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Für junge Leser
Der Geschichte nach lebte einmal ein König namens Schahriyar. Er war so verletzt und wütend, dass er jeden Tag eine neue Frau heiraten und sie am nächsten Morgen töten lassen wollte. Alle Menschen in seinem Reich hatten Angst.
Da hatte Scheherazade, die Tochter des Ministers, einen mutigen Plan. Sie hatte Hunderte Bücher gelesen und kannte sehr viele Geschichten. Sie heiratete den König und begann ihm in der Nacht eine Geschichte zu erzählen. Als der Morgen kam, hörte sie genau an der spannendsten Stelle auf.
Der König wollte wissen, wie es weiterging. Deshalb ließ er sie noch einen Tag leben. In der nächsten Nacht erzählte sie die Geschichte zu Ende und begann eine neue. Wieder hörte sie an der spannendsten Stelle auf. So ging es tausendundeine Nacht lang!
In ihren Geschichten gibt es Dschinns in Gefäßen, fliegende Pferde, Zauberlampen, sprechende Tiere, Seeleute, die riesigen Vögeln begegnen, schlaue Diebe und freundliche Fischer. In manchen Geschichten steckt noch eine weitere Geschichte, wie eine Schachtel in einer anderen Schachtel.
Am Ende hat sich der König verändert: Durch die Geschichten hat er gelernt, freundlich zu sein und anderen zu vertrauen. Er beendet seinen grausamen Plan. Die Erzählungen wurden auf der ganzen Welt bekannt. Vielleicht kennst du schon einige davon, zum Beispiel Aladin, Ali Baba und Sindbad den Seefahrer.
Auf einen Blick
- Entstehungszeit
- Über viele Jahrhunderte entstanden, etwa vom 8. bis zum 16. Jahrhundert und darüber hinaus; ältestes arabisches Fragment aus dem 9. Jahrhundert
- Orte
- Persische und arabische Erzählwelten; wichtige Entwicklungsphasen in Bagdad zur Abbasidenzeit, später in Syrien und Ägypten (Kairo)
- Sprache
- Arabisch (oft „Mittelarabisch“, eine Mischung aus klassischen und umgangssprachlichen Formen), mit Wurzeln in einer mittelpersischen Sammlung
- Form
- Rahmenerzählung mit Geschichten innerhalb einer Geschichte; verbindet Prosa, Verse, Fabeln, Liebesgeschichten, Abenteuer und Humor
- Verfasser
- Kein einzelner Verfasser; anonyme Erzähler, Schreiber, Sammler und spätere Übersetzer
- Berühmte Erzählungen
- Die Rahmenhandlung um Scheherazade, Der Fischer und der Dschinn, Der Bucklige, Sindbad; Aladin und Ali Baba (zuerst durch Gallands französische Fassung bekannt)
- Bedeutung
- Eine der weltweit meistgelesenen und meistbearbeiteten Erzählsammlungen
Einfach
Was ist Tausendundeine Nacht?
Tausendundeine Nacht (arabisch Alf layla wa-layla) ist eine große Sammlung von Geschichten, die durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten werden: die Geschichte von Scheherazade und König Schahriyar. Sie ist nicht das Werk eines einzelnen Verfassers, sondern wuchs über viele Jahrhunderte. Erzähler und Schreiber fügten Geschichten aus persischen, indischen, arabischen, griechischen, jüdischen und anderen Traditionen hinzu, ließen welche weg und gestalteten sie um.
Es gibt keine einzige „Originalfassung“ von Tausendundeine Nacht. Verschiedene Handschriften enthalten unterschiedliche Geschichten in unterschiedlicher Reihenfolge. Manche berühmten Erzählungen gelangten erst im 18. Jahrhundert durch Übersetzungen in die Sammlung. Man versteht Tausendundeine Nacht daher am besten als lebendige Tradition, in die immer wieder neue Geschichten eingefügt werden konnten.
Die Geschichten reichen von Fabeln mit sprechenden Tieren über Liebes- und Kriminalgeschichten bis zu Reisen auf wundersame Inseln, derben Komödien, moralischen Lehren und Erzählungen über kluge und törichte Herrscher. Viele spielen in Bagdad zur Zeit des abbasidischen Kalifen Hārūn ar-Raschīd, in Kairo oder in Damaskus. Andere führen bis nach Indien und China.
