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- Einfach
- Mittel
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Für junge Leser
Vor etwa 170 Jahren beherrschte eine britische Handelsgesellschaft namens Ostindien-Kompanie den größten Teil Indiens. Sie hatte eine eigene Armee. Die meisten ihrer Soldaten waren Inder und wurden Sepoys genannt. Viele Inder fanden, dass die Kompanie ihnen Land, Königreiche und Ansehen wegnahm.
1857 bekamen die Soldaten neue Gewehrpatronen. Es verbreitete sich das Gerücht, die Patronen seien mit Fett von Kühen und Schweinen eingerieben. Die Soldaten mussten die Patronen mit den Zähnen öffnen. Das verletzte nach ihrem Glauben die Regeln von Hindus, für die Kühe heilig sind, und Muslimen, die kein Schweinefleisch essen. Die Soldaten hatten das Gefühl, dass die Briten ihren Glauben nicht achteten.
Im Mai 1857 erhoben sich Soldaten in der Stadt Meerut. Sie ritten nach Delhi und baten den alten Mogulkaiser Bahadur Shah Zafar, ihr Anführer zu sein. Bald schlossen sich Soldaten, Könige, Königinnen und Bauern in Nordindien dem Aufstand an.
Die Kämpfe waren auf beiden Seiten sehr grausam. An einigen Orten töteten Aufständische britische Männer, Frauen und Kinder. Britische Soldaten übten schreckliche Rache: Sie brannten Dörfer nieder und töteten viele Tausend Inder, oft ohne Gerichtsverfahren.
Bis 1858 hatten die Briten gesiegt. Sie beendeten die Herrschaft der Ostindien-Kompanie, und die Regierung von Königin Victoria regierte Indien direkt. Viele Jahre später erinnerten sich Inder, die für die Unabhängigkeit kämpften, an 1857 als einen ersten großen Freiheitskampf.
Auf einen Blick
- Zeitraum
- 10. Mai 1857 (Aufstand in Meerut; frühere Vorfälle ab Februar und März) bis 1858 (Hauptkämpfe); am 8. Juli 1859 wurde der Frieden offiziell verkündet
- Schauplätze
- Vor allem die obere Gangesebene und Zentralindien: Delhi, Meerut, Awadh (Oudh) und Lucknow, Kanpur (Cawnpore), Jhansi, Gwalior und Teile Bihars; im Punjab, in Bengalen und im größten Teil Südindiens gab es nur wenige Kämpfe
- Kriegsparteien
- Aufständische Regimenter der Bengalarmee, viele Fürsten und Grundbesitzer sowie Menschen vom Land und aus den Städten gegen die Ostindien-Kompanie, Regimenter der britischen Armee, treue indische Truppen (besonders Sikh-, Punjabi- und Gurkha-Einheiten) und verbündete Fürstenstaaten
- Wichtige Personen
- Aufständische: Bahadur Shah Zafar, Nana Sahib, Rani Lakshmibai von Jhansi, Tantia (Tatya) Tope, Begum Hazrat Mahal, Kunwar Singh, Maulvi Ahmadullah Shah. Britische Seite: Lord Canning, Colin Campbell, Henry Havelock, Hugh Rose
- Ausgang
- Britischer Sieg; die Ostindien-Kompanie wurde aufgelöst und Indien der Krone unterstellt (Government of India Act von 1858); die Moguldynastie endete
- Todesopfer
- Etwa 6.000 Briten, darunter Zivilisten. Die Zahl der indischen Todesopfer war wesentlich höher und ist ungewiss: Häufig genannte Schätzungen von 800.000 oder mehr schließen Todesfälle durch Hungersnot und Krankheiten ein; höhere Zahlen sind umstritten
- Bezeichnungen
- Schon die Bezeichnung ist umstritten: „Meuterei“ (älterer britischer Sprachgebrauch), „Rebellion“ oder „Aufstand“ (in der Forschung üblich), „Erster Unabhängigkeitskrieg“ (in Indien üblich)
Einfach
Was war der Aufstand von 1857?
1857 und 1858 erschütterte eine große Erhebung die britische Herrschaft in Indien. Sie begann als Meuterei indischer Soldaten (Sepoys) in der Armee der Ostindien-Kompanie, einer britischen Handelsgesellschaft, die zur Herrscherin über den größten Teil Südasiens geworden war. Rasch entwickelte sie sich zu einem breiteren Aufstand, bei dem Fürsten, Grundbesitzer, religiöse Führer, Bauern und Stadtbewohner in weiten Teilen Nord- und Zentralindiens zu den Waffen griffen.
