Literatur

Oku no Hosomichi (Der schmale Pfad in den tiefen Norden)

おくのほそ道 (奥の細道)

1689–1694 · Edo

In einem Satz

Oku no Hosomichi ist ein kurzes Buch des japanischen Dichters Matsuo Bashō, das in einer Mischung aus Prosa und Haiku von seiner fünfmonatigen Wanderung durch Nordjapan im Jahr 1689 erzählt und die wirkliche Reise zu einer Betrachtung über Zeit, Erinnerung und Dichtung macht.

Beginnen Sie oben mit einer einfachen Einführung. Weiter unten finden Sie mehr Details und Forschungsergebnisse.

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  • Mittel
  • Fortgeschritten

Für junge Leser

Im Frühling 1689 verkaufte der japanische Dichter Matsuo Bashō sein kleines Haus in Edo, dem heutigen Tokio. Er war 45 Jahre alt und machte sich mit seinem Freund Sora zu Fuß auf den Weg. Sie wanderten nach Norden, durch die Berge und an der Küste entlang. Für viele Menschen aus den großen Städten war diese Gegend weit weg und ein wenig wild.

Sie waren etwa fünf Monate unterwegs und legten ungefähr 2.400 Kilometer zurück. Das ist so weit, als würde man mehrmals von einem Ende Koreas zum anderen laufen. Sie überquerten Berge, schliefen in einfachen Gasthäusern und wurden nachts von Flöhen und Läusen wach gehalten. Sie gerieten in die Regenzeit und besuchten Tempel, alte Schlachtfelder und berühmte schöne Orte.

Bashō schrieb kurze Texte über die Reise. An besonders wichtigen Stellen fügte er ein Haiku hinzu. Das ist ein sehr kurzes Gedicht mit 5, 7 und 5 Silben. Eines seiner berühmtesten Haiku entstand an einem Tempel in den Bergen: „Stille – / der Ruf der Zikaden / dringt in die Felsen.“ Der Ruf klingt so stark, als ginge er in den Stein hinein. Trotzdem wirkt alles ganz still.

Auf einem alten Schlachtfeld waren 500 Jahre zuvor Krieger gestorben. Bashō sah dort nur Sommergras, das sich im Wind bewegte. Er schrieb: „Sommergras – / alles, was blieb / von den Träumen der Krieger.“ Er dachte daran, dass alles sich verändert und vergeht, sogar große Schlachten.

Bashō schrieb nicht einfach nur auf, was passiert war. Er arbeitete jahrelang an dem Buch. Er änderte manches und erfand sogar einige Szenen, damit der Text schön und bedeutungsvoll wurde. Das Buch erschien 1702, acht Jahre nach seinem Tod. Heute gehört es zu den beliebtesten Büchern Japans.

Auf einen Blick

Autor
Matsuo Bashō (1644–1694)
Reise
Frühling bis Herbst 1689 (Aufbruch am 27. Tag des 3. Monats im 2. Jahr der Genroku-Zeit, also am 16. Mai 1689), etwa 150 Tage und 2.400 km
Entstehung
Nach der Reise geschrieben und überarbeitet, etwa 1690–1694; um 1694 wurde eine Reinschrift angefertigt
Veröffentlichung
1702 in Kyoto durch den Buchhändler Izutsuya, acht Jahre nach Bashōs Tod
Route
Von Edo nach Norden über Nikkō, Shirakawa, Matsushima und Hiraizumi, dann zur Küste am Japanischen Meer und nach Südwesten über Kanazawa nach Ōgaki
Reisebegleiter
Kawai Sora (1649–1710), Bashōs Schüler, der ein eigenes Reisetagebuch führte
Form
Haibun: kurze Prosapassagen, verbunden mit Hokku (Haiku); etwa 50 Gedichte
Sprache
Literarisches Japanisch der frühen Neuzeit, reich an Anspielungen auf chinesische und japanische Klassiker

Einfach

Was ist Oku no Hosomichi?

