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Für junge Leser
Vor mehr als dreitausend Jahren herrschten die Könige der Shang-Dynastie von einer großen Stadt am Fluss Huan aus über einen Teil Nordchinas. Als ihre Herrschaft endete, wurde die Stadt verlassen. Nach und nach bedeckten Felder ihre Reste. Später nannten die Menschen den Ort Yinxu. Das bedeutet „Ruinen von Yin“.
Die Shang-Könige wollten wissen, was in Zukunft geschehen würde. Würde es regnen? Würde die Ernte gut werden? Würden sie eine Schlacht gewinnen? Dazu erhitzte ein Wahrsager ein Stück Schildkrötenpanzer oder einen flachen Schulterknochen vom Rind, bis es laut knackte. Dann deutete er die Risse als Botschaft der Vorfahren des Königs. Schreiber ritzten die Frage und manchmal auch die Antwort in den Knochen.
Diese Orakelknochen bilden die älteste große Sammlung chinesischer Schrift, die wir kennen. Viele ihrer Zeichen sind Vorläufer von Zeichen, die Menschen in China noch heute verwenden. Das Zeichen für „Sonne“ war zum Beispiel ein Kreis mit einem Punkt. Das Zeichen für „Mensch“ sah aus wie ein Mensch von der Seite.
In Yinxu haben Archäologen die Fundamente von Palästen und Tempeln, Werkstätten und riesige Gräber gefunden. In einem unberührten Grab lag Fu Hao. Sie war eine Frau des Königs und führte auch Heere in die Schlacht. Mit ihr wurden Hunderte Gefäße aus Bronze und Gegenstände aus Jade begraben. Dazu kamen fast siebentausend kleine Muscheln, die man wie Geld benutzte.
Yinxu hat auch eine traurige Seite. Die Shang töteten viele Menschen, oft Kriegsgefangene, als Opfer für ihre Vorfahren und Götter. Sie begruben die Opfer in Gruben nahe den Königsgräbern. Archäologen untersuchen ihre Überreste sorgfältig, damit wir uns auch an diese Menschen erinnern.
Auf einen Blick
- Zeitraum
- Späte Shang-Dynastie, ca. 1300 (oder ca. 1250) bis 1046 v. Chr.; nach der Überlieferung begann die Zeit als Hauptstadt mit der Verlegung des Herrschaftssitzes nach Yin durch König Pan Geng
- Ort
- Nordwestlich von Anyang, Provinz Henan, China, an beiden Ufern des Flusses Huan
- Herrscher
- Der Überlieferung nach 12 Könige, von Pan Geng bis Di Xin; die Orakelknocheninschriften beginnen mit König Wu Ding
- Größe
- Die antike Siedlung erstreckt sich über etwa 30 km²; die Welterbestätte umfasst 414 Hektar
- Wichtigste Bereiche
- Palast- und Ahnentempelbezirk bei Xiaotun (Südufer); königliche Nekropole bei Xibeigang–Houjiazhuang (Nordufer)
- Wichtige Funde
- Etwa 150.000 Orakelknochenfragmente; das unberaubte Grab der Fu Hao (1976); der etwa 833 kg schwere Houmuwu-Ding
- Ausgrabungen
- Wissenschaftliche Ausgrabungen seit 1928 (Academia Sinica, 15 Grabungskampagnen bis 1937), ab 1950 fortgesetzt
- Status
- UNESCO-Welterbestätte (2006)
Einfach
Was ist Yinxu?
Yinxu (殷墟) ist die archäologische Stätte der letzten Hauptstadt der Shang-Dynastie. Die Shang waren die erste chinesische Dynastie, deren Existenz durch zeitgenössische schriftliche Zeugnisse bestätigt ist. Die Stätte liegt nordwestlich der Stadt Anyang in der Provinz Henan, in der nordchinesischen Ebene und etwa 500 km südlich von Peking. Die antike Stadt erstreckte sich über beide Ufer des Flusses Huan, der in einem Bogen durch das Gebiet fließt.