Eine Zeit lang kontrollierten die Aufständischen Delhi, die alte Hauptstadt des Mogulreichs, und große Teile der Gangesebene. Die Briten und ihre indischen Verbündeten kämpften mit Verstärkung aus Großbritannien und treuen Truppen zurück. Sie eroberten Delhi im September 1857, Lucknow im März 1858 und die Stützpunkte der Aufständischen in Zentralindien bis Mitte 1858 zurück.
Der Aufstand beendete die Herrschaft der Ostindien-Kompanie. 1858 übertrug das britische Parlament die Regierung Indiens auf die Krone. Damit begann die als Britisch-Indien oder British Raj bekannte Zeit, die bis 1947 dauerte. Der letzte Mogulkaiser wurde ins Exil geschickt. Damit endete eine Dynastie, die seit 1526 in Indien geherrscht hatte.
Wie das Ereignis bezeichnet werden sollte, ist bis heute umstritten. Britische Autoren nannten es lange „Indische Meuterei“ und betonten damit den Ungehorsam der Soldaten. Viele Inder nennen es den Ersten Unabhängigkeitskrieg und betonen den Widerstand gegen die Fremdherrschaft. Viele Historiker sprechen von „Rebellion“ oder „Aufstand“, um sowohl die militärische als auch die zivile Seite zu erfassen, ohne von einer einheitlichen nationalen Bewegung auszugehen.
Einfach
Warum kam es dazu? Hintergründe und Ursachen
Die Ostindien-Kompanie begann als Handelsgesellschaft. Nach der Schlacht bei Plassey 1757 wurde sie jedoch zu einer Territorialmacht, zunächst in Bengalen und dann auf dem ganzen Subkontinent. In den 1850er-Jahren beherrschte sie fast ganz Südasien direkt oder über abhängige Fürsten. Sie zog Grundsteuern ein und unterhielt große Armeen, die überwiegend aus indischen Soldaten bestanden.
Die Annexionen erzürnten viele Herrscher. Unter Generalgouverneur Lord Dalhousie (1848–1856) nutzte die Kompanie die sogenannte Heimfalllehre, um Staaten zu übernehmen, deren Herrscher ohne leiblichen männlichen Erben starben. Adoptierte Söhne erkannte sie nicht als Nachfolger an, etwa 1853 in Jhansi und 1854 in Nagpur. Im Februar 1856 annektierte sie das große Königreich Awadh (Oudh) mit der Begründung, es werde schlecht regiert. Nana Sahib, dem Adoptivsohn des letzten Marathen-Peshwa, wurde die Pension seines Vaters verweigert. Diese Entscheidungen bedrohten die Stellung der Fürstenfamilien und ihrer Gefolgsleute.
Auch die ländliche Gesellschaft stand unter Druck. Neue Regelungen zur Grundsteuer, besonders in Awadh nach 1856, entzogen vielen großen Grundbesitzern (Taluqdars) ihre Ländereien. Hohe Abgaben trieben manche Bauern in die Verschuldung. Viele Sepoys der Bengalarmee stammten aus Familien hoher Kasten in Awadh und Bihar. So erreichten Beschwerden aus den Dörfern unmittelbar die Armee.
Die Soldaten hatten eigene Beschwerden: geringe Aufstiegschancen, gekürzte Zulagen und das Gesetz über die Verpflichtung zum allgemeinen Militärdienst von 1856, das neue Rekruten zum Dienst im Ausland verpflichtete. Viele Hindus hoher Kasten glaubten, dies würde ihre Kastenregeln verletzen. Die Tätigkeit von Missionaren, Reformen wie die Legalisierung der Wiederheirat von Witwen (1856) und neue Einrichtungen nach westlichem Vorbild nährten die Angst, die Briten wollten indische Religionen untergraben und die Menschen zum Christentum bekehren. Das Gerücht über eingefettete Patronen brachte diese Ängste zum Ausbruch.
Einfach
Der Ausbruch: Patronen, Meerut und Delhi
Für das neue Enfield-Gewehr Modell 1853 wurden Papierpatronen verwendet, die vor dem Laden aufgerissen werden mussten, herkömmlich mit den Zähnen. Anfang 1857 verbreitete sich in der Bengalarmee das Gerücht, das Fett auf den Patronen enthalte Rinder- oder Schweinefett. Für Hindus ist die Kuh heilig, für Muslime ist Schweinefleisch verboten. Das Aufbeißen der Patronen schien daher beide Glaubensgemeinschaften zu verletzen. Die Behörden änderten die Ladevorschriften und erlaubten den Soldaten, die Patronen selbst einzufetten. Das Vertrauen war jedoch bereits zerstört. Zur selben Zeit wurden im Norden Indiens geheimnisvolle Chapatis (Fladenbrote) von Dorf zu Dorf weitergereicht. Das beunruhigte britische Beamte; was es bedeutete, ist bis heute unklar.