Einfach
Die Rahmenhandlung: Scheherazade und der König
Die Rahmenhandlung beginnt mit den königlichen Brüdern Schahriyar und Schah Zaman. Beide erfahren, dass ihre Frauen ihnen untreu sind. Schahriyar ist nun überzeugt, keiner Frau vertrauen zu können. Er beschließt, jede Nacht eine neue Frau zu heiraten und sie bei Tagesanbruch hinrichten zu lassen. Im Reich gibt es bald kaum noch junge Frauen. Sein Wesir, der oberste Minister, muss die Bräute finden und ist verzweifelt.
Dessen ältere Tochter Scheherazade hat viel über Geschichte, Dichtung, Medizin und Philosophie gelesen und besteht darauf, den König zu heiraten. Sie verabredet mit ihrer jüngeren Schwester Dinarzad, dass diese nachts um eine Geschichte bitten soll. Scheherazade beginnt zu erzählen und unterbricht die Geschichte bei Tagesanbruch an einer spannenden Stelle. Der König möchte das Ende hören und verschiebt ihre Hinrichtung. Nacht für Nacht wiederholt sich das. Im Text wird jeder Morgen mit der Formel angekündigt, dass der Morgen Scheherazade einholt und sie verstummt.
Die Fassungen enden unterschiedlich. In den späteren ägyptischen Fassungen zeigt Scheherazade dem König nach tausendundeiner Nacht die gemeinsamen Kinder und bittet ihn, sie am Leben zu lassen. Ihre Geschichten haben ihn verändert: Er begnadigt sie und macht sie zu seiner Königin. Die älteste umfangreiche Handschrift bricht lange vor diesem Ende ab. Deshalb wissen wir nicht, wie die frühesten arabischen Fassungen ausgingen. Die Rahmenhandlung macht das Erzählen zu einer Frage von Leben und Tod und legt nahe, dass Geschichten Gewalt überwinden und Weisheit vermitteln können.
Einfach
Welche Geschichten enthält die Sammlung?
Am Anfang der Sammlung stehen mehrere Geschichten, in denen Figuren durch das Erzählen einer besonders erstaunlichen Geschichte ein Leben retten. In Der Kaufmann und der Dschinn erzählen drei alte Männer jeweils eine Geschichte, um einem rachsüchtigen Dschinn einen Teil des Lebens des Kaufmanns abzuringen. Ein Dschinn ist im islamischen Glauben ein Wesen aus rauchlosem Feuer. In Der Fischer und der Dschinn befreit ein armer Fischer einen riesigen Dschinn aus einem versiegelten Gefäß und muss ihn überlisten. Daraus entwickeln sich weitere Erzählungen über einen verzauberten Prinzen sowie einen König und seinen Arzt.
Der Träger und die drei Damen von Bagdad führt einen Lastträger, drei Schwestern, drei einäugige wandernde Derwische und den verkleideten Kalifen zusammen. Jeder von ihnen hat eine Geschichte zu erzählen. Der Erzählzyklus um den Buckligen beginnt damit, dass ein Spaßmacher erstickt. Danach erzählt jeder, der glaubt, ihn getötet zu haben, seine Geschichte. Die Geschichte von den drei Äpfeln, in der der Kalif seinem Wesir Dschaʿfar aufträgt, einen Mord aufzuklären, gilt manchen als frühe Detektivgeschichte.
Weitere bekannte Erzählungen sind die Liebesgeschichte von Qamar az-Zamān und Prinzessin Budūr, Das Ebenholzpferd über ein mechanisches Flugpferd, Die Messingstadt, die Geschichte der gelehrten Sklavin Tawaddud, die Gelehrte in einer Debatte besiegt, sowie die sieben Reisen Sindbads des Seefahrers. Die Sindbad-Erzählungen waren schon eigenständig im Umlauf, bevor sie in spätere Fassungen aufgenommen wurden. Aladin und Ali Baba und die vierzig Räuber sind heute besonders bekannt. Sie erschienen jedoch, wie weiter unten erläutert, erst im frühen 18. Jahrhundert auf Französisch im Druck.