Oku no Hosomichi ist ein Reisebericht von Matsuo Bashō, dem bekanntesten Dichter der Edo-Zeit (1603–1868) und einem Meister des Haikai. Aus dieser volkstümlichen Form der Kettendichtung entwickelte sich das moderne Haiku. Das Buch schildert die Reise, die Bashō 1689 mit seinem Schüler Kawai Sora von Edo aus durch die Regionen Tōhoku und Hokuriku im Norden und Westen Honshūs unternahm.

Der Titel wird meist mit „Der schmale Pfad in den tiefen Norden“ oder „Der schmale Pfad nach Oku“ übersetzt. „Oku“ bedeutet „das Innere“ oder „das tief im Inneren Gelegene“ und bezeichnet hier die entlegenen nördlichen Provinzen, die oft Michinoku, „Ende des Weges“, genannt wurden. „Hosomichi“ bedeutet „schmaler Weg“ oder „Pfad“. So hieß auch ein im Buch erwähnter Weg bei Sendai. Der Titel lässt zudem an einen schwierigen inneren Weg der Kunst und des Geistes denken.

Das Buch ist kurz: In einer modernen Ausgabe umfasst es nur wenige Dutzend Seiten. Es ist als Haibun geschrieben, eine Form, die knappe, dichte Prosapassagen mit Hokku verbindet, der heute Haiku genannten Gedichtform. Es ist kein gewöhnliches Tagebuch: Bashō gestaltete und verdichtete die Ereignisse und erfand an manchen Stellen etwas hinzu, um ein sorgfältig aufgebautes literarisches Werk zu schaffen.

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Einfach

Die Reise Schritt für Schritt

Bashō verließ seine Hütte in Fukagawa, Edo, am 27. Tag des dritten Monats im 2. Jahr der Genroku-Zeit (16. Mai 1689). Vor der Abreise verkaufte er sein Haus. Im ersten Gedicht des Buches stellt er sich vor, wie die Familie der neuen Bewohner zum Mädchenfest Puppen aufstellt: „Auch meine Grashütte / wird sich mit dem neuen Bewohner wandeln – / ein Haus voller Puppen.“

Die Reisenden zogen nach Norden bis Nikkō mit seinem Schrein für den ersten Tokugawa-Shōgun und überquerten die Grenzstation von Shirakawa, den alten Zugang zum Norden, den viele klassische Dichter besungen hatten. Sie besuchten die Inseln von Matsushima, die Bashō als schönsten Ort Japans pries, und Hiraizumi. Dort hatte einst der nördliche Fujiwara-Clan seine Blütezeit erlebt, und dort starb 1189 der Held Minamoto no Yoshitsune – genau 500 Jahre zuvor.

Dann wandten sie sich nach Westen und überquerten die Berge. Am Tempel Risshakuji (Yamadera) schrieb Bashō sein Gedicht über die Zikaden. Am Fluss Mogami schrieb er über das reißende Wasser, das vom Regen des Frühsommers angeschwollen war. Er bestieg die drei heiligen Berge von Dewa (Dewa Sanzan) und besuchte die Lagune von Kisakata. An der Küste des Japanischen Meeres blickte er zur Insel Sado hinüber und schrieb über die Milchstraße, die sich über das raue Meer spannte.

Am Thermalbad von Yamanaka erkrankte Sora und reiste allein voraus. Bashō zog mit anderen Begleitern weiter nach Fukui und Tsuruga. Die Reise im Buch endet in Ōgaki, wo Freunde und Schüler ihn begrüßten. Das letzte Gedicht zeigt, wie Bashō im neunten Monat erneut aufbricht, diesmal zum Ise-Schrein: Der Abschied von den Freunden wird mit einer Muschel verglichen, die von ihrer Schale getrennt wird – „scheidender Herbst“.