Im März 1857 griff der Sepoy Mangal Pandey in Barrackpore bei Kalkutta seine Offiziere an und wurde gehängt. In Meerut bei Delhi wurden 85 Reiter der 3. Leichten Bengalkavallerie, die die Patronen verweigert hatten, zu langen Haftstrafen verurteilt und am 9. Mai öffentlich in Ketten gelegt. Am nächsten Abend, dem 10. Mai, erhoben sich ihre Kameraden, befreiten sie, töteten britische Offiziere und einige Zivilisten und ritten über Nacht nach Delhi.
Am 11. Mai drangen die Aufständischen in Delhi ein; die dort stationierten Regimenter schlossen sich ihnen an. Viele Europäer und indische Christen in der Stadt wurden getötet. Die Sepoys gingen zum Roten Fort und baten den 82-jährigen Mogulkaiser Bahadur Shah Zafar, sie anzuführen. Der Dichter besaß außerhalb seines Palastes kaum noch tatsächliche Macht. Er stimmte widerwillig zu. Indem sie den Mogulkaiser zu ihrem Anführer erklärten, verliehen die Aufständischen ihrer Sache eine Legitimität, die viele Inder, Hindus wie Muslime, anerkannten.
In den folgenden Wochen meuterte in der Gangesebene und in Zentralindien ein Regiment der Bengalarmee nach dem anderen. Von den 74 regulären bengalischen Infanterieregimentern meuterte die Mehrheit oder wurde entwaffnet. Vielerorts folgte ein ziviler Aufstand: Örtliche Herrscher ergriffen erneut die Macht, Dorfbewohner griffen Geldverleiher und Gerichtsgebäude an, und Regierungsakten wurden vernichtet.
Mittel
Der Kriegsverlauf: Delhi, Kanpur, Lucknow und Zentralindien
Delhi (Mai–September 1857). Ab Juni lagerte eine britische Streitmacht auf einem Höhenzug nördlich von Delhi. Anfangs war sie für einen Angriff zu schwach. In der Stadt hatte die Verwaltung der Aufständischen, gestützt auf den Hof des Kaisers und einen Soldatenrat, mit Geld- und Lebensmittelmangel sowie Spannungen zwischen Sepoys, Höflingen und Stadtbewohnern zu kämpfen. Verstärkt durch Truppen aus dem Punjab, darunter Sikh- und Punjabi-Einheiten, stürmten die Briten Delhi am 14. September und nahmen es nach einer Woche Straßenkampf ein. Die Stadt wurde geplündert, viele Bewohner wurden getötet oder vertrieben, und der britische Offizier William Hodson erschoss drei Mogulprinzen, nachdem sie sich ergeben hatten.
Kanpur (Juni–Juli 1857). In Kanpur (Cawnpore) wurden eine britische Garnison und viele Zivilisten unter General Hugh Wheeler ab dem 5. Juni belagert. Am 25. Juni nahmen sie Nana Sahibs Angebot an, sie auf dem Fluss sicher nach Allahabad ziehen zu lassen. Doch am 27. Juni brachen am Satichaura Ghat Schüsse aus, als sie die Boote bestiegen, und die meisten Männer wurden getötet. Etwa 200 überlebende Frauen und Kinder wurden in einem Bibighar genannten Haus festgehalten und am 15. Juli getötet, als eine britische Entsatztruppe näher rückte. Ob Nana Sahib diese Tötungen befahl, ist bis heute umstritten. Das Massaker im Bibighar löste in Großbritannien Empörung aus. Britische Truppen unter Brigadegeneral James Neill und anderen übten grausame Vergeltung und hängten Verdächtige ohne Gerichtsverfahren.
Lucknow (Juni 1857–März 1858). In Lucknow, der Hauptstadt Awadhs, hielten britische und treue indische Truppen zusammen mit vielen Zivilisten ab Ende Juni in der befestigten Residenz aus. Ihr Befehlshaber Sir Henry Lawrence wurde zu Beginn der Belagerung getötet. Eine Entsatztruppe unter Henry Havelock und James Outram drang am 25. September zur Residenz vor, wurde dort aber selbst belagert. Sir Colin Campbell entsetzte die Garnison im November und ließ sie evakuieren. Awadh wurde zum Zentrum des ausgedehntesten Volksaufstands. Angeführt wurde er von Begum Hazrat Mahal im Namen ihres jungen Sohnes, von Taluqdars und vom religiösen Führer Maulvi Ahmadullah Shah. Campbell eroberte Lucknow im März 1858 zurück, doch auf dem Land ging der Guerillawiderstand weiter.