Mittel
Historischer Hintergrund: vom sassanidischen Persien über das abbasidische Bagdad bis zum mamlukischen Kairo
Die Rahmenhandlung gelangte vermutlich aus einer mittelpersischen Sammlung namens Hazār Afsān, „Tausend Geschichten“, ins Arabische. Diese Sammlung war im Sassanidenreich (224–651) oder in dessen kulturellem Nachleben verbreitet. Arabische Autoren des 10. Jahrhunderts berichten, dass sie ins Arabische übersetzt worden sei, und nennen die Erzählerin Schīrāzād und ihre Schwester Dīnāzād. Manche Forschende erkennen in der Technik der verschachtelten Rahmenerzählung indische Einflüsse. Sie ist auch für Sanskrit-Sammlungen wie das Panchatantra typisch. Dieses war im 8. Jahrhundert über das Persische als Kalīla wa-Dimna ins Arabische gelangt.
Nachdem die Abbasiden Bagdad 762 zu ihrer Hauptstadt gemacht hatten, wurde die Stadt zu einer der größten der Welt und zu einem Zentrum für Übersetzungen, Gelehrsamkeit und Handel zwischen dem Mittelmeerraum, Iran, Indien und China. Die Verbreitung der Papierherstellung in der islamischen Welt im 8. Jahrhundert machte Bücher billiger. Eine lebhafte Kultur des Buchhandels und des volkstümlichen Erzählens entstand. Die Regierungszeit Hārūn ar-Raschīds (786–809) wurde später zu einem legendären goldenen Zeitalter. In Tausendundeine Nacht streift er nachts verkleidet mit seinem Wesir Dschaʿfar und seinem Scharfrichter Masrūr durch die Straßen.
Ein großer Teil der Sammlung, wie wir sie kennen, entstand später in Syrien und Ägypten unter den Ayyubiden und besonders unter den Mamluken (1250–1517). Kairo war damals die größte Stadt der arabischen Welt und ist der Schauplatz vieler Geschichten mit Kaufleuten, Märkten, Polizeivorstehern und Sufi-Mystikern. Unter osmanischer Herrschaft kamen weitere Schichten hinzu. Die ägyptischen Handschriften, auf denen die umfangreichsten Druckausgaben beruhen, wurden im 18. Jahrhundert zusammengestellt.
Mittel
Zentrale Themen und Erzähltechniken
Die bekannteste Erzähltechnik von Tausendundeine Nacht ist die Verschachtelung: Geschichten stehen innerhalb anderer Geschichten, manchmal auf mehreren Ebenen wie ineinander gestellte Schachteln. Eine Figur erzählt eine Geschichte, in der eine andere Figur ebenfalls eine Geschichte erzählt, und so weiter. Das erzeugt Spannung, weil eine Erzählung die andere unterbricht. Oft verbindet es die Geschichten auch thematisch: Die inneren Geschichten werfen ein Licht auf die Lage der erzählenden und der zuhörenden Figur. Scheherazade erzählt, um zu überleben; andere Figuren retten ebenfalls durch das Erzählen ein Leben.
In vielen Geschichten geht es um Schicksal und göttliche Vorsehung. Das Glück der Figuren wendet sich oft überraschend. Häufig heißt es, dass geschehen werde, was Gott bestimmt hat. Zugleich werden Klugheit, Großzügigkeit und Mut belohnt. Auch Gerechtigkeit und gute Herrschaft sind wiederkehrende Themen: Könige lernen aus ihren Fehlern, und der verkleidete Kalif erfährt, wie gewöhnliche Menschen leben. Die Erzählungen behandeln zudem Begehren, Vertrauen und Täuschung zwischen Männern und Frauen, oft auf eine Weise, die an die Rahmenhandlung erinnert.
Tausendundeine Nacht verbindet Prosa mit Dichtung: In gefühlvollen Momenten sprechen die Figuren in Versen, und der Text zitiert oder ahmt klassische arabische Gedichte nach. Seine Sprache ist meist „Mittelarabisch“, eine Schriftsprache, die klassische Grammatik mit umgangssprachlichen Merkmalen mischt. Das ist ein Grund, weshalb die literarischen Eliten des Mittelalters die Sammlung häufig als bloße Unterhaltung geringschätzten. Neben wirklichkeitsnahen Szenen aus dem städtischen Handel und dem Alltag steht die Welt des Wunderbaren (ʿadschīb) mit Dschinns, Magie und erstaunlichen Ländern.