Der Name bedeutet „Ruinen von Yin“. Yin war eine Bezeichnung, die spätere chinesische Geschichtsschreiber für die Shang verwendeten, besonders für ihre letzte Phase nach der Verlegung der Hauptstadt an diesen Ort. Die Shang selbst nannten ihre Hauptstadt offenbar „Shang“ oder „Große Siedlung Shang“ (Da Yi Shang).
Yinxu besteht aus weitläufigen Überresten: Fundamenten von Palästen und Tempeln aus Stampflehm, Wohngebieten, Werkstätten für Bronzeguss, Knochenschnitzerei sowie die Herstellung von Jadeobjekten und Keramik, Straßen, Entwässerungsgräben, Friedhöfen der einfachen Bevölkerung und den Gräbern der Könige.
Berühmt ist die Stätte vor allem für die Orakelknochen mit dem frühesten umfangreichen Bestand chinesischer Schrift und für ihre Bronzen, die einen Höhepunkt des bronzezeitlichen Gusses in Ostasien zeigen. Die UNESCO nahm Yinxu 2006 in die Welterbeliste auf und würdigte die Stätte als Zeugnis eines „goldenen Zeitalters“ der frühen chinesischen Kultur.
Einfach
Wie lässt sich die Stätte „lesen“?
Das Zentrum von Yinxu liegt bei Xiaotun am Südufer des Flusses Huan, wo dieser einen Bogen macht. Hier fanden Archäologen mehr als 80 Fundamente großer Gebäude aus Stampflehm: Erdschichten, die zwischen Holzbrettern festgestampft wurden. Auf diesen Plattformen standen Holzhallen mit Strohdächern. Forschende deuten sie als Paläste, Ahnentempel und Altäre. Steinmauern gab es nicht: Die Shang bauten mit Erde und Holz, und erhalten blieben nur Fundamente, Pfostenlöcher und Sockel.
Anstelle einer Stadtmauer verlief entlang der West- und Südseite des Palastbezirks ein breiter Graben; an den anderen Seiten lag der Fluss. Um diesen Kern herum verteilten sich auf etwa 30 Quadratkilometern viele Gruppen von Häusern, Werkstätten und Familienfriedhöfen. Das deutet auf eine locker gegliederte Stadt von Familienverbänden hin.
Am Nordufer bei Xibeigang nahe Houjiazhuang liegt die königliche Nekropole. Die größten Gräber sind riesige Gruben mit schrägen Rampen, die von zwei oder vier Seiten hinabführen und eine Kreuzform bilden. Die Grabkammern lagen mehr als zehn Meter tief. Ringsum befinden sich über tausend kleinere Gruben mit Menschenopfern, Pferden, Streitwagen und anderen Grabbeigaben.
Wer Yinxu heute besucht, sieht rekonstruierte Gebäude, erhaltene Gruben mit Streitwagen, das Grab der Fu Hao und ein Museum. Der größte Teil der Stätte liegt jedoch unter Feldern und der heutigen Siedlung. Vieles ist noch nicht ausgegraben.
Einfach
Orakelknochen: Fragen an die Vorfahren
Die Shang-Könige glaubten, dass ihre verstorbenen Vorfahren und andere Mächte, darunter ein oberster Gott namens Di, über Wetter, Ernten, Krankheiten und Siege im Krieg bestimmten. Um ihren Willen zu erfahren, betrieben die Wahrsager des Königs Pyromantie, also Wahrsagung durch Feuer. Sie bereiteten Schulterblätter von Rindern und die flachen Bauchpanzer von Schildkröten vor, schnitzten Reihen von Vertiefungen in die Rückseite und erhitzten diese Stellen, bis der Knochen oder Panzer mit einem scharfen Knacken riss. Die Form der Risse, die oft dem Zeichen 卜 (bu, „wahrsagen“) ähnelte, wurde als Antwort gedeutet.