Zentralindien und das Ende (1858–1859). Sir Hugh Roses Zentralindien-Feldtruppe stürmte Jhansi im April 1858. Rani Lakshmibai entkam, schloss sich Tantia Tope an und nahm mit ihm Gwalior ein. Im Juni 1858 fiel sie in einer Schlacht nahe Gwalior. In Bihar kämpfte der alte Grundbesitzer Kunwar Singh bis zu seinem Tod im April 1858. Tantia Tope führte einen langen Guerillafeldzug, bis er verraten, gefangen genommen und im April 1859 gehängt wurde. Nana Sahib verschwand, vermutlich nach Nepal. Eine Proklamation Königin Victorias vom 1. November 1858 bot den meisten Aufständischen Amnestie an. Am 8. Juli 1859 wurde der Frieden offiziell verkündet.
Mittel
Wer kämpfte auf den beiden Seiten?
Die Aufständischen bildeten eine vielfältige Gruppe. Ihr Kern waren die meuternden Regimenter der Bengalarmee: ausgebildete Soldaten mit Waffen und militärischer Organisation. An ihrer Seite kämpften Fürsten und ihre Gefolgsleute, etwa die Rani von Jhansi und Nana Sahib, außerdem Taluqdars und andere Grundbesitzer aus Awadh, religiöse Führer, die zum heiligen Krieg aufriefen, sowie Dorf- und Stadtbewohner mit eigenen örtlichen Beschwerden. Hindus und Muslime beteiligten sich gleichermaßen; Aufrufe der Aufständischen richteten sich oft gemeinsam an beide Gemeinschaften.
Die Aufständischen bildeten nie eine einheitliche Führung. Die verschiedenen Zentren – Delhi, Lucknow, Kanpur und Jhansi – verfolgten eigene Ziele, und viele Anführer wollten vor allem ihre verlorene Stellung zurückgewinnen. Manche Historiker sehen darin eine Schwäche. Andere betonen, dass sich darin die örtlichen Wurzeln des Aufstands zeigen, und warnen davor, ihn am Maßstab einer modernen nationalistischen Bewegung zu messen.
Auch auf britischer Seite kämpften überwiegend Inder. Die Armeen der Präsidentschaften Madras und Bombay blieben größtenteils loyal. Neu angeworbene Sikh-, Punjabi- und paschtunische Soldaten aus dem kurz zuvor eroberten Punjab spielten bei Delhi eine entscheidende Rolle. Viele von ihnen hatten wenig Sympathie für ein erneuertes Mogulreich oder für die bengalischen Sepoys, die bei ihrer Eroberung mitgeholfen hatten. Gurkha-Regimenter und von Jung Bahadur Rana aus Nepal entsandte Truppen kämpften in Awadh. Bedeutende Fürstenstaaten wie Hyderabad und Kaschmir blieben loyal. Der Herrscher von Gwalior stand auf britischer Seite, obwohl sich seine Armee den Aufständischen anschloss.
Britische Verstärkung traf aus Großbritannien, von der Krim und aus Truppen ein, die ursprünglich für China bestimmt waren. Die Kontrolle über den Telegrafen, die Flüsse und Straßen sowie über die Steuereinnahmen der ruhig gebliebenen Provinzen verschaffte den Briten einen entscheidenden Vorteil gegenüber einem Aufstand, der sich auf eine Region konzentrierte.
Mittel
Gewalt, Zivilisten und menschliche Verluste
Der Krieg war auf beiden Seiten von Gräueltaten geprägt. Aufständische töteten an Orten wie Meerut, Delhi, Jhansi und Kanpur britische Offiziere und deren Familien sowie indische Christen und andere Menschen, die mit der Kompanie verbunden waren. Diese Tötungen, besonders die von Frauen und Kindern in Kanpur, prägten die Wahrnehmung des Konflikts in der britischen Öffentlichkeit. Berichte über massenhafte Vergewaltigungen britischer Frauen verbreiteten sich in Großbritannien. Spätere Untersuchungen fanden dafür kaum Belege, doch die Berichte schürten Racheforderungen.
Die britische Vergeltung hatte einen weit größeren Umfang. Kolonnen, die den Ganges entlangzogen, hängten Dorfbewohner, die sie der Unterstützung der Aufständischen verdächtigten, brannten Dörfer nieder und richteten gefangene Sepoys durch Erhängen oder vor Kanonenmündungen hin. Die Bevölkerung Delhis wurde vertrieben und viele Gebäude wurden zerstört. Insbesondere Muslime wurden pauschal für schuldig gehalten. Der Generalgouverneur Lord Canning, der wahllose Bestrafungen einzudämmen versuchte, wurde in Großbritannien als „Clemency Canning“ verspottet.