Mittel
Galland, Hanna Diyab und die „verwaisten Erzählungen“
Durch den französischen Gelehrten Antoine Galland gelangte Tausendundeine Nacht nach Europa. Er veröffentlichte Les Mille et une nuits zwischen 1704 und 1717 in zwölf Bänden. Seine wichtigste Vorlage war eine dreibändige syrische arabische Handschrift, die heute in der Bibliothèque nationale de France liegt und während der 282. Nacht abbricht. Galland passte die Erzählungen an den französischen Geschmack an, milderte erotische Stellen ab und fügte Erklärungen hinzu. Seine Fassung hatte sofort großen Erfolg und wurde bald ins Englische und in andere Sprachen übersetzt.
Als seine Handschrift zu Ende war, ergänzte Galland Geschichten aus anderen Quellen, darunter die Reisen Sindbads. 1709 begegnete er Hanna Diyab, einem jungen maronitischen Christen aus Aleppo, der Paris besuchte. Galland notierte Zusammenfassungen der Geschichten, die Diyab ihm mündlich erzählte. Auf dieser Grundlage schrieb er unter anderem Aladin und die Wunderlampe sowie Ali Baba und die vierzig Räuber. Da keine arabische Handschrift dieser Geschichten aus der Zeit vor Gallands Veröffentlichung bekannt ist, heißen sie „verwaiste Erzählungen“. Später aufgetauchte arabische Handschriften von Aladin entstanden nach Gallands französischer Fassung und vermutlich unter deren Einfluss.
Diyabs Beitrag wurde lange übersehen. Heute gilt er als bedeutender Erzähler eigener Art; auch sein in der Vatikanischen Bibliothek erhaltenes Reisebuch wurde veröffentlicht. Die verwaisten Erzählungen zeigen, wie Tausendundeine Nacht durch die Zusammenarbeit verschiedener Menschen und Kulturen geformt wurde: im Paris des 18. Jahrhunderts ebenso wie im mittelalterlichen Bagdad oder Kairo.
Mittel
Handschriften, Druckausgaben und Übersetzungen
Der Erfolg von Gallands Fassung weckte in Europa die Nachfrage nach „vollständigen“ arabischen Texten, auf die Sammler und Schreiber reagierten. Die Forschung unterscheidet einen syrischen Handschriftenzweig, zu dem Gallands Vorlage gehört und der kürzer und älter ist, von einem ägyptischen Zweig, der viel länger ist und tatsächlich tausendundeine Nächte umfasst. Die späte ägyptische Textfassung, die der französische Gelehrte Hermann Zotenberg in den 1880er Jahren beschrieb, wird oft ZER genannt, nach dem englischen Namen „Zotenberg’s Egyptian Recension“. Sie wurde vermutlich im 18. Jahrhundert zusammengestellt, auch um die Zahl der Nächte zu vervollständigen.
Vier arabische Druckausgaben des 19. Jahrhunderts wurden maßgeblich: Kalkutta I (1814–1818, unvollständig), Breslau (1825–1843, ein aus verschiedenen Vorlagen zusammengesetzter Text von Maximilian Habicht und Heinrich Fleischer), Būlāq in Kairo (1835) und Kalkutta II (1839–1842, herausgegeben von W. H. Macnaghten). Die Ausgaben von Būlāq und Kalkutta II folgen der ägyptischen Textfassung und bilden die Grundlage der meisten vollständigen Übersetzungen.
Zu den wichtigen Übersetzungen gehören Edward William Lanes kommentierte englische Fassung (1838–1841), die von John Payne (1882–1884), Richard Francis Burtons zehnbändige Fassung mit umfangreichen und oft reißerischen Anmerkungen (1885; Ergänzungsbände bis 1888) sowie Joseph-Charles Mardrus’ freie französische Übertragung (1898–1904). 1984 veröffentlichte Muhsin Mahdi eine kritische Ausgabe der Galland-Handschriftentradition, die Husain Haddawy ins Englische übersetzte (1990). Malcolm C. Lyons veröffentlichte zusammen mit Ursula Lyons 2008 die erste vollständige englische Übersetzung des Textes von Kalkutta II seit Burton.