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Einfach

Berühmte Stellen und Gedichte

Der Anfang. Das Buch beginnt mit einem der bekanntesten Sätze der japanischen Literatur: „Monate und Tage sind Reisende durch hundert Zeitalter, und auch die Jahre, die kommen und gehen, sind Reisende.“ Bashō schreibt weiter, dass Bootsleute und Pferdeführer ihr Leben unterwegs verbringen, dass viele Dichter des Altertums auf Reisen starben und dass ihn selbst schon lange die Sehnsucht nach dem Wandern ergriffen hat. Der Anfang erinnert an ein berühmtes Vorwort des chinesischen Dichters Li Bai, das die Zeit als „Reisende durch hundert Generationen“ bezeichnet.

Hiraizumi. Auf den Ruinen, wo Yoshitsunes Gefolgsleute starben, erinnert sich Bashō an eine Zeile aus Du Fus Gedicht „Frühlingsblick“: „Das Land ist zerstört, doch Berge und Flüsse bleiben.“ Er schreibt: „Sommergras – / alles, was blieb / von den Träumen der Krieger.“ Das Gedicht verbindet die lebendige Gegenwart, das grüne Gras, mit der verschwundenen Vergangenheit.

Yamadera. Am Bergtempel, zwischen Felsen und Kiefern, schrieb Bashō: „Stille – / in die Felsen dringt / der Ruf der Zikaden.“ Das Gedicht verwandelt einen lauten Klang in ein Erlebnis tiefer Stille.

Der Mogami und das Meer. Zwei weitere Gedichte lernen japanische Schulkinder: „Den Regen / des Frühsommers sammelnd, wie schnell – / der Fluss Mogami“ und „Raues Meer – / über die Insel Sado hin / spannt sich die Milchstraße.“ Das zweite Gedicht verbindet eine weite, stürmische Landschaft mit der Insel Sado, einem Ort der Verbannung, und der Milchstraße darüber.

Wie man diese Gedichte liest. Viele von Bashōs Hokku enthalten ein „Schnittwort“ (Kireji) wie ya. Es wirkt ungefähr wie ein Gedankenstrich oder Ausruf: Es trennt das Gedicht in zwei Bilder und lässt die Leser deren Verbindung spüren, etwa bei „Sommergras“ und „Träume der Krieger“. Jedes Gedicht enthält außerdem ein Jahreszeitenwort (Kigo), etwa Sommergras, Zikaden, Frühsommerregen oder die Milchstraße des Herbstes. So zeichnen die Gedichte während der Reise den Übergang vom Frühling zum Herbst nach. Übersetzungen können das genaue Klangmuster von 5–7–5 nicht beibehalten; Übersetzer müssen daher zwischen Rhythmus und Bildsprache abwägen.

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Mittel

Wer war Bashō?

Matsuo Bashō wurde 1644 in der Provinz Iga geboren, die heute zur Präfektur Mie gehört. Seine Familie bestand entweder aus Samurai von niedrigem Rang oder aus wohlhabenden Bauern. Als junger Mann diente er im Haushalt des örtlichen Samurai Tōdō Yoshitada, mit dem er das Interesse an der Haikai-Dichtung teilte. Nach dem frühen Tod seines Herrn zog er schließlich nach Edo, wo er als Haikai-Meister bekannt wurde.

1680 zog er in eine einfache Hütte in Fukagawa am Rand der Stadt. Ein Schüler pflanzte dort eine Bananenstaude (bashō), von der er seinen Dichternamen übernahm. Er beschäftigte sich mit Zen und chinesischer Dichtung, besonders mit Du Fu und dem daoistischen Klassiker Zhuangzi. Er entwickelte einen neuen Stil, der aus dem oft von geistreichen Wortspielen geprägten Haikai eine ernsthafte Kunst machen sollte. Sein Froschgedicht von 1686 – „Ein alter Teich – / ein Frosch springt hinein, / das Geräusch des Wassers“ – wurde zum Sinnbild dieses neuen Stils.