Etwa 6.000 Briten, Soldaten und Zivilisten, starben. Die Zahl der indischen Todesopfer war wesentlich höher, wurde aber nie erfasst. Eine häufig genannte Schätzung liegt bei etwa 800.000 oder mehr; sie schließt Todesfälle durch kriegsbedingte Hungersnöte und Epidemien ein. Manche Autoren haben viel höhere Zahlen vorgeschlagen, die andere Historiker für unbelegt halten. Unabhängig von der genauen Zahl waren die meisten Opfer indische Soldaten und Zivilisten.
Mittel
Folgen: das Ende der Kompanie und der Beginn des Raj
Der Government of India Act vom August 1858 beendete die Herrschaft der Ostindien-Kompanie und übertrug ihre Befugnisse auf die Krone. Ein Indienminister in London, beraten von einem Indienrat, übernahm die Verantwortung; der Generalgouverneur erhielt zusätzlich den Titel Vizekönig. In ihrer Proklamation vom 1. November 1858 versprach Königin Victoria religiöse Toleranz, Gleichbehandlung vor dem Gesetz, Achtung der Rechte und Würde der Fürsten sowie den Verzicht auf weitere Annexionen ihrer Gebiete. Die Heimfalllehre wurde damit faktisch aufgegeben.
Bahadur Shah Zafar wurde 1858 vor einer britischen Militärkommission angeklagt, verurteilt und nach Rangun in Birma verbannt, wo er 1862 starb. Mit ihm endete die Moguldynastie. Seine Gedichte über den Verlust sind Teil der Erinnerung an den Fall Delhis geworden.
Die Armee wurde neu organisiert. Der Anteil britischer Soldaten gegenüber indischen Soldaten wurde erhöht, die Artillerie blieb weitgehend in britischer Hand, und die Rekrutierung verlagerte sich auf Gruppen, die die Briten nun als „Kriegervölker“ bezeichneten, besonders Sikhs, muslimische Punjabis, Paschtunen und Gurkhas. Soldaten hoher Kasten aus der alten Bengalarmee wurden seltener angeworben. Die Briten änderten auch ihre Politik gegenüber der indischen Gesellschaft: Sie suchten Bündnisse mit Fürsten und großen Grundbesitzern, etwa den Taluqdars von Awadh, und gingen bei sozialen Reformen vorsichtiger vor.
Langfristig wurde das Verhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten distanzierter und offener von rassistischen Vorstellungen geprägt. Die Briten lebten stärker von Indern getrennt, und viele begegneten ihnen mit Misstrauen. Der indische Reformer Sayyid Ahmad Khan schrieb The Causes of the Indian Revolt (1859). Darin argumentierte er, die Briten hätten die Menschen unter ihrer Herrschaft nicht verstanden. Später gründete er das College in Aligarh. Die Erinnerung an 1857 wurde für spätere nationalistische Bewegungen zu einer wichtigen Grundlage.
Fortgeschritten
Erinnerung und Deutungen: Großbritannien, Indien und darüber hinaus
Großbritannien. Im viktorianischen Großbritannien erinnerte man sich an die „Indische Meuterei“ als eine Geschichte von Verrat und heldenhaftem Durchhalten: die Verteidigung von Lucknow, die Entsatzkolonnen und die Opfer von Kanpur. Denkmäler, Gemälde, Gedichte und zahlreiche Romane verbreiteten diese Erzählung. In Kanpur wurde ein Marmorengel von Carlo Marochetti über dem Brunnen des Bibighar aufgestellt; nach der Unabhängigkeit Indiens wurde er in den Garten einer nahe gelegenen Kirche versetzt. An der Residenz von Lucknow wehte die britische Flagge zum Gedenken ununterbrochen bis 1947. Diese Erzählung ließ britische Gräueltaten und indische Beweggründe weitgehend aus.
Indischer Nationalismus. 1909 veröffentlichte V. D. Savarkar The Indian War of Independence of 1857 und stellte den Aufstand als geplanten nationalen Freiheitskrieg dar; die Briten verboten das Buch. Marx und Engels hatten zuvor für die New-York Daily Tribune Zeitungsartikel über den Aufstand geschrieben, die später in der Sowjetunion unter dem Titel The First Indian War of Independence gesammelt erschienen. Rani Lakshmibai wurde zu einem Sinnbild für Mut und Vaterlandsliebe. Sie wurde in Subhadra Kumari Chauhans bekanntem Hindi-Gedicht „Jhansi ki Rani“ gefeiert, und 1943 benannte Subhas Chandra Boses Indische Nationalarmee ihr Frauenregiment nach ihr.