Mittel
Wirkung und Nachleben in aller Welt
Nur wenige Bücher wurden so oft neu gestaltet. Im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts löste Tausendundeine Nacht eine Mode „orientalischer Erzählungen“ aus und beeinflusste Schriftsteller von Voltaire und Goethe bis zu Coleridge, Dickens und Stevenson. Nikolai Rimski-Korsakows sinfonische Suite Scheherazade (1888) und Ravels Liederzyklus Shéhérazade (1903) setzten die Geschichten in Musik um. Verfilmungen reichen vom Stummfilm bis zu Pier Paolo Pasolinis Il fiore delle mille e una notte (1974) und Disneys Aladdin (1992).
In der arabischen Welt betrachtete die literarische Elite Tausendundeine Nacht lange eher als volkstümliche Unterhaltung denn als ernsthafte Literatur. Moderne arabische Autoren haben die Sammlung jedoch neu für sich entdeckt. Tawfiq al-Hakim schrieb das Theaterstück Scheherazade (1934). Der spätere Nobelpreisträger Nagib Mahfuz schrieb Arabian Nights and Days (1979), eine Fortsetzung in der Welt der Erzählungen. Auch Schriftsteller anderer Traditionen schöpften aus der Sammlung, darunter Jorge Luis Borges, dessen Essay „Die Übersetzer von Tausendundeine Nacht“ (1935) bekannt ist, Italo Calvino und Salman Rushdie.
Tausendundeine Nacht prägte auch europäische Vorstellungen vom Nahen Osten, bisweilen als einer Welt voller Magie, Luxus und Grausamkeit. Edward Saids Orientalism (1978) regte die Forschung dazu an, zu untersuchen, wie Übersetzungen wie die von Burton westliche Fantasien auf arabische und muslimische Gesellschaften übertrugen. Heute betrachten Forschende und Kunstschaffende die Geschichten sowohl als echtes Erzeugnis der arabischen Literatur als auch als weltumspannenden Text, der an jedem neuen Ort umgestaltet wurde.
Fortgeschritten
Forschungsdebatten: Ursprünge, „Originaltext“ und Umfang der Sammlung
In der Forschung besteht weitgehend Einigkeit, dass die Rahmenhandlung auf das persische Hazār Afsān zurückgeht und die Sammlung spätestens im 9. oder 10. Jahrhundert im Irak eine arabische Form annahm. Darüber hinaus ist vieles unsicher. Umstritten ist, wie viel von dem persischen Buch im Arabischen erhalten blieb, welche Geschichten zu den frühesten arabischen Fassungen gehörten und ob diese eher ein schriftlicher Text für Gebildete waren oder einer mündlichen Darbietung ähnelten. Der Bibliograf Ibn an-Nadīm berichtet im 10. Jahrhundert, er habe das vollständige Buch oft gesehen und für schlecht und grob gehalten. Trotz seines Titels habe es nur etwa zweihundert Geschichten enthalten.
Eine zentrale Debatte betrifft die Vorstellung einer „ursprünglichen“ oder „echten“ Fassung. Muhsin Mahdi vertrat die Ansicht, dass die Galland-Handschrift die älteste rekonstruierbare Form einer Kernsammlung darstellt. Die späteren ägyptischen Texte seien mit ursprünglich nicht dazugehörigem Material erweitert worden, unter anderem um tatsächlich tausendundeine Nächte zu erreichen. Seine Ausgabe enthält deshalb viel weniger Geschichten als die vertrauten Druckfassungen. Andere Forschende entgegnen, dass die Sammlung von Anfang an offen für Ergänzungen war. Die späteren, längeren Fassungen seien eine ebenso gültige Phase ihrer Geschichte und gerade jene, die den meisten arabischen Lesern bekannt waren.
Auch die Datierung der Galland-Handschrift wurde überarbeitet. Mahdi setzte sie ins 14. Jahrhundert; spätere Untersuchungen des Papiers, der Schrift und textinterner Hinweise sprechen für das 15. Jahrhundert oder eine noch spätere Zeit. Weiterhin umstritten sind der Platz der verwaisten Erzählungen – ob Aladin und Ali Baba überhaupt zu Tausendundeine Nacht gehören –, das Gewicht indischer, persischer und arabischer Beiträge sowie die Deutung der Rahmenhandlung: als frauenfeindlich, als Kritik an männlicher Willkürherrschaft oder als Würdigung des Verstandes und der Beredsamkeit einer Frau.