Anschließend ritzten Schreiber häufig eine Aufzeichnung in den Knochen. Eine vollständige Inschrift kann das Datum, den Namen des Wahrsagers, die Frage, die Vorhersage des Königs und manchmal auch das tatsächliche Ereignis enthalten. Die Fragen betreffen Regen und Ernten, Jagd, Feldzüge, Geburten, Krankheiten, Träume und die Opfer für bestimmte Vorfahren. Eine bekannte Gruppe von Inschriften fragt, ob Fu Haos Geburt gut verlaufen werde.
Etwa 150.000 beschriftete Stücke von Orakelknochen und Schildkrötenpanzern wurden gefunden, die meisten davon in Yinxu. Die Inschriften verwenden ungefähr 4.000 bis 5.000 verschiedene Zeichen. Nur etwa ein Viertel bis ein Drittel davon gilt als sicher entziffert. Viele sind deutlich als Vorläufer heutiger chinesischer Schriftzeichen zu erkennen.
Die Orakelknochen sind außergewöhnlich, weil sie die Anliegen wirklicher Könige aus deren eigener Zeit festhalten und keine Jahrhunderte später niedergeschriebenen Geschichten sind. Sie bilden die Grundlage unseres Wissens über die Geschichte, Religion und Sprache der Shang.
Mittel
Bronze, Streitwagen und Handwerkswerkstätten
Handwerker der Shang fertigten Bronzegefäße für Speise- und Weinopfer an die Vorfahren sowie Waffen, Werkzeuge und Beschläge für Streitwagen. Während frühe Metallhandwerker im Nahen Osten und in Europa Metall oft hämmerten oder in einfache Formen gossen, verwendeten die Shang zusammengesetzte Gussformen aus Ton. Damit konnten sie komplexe Formen und Verzierungen unmittelbar gießen. An Gießereistätten in Yinxu wurden Tausende Formfragmente gefunden. Sie belegen eine umfangreiche, organisierte Produktion.
Die größte bekannte Shang-Bronze, der Houmuwu-Ding, wurde 1939 in Yinxu gefunden. Der rechteckige Kessel ist 1,33 m hoch, wiegt etwa 833 kg und ist das schwerste bekannte Bronzegefäß der Antike. Seine Inschrift wurde früher als „Simuwu“ gelesen, heute meist als „Houmuwu“. Sie bezeichnet eine Opfergabe für eine königliche Mutter namens Wu. Das Gefäß befindet sich heute im Chinesischen Nationalmuseum in Peking.
Shang-Bronzen sind häufig mit dem Taotie verziert, einem symmetrischen, maskenartigen Muster mit Augen, Hörnern und Kiefern, das oft aus zwei Tieren im Profil gebildet wird. Seine Bedeutung ist umstritten; möglicherweise stellt es Geister dar oder ist ein eindrucksvolles Schmuckmotiv.
Yinxu liefert auch die frühesten Belege für Streitwagen in China. Etwa ab der Zeit König Wu Dings finden sich Gruben mit zweirädrigen Streitwagen, die zusammen mit ihren Pferden und manchmal ihren Wagenlenkern begraben wurden. Weil der Streitwagen plötzlich in voll entwickelter Form auftaucht, vermuten die meisten Forschenden, dass er aus den Steppengebieten Zentralasiens übernommen wurde. Werkstätten für Knochengegenstände wie Haarnadeln und Pfeilspitzen, Jadeschnitzerei und Töpferei vervollständigen das Bild einer großen städtischen Wirtschaft mit spezialisierten Handwerken.
Mittel
Das Grab der Fu Hao
Fast alle großen Königsgräber in Yinxu wurden bereits in der Antike oder in neuerer Zeit beraubt. 1976 fanden die Archäologin Zheng Zhenxiang und ihr Team nahe dem Palastbezirk bei Xiaotun ein kleineres Grab mit der Bezeichnung M5, das ungestört geblieben war. Es gehörte Fu Hao, einer Gemahlin König Wu Dings.