Ab 1684 unternahm Bashō mehrere Reisen, aus denen Reiseberichte hervorgingen, darunter Nozarashi kikō (Aufzeichnungen eines wettergegerbten Skeletts) und Oi no kobumi (Notizen aus dem Wanderranzen). Oku no Hosomichi, der Bericht über seine längste und ehrgeizigste Reise, bildet den Höhepunkt dieser Reihe. Bashō starb 1694 in Osaka (am 12. Tag des 10. Monats im 7. Jahr der Genroku-Zeit), während er wieder auf Reisen war.

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Mittel

Historischer Hintergrund: Reisen und Dichtung im Japan der Genroku-Zeit

Bashō lebte in der Genroku-Zeit (1688–1704), einer Epoche des Friedens, des wirtschaftlichen Wachstums und einer blühenden Stadtkultur unter dem Tokugawa-Shōgunat. In den großen Städten Edo, Kyoto und Osaka wuchs die Schicht der Kaufleute und Stadtbewohner, die gedruckte Bücher lasen, Kabuki- und Puppentheater besuchten und sich als Freizeitbeschäftigung mit Dichtung befassten. Haikai-Meister wie Bashō verdienten ihren Lebensunterhalt mit Unterricht und als Preisrichter bei Dichterwettbewerben.

Dank eines vom Shōgunat angelegten Netzes aus Straßen, Poststationen und Gasthäusern war das Reisen leichter und sicherer geworden. Reisende brauchten allerdings weiterhin Genehmigungen und mussten Kontrollstellen passieren. Pilgerreisen zu Schreinen und Tempeln waren beliebt. Die nördlichen Regionen, die Bashō besuchte, galten den Stadtbewohnern dennoch als entlegen.

Reisen hatten in der japanischen Dichtung eine besondere Bedeutung. Seit der Zeit der kaiserlichen Gedichtsammlungen schrieben Dichter über Utamakura, wörtlich „Gedichtkissen“: Orte wie die Grenzstation von Shirakawa oder Matsushima, die durch frühere Gedichte berühmt waren. Wer diese Orte besuchte, trat gewissermaßen mit Dichtern der Vergangenheit in ein Gespräch. Bashō bewunderte besonders den Mönch und Dichter Saigyō aus dem 12. Jahrhundert sowie die chinesischen Dichter Li Bai und Du Fu, die alle mit dem Wandern verbunden waren. Nach traditioneller japanischer Zählung fiel seine Reise von 1689 in Saigyōs 500. Gedenkjahr.

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Mittel

Themen und Gestaltungsmittel

Das Leben als Reise. Der Anfang macht das Reisen zu einem Sinnbild für das Dasein selbst: Die Zeit ist eine Reisende, und wir sind es ebenfalls. Bashōs Wanderung ist sowohl eine körperliche Reise als auch eine geistige Übung. Er lässt Haus und Besitz hinter sich, um sich der Kunst zu widmen.

Vergänglichkeit und Erinnerung. Immer wieder besucht Bashō Orte, die mit der Vergangenheit verbunden sind, und findet sie verändert oder verschwunden vor: die Ruinen von Hiraizumi, eine ersetzte Kiefer und eine alte Steininschrift bei der Burg Taga (Tsubo no ishibumi), die ihn zu Tränen rührt, weil sie tausend Jahre überdauert hat. Die Spannung zwischen Wandel und Beständigkeit durchzieht das Buch. Nach der Reise erörterten Bashō und seine Schüler das Konzept Fueki ryūkō, „das Unveränderliche und das sich stets Verändernde“, als zwei Seiten der Dichtung.

