Zeitgrenze herangezogen. Shankara erörtert und kritisiert Positionen buddhistischer und Mimamsa-Denker des 6. und 7. Jahrhunderts, darunter Auffassungen, die mit Dharmakirti verbunden sind. Daher kann er kaum vor etwa 650 gelebt haben. Vachaspati Mishra, der einen Unterkommentar zu Shankaras Brahmasūtrabhāṣya schrieb, wird gewöhnlich ins 9. oder 10. Jahrhundert datiert und setzt eine späteste Zeitgrenze. Auch die zeitliche Reihenfolge von Mandana Mishra und Shankara spielt für die Frage eine Rolle. Hajime Nakamura gehörte zu den Fachleuten, die für eine Datierung in das frühe 8. Jahrhundert eintraten.
Die Klöster selbst bewahren Nachfolgelisten, die Shankara ins 5. oder sogar ins 6. Jahrhundert v. Chr. einordnen; einige Traditionslinien nennen ein genaues Jahr wie 509 v. Chr. Diese Daten gehören zur religiösen Überlieferung und werden von Historikern nicht anerkannt. Ein Grund dafür ist, dass Shankara Autoren zitiert und widerlegt, die mehr als tausend Jahre später lebten.
Die Biografien (Śaṅkaravijaya oder Śaṅkaradigvijaya) werfen eigene Probleme auf. Etwa vierzehn sind bekannt. Sie wurden ungefähr zweihundert bis tausend Jahre nach Shankara verfasst und widersprechen einander in vielen Punkten: bei seinem Geburts- und Sterbeort, seinen Debattengegnern und den Tempeln, die er gegründet haben soll. Die einflussreichste Biografie, die Madhaviya Shankaradigvijaya, wird gewöhnlich ins 14. Jahrhundert oder noch später datiert. Eine Fassung von Anandagiri scheint Geschichten über mehrere verschiedene Personen namens Shankara zu verbinden. Historiker nutzen diese Texte vor allem als Zeugnisse dafür, wie spätere Gemeinschaften sich an Shankara erinnerten und welche Bedeutung sie ihm gaben.
Fortgeschritten
Debatten in der modernen Forschung
Wie wichtig war Shankara zu seiner eigenen Zeit? Die heutige Annahme, er sei schon damals die überragende Gestalt des indischen Denkens gewesen, wird hinterfragt. Fachleute wie Richard King haben darauf hingewiesen, dass andere Philosophen des 9. und 10. Jahrhunderts Shankara nur selten erwähnen und dass Mandana Mishras Brahmasiddhi im frühen Advaita mindestens ebenso einflussreich gewesen zu sein scheint. Nach dieser Auffassung beruht Shankaras Vorrang zum Teil auf späteren Entwicklungen, besonders auf der Tätigkeit von Institutionen und Autoren im 14. Jahrhundert sowie auf der Begeisterung des modernen Neo-Vedanta.
War Shankara ein Vertreter des „Illusionismus“? Die ältere westliche Forschung bezeichnete Advaita oft so und verstand Māyā als schlichte Leugnung der Welt. Mehrere Fachleute, darunter Paul Hacker, argumentierten, diese Deutung gehe eher auf das spätere Advaita als auf Shankara selbst zurück. Er verwende den Begriff Māyā sparsam und spreche vor allem von Unwissenheit und Überlagerung. Andere sehen eine deutliche Kontinuität zwischen Shankara und seinen Nachfolgern. Von der Antwort hängt ab, wie man seine Auffassung der praktischen Welt und seine Ethik versteht.
Philosoph oder Theologe? Manche deuten Shankara vor allem als Philosophen, der von der Erfahrung ausgeht, besonders vom unbestreitbaren Zeugenbewusstsein im Wachen, Träumen und Tiefschlaf. Andere, darunter Fachleute in der Tradition Hackers, betonen, dass befreiende Erkenntnis für Shankara nur aus der heiligen Überlieferung (Śruti) entsteht, die ein Lehrer vermittelt. Danach ist er in erster Linie ein Textausleger. Sein Verhältnis zum Buddhismus, zu Gaudapada und zu Mandana bleibt Gegenstand der Forschung.