Unabhängiges Indien. Zum hundertsten Jahrestag 1957 gab die indische Regierung bei S. N. Sen eine offizielle Geschichtsdarstellung in Auftrag. Sie betrachtete 1857 als mehr als eine Meuterei, warnte aber davor, darin einen vollständig nationalen Krieg zu sehen. Der Historiker R. C. Majumdar argumentierte im selben Jahr, es sei weder ein erster Unabhängigkeitskrieg noch eine bloße Meuterei gewesen. Der 150. Jahrestag wurde 2007 in Indien als nationales Ereignis begangen. Auch in Pakistan wird 1857 als Unabhängigkeitskrieg erinnert, wobei die Beteiligung und das Leid der Muslime besonders betont werden. Die britische Neigung, Muslimen die Schuld am Aufstand zu geben, prägte die spätere muslimische Politik in Südasien.
Umstrittene Begriffe. Jede Bezeichnung des Ereignisses vermittelt eine Sichtweise: „Meuterei“ betont militärischen Ungehorsam und setzt die Rechtmäßigkeit der britischen Herrschaft voraus. „Erster Unabhängigkeitskrieg“ überträgt den späteren Nationalismus auf 1857. „Rebellion“, „Revolte“ oder „Aufstand“ versuchen, die Breite des Geschehens zu beschreiben, ohne eine einzige Deutung vorzugeben. Die Debatte über die Bezeichnung ist selbst Teil der Geschichte der Erinnerung an 1857.
Fortgeschritten
Primärquellen und Geschichtsschreibung
Britische Quellen. Amtlicher Schriftverkehr, militärische Berichte, Parlamentsunterlagen und Aussagen aus Untersuchungen sind reichlich vorhanden. Das gilt auch für Briefe, Tagebücher und Erinnerungen von Offizieren, Soldaten und Zivilisten, besonders von Überlebenden aus Lucknow. Diese Quellen sind ergiebig, aber einseitig; viele entstanden unter dem unmittelbaren Eindruck von Angst und Wut. Die mehrbändigen Darstellungen von John Kaye und G. B. Malleson (1864–1880) prägten über Generationen das viktorianische Geschichtsbild.
Indische Quellen. Indische Stimmen sind schwerer zu erschließen, weil Unterlagen der Aufständischen häufig zerstört wurden und Überlebende Grund hatten zu schweigen. Wichtige Ausnahmen sind die „Mutiny Papers“, Tausende Dokumente der Verwaltung der Aufständischen in Delhi, die im indischen Nationalarchiv aufbewahrt werden und die William Dalrymple ausgiebig für The Last Mughal (2006) nutzte; Aufrufe der Aufständischen; die Prozessakten Bahadur Shah Zafars; das persische Tagebuch Dastanbuy des Dichters Ghalib über die Belagerung Delhis, das er mit Rücksicht auf ein britisches Publikum vorsichtig formulierte; sowie Sayyid Ahmad Khans The Causes of the Indian Revolt.
Geschichtsschreibung. Im 20. Jahrhundert fragten Forschende zunehmend weniger, ob 1857 eine Meuterei oder ein nationaler Krieg war, sondern wer sich aus welchen Gründen erhob. Eric Stokes untersuchte in The Peasant Armed (postum 1986 erschienen) regionale Unterschiede bei der Beteiligung der Landbevölkerung. Rudrangshu Mukherjee zeigte in Awadh in Revolt (1984), wie sich Taluqdars und Bauern in Awadh gegen die Kompanie zusammenschlossen. Forschende der Subaltern Studies um Ranajit Guha betonten die eigenständige Politik der Bauern. Neuere Arbeiten wie Kim Wagners The Great Fear of 1857 (2010) untersuchen Gerüchte und Panik; andere Studien richten den Blick auf Regionen außerhalb der wichtigsten Kampfgebiete.
Offene Fragen. Historiker diskutieren weiterhin, inwieweit der Aufstand geplant war, welche Rolle Religion im Vergleich zu wirtschaftlichen und sozialen Beschwerden spielte, ob er als national bezeichnet werden kann, wer für die Massaker von Kanpur verantwortlich war und wie viele Inder starben. Weil sowohl britische als auch nationalistische Erzählungen so einflussreich waren, versucht ein großer Teil der jüngeren Forschung, die Erfahrungen einfacher Soldaten, Dorfbewohner und Frauen auf allen Seiten sichtbar zu machen.