Prosa und Gedicht. Im Haibun schafft die Prosa die Szene und baut Spannung auf; das Hokku verdichtet den Augenblick. Auch die Prosa selbst ist stark verdichtet und poetisch. Sie ist voller paralleler Wendungen nach chinesischem Vorbild, Anspielungen und Tonwechsel: von erhabenen Landschaftsbeschreibungen bis zu komischen Episoden über Flöhe und Pferde, die nahe dem Kopfkissen urinieren. Einige Gedichte im Buch stammen von Sora und anderen Begleitern. So spiegelt das Werk auch die gemeinschaftliche Kultur des Haikai wider.

Aufbau. Forschende haben darauf hingewiesen, wie sorgfältig das Buch ausbalanciert ist: Der prachtvollen Schilderung von Matsushima, der „lachenden Schönheit“, steht etwa das melancholische Kisakata, die „traurige Schönheit“, gegenüber, die Bashō mit der chinesischen Schönheit Xi Shi vergleicht. Die Folge von Orten, Jahreszeiten und Stimmungen bildet eine Komposition, ähnlich einer Folge miteinander verbundener Verse.

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Mittel

Niederschrift, Handschriften und Veröffentlichung

Bashō schrieb das Buch nicht während der Reise. Er arbeitete danach mehrere Jahre daran, wahrscheinlich vor allem zwischen 1692 und 1694, feilte an der Prosa und überarbeitete Gedichte. Um 1694 fertigte ein Kalligraf namens Soryū eine saubere Reinschrift an, die Bashō behielt. Diese Abschrift wurde später nach einer Familie, die sie besaß, Nishimura-Handschrift genannt. Ihr Titelschild trägt die Schreibweise „おくのほそ道“, die viele Forschende bevorzugen.

Mehrere Handschriften sind erhalten. Eine Abschrift eines Schülers, die mit Sora verbunden wird (die Sora-Handschrift), enthält Korrekturen, die möglicherweise von Bashō selbst stammen. Eine weitere, die Kakimori-Handschrift, wurde 1960 bekannt gemacht. 1996 wurde eine Handschrift vorgestellt, von der man annimmt, dass Bashō sie selbst geschrieben hat: die Nakao-Handschrift, auch Yaba-Handschrift genannt. Sie enthält zahlreiche Korrekturen auf aufgeklebten Papierstreifen und ermöglicht es Forschenden, die Überarbeitung des Textes nachzuvollziehen.

Das Buch wurde 1702, acht Jahre nach Bashōs Tod, erstmals in Kyoto vom Buchhändler Izutsuya gedruckt. Grundlage war Soryūs Reinschrift. Während der Edo-Zeit erschienen immer mehr Druckausgaben und Kommentare, und Bashō wurde zunehmend fast wie ein Heiliger der Dichtung verehrt.

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Mittel

Wirkung und Nachleben

Oku no Hosomichi wird an japanischen Schulen unterrichtet und gilt als Klassiker der Reiseliteratur. Millionen Menschen kennen seine Anfangszeilen und wichtige Gedichte auswendig. An Orten entlang der Route, etwa in Yamadera, Hiraizumi und Kisakata, stehen Denkmäler mit Bashōs Gedichten. Viele Menschen folgen der Strecke zu Fuß, mit dem Zug oder mit dem Auto. Manche Landschaften haben sich verändert: Die Lagune von Kisakata wurde durch ein Erdbeben im Jahr 1804 aus dem Meer gehoben. Heute liegen dort Reisfelder mit verstreuten ehemaligen Inseln.

Das Buch beeinflusste auch, wie spätere Dichter reisten und schrieben. Dichter der Edo-Zeit folgten Bashōs Spuren; im 20. Jahrhundert setzten sich Schriftsteller, Maler und Fotografen mit dem Werk auseinander. Seine Aufmerksamkeit für den flüchtigen Augenblick, einfache Dinge und das Zusammenspiel von Prosa und Bild beeinflusste sowohl die japanische Literatur als auch die internationale Haiku-Bewegung.

Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt. Zu den englischen Übersetzungen gehören Fassungen von Nobuyuki Yuasa (1966), Donald Keene (The Narrow Road to Oku, 1996) und anderen; es gibt auch koreanische, chinesische und europäische Übersetzungen. Übersetzer stehen vor der Aufgabe, die dichten Anspielungen und den 5–7–5-Rhythmus der Hokku wiederzugeben. Jede Übersetzung bietet deshalb eine eigene Deutung.

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Fortgeschritten

Fakten und Fiktion: Soras Tagebuch

Sora führte ein Reisetagebuch, in dem er Daten, Wetter, Unterkünfte und Begegnungen festhielt. Diese Aufzeichnungen wurden der Forschung im 20. Jahrhundert bekannt und ermöglichen einen Vergleich des Buches mit den tatsächlichen Ereignissen. Dabei zeigt sich, dass Bashō Daten änderte, Ereignisse anders anordnete, viele Besuche und Personen ausließ und manche Begebenheiten erfand oder ausschmückte.

Das bekannteste Beispiel ist die Szene in Ichiburi an der Küste des Japanischen Meeres. Bashō schreibt, dass zwei Kurtisanen (Yūjo) auf einer Pilgerreise im Zimmer neben ihm übernachteten und ihn am Morgen baten, sie mitzunehmen. Er lehnte ab und schrieb: „Unter einem Dach / schliefen auch Kurtisanen – / Buschklee und Mond.“ Soras Tagebuch erwähnt die Frauen nicht. Die meisten Forschenden halten die Episode für erfunden, möglicherweise angeregt durch klassische Literatur. Auch Wetter und Daten wurden an manchen Orten aus literarischen Gründen angepasst.

Diese Erkenntnisse haben die Lektüre des Werkes verändert. Früher wurde es oft als Bericht über die tatsächlichen Erlebnisse und das geistige Leben des Dichters gelesen. Heute betont die Forschung, dass es ein gestaltetes literarisches Werk ist, in dem der Reisende „Bashō“ zum Teil eine literarische Figur ist. Die Unterschiede zwischen Tagebuch und Buch machen Bashōs künstlerische Entscheidungen sichtbar, etwa seinen Wunsch, die Reise an klassischen Vorbildern und an Saigyō auszurichten.

Soras Tagebuch liefert außerdem menschliche Einzelheiten, die das Buch auslässt: die vielen örtlichen Dichter und Förderer, die Bashō beherbergten, die Treffen zum gemeinsamen Dichten von Kettenversen an fast jeder Station sowie die praktischen Absprachen über Unterkünfte und Empfehlungsschreiben. Sie zeigen, dass die Reise zum Teil auch eine Arbeitsreise eines Haikai-Meisters war, der Schüler in den Provinzen traf. Im Buch erscheint sie vor allem als einsame Pilgerreise.

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Fortgeschritten

Forschungsdebatten und Methoden

Textkritik. Die Entdeckung der Nakao-Handschrift im Jahr 1996 löste eine Debatte darüber aus, ob sie tatsächlich von Bashō selbst geschrieben wurde und in welchem Verhältnis die verschiedenen Handschriften zueinander stehen. Viele Forschende erkennen sie als eigenhändigen Entwurf an, doch es gibt auch Zweifel. Die mit Papierstreifen überklebten Korrekturen sind zu wichtigen Belegen geworden, um die Überarbeitungsstufen zu rekonstruieren. Diskutiert wird außerdem, wann das Werk abgeschlossen wurde und wie genau Soryūs Reinschrift Bashōs letzte Absichten wiedergibt.

Kulturelles Gedächtnis. In Traces of Dreams (1998) vertritt Haruo Shirane die Ansicht, dass Bashōs Dichtung als Gespräch mit dem kulturellen Gedächtnis verstanden werden muss. Indem Bashō Utamakura besuchte und auf klassische Texte anspielte, ehrte und erneuerte er die dichterische Vergangenheit. Dabei verband er die elegante (ga) Tradition der Hofdichtung mit der volkstümlichen (zoku) Sprache des Haikai. Dieser Ansatz führte die Forschung von der Vorstellung weg, Bashō sei ein einsamer Mystiker gewesen.