Die Textgrundlage für diese Debatten wird weiterhin verbessert. Von vielen Shankara zugeschriebenen Werken fehlen kritische Ausgaben. Auch die von Hacker und Mayeda entwickelten Echtheitskriterien, die auf Fachbegriffen und Schlussvermerken der Handschriften beruhen, werden weiter verfeinert und hinterfragt. Die von Karl Potter herausgegebene mehrbändige Encyclopedia of Indian Philosophies und Mayedas Ausgabe und Übersetzung des Upadeśasāhasrī gelten als wichtige Ausgangspunkte.
Kernideen
- Nicht-Dualität (Advaita)
- Die Wirklichkeit ist letztlich eins; das Selbst und Brahman sind nicht zwei verschiedene Dinge.
- Brahman
- Die eine, unendliche und unveränderliche Wirklichkeit, beschrieben als Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit.
- Ātman
- Das innerste Selbst oder reine Zeugenbewusstsein, das mit Brahman identisch ist.
- Unwissenheit und Überlagerung
- Wir verwechseln das Selbst zu Unrecht mit Körper und Geist (Adhyāsa). Diese Unwissenheit (Avidyā) ist die Wurzel von Leid und Wiedergeburt.
- Zwei Standpunkte
- Vom praktischen Standpunkt aus gilt die Welt; vom höchsten Standpunkt aus ist sie nicht letztlich wirklich.
- Befreiung durch Erkenntnis
- Mokṣa entsteht durch die von den Upanishaden vermittelte Erkenntnis, dass Selbst und Brahman identisch sind, und nicht allein durch Rituale oder Handlungen.
- Befreiung zu Lebzeiten
- Ein Mensch kann schon zu Lebzeiten vollständig befreit sein (Jīvanmukti).
Einträge
- um 650 n. Chr. — Der buddhistische Philosoph Dharmakirti und der Mimamsa-Denker Kumarila Bhatta sind tätig; Shankara setzt sich später mit ihren Gedanken auseinander.
- um 700 n. Chr. — Beginn des Zeitraums (ca. 700–750), in den viele heutige Fachleute Shankaras Leben einordnen.
- 788 n. Chr. — Überliefertes Geburtsjahr Shankaras in Kalady (traditionelle Datierung: 788–820).
- 820 n. Chr. — Überliefertes Todesjahr Shankaras im Alter von etwa 32 Jahren.
- um 900 n. Chr. — Vachaspati Mishra schreibt die Bhamati, einen Unterkommentar zu Shankaras Kommentar zu den Brahma-Sutras (datiert ins 9. oder 10. Jahrhundert).
- um 1100 — Ramanuja entwickelt das Vishishtadvaita, eine bedeutende theistische Kritik am Advaita.
- um 1250 — Madhva begründet die Dvaita-Schule (Dualismus) als Gegenposition zum Advaita.
- um 1380 — Vidyaranya leitet das Kloster Sringeri; unter der Förderung des Vijayanagara-Reiches wächst Shankaras Bedeutung für Institutionen und Legenden.
- 1893 — Swami Vivekananda spricht beim Weltparlament der Religionen in Chicago und verbreitet ein modernes Vedanta in aller Welt.
- 2021 — An Shankaras wiedererrichtetem Samadhi-Schrein in Kedarnath wird eine Statue von ihm enthüllt.
Glossar
- Vedanta
- „Ende des Veda“: die Upanishaden und die philosophischen Schulen, die sie auslegen.
- Upanishaden
- Philosophische Texte am Ende der vedischen Literatur, die vom Selbst und von der höchsten Wirklichkeit handeln.
- Brahma-Sutras
- Eine knappe Sammlung von Lehrsätzen des Badarayana, die die Lehre der Upanishaden zusammenfasst; ein Grundtext des Vedanta.
- Bhāṣya
- Ein Kommentar, der einen heiligen oder philosophischen Text Zeile für Zeile erklärt.
- Māyā
- Die Kraft, durch die die eine Wirklichkeit als Vieles erscheint; oft mit „Illusion“ übersetzt.
- Mokṣa
- Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt.
- Sannyāsin
- Ein Mönch, der der Welt entsagt und Zuhause, Familie und rituelle Pflichten aufgegeben hat.
- Maṭha
- Ein hinduistisches Kloster und Zentrum der Gelehrsamkeit.