Fortgeschritten
Frühe Quellen und Belege
Der älteste erhaltene materielle Beleg ist ein Papierfragment, das die Papyrologin Nabia Abbott 1949 veröffentlichte. Es enthält den Titel „Buch der Geschichte von tausend Nächten“ und die Anfangszeilen der Rahmenhandlung, in denen Dīnāzād Schīrāzād um eine Geschichte bittet. Abbott datierte es ins 9. Jahrhundert. Später auf das Blatt gekritzelte Notizen scheinen ein Datum zu tragen, das dem Jahr 879 n. Chr. (266 nach der Hidschra) entspricht. Das deutet darauf hin, dass das Buch schon in der frühen Abbasidenzeit auf Arabisch existierte.
Literarische Erwähnungen ergänzen das Bild. Der Historiker al-Masʿūdī (gestorben 956) erwähnt Hazār Afsān in seinem Werk Die Goldwiesen (um 947) als ein aus dem Persischen übersetztes Buch. Er schreibt, die arabische Fassung habe Alf khurāfa („Tausend Geschichten“) geheißen, sei aber allgemein als Alf layla („Tausend Nächte“) bekannt gewesen. Ibn an-Nadīms Fihrist (um 987–988), ein Verzeichnis der in Bagdad bekannten Bücher, beschreibt die Rahmenhandlung ausführlich. Der vollständige Titel „Tausendundeine Nacht“ ist erstmals für das Kairo des 12. Jahrhunderts belegt: in einer Notiz aus den Unterlagen eines jüdischen Buchhändlers oder Verleihers, die in der Kairoer Geniza, einem Aufbewahrungsort für ausgemusterte Schriftstücke, erhalten blieb.
Danach folgen die Handschriften: die syrische Galland-Handschrift, die verschiedene Forschende zwischen das 14. und 16. Jahrhundert datieren, weitere syrische und ägyptische Handschriften aus dem 16. bis 19. Jahrhundert sowie die Druckausgaben des 19. Jahrhunderts. Einzelne Geschichten sind außerdem in eigenen Handschriften und anderen Sammlungen überliefert. So können Forschende verfolgen, wie Erzählungen in Tausendundeine Nacht aufgenommen wurden oder die Sammlung wieder verließen.
Fortgeschritten
Zur Lektüre eines Textes ohne feste Gestalt
Weil Tausendundeine Nacht keinen festen Text hat, sollte man immer fragen, welche Fassung man liest. Mahdis Ausgabe und Haddawys Übersetzung geben den syrischen Kern wieder; Lyons, Burton und Lane übersetzen die ägyptischen Texte von Kalkutta II oder Būlāq. Galland und Mardrus bieten freie Bearbeitungen. Kinderbuchausgaben vermischen Elemente all dieser Fassungen mit Nacherzählungen. Aussagen über „Tausendundeine Nacht“ insgesamt – wie viele Geschichten die Sammlung enthält, wie sie endet oder ob Aladin dazugehört – hängen von der gewählten Fassung ab.
Neben der Untersuchung von Handschriften und der Sozialgeschichte nutzt die Forschung zunehmend Methoden der Erzählforschung, etwa Verzeichnisse von Erzähltypen, die wiederkehrende Handlungen ordnen. Nachschlagewerke wie die Arabian Nights Encyclopedia (2004) von Ulrich Marzolph und Richard van Leeuwen erfassen die Geschichten, ihre Quellen und ihre spätere Wirkung. Untersuchungen zur materiellen Kultur – zu Buchhändlern, Leihbibliotheken und Erzählern in Kaffeehäusern – helfen zu verstehen, wer die Geschichten tatsächlich las oder hörte.
Schließlich erzählt die Geschichte von Tausendundeine Nacht auch von kulturellem Austausch und Macht. Europäische Übersetzer bewahrten die Geschichten, verzerrten sie aber auch. Durch ihre Fassungen verbreiteten sich manche „orientalischen“ Klischees über die arabische Welt. Eine ausgewogene Betrachtung erkennt in Tausendundeine Nacht zugleich ein bedeutendes Werk der arabischen Literatur, einen Treffpunkt persischer, indischer und mediterraner Erzähltraditionen und einen Text, der bis heute weltweit neu gestaltet wird.