Das Grab war eine etwa 5,6 mal 4 Meter große Grube mit einer hölzernen Kammer. Dennoch enthielt es außergewöhnliche Schätze: mehr als 460 Bronzegegenstände, darunter etwa 200 Ritualgefäße und 130 Waffen, rund 755 Jadeobjekte, über 560 Knochengegenstände, Elfenbeinbecher und etwa 6.900 Kaurischnecken, die als Wertgegenstände dienten. Viele Bronzen tragen Fu Haos Namen. Mit ihr wurden auch sechzehn Menschenopfer und sechs Hunde begraben.
Fu Hao wird in vielen Orakelknocheninschriften erwähnt. Sie zeigen, dass sie Feldzüge mit Tausenden Soldaten anführte, Opferzeremonien leitete und über einen eigenen Besitz verfügte. Der König ließ wegen ihrer Geburten und Krankheiten das Orakel befragen. Sie ist die am besten dokumentierte Frau des China der Shang-Zeit und zeigt, dass Frauen der Oberschicht militärische und religiöse Macht ausüben konnten.
Weil das Grab unberaubt und gut dokumentiert ist, dient es als wichtiger Bezugspunkt für die Datierung von Shang-Gegenständen und für das Verständnis der Regierungszeit Wu Dings, aus der die meisten Orakelknochen stammen.
Mittel
Könige, Vorfahren und der Untergang der Shang
Traditionelle chinesische Geschichtswerke, vor allem die Aufzeichnungen des Historikers (Shiji) von Sima Qian (um 100 v. Chr.), berichten, dass die Shang ihre Hauptstadt mehrmals verlegten, bis König Pan Geng sich in Yin niederließ. Von da an bis zum Untergang der Dynastie herrschten dort zwölf Könige. Der letzte, Di Xin, wurde in späteren Schriften der Zhou-Dynastie als grausamer Tyrann dargestellt. Dieses Bild diente dazu, die Eroberung durch die Zhou zu rechtfertigen.
Mithilfe der Orakelknochen konnten Forschende diese Überlieferungen überprüfen. 1917 zeigte der Gelehrte Wang Guowei, dass die Namen der Shang-Könige und ihrer Vorfahren in den Inschriften weitgehend mit der Königsliste Sima Qians übereinstimmen, die tausend Jahre später entstand. Dies bewies, dass die Shang-Dynastie tatsächlich existiert hatte und dass das Shiji echte Informationen bewahrte, wenn auch mit einigen Fehlern bei Reihenfolge und Verwandtschaftsverhältnissen.
Die Inschriften lassen einen Staat erkennen, dessen Mittelpunkt der König und der Kult seiner Vorfahren waren. Der König war der oberste Wahrsager und brachte nach einem festen Zeitplan einer großen Zahl von Vorfahren Opfer dar. Seine Macht hing von Bündnissen mit Familienverbänden und von Kriegen gegen benachbarte Völker ab, etwa gegen die Qiang im Westen.
Um 1046 v. Chr. besiegte nach der Datierung des Xia–Shang–Zhou-Chronologieprojekts König Wu von Zhou Di Xin in der Schlacht von Muye. Die Hauptstadt der Shang wurde aufgegeben. Die Zhou erlaubten Nachkommen der Shang, im Staat Song die Ahnenriten fortzuführen. Das genaue Datum der Eroberung ist weiterhin umstritten; die vorgeschlagenen Daten liegen mehrere Jahrzehnte auseinander.
Mittel
Menschenopfer und die Geschichte der Opfer
Menschenopfer waren ein regelmäßiger Teil der königlichen Religion der Shang. Orakelknocheninschriften verzeichnen Opferungen von Menschen für die Vorfahren, manchmal von Dutzenden oder Hunderten zugleich. Viele Opfer waren Kriegsgefangene, besonders Angehörige der Qiang. Schätzungen der in den Inschriften erfassten Opferzahlen gehen in die Tausende.
Archäologische Funde bestätigen diese Aufzeichnungen. Um die Königsgräber bei Xibeigang liegen weit über tausend Opfergruben. Viele enthalten reihenweise niedergelegte Skelette von Menschen, die enthauptet worden waren. In großen Gräbern wurden auch Menschen mit den Toten bestattet, möglicherweise Verwandte, Wachen oder Bedienstete. Tieropfer, darunter Pferde, Hunde und Rinder, waren ebenfalls üblich.