- Mahāvākya
- Einer der „großen Aussprüche“ der Upanishaden, etwa „Das bist du“.
- Mīmāṃsā
- Eine Schule, die den Veda vor allem als Anleitung für rituelles Handeln auslegt.
- Heiligenbiografie
- Die Lebensbeschreibung eines Heiligen, die oft Legenden enthält und zur religiösen Verehrung anregen soll.
Fragen und Antworten
Hielt Shankara die Welt für eine Täuschung?
Nicht ganz. Er sagte, dass die Welt für das Alltagsleben und unsere Pflichten wirklich genug ist, aber nicht die letzte Wahrheit darstellt. Letztlich ist nur Brahman wirklich. Die Welt ist die Weise, in der uns Brahman erscheint, solange wir nicht klar erkennen.
Wann lebte Shankara?
Das weiß niemand sicher. Die traditionellen Lebensdaten sind 788–820 n. Chr., doch viele Fachleute bevorzugen heute das frühe 8. Jahrhundert, etwa 700–750.
Starb er wirklich mit 32 Jahren?
Das behaupten die traditionellen Biografien, und die Angabe wird oft wiederholt. Diese Biografien wurden jedoch erst Jahrhunderte später geschrieben; die Angabe lässt sich nicht überprüfen.
Gründete Shankara die vier großen Klöster?
Der Überlieferung zufolge ja, und die Klöster ehren ihn als ihren Gründer. Viele Historiker meinen, dass das organisierte System der vier Klöster erst später entstand, besonders im 14. Jahrhundert.
Schrieb er das Vivekachudamani?
Die meisten Fachleute bezweifeln das. Am sichersten gelten seine Kommentare zu den Brahma-Sutras, zu mehreren Upanishaden und zur Bhagavad Gita sowie das Upadeśasāhasrī.
Wurde Shankara vom Buddhismus beeinflusst?
Seine Gegner nannten ihn einen Buddhisten in Verkleidung, und viele Fachleute erkennen buddhistische Einflüsse auf das frühe Advaita, besonders bei Gaudapada. Shankara wandte sich jedoch entschieden gegen buddhistische Auffassungen, vor allem gegen die Verneinung eines dauerhaften Selbst.
Wie unterscheidet sich Advaita von anderen Vedanta-Schulen?
Nach dem Advaita sind Selbst und Brahman vollständig identisch. Ramanujas Vishishtadvaita betrachtet die Seelen und die Welt als wirkliche Teile Gottes. Madhvas Dvaita besteht darauf, dass Gott, Seelen und Materie ewig voneinander verschieden sind.
Quellen und weiterführende Literatur
- Adi Shankara. Wikipedia
- Sangeetha Menon, Advaita Vedanta. Internet Encyclopedia of Philosophy
- Advaita Vedanta. Wikipedia
- Brahma Sutras. Wikipedia
- Maṇḍana Miśra. Wikipedia
- Gaudapada. Wikipedia
- Sringeri Sharada Peetham. Wikipedia
- Sengaku Mayeda, A Thousand Teachings: The Upadeśasāhasrī of Śaṅkara. University of Tokyo Press, 1979
- Karl H. Potter (ed.), Encyclopedia of Indian Philosophies, Vol. III: Advaita Vedānta up to Śaṃkara and His Pupils. Princeton University Press, 1981
Verwandte Inhalte
- Frühe UpanishadenTexte, die nach dem Wesen des Selbst (ātman) und seinem Verhältnis zur letzten Wirklichkeit (brahman) fragen – eine Grundlage der späteren indischen Philosophie.
- RigvedaDie älteste Sammlung vedischer Hymnen in Sanskrit, die jahrhundertelang mündlich überliefert wurde, bevor man sie niederschrieb.
- MahabharataEin umfangreiches Sanskrit-Epos über den Konflikt zweier verwandter Königsfamilien, zu dessen Teilen die „Bhagavad Gita“ gehört.
- NagarjunaEin buddhistischer Philosoph, der mit der Madhyamaka-Schule und ihrer Untersuchung der Leerheit verbunden ist.
- Siddhartha Gautama (der Buddha)Begründer des Buddhismus, der in der Gangesebene einen Weg zur Befreiung vom Leiden lehrte. Seine Lebensdaten sind umstritten.
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