Kernideen
- Rahmenerzählung
- Eine Geschichte, die andere Geschichten enthält und miteinander verbindet. Scheherazades Erzählen für den König hält die ganze Sammlung zusammen.
- Verschachtelung
- Geschichten stehen innerhalb anderer Geschichten, manchmal auf mehreren Ebenen. So kann jede Erzählung etwas über die sie umgebende Geschichte aussagen.
- Erzählen als Überlebensstrategie
- Scheherazade und andere Figuren erzählen, um ein Leben zu retten. Geschichten können Gewalt überwinden und Einstellungen verändern.
- Schicksal und Vorsehung
- Plötzliche Wendungen zeigen eine vom Schicksal gelenkte Welt, in der Klugheit, Großzügigkeit und Glaube dennoch belohnt werden.
- Das Wunderbare (ʿadschīb)
- Dschinns, magische Gegenstände und fremdartige Länder wecken Staunen und stehen neben wirklichkeitsnahen Szenen des Stadtlebens.
- Offene Sammlung
- Der Inhalt von Tausendundeine Nacht war nie endgültig festgelegt. Sammler und Übersetzer fügten über Jahrhunderte Geschichten hinzu oder ließen sie weg.
- Verwaiste Erzählungen
- Geschichten wie Aladin und Ali Baba, die durch Gallands französische Fassung Teil von Tausendundeine Nacht wurden und von denen keine ältere arabische Handschrift bekannt ist.
Einträge
- um 500 n. Chr. — Die persische Sammlung Hazār Afsān („Tausend Geschichten“) ist in der sassanidischen Welt verbreitet (genaue Zeit unsicher).
- 762 n. Chr. — Der abbasidische Kalif al-Mansūr gründet Bagdad, den späteren legendären Schauplatz vieler Geschichten.
- um 879 n. Chr. — Ein Datum auf dem ältesten erhaltenen arabischen Fragment mit dem Titel „Buch der Geschichte von tausend Nächten“ (9. Jahrhundert).
- um 947 n. Chr. — Al-Masʿūdī erwähnt in seinem Werk Die Goldwiesen das aus dem Persischen übersetzte Hazār Afsān.
- um 987 n. Chr. — Ibn an-Nadīms Fihrist beschreibt die Rahmenhandlung und den persischen Ursprung des Buches.
- um 1150 — Ein Dokument aus der Kairoer Geniza belegt den Titel „Tausendundeine Nacht“ (12. Jahrhundert).
- um 1450 — Die später von Galland verwendete syrische Handschrift wird abgeschrieben (15. Jahrhundert oder später; Datierung umstritten).
- 1704 — Antoine Galland beginnt, Les Mille et une nuits auf Französisch zu veröffentlichen (zwölf Bände bis 1717).
- 1709 — Hanna Diyab erzählt Galland in Paris Geschichten, darunter Aladin und Ali Baba.
- 1835 — In Kairo erscheint die Būlāq-Ausgabe, ein maßgeblicher arabischer Text der ägyptischen Fassung.
- 1885 — Die englische Übersetzung von Richard Francis Burton erscheint in ersten Bänden.
- 1984 — Muhsin Mahdi veröffentlicht seine kritische Ausgabe auf Grundlage der Galland-Handschrift.
Glossar
- Dschinn (Mehrzahl: Dschinns)
- Im islamischen Glauben ein Wesen aus rauchlosem Feuer, das gut oder böse sein kann; Ursprung des englischen Wortes „genie“.
- Wesir
- Oberster Minister eines Kalifen, Sultans oder Königs; Scheherazade ist die Tochter eines Wesirs.
- Kalif
- Titel von Herrschern, die als Nachfolger des Propheten Mohammed die muslimische Gemeinschaft führen wollten, etwa Hārūn ar-Raschīd.
- Hazār Afsān
- „Tausend Geschichten“; eine verlorene mittelpersische Erzählsammlung, die als Quelle der Rahmenhandlung gilt.
- Mittelarabisch
- Eine schriftliche Form des Arabischen, die klassische Grammatik mit Merkmalen gesprochener Dialekte verbindet und in volkstümlichen Texten verbreitet ist.