Wissenschaftliche Untersuchungen der Skelette, darunter Analysen der Strontium- und Sauerstoffisotope in den Zähnen sowie alter DNA, beginnen zu zeigen, woher die Opfer stammten, wie alt sie waren und wie sie lebten. Solche Arbeiten helfen, den Menschen, die in den Inschriften nur als Zahlen erscheinen, wieder eine eigene Geschichte zu geben.
Nach der Shang-Zeit gingen Menschenopfer zurück und wurden in späteren chinesischen Schriften zunehmend kritisiert. Die Bestattung von Gefolgsleuten mit Verstorbenen wurde in manchen Staaten jedoch noch jahrhundertelang fortgesetzt. In Yinxu gehört das Gedenken an die Opfer wesentlich zum Verständnis einer Gesellschaft, die zugleich große Kunstwerke und die Anfänge der chinesischen Schrift hervorbrachte.
Mittel
„Drachenknochen“ und die Anfänge der chinesischen Archäologie
Jahrhundertelang gruben Bauern nahe Anyang alte Knochen aus und verkauften sie als „Drachenknochen“ an Apotheken. In der traditionellen Medizin wurden sie zu Pulver gemahlen. Einer bekannten Geschichte zufolge bemerkte der Gelehrte Wang Yirong 1899 während einer Krankheit alte Schriftzeichen auf Knochen, die für seine Behandlung gekauft worden waren. Die Einzelheiten dieser Geschichte sind vermutlich legendär. Wang gehörte aber tatsächlich zu den Ersten, die beschriftete Knochen sammelten und als Zeugnisse alter Schrift erkannten.
1903 veröffentlichte Liu E das erste Buch mit Abreibungen von Orakelknochen. Der Gelehrte Luo Zhenyu führte ihre Herkunft auf das Dorf Xiaotun bei Anyang zurück und erkannte den Ort als Ruinen der Shang-Hauptstadt. Danach bestätigte Wang Guowei mit seinen Forschungen den historischen Wert der Inschriften.
1928 begann das neu gegründete Institut für Geschichte und Philologie der Academia Sinica mit wissenschaftlichen Ausgrabungen in Yinxu. Zu verschiedenen Zeiten leiteten Dong Zuobin, Li Ji und Liang Siyong die Arbeiten. In fünfzehn Grabungskampagnen bis 1937 legten sie Palastfundamente und die Königsgräber frei. 1936 fanden sie die Grube YH127 mit über 17.000 beschrifteten Panzerfragmenten. Diese Arbeiten gehörten zu den ersten großen wissenschaftlichen Ausgrabungen chinesischer Archäologen. Yinxu wird deshalb oft als Geburtsort der modernen chinesischen Archäologie bezeichnet.
Die japanische Invasion beendete die Arbeiten 1937. Nach dem Bürgerkrieg gelangten die Funde und Unterlagen der Ausgrabungen der Academia Sinica nach Taiwan. In Yinxu wurden die Ausgrabungen 1950 unter der Leitung des Archäologischen Instituts in Peking wieder aufgenommen. Beide Sammlungen sind für die Forschung bis heute unverzichtbar und spiegeln die Teilungen Chinas im 20. Jahrhundert wider.
Fortgeschritten
Forschungsdebatten: Datierung von Yinxu, Huanbei und der Shang-Staat
Wann wurde Yinxu zur Hauptstadt? Nach der traditionellen Geschichtsschreibung verlegte Pan Geng den Herrschaftssitz um 1300 v. Chr. nach Yin. Die Orakelknocheninschriften setzen jedoch erst mit Wu Ding ein, und die früheste archäologische Phase in Yinxu ist vergleichsweise bescheiden. 1999 wurde nordöstlich von Yinxu auf der anderen Seite des Huan eine große ummauerte Stadt entdeckt, die heute Huanbei („nördlich des Huan“) heißt. Sie umfasste etwa 470 Hektar, war um 1350–1300 v. Chr. einige Jahrzehnte lang bewohnt und wurde dann durch Feuer zerstört und aufgegeben. Viele Forschende halten Huanbei für die Vorgängerstadt von Yinxu, möglicherweise die Stadt Pan Gengs oder eines früheren Königs. Demnach wurde die Hauptstadt etwa zur Zeit Wu Dings (um 1250 v. Chr.) in das Gebiet von Xiaotun verlegt.