Schlachten (13)
Kernideen
- Herrschaft der Kompanie
- Die Ostindien-Kompanie, eine britische Handelsgesellschaft, die zu einer Territorialmacht mit eigener Armee geworden war, regierte große Teile Indiens.
- Von der Meuterei zum Aufstand
- Was als Meuterei von Soldaten begann, entwickelte sich zu einem breiten Aufstand, an dem sich Fürsten, Grundbesitzer und Dorfbewohner mit eigenen Beschwerden beteiligten.
- Legitimität und der Mogulkaiser
- Indem die Aufständischen Bahadur Shah Zafar zu ihrem Anführer erklärten, nutzten sie das Ansehen der Moguldynastie, das Hindus und Muslime gleichermaßen anerkannten.
- Annexionen und Heimfalllehre
- Die Übernahme indischer Staaten durch die Kompanie, darunter Jhansi und Awadh, schuf mächtige Gegner unter Fürsten und Grundbesitzern.
- Vergeltung
- Die britische Niederschlagung umfasste Massenhinrichtungen und Zerstörungen, bei denen weit mehr Inder starben als Briten durch die Aufständischen.
- Herrschaft der Krone (der Raj)
- Nach 1858 wurde Indien direkt von der britischen Krone regiert. Die Armee wurde umgestaltet, und die Briten schlossen neue Bündnisse mit Fürsten und Grundbesitzern.
- Umstrittene Erinnerung
- Das Ereignis wird als Meuterei, Aufstand oder erster Unabhängigkeitskrieg erinnert. Jede Bezeichnung drückt eine Sichtweise aus.
Einträge
- 1757 — Schlacht bei Plassey: Die Ostindien-Kompanie wird in Bengalen zu einer Territorialmacht.
- 1853 — Nach dem Tod seines Rajas wird Jhansi aufgrund der Heimfalllehre annektiert.
- 1856 — Februar: Die Kompanie annektiert Awadh. Juli: Gesetz über die Verpflichtung zum allgemeinen Militärdienst.
- 1857 — 29. März: Mangal Pandeys Angriff in Barrackpore. 10. Mai: Aufstand in Meerut. 11. Mai: Aufständische dringen in Delhi ein und erklären Bahadur Shah Zafar zu ihrem Anführer.
- 1857 — Juni: Die Belagerungen von Kanpur und Lucknow beginnen. 27. Juni: Tötungen am Satichaura Ghat. 15. Juli: Massaker im Bibighar in Kanpur.
- 1857 — 14.–20. September: Die Briten stürmen und erobern Delhi zurück. 25. September: Erster Entsatz von Lucknow. November: Campbell evakuiert die Residenz von Lucknow.
- 1858 — März: Lucknow wird zurückerobert. April: Jhansi wird gestürmt. Juni: Rani Lakshmibai fällt nahe Gwalior.
- 1858 — August: Government of India Act. 1. November: Proklamation Königin Victorias. Bahadur Shah Zafar wird nach Rangun verbannt.
- 1859 — April: Tantia Tope wird gehängt. 8. Juli: Der Frieden wird offiziell verkündet.
- 1862 — Bahadur Shah Zafar stirbt im Exil in Rangun.
- 1909 — V. D. Savarkar veröffentlicht The Indian War of Independence of 1857.
- 1957 — Hundertster Jahrestag: offizielle Geschichtsdarstellung von S. N. Sen und Debatten darüber, ob 1857 ein nationaler Krieg war.
Glossar
- Sepoy
- Indischer Soldat in den Armeen der Ostindien-Kompanie; das Wort stammt vom persischen sipahi für „Soldat“.
- Ostindien-Kompanie
- Eine 1600 gegründete englische, später britische Handelsgesellschaft, die große Teile Südasiens beherrschte.
- Bengalarmee
- Die größte der drei Armeen der britisch-indischen Präsidentschaften der Kompanie; in ihr begann die Meuterei.
- Heimfalllehre
- Eine Politik der Kompanie, indische Staaten zu annektieren, wenn deren Herrscher ohne leiblichen männlichen Erben starben.
- Awadh (Oudh)
- Ein 1856 annektiertes Königreich in der Gangesebene. Seine Hauptstadt Lucknow wurde zu einem wichtigen Zentrum des Aufstands.
- Taluqdar
- Ein großer Grundbesitzer in Awadh, der Abgaben aus vielen Dörfern einzog.
- Raj
- „Herrschaft“; Bezeichnung für die Zeit der direkten britischen Kronherrschaft in Indien von 1858 bis 1947.