Deutungen einzelner Gedichte. Selbst berühmte Gedichte sind Gegenstand von Debatten. In einem bekannten Streit des 20. Jahrhunderts ging es darum, welche Zikadenart Bashō in Yamadera hörte: Der Dichter Saitō Mokichi sprach sich für eine Art aus, der Forscher Komiya Toyotaka für eine andere. Beobachtungen vor Ort zur entsprechenden Jahreszeit sollten die Frage klären. Solche Debatten zeigen, wie die Gedichte im Bezug auf wirkliche Orte und die Naturgeschichte gelesen werden.

Mythos und Rezeption. Bashō wurde in späteren Jahrhunderten idealisiert, und manche Zuschreibungen sind falsch. Der bekannte Vers „Matsushima ya / aa Matsushima ya / Matsushima ya“ stammt nicht von Bashō; er nahm kein eigenes Gedicht über Matsushima in das Buch auf. Auch die Untersuchung, wie das Werk herausgegeben, kommentiert und zum Anlass für Reisen auf Bashōs Spuren wurde, ist ein wichtiger Teil der heutigen Forschung.

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Kernideen

Haibun
Eine Form, die kurze, poetische Prosa mit Haiku verbindet; Oku no Hosomichi ist ihr bekanntestes Beispiel.
Das Leben als Reise
Die Zeit selbst ist eine Reisende; Bashō versteht das Wandern als Lebensweise und geistige Übung.
Utamakura
Orte, die durch frühere Gedichte berühmt wurden; Bashō besucht sie, um mit Dichtern der Vergangenheit in einen Austausch zu treten.
Vergänglichkeit
Ruinen, veränderte Landschaften und verschwundene Helden zeigen, dass alles vergeht.
Das Unveränderliche und das sich stets Verändernde (Fueki ryūkō)
Ein Gedanke, den Bashō und seine Schüler nach der Reise erörterten: Dichtung soll sowohl bleibende Wahrheit als auch Neues enthalten.
Literarische Gestaltung
Bashō ordnete Ereignisse neu und erfand manche hinzu; das Buch ist ein Kunstwerk und kein einfaches Tagebuch.
Anspielung
Verweise auf Li Bai, Du Fu, Saigyō und japanische Klassiker verleihen jeder Szene zusätzliche Bedeutungsebenen.

Einträge

  1. 1644 — Matsuo Bashō wird in der Provinz Iga geboren.
  2. 1680 — Bashō zieht in eine Hütte in Fukagawa, Edo; die dort gepflanzte Bananenstaude gibt ihm seinen Dichternamen.
  3. 1686 — Bashōs Froschgedicht über den „alten Teich“ wird zum Sinnbild seines neuen Stils.
  4. 1689 — Am 16. Mai (dem 27. Tag des 3. Monats) brechen Bashō und Sora von Edo zu ihrer Reise in den Norden auf.
  5. 1689 — Im Herbst endet die im Buch beschriebene Reise in Ōgaki; Bashō reist weiter nach Ise.
  6. um 1692 — Bashō arbeitet in Edo intensiv an der Handschrift.
  7. um 1694 — Soryū fertigt eine Reinschrift des Textes an.
  8. 1694 — Bashō stirbt am 12. Tag des 10. Monats in Osaka.
  9. 1702 — Das Buch wird in Kyoto erstmals von Izutsuya gedruckt.
  10. 1804 — Ein Erdbeben hebt die Lagune von Kisakata an und verändert die von Bashō beschriebene Landschaft.
  11. 1960 — Die Existenz der Kakimori-Handschrift wird bekannt gemacht.
  12. 1996 — Die Nakao-Handschrift, die vermutlich von Bashō selbst stammt, wird vorgestellt.