Absolute Chronologie. Das Xia–Shang–Zhou-Chronologieprojekt (1996–2000) verband Texte, astronomische Angaben in Inschriften, etwa zu Mondfinsternissen, Radiokarbondatierungen und archäologische Befunde. Es schlug unter anderem 1046 v. Chr. für die Eroberung durch die Zhou und etwa 1250–1192 v. Chr. für Wu Dings Regierungszeit vor. Einige Forschende außerhalb Chinas kritisierten seine Methoden und Ergebnisse. Andere Daten für die Eroberung, etwa das traditionelle Jahr 1122 v. Chr. oder 1027 v. Chr. auf Grundlage der Bambusannalen, werden weiterhin genannt. Ältere Forschungen hatten Dutzende Daten zwischen etwa 1130 und 1018 v. Chr. vorgeschlagen. Die Datierungen bleiben Näherungswerte.
Periodisierung der Orakelknochen. Dong Zuobin teilte die Orakelknochen anhand der Namen der Wahrsager, der Schriftformen und der Inhalte in fünf Perioden ein. Spätere Forschende verfeinerten dieses Schema, indem sie Inschriften nach Gruppen von Wahrsagern und nach ihrem archäologischen Fundzusammenhang ordneten. Die Inschriften der „Li-Gruppe“ etwa wurden von verschiedenen Forschenden sehr unterschiedlichen Regierungszeiten zugewiesen. Diese langjährige Debatte beeinflusst die Rekonstruktion der Shang-Geschichte.
Welche Art von Staat waren die Shang? Manche Historiker beschreiben ein Flächenreich mit Provinzen. Andere sehen aufgrund der Inschriften ein kleineres, unmittelbar vom König regiertes Kerngebiet, das von verbündeten und feindlichen Herrschaftsgebieten mit wechselnder Loyalität umgeben war. Die Inschriften zeigen nur die Anliegen des Königshofs in Yinxu und könnten seinen Einflussbereich größer erscheinen lassen, als er war. Andere bronzezeitliche Kulturen jener Zeit, etwa Sanxingdui in Sichuan, zeigen, dass die Shang eine von mehreren komplexen Gesellschaften auf dem Gebiet des heutigen China waren.
Fortgeschritten
Quellen und Methoden
Schriftliche Zeugnisse. Die Orakelknochen sind Primärquellen besonderer Art: Sie dokumentieren Weissagungen, keine zusammenhängenden Erzählungen, und wurden für den Königshof und von ihm angefertigt. Sie sind in großen Sammlungen zusammengetragen, besonders im Jiaguwen heji. Untersucht werden sie mithilfe der Paläografie, der Grammatik und der Rekonstruktion zusammengehöriger Inschriftengruppen. David Keightleys Sources of Shang History (1978) gilt weiterhin als klassische englischsprachige Einführung in die Methoden. Bronzeinschriften sind in Yinxu noch kurz; in der Zhou-Zeit werden sie deutlich länger.
Archäologische Funde. Die Schichtenfolge und die Entwicklung von Keramik- und Bronzestilen ermöglichen es, Yinxu in vier Hauptphasen einzuteilen. Untersuchungen des Siedlungsgebiets erfassen Wohnviertel, Werkstätten und Friedhöfe auf dem gesamten Gelände und zeigen eine Stadt, die um Familienverbände organisiert war. Ausgrabungen von Gießereien und Werkstätten geben Aufschluss über Herstellungsverfahren und die Organisation der Arbeit.