- Vizekönig
- Titel des Generalgouverneurs von Indien nach 1858 als Vertreter der Krone.
- Mogulreich
- Das Reich einer Dynastie, die ab 1526 große Teile Südasiens beherrschte. 1857 hatte ihr Kaiser in Delhi nur noch symbolische Macht.
- Kriegervölker
- Eine britische Kolonialvorstellung, nach der bestimmte Bevölkerungsgruppen von Natur aus besonders geeignete Soldaten seien. Sie prägte nach 1857 über Jahrzehnte die Rekrutierung.
Fragen und Antworten
Was waren die eingefetteten Patronen?
Neue Gewehrpatronen, die Soldaten gewöhnlich mit den Zähnen aufreißen mussten. Einem Gerücht zufolge waren sie mit Rinder- und Schweinefett eingerieben, was Hindus und Muslime gleichermaßen verletzen würde. Das war der unmittelbare Auslöser des Aufstands, aber nicht seine einzige Ursache.
War es eine Meuterei oder ein Unabhängigkeitskrieg?
Es begann als Meuterei, entwickelte sich aber zu einem breiteren Aufstand, an dem viele Zivilisten beteiligt waren. Ob es ein „nationaler“ Unabhängigkeitskrieg war, ist umstritten: Viele Aufständische kämpften für die Wiedereinsetzung örtlicher Herrscher oder für ihre eigenen Rechte, und es gab keine einheitliche Führung.
Wer war Rani Lakshmibai?
Sie war die Königin von Jhansi. Ihr Staat wurde nach dem Tod ihres Mannes annektiert. Sie schloss sich dem Aufstand an, kämpfte gegen die Briten und fiel 1858 in einer Schlacht nahe Gwalior. Sie wurde zu einer der bekanntesten Heldinnen Indiens.
Was geschah in Kanpur?
Eine belagerte britische Garnison ergab sich im Juni 1857 gegen das Versprechen freien Abzugs, wurde aber am Fluss angegriffen. Später wurden etwa 200 gefangen gehaltene britische Frauen und Kinder getötet. Britische Truppen übten daraufhin grausame Rache an der örtlichen Bevölkerung.
Wie viele Menschen starben?
Etwa 6.000 Briten. Die indischen Todesopfer wurden nie gezählt, waren aber wesentlich zahlreicher. Eine häufig genannte Schätzung liegt bei etwa 800.000 oder mehr, einschließlich der Todesfälle durch Hungersnot und Krankheiten. Höhere Zahlen wurden vorgeschlagen, sind aber umstritten.
Warum beteiligten sich der größte Teil Südindiens und der Punjab nicht?
Die Beschwerden waren in der Bengalarmee und in kurz zuvor annektierten nördlichen Gebieten wie Awadh am stärksten. Die Armeen von Madras und Bombay hatten andere Rekrutierungsweisen und Dienstbedingungen. Viele Punjabi- und Sikh-Soldaten hatten wenig Sympathie für die bengalischen Sepoys oder für eine Wiederherstellung der Mogulherrschaft.
Was änderte sich nach 1857?
Die Ostindien-Kompanie wurde aufgelöst, und Indien wurde von der britischen Krone regiert. Die Armee wurde neu organisiert, die Briten verbündeten sich mit Fürsten und Grundbesitzern, und die Moguldynastie endete.
Was sind die wichtigsten indischen Quellen?
Dokumente der Regierung der Aufständischen in Delhi (die „Mutiny Papers“), Aufrufe, Prozessakten, Ghalibs Tagebuch Dastanbuy und Sayyid Ahmad Khans The Causes of the Indian Revolt. Sie werden zusammen mit der wesentlich größeren Menge britischer Aufzeichnungen ausgewertet.
Quellen und weiterführende Literatur
- Indian Rebellion of 1857. Wikipedia
- Siege of Delhi. Wikipedia
- Siege of Cawnpore. Wikipedia
- Siege of Lucknow. Wikipedia
- Rani of Jhansi. Wikipedia
- Government of India Act 1858. Wikipedia
- 세포이 항쟁. 위키백과 (Korean Wikipedia)
- Rudrangshu Mukherjee, Awadh in Revolt, 1857–1858: A Study of Popular Resistance. Oxford University Press, 1984
- Eric Stokes (ed. C. A. Bayly), The Peasant Armed: The Indian Revolt of 1857. Clarendon Press, 1986
- William Dalrymple, The Last Mughal: The Fall of a Dynasty, Delhi, 1857. Bloomsbury, 2006
Mit KI-Unterstützung auf Grundlage der oben aufgeführten veröffentlichten Quellen verfasst und bei neuen Forschungsergebnissen überarbeitet.