- Textfassung
- Eine eigenständige, in mehreren Handschriften überlieferte Version eines Textes, etwa der syrische oder der ägyptische Zweig von Tausendundeine Nacht.
- ZER
- Abkürzung für „Zotenberg’s Egyptian Recension“: die späte, umfangreiche ägyptische Textfassung, auf der die Ausgaben von Būlāq und Kalkutta II beruhen.
- Kairoer Geniza
- Ein Aufbewahrungsraum in einer Synagoge in Kairo, in dem Hunderttausende mittelalterliche Schriftstücke erhalten blieben.
- Orientalismus
- Eine westliche Art, sich „den Orient“ vorzustellen und ihn darzustellen, die Edward Said 1978 kritisch untersuchte.
Fragen und Antworten
Wer schrieb Tausendundeine Nacht?
Keine einzelne Person. Die Sammlung entstand über Jahrhunderte aus persischen, indischen und arabischen Geschichten. Anonyme Erzähler, Schreiber und Sammler gestalteten sie ebenso wie spätere Übersetzer, darunter Antoine Galland.
Enthält die Sammlung wirklich 1.001 Geschichten?
Nein. Der Titel bezieht sich auf die Zahl der Nächte, in denen Scheherazade erzählt; „tausendundeins“ kann außerdem „unzählige“ nahelegen. Die längsten arabischen Fassungen enthalten einige Hundert Geschichten, verteilt auf 1.001 Nächte. Die älteste Handschrift enthält deutlich weniger und bricht während der 282. Nacht ab.
Gehört Aladin wirklich zu Tausendundeine Nacht?
Antoine Galland nahm Aladin in seine französische Fassung auf. Grundlage war eine Geschichte, die ihm der Erzähler Hanna Diyab aus Aleppo 1709 erzählt hatte. Eine ältere arabische Handschrift ist nicht bekannt. Deshalb nennen Forschende Aladin eine „verwaiste Erzählung“. Die Geschichte gehört zur späteren Entwicklung von Tausendundeine Nacht, nicht aber zur mittelalterlichen arabischen Sammlung.
Wie endet Scheherazades Geschichte?
In den häufig gedruckten ägyptischen Fassungen zeigt Scheherazade dem König nach 1.001 Nächten ihre gemeinsamen Kinder und bittet ihn um Gnade. Ihre Geschichten haben ihn verändert: Er verschont sie, und sie leben als König und Königin zusammen. Ältere Handschriften brechen vor dem Ende ab.
Woher stammen die Geschichten?
Die Rahmenhandlung geht vermutlich auf das verlorene persische Hazār Afsān zurück. Manche Erzähltechniken und Geschichten haben indische Parallelen. Viele Geschichten entstanden in Bagdad, Damaskus und Kairo; einige wenige kamen im Frankreich des 18. Jahrhunderts hinzu.
Was ist der älteste Beleg für Tausendundeine Nacht?
Ein Papierfragment aus dem 9. Jahrhundert, das Nabia Abbott 1949 veröffentlichte. Es enthält den Titel „Buch der Geschichte von tausend Nächten“ und den Anfang der Rahmenhandlung. Hinzu kommen Erwähnungen aus dem 10. Jahrhundert bei al-Masʿūdī und Ibn an-Nadīm.
Welche Übersetzung ist die beste?
Das hängt vom Leseziel ab: Husain Haddawys Übersetzung von Mahdis Ausgabe bietet den ältesten rekonstruierbaren Kern. Die vollständige Penguin-Übersetzung von Malcolm und Ursula Lyons (2008) bietet den umfangreichen ägyptischen Text. Burton ist historisch wichtig, verwendet aber eine altertümliche Sprache und ist stark von viktorianischen Sichtweisen geprägt.
Quellen und weiterführende Literatur
- One Thousand and One Nights. Wikipedia
- Scheherazade. Wikipedia
- Hazar Afsan. Wikipedia
- List of stories within One Thousand and One Nights. Wikipedia
- Antoine Galland. Wikipedia
- Hanna Diyab. Wikipedia
- Muhsin Mahdi. Wikipedia
- Sinbad the Sailor. Wikipedia
- Robert Irwin, The Arabian Nights: A Companion. Allen Lane, 1994
- Ulrich Marzolph and Richard van Leeuwen, The Arabian Nights Encyclopedia. ABC-CLIO, 2004
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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