Naturwissenschaftliche Methoden. Radiokarbondatierungen, auch an den Orakelknochen selbst, dienen dazu, die Chronologie abzusichern. Isotopenanalysen geben Hinweise auf Ernährung und Ortswechsel. Untersuchungen alter DNA erforschen die Herkunft der Bevölkerung und der Menschenopfer. Metallurgische Analysen verfolgen die Herkunft des für die Bronzen verwendeten Kupfers, Zinns und Bleis; ein Teil könnte aus weit entfernten Regionen gekommen sein.
Kritische Lektüre späterer Texte. Berichte über die Shang in Schriften der Zhou- und Han-Zeit, darunter das Shiji, entstanden lange nach dem Untergang der Dynastie. Sie wurden teilweise von Vorstellungen der Zhou geprägt, etwa vom „Mandat des Himmels“, mit dem die Eroberung gerechtfertigt wurde. Der Vergleich mit zeitgenössischen Inschriften zeigt, wie viel die spätere Überlieferung bewahrte und wie sie zugleich die Vergangenheit umformte.
Kernideen
- Hauptstadt der späten Shang-Zeit
- Yinxu war vom 13. Jahrhundert v. Chr. bis etwa 1046 v. Chr. das politische und religiöse Zentrum der letzten Shang-Könige.
- Orakelbefragung mit Knochen
- Die Könige befragten ihre Vorfahren, indem sie Knochen und Panzer durch Hitze zum Reißen brachten und Fragen und Ergebnisse schriftlich festhielten.
- Früheste chinesische Schrift
- Die Orakelknochenschrift ist der früheste umfangreiche Bestand chinesischer Schrift und ein direkter Vorläufer heutiger Schriftzeichen.
- Ahnenverehrung
- Im Mittelpunkt der königlichen Religion standen regelmäßige Opfer für verstorbene Könige und Königinnen, die den Lebenden helfen oder schaden konnten.
- Bronzezeitliches Handwerk
- In organisierten Werkstätten entstanden durch den Guss in zusammengesetzten Formen große, aufwendig verzierte Ritualgefäße.
- Menschenopfer
- Tausende Menschen, darunter viele Kriegsgefangene, wurden bei königlichen Ritualen getötet. Die Archäologie erforscht heute ihr Leben und ihre Herkunft.
- Texte und Archäologie
- Yinxu bewies, dass die Shang-Dynastie der traditionellen Geschichtsschreibung tatsächlich existierte, und zeigte zugleich Fehler in diesen Berichten auf.
Einträge
- um 1350 v. Chr. — Die ummauerte Stadt Huanbei auf der anderen Seite des Huan gegenüber Yinxu ist bewohnt (bis etwa 1300 v. Chr.).
- um 1300 v. Chr. — Traditionelles Datum für die Verlegung der Shang-Hauptstadt nach Yin durch König Pan Geng.
- um 1250 v. Chr. — Die Regierungszeit König Wu Dings beginnt; die frühesten Orakelknocheninschriften und das Grab der Fu Hao stammen aus seiner Regierungszeit.
- um 1046 v. Chr. — König Wu von Zhou besiegt Di Xin bei Muye; die Shang-Hauptstadt wird aufgegeben (Datierung nach dem Xia–Shang–Zhou-Chronologieprojekt).
- um 100 v. Chr. — Sima Qian hält im Shiji die Königsliste der Shang fest, die später durch Orakelknochen bestätigt wird.
- 1899 — Wang Yirong erkennt die Inschriften auf „Drachenknochen“ als alte Schrift.
- 1917 — Wang Guowei zeigt, dass die Orakelknochen die Königsliste im Shiji bestätigen.
- 1928 — Die Academia Sinica beginnt wissenschaftliche Ausgrabungen in Yinxu (15 Grabungskampagnen bis 1937).
- 1936 — In der Grube YH127 werden über 17.000 beschriftete Stücke gefunden.
- 1976 — Das unberaubte Grab der Fu Hao wird ausgegraben.
- 1999 — Die mittelzeitliche Shang-Stadt Huanbei wird entdeckt.
- 2006 — Yinxu wird in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.