Glossar

Haikai
Volkstümliche, oft humorvolle Kettendichtung der Edo-Zeit, aus der sich das Haiku entwickelte.
Hokku
Der eröffnende Vers einer Kettengedichtfolge mit dem Muster 5–7–5; später wurde er auch als eigenständiges Gedicht geschrieben und Haiku genannt.
Haibun
Prosa im Geist des Haikai, meist mit Hokku verbunden.
Utamakura
Wörtlich „Gedichtkissen“: ein aus der klassischen Dichtung bekannter Ortsname, der viele Vorstellungen und Erinnerungen hervorruft.
Michinoku
Ein alter Name für die weit im Norden gelegenen Provinzen Honshūs; er bedeutet ungefähr „Ende des Weges“.
Genroku
Japanischer Äraname für die Jahre 1688–1704, eine Zeit blühender Stadtkultur.
Kigo
Ein Jahreszeitenwort in einem Haiku, das die Jahreszeit erkennen lässt, etwa Sommergras oder Zikaden.
Yūjo
Eine Kurtisane oder Prostituierte im vormodernen Japan.
Reinschrift
Eine saubere, endgültige handschriftliche Abschrift eines Textes, die zur Aufbewahrung oder als Druckvorlage angefertigt wird.
Eigenhändige Handschrift
Eine Handschrift, die der Verfasser selbst geschrieben hat.

Fragen und Antworten

Was bedeutet der Titel?

Ungefähr „der schmale Weg ins Landesinnere“ oder „der schmale Pfad in den tiefen Norden“. „Oku“ bezeichnet das weit entfernte Innere und lässt zugleich an einen inneren, geistigen Weg denken.

Wie weit wanderte Bashō?

Etwa 2.400 Kilometer in ungefähr 150 Tagen, meist zu Fuß, manchmal zu Pferd oder mit dem Boot.

Ist alles im Buch wahr?

Nein. Ein Vergleich mit Soras Tagebuch zeigt, dass Bashō Daten änderte, Ereignisse ausließ und manche Szenen erfand, etwa die Begegnung mit den Kurtisanen in Ichiburi, um ein besseres Kunstwerk zu schaffen.

Was ist ein Haiku?

Ein sehr kurzes japanisches Gedicht aus drei Teilen mit 5, 7 und 5 Lauten. Meist enthält es ein Wort, das auf eine Jahreszeit hinweist. Zu Bashōs Zeit hieß es Hokku.

Warum unternahm Bashō diese Reise?

Er wollte Orte besuchen, die durch alte Gedichte berühmt waren, Dichtern wie Saigyō folgen und seine Kunst erneuern, indem er unterwegs einfach lebte.

Welche Handschrift ist am zuverlässigsten?

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Soryūs Reinschrift war die Grundlage des ersten Drucks. Die Nakao-Handschrift, die wahrscheinlich von Bashō selbst stammt, zeigt seine Überarbeitungen. Herausgeber vergleichen beide.

Wie hat Haruo Shirane die Deutung Bashōs verändert?

Er betonte Bashōs Auseinandersetzung mit dem kulturellen Gedächtnis und der klassischen Tradition, statt ihn als einen isolierten Mystiker zu betrachten, der unmittelbare Erlebnisse aufzeichnete.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Oku no Hosomichi. Wikipedia
  2. おくのほそ道. Wikipedia (Japanese)
  3. Matsuo Bashō. Wikipedia
  4. Kawai Sora. Wikipedia
  5. Haibun. Wikipedia
  6. Utamakura. Wikipedia
  7. Matsuo Bashō, trans. Donald Keene, The Narrow Road to Oku. Kodansha International, 1996
  8. Matsuo Bashō, trans. Nobuyuki Yuasa, The Narrow Road to the Deep North and Other Travel Sketches. Penguin Books, 1966
  9. Haruo Shirane, Traces of Dreams: Landscape, Cultural Memory, and the Poetry of Bashō. Stanford University Press, 1998

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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.

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