Glossar
- Shang-Dynastie
- Eine bronzezeitliche Dynastie, die im zweiten Jahrtausend v. Chr. über einen Teil Nordchinas herrschte. Sie ist die früheste durch zeitgenössische Schriftzeugnisse bestätigte chinesische Dynastie.
- Orakelknochen
- Ein Schulterblatt vom Rind oder ein Bauchpanzer einer Schildkröte, der für die Wahrsagung durch Hitze verwendet und oft mit dem Ergebnis beschriftet wurde.
- Pyromantie
- Wahrsagung durch Feuer; hier durch die Deutung von Rissen, die beim Erhitzen von Knochen oder Schildkrötenpanzern entstehen.
- Stampflehm
- Erde, die schichtweise zwischen Brettern festgestampft wird und im alten China für Fundamente und Mauern diente.
- Ding
- Ein ritueller Kessel mit Beinen, in dem Speiseopfer für die Vorfahren gekocht oder dargeboten wurden.
- Taotie
- Ein symmetrisches Muster in Form einer Tiermaske, das auf Shang-Bronzen häufig vorkommt.
- Guss in zusammengesetzten Formen
- Ein Verfahren, bei dem flüssige Bronze in eine Tonform aus mehreren genau zusammenpassenden Teilen gegossen wird.
- Kaurischnecke
- Eine kleine Meeresschnecke, deren Gehäuse im China der Shang-Zeit als Wertgegenstand und Zeichen von Reichtum diente.
- Abreibung
- Kopie einer Inschrift, die entsteht, indem Papier auf die Oberfläche gedrückt und mit Tusche betupft wird.
- Di
- Ein oberster Gott der Shang-Religion, der über das Wetter und andere Mächte bestimmte.
Fragen und Antworten
Was bedeutet „Yinxu“?
Es bedeutet „Ruinen von Yin“. Yin ist eine andere Bezeichnung für die Shang-Dynastie, besonders für ihre letzte Zeit.
Warum schrieben die Menschen auf Knochen?
Sie hielten damit Fragen an die Vorfahren und die Antworten fest, die sie aus den Rissen im Knochen herauslasen.
Können wir die Orakelknochenschrift heute lesen?
Teilweise. Von etwa 4.000 bis 5.000 verschiedenen Zeichen ist nur ungefähr ein Viertel bis ein Drittel sicher entziffert. Dazu gehören aber die meisten häufigen Wörter.
Wer war Fu Hao?
Eine Gemahlin König Wu Dings, die Heere anführte und Rituale vollzog. Ihr 1976 unberaubt gefundenes Grab gehört zu den reichsten, die je in China entdeckt wurden.
Haben die Shang wirklich Menschen geopfert?
Ja. Sowohl die Inschriften als auch archäologische Funde zeigen, dass bei königlichen Ritualen Tausende Menschen getötet wurden, darunter viele Kriegsgefangene.
Ist Yinxu die älteste chinesische Hauptstadt?
Nein. Frühere Zentren der Shang wie Zhengzhou und Huanbei sowie ältere Stätten wie Erlitou sind älter. Yinxu ist die älteste Hauptstadt mit einem umfangreichen Bestand zeitgenössischer Schriftzeugnisse.
Wie sicher ist das Datum 1046 v. Chr.?
Dieses Datum wurde vom chinesischen Xia–Shang–Zhou-Chronologieprojekt vorgeschlagen. Andere Forschende vertreten andere Daten. Der Untergang der Shang lässt sich daher nur ungefähr datieren.
Quellen und weiterführende Literatur
- Yin Xu. UNESCO World Heritage Centre
- Yinxu. Wikipedia
- 은허. 위키백과
- Oracle bone. Wikipedia
- Tomb of Fu Hao. Wikipedia
- Houmuwu ding. Wikipedia
- Huanbei. Wikipedia
- Shang dynasty. Wikipedia
- Xia–Shang–Zhou Chronology Project. Wikipedia
- David N. Keightley, Sources of Shang History: The Oracle-Bone Inscriptions of Bronze Age China. University of California Press, 1978
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Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.
